Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Geschichten aus Tolkiens Welt vom Herrn der Ringe und anderen Werken.
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Evenila
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Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Freitag 16. August 2019, 22:54

Ein leichter kühler Wind strich über den Rathausplatz von Bree und trieb raschelnd ein paar trockene Birkenblätter über das Kopfsteinpflaster. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages krochen über die dunkle Kante der östlichen Breeberge,
fielen auf die Hausdächer und tauchten sie in ein rosa-goldenes Licht. Das morgendliche Konzert der Vögel erfüllte die Luft, sie schienen zu singen, was ihre kleinen Kehlen hergaben. Allenthalben begann geschäftiges Treiben, als die Stadt aus dem nächtlichen Schlummer erwachte.
Evenila saß gut gelaunt auf der niedrigen Mauer, die das Rathaus umschloss und sah zu, wie ein Händler nach dem anderen seinen Laden öffnete, Waren vor der Tür dekorierte und Frauen mit großen Wasserkannen zum Brunnen liefen.
Ein Ochsenkarren rumpelte vorbei, irgendwo bellte ein Hund. Neben ihr lagen auf einem inzwischen fettgetränkten Einwickelpapier zwei Schmalzkringel, von denen sie hin und wieder abbiss.
Dazu trank sie Pfefferminztee aus ihrer Feldflasche. Heute morgen war sie in der Bäckerei Weißdorn die erste Kundin gewesen und Hinrich, der Bäcker, war gerade noch damit beschäftigt, seine Auslage mit frischgebackenen Teilchen und Broten zu befüllen. „Na, Hübsche, so früh schon auf den Beinen?“ hatte Hinrich sie begrüßt. „Klar! Der frühe Vogel fängt den Wurm!“ hatte Evenila ihm geantwortet. Als sie sich anschickte, den Laden zu verlassen, warf ihr der Bäcker scherzhaft hinterher „Den Vogel, der morgens singt, holt Abends die Katz!“ Woraufhin die junge Frau mit einem von Kopfschütteln begleiteten „Hinrich, du hast offenbar zu viele Kunden!“ zu Tür hinaus stolziert war.
Evenila war Zeit ihres Lebens eine Frühaufsteherin. Sobald die Sonne aufging, wurde sie automatisch wach und konnte nicht länger im Bett herumliegen. Sie liebte den frühen Morgen und die Abenddämmerung, besonders die Lichtverhältnisse, die zu diesen Tageszeiten vorherrschten und die sie als magische Momente empfand. Trotz aller finsteren Momente und Widrigkeiten, mit denen das Leben sie in den letzten Jahren so reichlich bedacht hatte, war Evenila dennoch eine hoffnungslose Romantikerin geblieben. Und eine Optimistin. „...Holt abends die Katz!“ wiederholte sie in Gedanken. Ihr Vater pflegte immer zu sagen „Kind, wenn dir das Leben eine tote Katze gibt, mach´dir einen wärmenden Pelzkragen daraus!“ Immer, wenn sie das Wort „Katze“ hörte, kam ihr dies sofort in den Sinn. Und sie hatte sich stets nach Kräften bemüht, danach zu leben.

Kauend beobachtete sie einen Gänsejungen, der seine watschelnde, laut quäkende Schar vor sich her trieb, um sie vor den Stadttoren weiden zu lassen. Ein belustigter, aber auch etwas mitleidiger Ausdruck huschte über ihr Gesicht, weil der Kleine seine liebe Not hatte, das Federvieh auf einem Haufen zusammenzuhalten. Auf der einen Seite beneidete Evenila die einheimischen Breeländer für ihr einfaches Leben und auf der anderen Seite verachtete sie sie dafür. Die Leute wurden hier geboren, starben hier und kamen seltenst über die Grenzen des Umlandes hinaus. Was in der Welt so vorging, drang kaum bis hierher und wenn, dann interessierten sich die wenigsten dafür. Solange die Sonne morgens aufging, das Korn wuchs und man sie in Ruhe ließ, war alles in Ordnung. Viele Menschen hier konnten nicht lesen und schreiben – oder zumindest nur langsam und mit Mühe.
Evenila schob sich das letzte Stück des ersten Schmalzkringels in den Mund und spülte es mit einem Schluck Tee hinunter. Und doch empfand sie gleichzeitig einen Neid auf diese einfachen Menschen, eben deshalb, weil sie - noch - ein kleines, beschauliches Leben mit kleinen Sorgen und Nöten führten. Wie lange noch? Nun, wenn es nach ihr ging, für immer, aber die Finsternis, die sich allmählich ausbreitete und in alle Ecken und Winkel der Welt kroch, würde das Breeland vielleicht nicht mehr lange übersehen. Durchreisende, Vertriebene und einzelne Strauchdiebe hatten in den letzten Monaten bereits zunehmend Unruhe in das Städtchen gebracht. "Nein", sage sie sich in Gedanken rasch, "nicht das Böse heraufbeschwören. Vielleicht passiert gar nichts!"

Evenila schaute sinnend dem Gänsejungen hinterher. Wie viele Meilen war sie schon in ihrem Leben in Mittelerde umhergezogen? Unzählige! Und nun saß sie hier bei fettigem, klebrigem Gebäck und Tee in einem unbedeutenden Städtchen, wo die meisten Einheimischen andere Städte und Länder nur aus Erzählungen kannten und wollte eigentlich nicht mehr fort. „Zumindest vorläufig nicht“, fügte sie in Gedanken hinzu. War sie am Ende nach all den Wanderjahren tatsächlich einmal irgendwo angekommen? Evenilas Blick wanderte zu den Ahornbäumen des Stadtparks hinüber. Jedoch nahm sie diese nicht wirklich wahr sondern starrte ins Leere, als ihre Gedanken abschweiften und sich in der Vergangenheit verloren…

Sie sah sich in ihrem Elternhaus als kleines, fünfjähriges Mädchen auf den Knien ihres Vaters sitzen, gebannt lauschend , während er ihr Geschichten von Zwergen, Waldelben, Drachen und fernen Königreichen erzählte. Ihr Vater, Branwold Thureson, war der Besitzer eines kleinen Handelskontors in Thal gewesen, hatte durch seine Geschäfte schon einige Male zumindest mit Zwergen und Elben zu tun gehabt und durch Handelskarawanen aus dem Süden wusste er auch ein wenig über Gondor und Rohan Bescheid. Die kleine Evenila hatte ihn am Ende der Geschichten jedes Mal mit Fragen geradezu gelöchert und darauf bestanden, dass sie all das später selbst sehen wollte, wenn einmal groß genug war. Sie hatte ihrem Vater erklärt, dass sie einmal eine Prinzessin werden wollte, später war es Ritter oder Heerführer und zuletzt Zauberer. Branwold hatte sie jedoch niemals dafür ausgelacht, sondern die Berufswünsche seiner Tochter mit aufrichtigem Ernst angehört und stets geantwortet: „Warum nicht? Du musst dich eben anstrengen!“. Wenn er sie zu Bett brachte, spielte er ihr zum Einschlafen ein paar einfache Weisen auf der Laute vor. Branwold war kein besonders begabter Musikant, aber die kleine Evenila fand, dass ihr Vater wundervoll spielte.

Dann jedoch war ein dunkler Schatten auf die glückliche Familie gefallen. Ihre Mutter verstarb nach kurzer, schwerer Krankheit und Evenila wurde das erste Mal in ihrem Leben mit dem Tod konfrontiert. Der plötzlichen Erkenntnis, dass es im eigenen kleinen, beschützten Umfeld auch keine Unsterblichkeit gab und das schreckliche Gefühl, einen geliebten Menschen zu verlieren. Branwold mühte sich nach Kräften, seine Tochter zu trösten und aufzumuntern, obwohl er selbst völlig am Boden zerstört war. Auch Frohwin, der Hausdiener, die Köchin und die Magd bemühten sich sehr um das Mädchen. Dennoch brauchte Evenila damals sehr lange, um den Schmerz zu überwinden und zu verstehen, dass ihre Mutter nun für immer fortgegangen war.
Ein paar Jahre später heiratete Branwold eine neue Frau namens Hildruna, die einen eigenen Sohn in Evenilas Alter in die Ehe mitbrachte. Evenila war entsetzt gewesen, nachdem ihr Vater damals von der bevorstehenden Hochzeit erzählt hatte und fühlte sich irgendwie verraten. Zwar konnte sie verstehen, dass ihr Vater nicht für den Rest seines Lebens allein bleiben wollte, sie hatte aber im Stillen inständig gehofft, dass keine andere Frau da draußen gut genug sein würde.

Als Branwold seiner Tochter kurz vor der Hochzeitsfeier seine neue zukünftige Frau vorstellte, handelte es sich um beidseitige Antipathie auf den ersten Blick, die Luft im Zimmer schien geradezu frostig zu werden. Hildruna zeigte der Kleinen ein zuckersüßes, falsches Lächeln und Evenila gab der Neuen mit kalter Höflichkeit die Hand. Bald darauf zog Hildruna mit ihrem Sohn Herolf, den sie stets „Rolfilein“ oder „Rolfi-Herzblatt“ zu rufen pflegte, in Branwolds Anwesen. Evenila brachte es nie über sich, sie mit „Mutter“ anzusprechen und nannte sie immer nur bei ihrem Vornamen. Sie ignorierte Hildruna soweit sie konnte und auch diese hielt ihrerseits zu der ungeliebten Stieftochter so viel Distanz wie möglich war.
„Rolfilein“, ein dicklicher, wenig aufgeweckter Junge mit rotblondem Haar und Sommersprossen, entpuppte sich schon bald als ein verhätschelter und verzogener Fratz. Gleich nach dem Einzug zeigte er sich Evenila von seiner garstigsten Seite, indem er ihr Spielzeug versteckte, sie an den Haaren zog oder sie schubste . Sie verdrosch ihn daraufhin jedoch regelmäßig, legte ihm Regenwürmer ins Bett oder warf seine Spielsachen aus dem Fenster. Es dauerte nicht lange und der kleine dicke Herolf ließ das Mädchen im Interesse seiner eigenen körperlichen Unversehrtheit lieber in Frieden. Ab da schwelte jedoch im Stillen eine dauerhafte Feindschaft zwischen den beiden Kindern.

Die Jahre gingen ins Land. Branwold unterrichtete seine Tocher und seinen Stiefsohn Herolf im Lesen, Schreiben und Rechnen. Er kaufte ein Pony, um Evenila das Reiten beizubringen und begann allmählich auch damit, sie in seine Handelsgeschäfte einzuweisen, da er hoffte, dass sie später einmal das Kontor übernahm. Allerdings zeigte das Mädchen zu seinem Leidwesen kaum Interesse daran, sich mit Warenlieferungen, Zahlungen und Verkaufsabschlüssen auseinanderzusetzen. Stattdessen steckte Evenila ihre Nase in jeder freien Minute in ein Buch, studierte Landkarten und fragte ihren Vater nach Strich und Faden über die Welt aus, über die Gebräuche anderer Völker und warum dieses Ding so und jenes eben nicht so war. Irgendwann rief ihr Vater verärgert aus: „Ja, Donnerschlag und Kugelbitz , sehe ich etwa aus wie ein Almanach auf zwei Beinen? Schau dir gefälligst die Geschäftsbücher an, da hast du später mehr davon! Das Essen kommt nicht umsonst ins Haus!“
Es half jedoch wenig und bald musste sich Branwold eingestehen, dass seine Tochter zumindest derzeit nicht bereit und dazu zu bekommen war, die notwendigen Kenntnisse eines Kaufmanns zu erlernen. „Kind, was soll ich nur mit dir machen?“, klagte er an dem Tag, an dem sie sechzehn Jahre alt geworden war, „was soll denn nur aus dir werden? Ein Wolkenglotzer?* Andere Kinder in deinem Alter arbeiten längst oder sind verheiratet oder beides!“. Evenila legte ihrem Vater damals tröstend die Hand auf den Arm , antwortete mitfühlend und zugleich schuldbewusst: „Ach Vater, bitte sei nicht traurig. Es tut mir wirklich leid, ich will dich nicht verärgern. Aber weißt du…“ sie dachte kurz nach, suchte nach den geeigneten Worten. „Weißt du, diese endlosen Zahlentabellen, Waren prüfen und das Feilschen… ich kann mich darin so gar nicht einfinden. Ich habe es versucht, aber…“ sie hob entschuldigend die Schultern. “ Wenn´s nach mir ginge, dann würde ich am liebsten so ein Gelehrter werden, so einer wie der alte Osric, der dem Haushofmeister unseres Königs dient!“ fügte sie hinzu.
Der Vater hatte damals mit Verblüffung auf ihre Worte reagiert und wusste erst einmal nichts darauf zu antworten. Aber offenbar dachte er stillschweigend darüber nach.

Ein paar Monate später war Branwold mit einem bedeutungsvollen Lächeln an seine Tochter herangetreten, nachdem sich die Familie eben vom gemeinsamen Abendessen erhoben hatte. „Mein Kind, ich habe Neuigkeiten für dich!“ Als sie neugierig aufsah, fuhr er fort „Hör zu! Ich habe mit Herrn Osric gesprochen - er unterrichtet nicht mehr. Aber er hat mir davon erzählt, dass es in Gondor unten, in Minas Tirith, eine große Schule und Akademie gäbe, das „Haus der Weisheit“. Dort solle ich doch einmal hinschreiben. Und was soll ich sagen, ich habe tatsächlich vor geraumer Zeit eine Anfrage per Brief dorthin gesendet und gestern ist die Antwort eingetroffen. Sie würden dich annehmen!“ Als Evenila ihn nur mundoffen anstarrte, lachte ihr Vater. „Was schaust du denn jetzt so wie ein Eichhörnchen wenn´s blitzt? Das hast du dir doch gewünscht, oder nicht? Du kannst dort studieren, wenn du das immer noch willst. Und um deiner Frage zuvorzukommen: Ich habe mit einem guten Freund gesprochen, der in zwei Wochen mit seiner Handelskarawane und einer bewaffneten Eskorte nach Gondor aufbricht. Du kannst mit ihm reisen!“ Eine Weile blieb es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Dann brach Evenila in unbändigen Jubel aus, fiel ihrem Vater um den Hals und tanzte anschließend wie toll in der Wohnstube umher. Ihr Vater sah ihr mit einem lachenden und einem weinenden Auge dabei zu...

Evenila schreckte aus ihren Erinnerungen auf, als ein mit Bierfässern beladener Karren laut knirschend dicht an ihr vorüberfuhr und um ein Haar mit dem Hinterrad an der Mauer entlang geschrammt wäre. Sie zuckte unwillkürlich zurück und wäre beinahe hinterrücks heruntergefallen, fing sich jedoch rasch wieder. Dem unachtsamen Wagenlenker einen gesalzenen Fluch hinterher murmelnd, sprang sie von der Mauer, wickelte ihren verbliebenen Schmalzkringel wieder ein und griff nach der Feldflasche mit dem inzwischen erkalteten Tee. Gemächlich schlenderte sie in Richtung Park.


(*Anmerkung: "Wolkenglotzer" - Ausdruck in Thal für jemaden, der Luftschlösser baut und in den Tag hineinlebt, ohne etwas hinzubekommen)


....Fortsetzung folgt! :-)
"Das Glück ist kein leichtes Ding.
Nur sehr schwer finden wir es in uns und anderswo gar nicht."


"So, könnt ihr alle noch schnaufen? Ich will ja nicht schuld sein,
wenn jemand während des Tanzens erstickt!"

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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Sonntag 18. August 2019, 00:26

Fortsetzung


Der Aufbruch

Inzwischen war das Städtchen vollends erwacht und überall waren Menschen zu sehen, die emsig ihrem Tagwerk nachgingen. Das metallische Klirren von Hammer auf Amboß erklang nahebei, da Wilpert, der Hufschmied, gerade einem etwas dösig wirkenden alten Ackergaul einen Satz neue Hufeisen anpasste. Ein junger Mann, der einfachen Kleidung nach ein Knecht oder Tagelöhner, zog einen Bollerwagen hinter sich her, auf den zahlreiche Kornsäcke gestapelt waren.

Evenila verspeiste im Gehen den zweiten Schmalzkringel, leckte sich die Finger und wischte sie zuletzt noch am Saum ihres Wollumhangs ab. Der benötigte ohnehin demnächst eine Wäsche. Wie auch noch ihre Tunika und eine ihrer Hosen. Sie besaß selbst keinen Zuber oder Bottich, aber am oberen Markt war die Seifensiederei Moosinger ansässig, die zusätzlich auch Waschtröge vermietete oder direkt vor ihrem Geschäft zur Verfügung stellte.
„Lavendelseife“, dachte Evenila, „die bekommen sie immer am besten hin. Ich kaufe diesmal gleich drei Stücke davon. Wenn ich ein bisschen lieb dreinschaue, dann leihen mir die Moosingers bestimmt auch ihr Waschbrett. Und dann werde ich anschließend riechen wie eine wandelnde Blumenwiese!“ In ihrem Kopf formte sich kurzzeitig ein Bild, wie sie von einem Schwarm fehlgeleiteter Bienen verfolgt wurde und ein leichtes Schmunzeln ließ ihre Mundwinkel nach oben zucken.

Sie trat unter einer hölzernen Pergola hindurch und stand im Stadtpark. Ringsherum verlief eine zwei Schritt hohe Ligusterhecke. Ein Schwarm Tauben trippelte eifrig pickend auf der Wiese umher, die Vögel suchten sich offenbar ebenfalls ein Frühstück. Als Evenila sich näherte, flogen sie jedoch sofort auf, drehten noch eine Runde über dem Platz und entschwanden dann Richtung Keilerbrunnen.
Die junge Frau suchte sich einen der alten Ahornbäume aus, packte ihre Feldflasche in den Rucksack und ließ sich unter dem Baum auf der Wiese nieder. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm. Es hatte noch viele Stunden Zeit, bis sie arbeiten musste. Heute Nachmittag würde sie auf einer großen Familienfeier aufspielen. „Ein Geburtstag mit irgend einer runden Zahl. Fünfzig Jahre oder so!“ versuchte sie sich zu erinnern. Na, sie würde eben vorher noch einmal fragen müssen. Nicht, dass sie später versehentlich dem Falschen gratulierte oder jemanden älter machte, als er tatsächlich war. Das würde sicher die Bezahlung drücken.
Sie tastete nach ihrer Gürteltasche, durch deren Leder deutlich die harten Umrisse ihrer Geldkatze zu fühlen waren. Derzeit war der Beutel gut gefüllt. Jedoch kein Anlass vorzeitig zu jubilieren, die Leute waren wankelmütig, die Zeiten unsicher und schon morgen konnten alle beschließen, dass Gesang und Lautenspiel kein Geld mehr wert waren. Wäre ja nicht das erste Mal!

Evenila nahm ihren breitkrempigen Filzhut ab, legte ihn neben sich ins Gras und ließ sich die Morgensonne auf´s Gesicht scheinen. Sie schloss die Augen und lauschte dem Flöten und Tirilieren der Vögel. „So wie die fliegen zu können, das wäre fein!“ murmelte sie vor sich hin, „Wenn´s irgendwo unerfreulich wird, dann breitet man einfach die Flügel aus und verduftet irgendwohin, wo´s schön ist! Zack und weg, über´s Nebelgebirge, kein Problem! Stattdessen mühen wir uns hier unten wochen- und monatelang durch die Gegend und laufen uns die Schuhsohlen durch.“

Erinnerungen an die erste große Reise ihres Lebens stiegen in ihren Gedanken auf. Du lieber Himmel, was war sie damals aufgeregt gewesen!



Die Nacht davor hatte sie kaum schlafen können, hatte dann eine Stunde vor Sonnenaufgang kapituliert und war stattdessen aufgestanden, um zum bestimmt einhundertsten Mal ihr Gepäck zu kontrollieren. Zur siebten Morgenstunde hatte ihre Familie sie zum Sammelplatz vor dem südlichen Stadttor gebracht, wo sich bereits fast alle Reiseteilnehmer der Karawane Richtung Süden eingefunden hatten. Es war der erste Tag des Oktober im Jahr 3008 des Dritten Zeitalters gewesen.
Vor dem Tor schien auf den ersten Blick ein heilloses Durcheinander zu herrschen. Mit Waren beladene Karren, Planwägen, Leute zu Pferd, Hunde, bepackte Maultiere und außen herum standen noch etliche schaulustige Thaler und sahen dem Treiben zu. Stimmengewirr, laut gebrüllte Befehle, das Wiehern von Pferden und Knarren der Wagenräder hatte die Luft erfüllt. Nach einer Weile war jedoch zu bemerken, dass offenbar allmählich eine bestimmte festgelegte Reihenfolge und Formation entstand. Anwesend waren auch insgesamt zwölf leicht gerüstete Männer und Frauen zu Pferd, in Kettenhemden oder gehärteten Lederpanzern, alle mit Schilden, Lanzen und Schwertern bewaffnet. Offenbar Söldner, die man angeheuert hatte, um die Reisenden zu beschützen. Einer der Planwägen war einer Gruppe Bogenschützen zugewiesen worden, den aufgestickten Wappen auf den Gambesons nach zu urteilen, handelte es sich dabei um die Thaler Blitzbogen, eine Eliteeinheit. Zusätzlich hatte Evenila mehrere Reiter der regulären Soldaten gezählt, was sie zunächst sehr erstaunt hatte.
Dann jedoch war ihr in der nach und nach Ordnung annehmenden Menge eine geschlossene Kutsche aufgefallen, in der ein älterer Herr und eine aufwendig frisierte Frau saßen, in denen sie entfernte Verwandte des Königs erkannte. Aha, deshalb die Soldaten! Natürlich ließ seine Majestät Familienmitglieder nicht ohne eine Eskorte verreisen. Nun, das konnte für die Sicherheit der Karawane ja nur von Vorteil sein!
Auch ein kleiner Trupp von sechs Zwergen auf stämmigen Ponys tauchte nun zwischen den Menschen auf, offenbar beabsichtigten sie ebenfalls, sich der Reisegesellschaft anzuschließen. Vier der Zwerge trugen einfache Reisekleidung, die verbliebenen zwei waren schwer gerüstet, bis an die Zähne bewaffnet und machten einen äußerst grimmigen und entschlossenen Eindruck.

Nach einiger Zeit hatte sich ein einzelner Mann auf einem großen, weißen thalländer Kaltblut aus dem Gedränge gelöst und war auf Evenila und ihre Familie zu geritten. Branwold lachte und winkte. „Guten Morgen, Godric, alter Wucherer! Evenila, darf ich vorstellen – Godric Edmarson, der Anführer dieses wirren Haufens! Godric, meine Tochter, Evenila!“ Der so Angesprochene stieg vom Pferd, reichte Evenila die Hand und schüttelte sie kräftig. Auf seinem Gesicht stand ein breites, gutmütiges Lächeln. „Angenehm, sehr angenehm! Nun, ich habe bereits alles mit Euren Vater besprochen und werde während der Reise ein Auge auf Euch haben. Keine Angst, für ausreichend Schutz ist gesorgt und die Gesellschaft ist quasi handverlesen. Das wird eine sehr angenehme Reise werden! Wenn Ihr Euch verabschiedet habt, weise ich Euch Euren Platz zu.“ Er nickte freundlich, sprang auf sein Pferd und ließ es zu einer Gruppe Nachzügler hinübertraben, die soeben erschienen waren.
„Nun, mein Kind, dann ist jetzt der Moment gekommen!“ Branwold nahm seine Tochter in die Arme und drückte sie lange und kräftig. Als er sie losließ, bemerkte Evenila, dass es in seinen Augenwinkeln verdächtig feucht glitzerte. Auch sie hatte einen dicken Kloß im Hals und musste nun mühevoll die Tränen zurückhalten. „Schreib uns immer, wenn du Zeit dazu findest, ja? Versprich mir das!" Seine Stimme klang rauh. "Hier ist ein Beutel mit Geld für die Reise und deinen Aufenthalt in Minas Tirith. Du musst ja von etwas leben. Keiner soll sagen können, dass Branwold Thureson seine Tochter darben lässt! Wenn du das Geld dort nicht in den Tavernen verjubelst und ein bisschen sparsam lebst, solltest du damit eine ganze Zeitlang zurecht kommen. Aber notfalls findest du dort unten sicher auch eine anständige Arbeit, der du neben deinem Studium nachgehen kannst.“ Mit diesen Worten drückte er ihr einen prall gefüllten, verschnürten Lederbeutel in die Hand, der ein stattliches Gewicht aufwies. Evenila hatte den Beutel mit Überraschung und freudigem Staunen entgegen genommen und ihren ihren Vater noch einmal mehrere Minuten lang fest umarmt."Tausend Dank, Vater! Ich denke an dich! Und natürlich schreibe ich dir, fest versprochen! Auf Wiedersehen!"

Anschließend hatte sie sich Hildruna und ihrem Stiefbruder Herolf zugewandt und beiden zum Abschied die Hand gegeben. Hildruna lächelte. Allerdings konnte sich Evenila nicht des Eindrucks erwehren, dass sie deshalb lächelte, weil das unliebsame Stiefkind nun erst einmal für längere Zeit aus den Augen sein würde. Herolf wiederum hatte nicht gelächelt, sondern ihr nur höflich zugenickt, wie er es auch einem Fremden gegenüber getan hätte und sich ein „Gute Reise und viel Erfolg!“ abgerungen.
Dann reichte Branwold seiner Tochter das Reisegepäck und wünschte ihr ein letztes Mal alles Gute. Evenila war auf auf ihr Pony gestiegen und hatte den ihr zugewiesenen Platz in der langgezogenen Formation eingenommen. Die Karawane setzte sich in Bewegung...


Evenila öffnete im Stadtpark im Hier und Jetzt die Augen und seufzte laut. Wenn sie damals nur gewusst hätte… wäre sie trotzdem nach Gondor gegangen? Wenn nicht, wäre alles ganz anders gekommen und sie wäre vermutlich eine andere Person geworden mit einem völlig anderen Leben. Sie nahm einen Schneidersitz ein, beugte den Oberkörper vor und stütze sich mit den Ellbogen auf den Knien ab.
Vorn auf der Straße war die Stadtwache von Bree soeben damit beschäftigt, einen seltsam und abgerissen gekleideten Reisenden gründlich unter die Lupe zu nehmen. Die junge Frau kramte nach ihrer Feldflasche und trank den Tee aus. „Was soll´s, `s sind müßige Gedanken“, sagte sie zu sich selbst. „Hätte, wäre, Firlefanz! Die Zeit kann man nicht zurückdrehen und sicher hätte ich mich in dem anderen Leben auch zu Tode gelangweilt!“ Sie horchte in sich hinein und musste zur Kenntnis nehmen, dass ihr Inneres nicht vollständig davon überzeugt war...


--Fortsetzung folgt
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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Sonntag 18. August 2019, 21:14

Fortsetzung


Die Reise

Evenila schüttelte über sich selbst resigniert den Kopf, erhob sich seufzend und klopfte mit beiden Händen ihre Kehrseite ab. Sie sah zum Himmel hinauf, um das Wetter einzuschätzen. Ein azurblauer Himmel spannte sich über das Breeland und die Sonne schien warm. Nur einzelne kleine Wölkchen trieben im leuchtenden Blau dahin. Was bedeutete, dass gewaschene Kleidung schnell trocknen würde. Vielleicht sollte sie die Zeit bis zum Auftritt noch für eine sinnvolle Tätigkeit nutzen und ihre Klamotten gleich waschen. Arbeit hilft dabei, dumme Gedanken auszutreiben! Evenila schulterte ihren Rucksack und machte sich auf den Weg Richtung Oberer Markt.

Als sie den Park verließ, passierte sie die Gruppe Stadtwächter, die den Fremden immer noch ausführlich nach dem Woher und Wohin befragten und ihm sehr genau auf den Zahn fühlten. Einer der Wächter, ein junger Rekrut, drehte sich um und sah zu ihr hinüber. Sie lächelte ihn freundlich an, woraufhin der Jüngling etwas verlegen zurück lächelte. Er starrte ihr nach, bis sie außer Sichtweite war. Der Wächter sah ziemlich ansprechend aus. In einer anderen Stimmung wäre sie vielleicht sogar auf ihn zugegangen und hätte ihn nach einem späteren Treffen auf einen Krug Bier gefragt. Ob er neben seinem adretten Aussehen auch noch sympathisch war? Sie zuckte andeutungsweise mit den Schultern. Vielleicht wollte sie es ja morgen herausfinden.
Während sie die Treppenstufen zum Oberen Markt hinaufstieg, war sie innerlich damit beschäftigt, ihr wieder einmal aufkommendes Selbstmitleid niederzuringen. Die Momente, in denen sie mit ihrem Schicksal haderte, waren in den letzten paar Jahren wesentlich seltener geworden. Aber das Gefühl, aufgrund der Ungerechtigkeit der Welt ein vermasseltes Leben zu führen, hatte sich vor langem in den Tiefen ihrer Seele fest eingenistet und kroch in unregelmäßigen Abständen immer wieder einmal zu Tage.Sie bemühte sich, sich selbst davon zu überzeugen, dass die andere mögliche Evenila gewiss unzufrieden gewesen wäre und immer mit dem Gefühl gelebt hätte, etwas verpasst zu haben.

„Was willst du eigentlich“, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, „wenn du in Thal geblieben wärst, dann wärst du verheiratet, würdest tagein tagaus im Kontor hocken, Zahlen niederschreiben und während der Nächte mit plärrenden Kindern auf dem Arm durchs Haus wandern! Im Prinzip nicht anders als die Leute hier im Breeland, oder? Außerdem war die Zeit in Minas Tirith doch wunderbar, oder etwa nicht? Die Wenigsten hätten überhaupt die Möglichkeit dazu bekommen!“

Evenila musste ihrer inneren Stimme in diesem Punkt recht geben. Ach ja, Minas Tirith!


Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie die ganze knapp zweimonatige Reise in inständiger Angst verbracht hatte, dass Orks, Trolle oder Räuber über die Karawane herfallen könnten. Jeder in Thal kannte haufenweise Schauergeschichten dazu. Dem Wagenzug, welcher auf der Großen Handelsstraße gen Süden zog, war stets ein kleiner Trupp Späher in großem Abstand vorausgeritten. Damit sollte verhindert werden, dass man in einen Hinterhalt geriet. Einmal mussten umgestürzte Baumstämme von der Straße geräumt werden. Die Krieger hatten währenddessen die Umgebung mit angespannter Wachsamkeit im Auge behalten, da sie mutmaßten, dass diese Bäume von Wegelagerern als Sperre auf der Straße platziert worden waren. Es hatte sich jedoch weit und breit kein Feind blicken lassen. Entweder waren die Bäume tatsächlich bloß durch einen Sturm umgeworfen worden oder die Wegelagerer hatten es sich ob der Größe der Reisegesellschaft und der Anzahl der Bewaffneten spontan anders überlegt.

Einmal kam einer der Kundschafter eilig zurückgaloppiert und teilte mit, dass sie östlich der Straße ein größeres Lager mit abgerissen aussehenden Gestalten erspäht hätten, dem Anschein nach alle bewaffnet, wenngleich schlecht. Keine Orks, sondern Menschen.
Der Hauptmann der Thaler Soldaten hatte sich daraufhin kurz mit den Söldnern und Godric beraten. Für sie alle war die Situation klar. Die Fremden in dem Lager waren mit höchster Wahrscheinlichkeit Räuber, Plünderer oder auch Anhänger Mordors, die sich dem Dunklen Turm andienen wollten. Auf jeden Fall würden sie die Karawane bemerken und nach dem Vorbeiziehen hätte man sie im Rücken. Entweder würden sie dann in den Nächten irgendwelche Schurkereien versuchen oder sie waren schlimmstenfalls ein Teil einer größeren Schar und würden Verstärkung herbeiholen. So oder so – man konnte sie nicht ungeschoren lassen!

Die Söldner und Soldaten hatten eine Taktik abgesprochen und sich dann auf den anstehenden Kampf vorbereitet. Godric warf ein, dass vielleicht nicht alle abrücken sollten, da ansonsten nur noch die Bogenschützen bei den Wagen verblieben wären. Jedoch hatten sich an dieser Stelle die beiden zwergischen Krieger zu Wort gemeldet und mit unerschütterlicher Miene erklärt, dass sie inzwischen für die Sicherheit sorgen würden. Niemand hatte ihr Angebot in Frage gestellt. Also hatten die Reiter ihre Helme aufgesetzt und waren dann mit gezogenen Waffen Richtung Südosten davongesprengt.

Evenila hatte sich damals sehr klein und furchtbar hilflos gefühlt und mit einem mulmigen Gefühl auf die Rückkehr der Kämpfer gewartet. Nein, nicht nur mit mulmigem Gefühl, sie hatte gewaltige Angst gehabt!
Als diese dann nach einer gefühlten Ewigkeit endlich von Süden her zur Karawane zurückgeritten kamen, hätte sie vor Erleichterung schreien können! Allerdings waren ein thaler Soldat und eine Frau aus den Reihen der Söldner durch Pfeilschüsse leicht verwundet worden und ein Söldner hatte den Tod gefunden. Seine Kameraden hatten die Leiche quer über dem Rücken seines Pferdes hängend mit zurück gebracht.
Godric gab zunächst den Befehl zur sofortigen Weiterreise, weil der Kampfeslärm möglicherweise andere unfreundliche Zeitgenossen in der weiteren Umgebung aufmerksam gemacht haben könnte. Am Abend dann, als das Nachtlager eingerichtet worden war, hoben die Söldner eine tiefe Grube für ihren toten Kameraden aus und bestatteten ihn in voller Rüstung und Bewaffnung. Anschließend tranken sie alle auf ihn, sangen Heldenlieder auf seine Tapferkeit und die meisten der Reisenden sprachen über seinem Grab ein kurzes Gebet für ihn.

Auch Evenila schloss sich dem an, immerhin hatte der unbekannte Krieger sein Leben für ihre Sicherheit gegeben. In den folgenden Tagen und Nächten jedoch musste sie ständig darüber grübeln, ob diese anderen Menschen vielleicht gar keine Feinde gewesen waren sondern nur Geflüchtete und Vertriebene. Andererseits wiederum hätte es keine Möglichkeit gegeben, dies sicher festzustellen und Godric hatte immerhin die Verantwortung für insgesamt 71 Menschenleben. Beziehungsweise Zwergenleben. Und Verwandte des Königs! Evenila kam zuletzt zu dem Schluß, dass er keine Wahl gehabt hatte.

Die weitere Reise verlief dann, den Valar sei Dank, recht ereignislos. An der Nordgrenze zu Rohan gab es kleine Unstimmigkeiten mit Grenzwächtern über den zu entrichtenden Zoll, aber nach kurzen Verhandlungen ließ man den Wagenzug passieren.
Zwei Wochen später passierten sie die breite Gebirgspforte zwischen den Ered Nimrais und den Ephel Duath und dann tauchten im Westen, in der Ferne bläulich schimmernd, die schneebedeckten Hänge des Mindolluin auf.

Eine liebliche Landschaft mit felsigen Hügeln, dichten Pinienwäldern und blühenden Oleanderbüschen breitete sich vor ihnen aus. Im sanften Wind wogende Blumenwiesen, soweit das Auge reichte und im Osten glitzerte das breite, blaue Band des Anduin in der Sonne. Die Luft war vom Duft wilden Thymians und Oreganos erfüllt und es wurde ziemlich warm. Evenila war von der zauberhaft anmutenden Gegend völlig verzückt gewesen. Als die Karawane dem Mindolluin näher kam, war bald auch die gewaltige Mauer rund um den Pelennor zu erkennen. Die junge Frau erinnerte sich daran, dass sie damals dieses Bauwerk mauloffen bestaunt hatte, in der Annahme, dass unmöglich Menschen so etwas vollbracht haben konnten. Nun ja, bis sie die Weiße Stadt sah!

Als der Wagenzug zuletzt den Stadttoren zustrebte und sich Mauerring um Mauerring an der Bergflanke auftürmte, hunderte Fahnen auf den Turmspitzen im Wind flatterten und das riesige, eiserne Tor in Sicht kam, war sie sprachlos gewesen und hatte nur noch mit großen runden Augen gestarrt.Nachdem die Handelskarawane das Stadttor passiert hatte und auf dem gigantischen Torhof im ersten Mauerring zum Stehen gekommen war, verabschiedeten sich die Teilnehmer der Reisegesellschaft, wünschten einander alles Gute und begannen sich in verschiedene Richtungen zu zerstreuen.
Evenila jedoch war verloren und orientierungslos in der Gegend herumgestanden. Eingeschüchtert von den vielen fremdartigen Gesichtern, dem fremden Klang, mit dem hier Westron gesprochen wurde und der beinahe erdrückenden Pracht der umstehenden Gebäude. Auch wusste sie nicht, wie sie nun zu ihrem Reiseziel finden sollte und kam sich selbst wie ein Bauerntölpel vor. Zuletzt war Godric auf sie aufmerksam geworden. "Na, mein Mädel? Alles ein bisschen größer als in Thal, wie? Mach´dir keine Sorgen, ich hab´so ähnlich dreingeschaut, als ich das erste Mal hierher kam. Du wolltest doch zu den Schöngeistern und Bücherwürmern im Haus der Weisheit, oder?" Er lachte gutmütig. "Ich scherze, nimm´s mir nicht übel! Komm mit, ich bringe dich noch bis dorthin!"

Da Godric den Weg selbst nicht genau kannte, erkundigte er sich bei den Wächtern am Tor des zweiten Mauerringes danach. „Ah, Tham en-Haelas? Gewiss. Ihr müsst bis in den fünften Ring hinauf und Euch dann nach links wenden. Reitet dann immer geradeaus, Ihr könnt es unmöglich verfehlen!“Evenila kramte geistig in den wenigen Brocken der elbischen Sprache, die sie kannte. Bedeutete „Tham“ nicht „Halle“? Sie hatte etwas in der Größe des Thaler Königspalastes erwartet. Obwohl man diesen hier gewiss nicht einmal mit einem Augenzwinkern als Palast bezeichnet hätte. Als sie dann jedoch vor einem riesigen weißen Gebäudekomplex stand, der mit Säulen aus schwarzem Marmor, mit Reliefs und Skulpturen geschmückt war, wurde ihr klar, warum es in Wahrheit eine „Halle“genannt wurde! Sie stieg von ihrem Pony und fragte sich kleinlaut, ob sie sich nicht vielleicht etwas zuviel zugetraut hatte.

--Fortsetzung folgt
"Das Glück ist kein leichtes Ding.
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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Dienstag 20. August 2019, 09:19

Fortsetzung


Der erste Unterrichtstag

Als sie vor dem Portal gestanden hatte, war dann alles ganz schnell gegangen. Der Toraufseher hatte den Haushofmeister herbeigeholt, man begrüßte Evenila und brachte ihr Pony zu einem angrenzenden Stallgebäude, in dem Reittiere von Gästen und Schülern aus weit entfernten Regionen untergebracht waren. Godric hatte sich verabschiedet, ihr alles Gute gewünscht und versprochen, ihrem Vater Grüße zu bestellen. Anschließend wurde ihr eine kleine Schlafkammer in einem Nebentrakt zugewiesen, man verköstigte sie in der Küche mit einer für sie sehr fremdartigen Mahlzeit und führte sie anschließend durch das Hauptgebäude.
Dabei war sie angestrengt bemüht gewesen, sich die Wege durch all die unendlich wirkenden Gänge und Treppenhäuser zu merken, um sich später alleine nicht zu verlaufen. Zudem gab es überall eine Menge zu bestaunen – Skulpturen, riesige Bücherregale, ausgestopfte Tiere aller Art, Kübel mit exotischen Pflanzen, Waffen und Rüstungen, Wandteppiche, Gemälde … In ihrem Kopf hatte es geschwirrt wie in einem Bienenkorb. Ein paar Stunden später lag sie dann auf dem Bett, welches nun für die nächste Zeit das ihre sein sollte und war eingeschlafen, sowie ihr Kopf das Kissen berührt hatte. Sie war nicht einmal mehr in der Lage gewesen, ihre Sachen auszupacken.

Am nächsten Morgen war sie wie gewohnt bei Sonnenaufgang erwacht, hatte mit Wasser, Seife und Kamm zunächst einmal ein präsentierbares Äußeres hergestellt und sich dann ein Frühstück beschafft. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie dabei das erste Mal eine in Zuckersirup und Rosenwasser getränkte Gebäckspezialität namens „Blütenbrot“ gekostet hatte und davon völlig begeistert gewesen war. Im Thalland musste Zucker importiert werden und war für die meisten Leute unerschwinglich, weshalb Speisen und Getränke nur mit Honig gesüßt wurden.
Nachdem sie ihre Schreibutensilien aus dem Reisegepäck herausgefischt hatte, machte sie sich auf herauszufinden, wo ihr Unterricht stattfinden sollte. An diesem Morgen hatte sie sich schon wieder sehr viel zuversichtlicher und optimistischer gefühlt. Jedoch sollte dies nicht von langer Dauer sein.

Der Haushofmeister wies ihr den betreffenden Raum, besser gesagt, einen kleinen Saal. Als sie eintrat, waren ihr zunächst die zwei Bücherwände aufgefallen, in denen jeder zur Verfügung stehende Zoll vollgestopft war. Eine der verbleibenden Wände wurde von einem wertvoll aussehenden Seidengobelin geschmückt, auf dem eine Küstenlandschaft dargestellt war. Die andere Wand wurde durch ein großes Buntglasfenster unterbrochen, welches ein weißes Segelschiff und einen goldenen Stern auf hellblauem Grund zeigte. Das einfallende Licht tauchte den Saal daher in einen leicht bläulichen Schein. Der Boden war mit blau-weißen Mosaikfliesen ausgelegt und unter dem Fenster stand ein großer irdener Pflanzkübel mit ihr unbekannten, stark duftenden blauen Blumen. „Der blaue Saal“, hatte sie gedacht.
Zwölf Tische mit jeweils zwei dazugehörigen Stühlen waren in zwei Reihen aufgestellt und einige Schritt davor hatte man eine große Schiefertafel auf einer Art Staffelei platziert.

Sie war eben im Begriff gewesen, sich die Bücher in den Regalen anzusehen, als draußen plötzlich ein großer Bronzegong geschlagen wurde und kurz darauf ihre künftigen Mitschüler in den Saal strömten. Es waren siebzehn Jünglinge und vier Maiden, alle etwa in ihrem Alter, die sie neugierig musterten. Einige jedoch auf eine eher abschätzige Weise mit hochgezogenen Augenbrauen. Dennoch nickten ihr alle höflich zu, bis auf eines der Mädchen, das von geradezu bezaubernder Schönheit und Anmut war. Zwei der Jünglinge wünschten ihr auch die Tageszeit. Sie machten einen netten Eindruck und Evenila hatte den Mund geöffnet, um sich den beiden vorzustellen, als ein stattlicher, grauhaariger Mann in einer bodenlangen dunkelblauen Robe im Türrahmen erschienen war. Er trug einen langen Vollbart und auf dem Kopf eine hohe, ebenfalls dunkelblaue Samtkappe, die mit seltsamen Symbolen bestickt war.

Würdevoll schritt der ältere Herr nach vorne zur Schiefertafel und lies seinen Blick über die Anwesenden schweifen, bis er an Evenila haften blieb. „Ah, Ihr müsst gewiss Evenila Branwoldsdotor aus Thal sein! Seid willkommen in der Tham en-Haelas, brennil, ich bin Meister Artaher!“ sprach er mit einer leicht fisteligen Stimme, die nicht so recht zu seinem großen Körperbau passen wollte. „Ihr seid verspätet in Minas Tirith eingetroffen, ich hoffe dennoch, dass Ihr eine gute Reise hattet. Der Lehrgang für die neuen Schüler begann bereits vor drei Tagen. Dies ist jedoch nicht weiter schlimm, Ihr findet Euch gewiss rasch ein. Bitte, setzt Euch nun!“
Er wies mit der Rechten auf den letzten freien Stuhl am hintersten Tisch in der linken Reihe.
Evenila hatte sich ehrerbietig verbeugt und war der Aufforderung umgehend nachgekommen.
Mit ihr am Tisch saß einer der beiden Jungen, die sie gegrüßt hatten. Er war von sehr hochgewachsener schlanker Gestalt, beinahe schlaksig und hatte pechschwarzes, leicht gewelltes Haar, das ihm lang auf die Schultern herabfiel. Seine meergrauen Augen blickten Evenila offen und mit freundlicher Neugier an. Er hatte feine, helle Haut und angenehme Gesichtszüge, jedoch war seine leicht gebogene Nase etwas zu groß und die hohen Wangenknochen etwas zu kantig geraten, um ihn als gutaussehend bezeichnen zu können.

Meister Artaher dozierte: „Lasst uns für unseren neuen Lehrling zusammenfassen, worüber wir in den letzten Tagen gesprochen haben! Ebenninc o-gobennas in-erain i-mbar wîn, aphadol ab aran Isildur…“. Seine weitere Rede ging jedoch in Evenilas Kopf in Rauschen unter, da plötzliches kaltes Entsetzen ihr Denkvermögen ausschaltete. Ihr Mund war staubtrocken geworden war.

„Er… der Meister Artaher… der Unterricht… er spricht ja elbisch!“ stammelte sie mühsam. Der Jüngling neben ihr drehte sich zu ihr um und flüsterte irritiert: „Natürlich spricht er Sindarin, was denn sonst? Das die Lehr- und Amtssprache in Gondor!“
Evenila war offenbar kreideweiß geworden, denn nach kurzer Zeit hatte Meister Artaher sie gefragt:„Ist Euch etwa nicht wohl, brennil?“ Sie hatte sich wie ein Idiot gefühlt, als sie daraufhin kleinlaut antworten musste „Verzeiht bitte, Meister, aber, aber… ich kann Euch nicht verstehen! Ich kann die Sprache nicht!“
Von den anderen Tischen her war daraufhin leises Kichern, aber auch verächtliches Schnauben zu hören gewesen. Meister Artaher blickte sie an, Besorgnis umwölkte seine Stirn. „Herrjeh, was machen wir da? Ihr müsst dem so schnell als irgend möglich Abhilfe schaffen, brennil! Der gesamte Unterricht wird in elbischer Sprache abgehalten werden. Seit dem Entstehen vor Jahrtausenden gründet sich unsere Kultur auf die Tradition der ‚Elendili‘, der Elbenfreunde“, erklärte er. „Ohne elbisch zu beherrschen, kommt Ihr in diesem Haus nirgendwohin!“
Er blickte eine ganze Zeit lang schweigend aus dem Fenster und sagte dann: „Also gut! Ihr hattet eine weite und gewiss beschwerliche Reise, deshalb will ich Euch eine Chance geben. Ich gewähre Euch drei Monate Zeit, um die nötigen Sprachkenntnisse soweit zu erlernen, dass Ihr dem Unterricht zu folgen vermögt. Während dieser Frist werde ich Westron sprechen, danach werde ich wieder zur Tradition übergehen!“

Sie nickte hastig und bemühte sich, dabei so überzeugend wie möglich zu wirken. Meister Artaher nahm es zur Kenntnis und setzte seine Ausführungen über die Geschichte der gondorischen Könige fort. Evenila hatte versucht, sich auf seine Worte zu konzentrieren und seitenweise Notizen niedergeschrieben. Jedoch herrschte in ihrem Kopf die ganze Zeit über nur ein zentraler Gedanke vor: Wie um Himmels Willen soll ich mir das in drei Monaten einbläuen?


Nach dem Unterricht erhoben sich die anderen von ihren Stühlen und verließen nach und nach plaudernd und scherzend den Raum. Nur Evenila war sitzengeblieben und hatte niedergeschlagen auf ihre Notizen gestarrt. Der Junge an ihrem Tisch hatte ebenfalls gehen wollen, war dann aber stehengeblieben und hatte sie angeschnauzt: „Wusstest du das denn etwa nicht? Überall in Gondor ist Sindarin die Sprache der Würdenträger, Gelehrten und Adeligen. Zeremonien und Festreden werden traditionell sogar in Quenya abgehalten, dem Hoch-Elbisch. Wir sind ein zivilisiertes Volk!“ Sie murmelte mit erstickter Stimme „Nein, ich habe das nicht gewusst. Mein Vater auch nicht. Und der alte Osric offenbar auch nicht!“
Der Junge fragte nicht nach, wer denn der „alte Osric“ war. Stattdessen sagte er nun in versönlicherem Ton: „Entschuldige, dass ich gerade so grob zu dir war. Du kommst von weit her und weißt offenbar über einige Dinge hier nicht Bescheid. Nun gut, was wirst du denn jetzt tun?“

Nach kurzem Zögern entgegnete Evenila: „So schnell wie möglich diese hundsvermaledeite Sprache lernen! Was denn sonst? Ich kann… ich gehe doch jetzt nicht einfach so wieder nach Hause!“ Ihre Stimme nahm einen trotzigen Ton an. „Und am besten fange ich sofort damit an. Weißt du zufällig ein gescheites Buch dafür? Und bitte mit Erklärungen für die ganz Einfältigen!“

Der Junge hatte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen können. „Das nenne ich Ehrgeiz!“ lobte er sie. „Ja, ich weiß ein gutes Lehrbuch, mit Sicherheit haben sie es auch hier im Haus. Deinen Namen habe ich vorhin gehört – du heißt Evenila?“ Sie nickte. „Mein Name ist Fiondil. Fiondil Vëanturion.“ Er gab ihr die Hand und Evenila ergriff sie. „Der Name bedeutet ‚Falkenfreund‘ auf Quenya. Mein Vater ist der Aufseher der Jagdfalken des Herrn Denethor. Und er züchtet diese edlen Vögel auch!“ fügte er stolz hinzu.
Evenila verzog die Mundwinkel zu einem entschuldigenden, verschämten Lächeln. „Ist der Herr Denethor ein bekannter Adeliger oder ein Vogt?“ Fiondil hatte daraufhin kopfschüttelnd geseufzt: „Bei Atalantë, du weißt ja wirklich gar nichts!“
„Ich weiß eine ganze Menge, aber offenbar das Falsche!“ hatte sie protestiert. Der Junge betrachtete sie und schien zu überlegen. „Wahrscheinlich werde das bereuen“, seufzte er endlich, „weil es mich drei Monate lang meine Freizeit kosten wird. Hör zu, ich werde dir dabei helfen, die „hundsvermaledeite“ Sprache zu lernen! Und ich zeige dir die Stadt, man kann dich ja unmöglich alleine umherirren lassen! Wahrscheinlich würdest du noch von der Mauer fallen!“

Sie hatte gar nicht gewusst, was sie darauf sagen sollte und nur ein „Danke“ herausgebracht. Fiondil hatte abgewunken „Dank´mir später! Nebenbei, was bedeutet dein Name eigentlich?“ Evenila versuchte sich zu erinnern. Brandwold, ihr Vater, hatte ihr es einmal erklärt, als sie noch ein kleines Kind war. „Es ist eine alte Bezeichnung aus der Sprache der Nordleute für die Weiße Mondblume, etwas abgewandelt.“ Ihr neugewonnener Freund quittierte die Erklärung mit knappem Nicken. „Der Name passt irgendwie zu dir!“

Dann hatten sie angefangen, in den überquellenden Regalen nach dem besagten Buch zu suchen.


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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Mittwoch 21. August 2019, 12:39

Fortsetzung


Die Zeit in Minas Tirith

Die folgenden Wochen waren sehr hart gewesen. Vom frühen Morgen bis zum Nachmittag saß Evenila im Unterricht und lauschte den Vorträgen Meister Artahers.
Nach einer kurzen Pause, in der sie im Garten eine Kleinigkeit aß und etwas durchatmete, ging das Lernen weiter, indem Fiondil ihr Sindarin beibrachte.

Der Junge stellte sich als unnachgiebiger und hartnäckiger Lehrmeister heraus, der sie regelrecht drillte. Offenbar hatte er den Ehrgeiz entwickelt, diese freiwillig angenommene Aufgabe um jeden Preis zum Erfolg zu führen. Er ließ sie seitenweise Vokabeln auswendig lernen und fragte sie ab, ließ sie Verbformen bilden und Texte übersetzen - zuerst ganz simple, dann zunehmend kompliziertere. Allmählich ging er dazu über, ihr nur noch zu antworten, wenn sie das, was sie wollte, wenigstens teilweise auf elbisch sagte.
Abends, wenn sie im Bett lag, las sie in dem Lehrbuch, dass er ihr empfohlen hatte, bis ihr die Augen zufielen. Nicht selten übermannte sie der Schlaf recht plötzlich, während sie das Buch noch in der Hand hielt und manchmal erwachte sie am darauffolgenden Morgen mit Abdrücken im Gesicht, welche die Kanten des Buches dort hinterlassen hatten.

Fiondil gönnte ihr in der Woche nur jeweils einen einzigen freien Tag zur Erholung. An diesen Tagen führte er sie dann in der Stadt herum und zeigte ihr die Märkte, das Theater, das Badehaus, berühmte Ziergärten, den Weißen Baum und den Königspalast, in dem seit Jahrhunderten die Truchsesse stellvertretend die Regierungsgeschäfte führten. Und sogar die Rath Dínen, wo sich die Grüfte der Könige befanden. Die „Stille Straße“ war eigentlich durch ein immer verschlossenes Tor von der Stadt getrennt, aber einer der Torwächter gehörte zu Fiondils Verwandschaft. Evenila hatte allerdings hoch und heilig versprechen müssen, auf gar keinen Fall auch nur ein einziges Wörtchen darüber zu verlieren.
Nebenbei erklärte Fiondil ihr die Sitten und Gebräuche in der Stadt.

Evenila hatte sehr bald feststellen müssen, dass ihre dunklen Wolltuniken und ledernen Hosen für das Klima in Gondor zu warm waren. Außerdem war sie daran auf hundert Schritt sofort als Ausländerin zu erkennen und das wurmte sie irgendwie. Hier in der Stadt trugen die Leute leichte Leinengewänder mit weiten, luftigen Ärmeln und die Vornehmen schritten in Seidenstoffe gewandet einher. Sie hatte daher beschlossen, einen kleinen Teil ihrer Reisekasse in neue Kleidung zu investieren und erwarb an einem Schneiderstand eine hellblaue kurzärmelige Leinentunika und eine silbergraue mit langen Ärmeln sowie eine cremefarbene, weit geschnittene Leinenhose dazu. Ihre kniehohen Stiefel tauschte sie gegen ein paar Sandalen aus schmalen Lederriemen. Allzu gern hätte Evenila auch eines der bodenlangen Seidenkleider gekauft, die der Schneider feilbot, sie scheute jedoch den hohen Preis und wollte lieber sparsam bleiben.

Nach dem zweiten Monat des gnadenlosen Paukens fühlte sie sich wie zerschlagen und nach weiteren zwei Wochen wedelte sie abwehrend mit den Händen, als Fiondil nach dem Abendessen mit einem Papierstapel vor ihrer Kammer auftauchte. „Oh nein! Ich kann nicht mehr! Wirklich nicht!“ hatte sie geächzt, „Ich fühle mich, als wenn ein Rudel Elche über mich hinweg getrampelt wäre! Das Innere meines Schädels besteht nur noch aus Haferbrei!“
Ihr Freund hatte verständnisvoll genickt. „Gut, ausnahmsweise. Ein weiterer Tag Pause wird wohl nicht so dramatisch sein. Dann lernen wir heute eben Abend nicht und gehen stattdessen in den „Durstigen Seher“! Ich habe vorhin gehört, wie sich die anderen dort für heute verabredet haben.“

Der Abend hatte sich gut entwickelt und war sehr lustig geworden. Zwei Musikanten hatten aufgespielt und die Stimmung in der Taverne war fröhlich bis ausgelassen gewesen. Allerdings hatte Evenila nur wenig gegessen und getrunken, um ihre Barschaft nicht überzustrapazieren und hatte sich an Günstiges gehalten wie gewässerten Wein, Fruchtpunsch und gegrilltes Brot mit Ziegenkäse.
Sie war in diesen Stunden richtig glücklich gewesen. Das einzige, was Evenila ein wenig gestört hatte, das war die Anwesenheit von Mirilos gewesen und sie hatte sich von ihrer Mitstudentin während des gesamten Abends ferngehalten. Allerdings hatte sie nicht davon ablassen können, die Andere hin und wieder zu beobachten. Die bildhübsche, liebliche und grazile Mirilos - das Mädchen, dass ihr an ihrem ersten Unterrichtstag aufgrund des Aussehens aufgefallen war. Hüftlanges, rabenschwarzes und seidiges Haar, das sie gern mit einer einzelnen Blüte schmückte, saphirblaue Augen, Elfenbeinhaut, kirschrote Lippen und ein gertenschlanker Körperbau. Inzwischen hatte Evenila das Mädchen kennengelernt und wusste, dass die Schönheit eine blasierte, überhebliche und zutiefst launische Person war, die erwartete, überall wie eine Prinzessin behandelt zu werden.
Fast alle Jungs aus Evenilas Studiengang waren den ganzen Abend über wie ein Schwarm Motten ums Licht um Mirilos herumgetanzt und hatten sich gegenseitig darin überboten, sie zu Getränken und Spezereien einzuladen. Sie hatten sich regelrecht zu Trotteln gemacht, fand Evenila.

„Zugegeben, ihre Schönheit ist unvergleichlich und sie scheint mehr über den Boden zu schweben als zu laufen! Aber innerlich ist sie gemein und gehässig und genießt es, andere herum zu kommandieren!“ hatte sich Evenila auf dem Weg zurück zur Tham en-Haelas bei Fiondil beschwert. „Was finden die Jungs alle an ihr? Sie ist eine verzogene Zimtzicke!“
Fiondil hatte gekichert und dann eine Erklärung versucht: „Mirilos stammt aus einer sehr alten und vornehmen Familie, dem Haus Falastirion. Der Stammbaum der Familie lässt sich angeblich bis zu einem Vorfahren zurückverfolgen, der im Gefolge Elendils von Númenor nach Rhovanion über ́s Meer geflohen ist. Zumindest behaupten sie das. Und: die Familie ist SEHR wohlhabend und besitzt große Ländereien und eine Sommerresidenz im Quellgebiet des Erui...“ „Na und?“ hatte Evenila ihn unterbrochen. „Deshalb ist sie trotzdem ein schlechter Mensch! Zählt für Männer wohl nur das Äußere?“
Daraufhin hatte Fiondil in einem seltsamen Ton geantwortet: „Sei nicht so ungerecht. Keine Verallgemeinerungen, bitte! Mirilos ist wie eine schöne Maske, eine Fassade mit einem dunklen Nichts dahinter. Sie ist äußerlich so perfekt wie ein Eiskristall, aber innerlich auch genauso kalt und hart. Vermutlich sind die anderen auf der Suche nach einem hübschen Schmuckstück, dass man herumzeigen kann und von dem man hoffen kann, dass etwas von dessen äußerem Glanz auch einen selbst ein bisschen leuchten lässt. Und dann ist da natürlich auch eine überaus reiche Mitgift zu erwarten. Ihre Sache! Aber was sollte ICH mit solch einer Frau anfangen? Wenn, dann möchte ich eine mit Herz und Verstand!“
Dabei hatte er Evenila von der Seite angesehen und die plötzliche Röte in seinem Gesicht wäre auch im schwachen Schein der Straßenlaternen gut zu erkennen gewesen. Evenila hatte jedoch, immer noch erbost, nach vorn auf die Straße geschaut und es deshalb nicht bemerkt.

Nachdem weitere zwei Wochen verstrichen waren, kam der Tag, da Meister Artaher die Fortschritte prüfte, die sie im Erlernen der Elbensprache gemacht hatte. Evenila war zuvor furchtbar aufgeregt gewesen und hatte kaum ruhig sitzen können. Der Meister ließ sie verschiedene Dinge, die sie im Unterricht gelernt hatten, in der Fremdsprache erklären und stellte Rückfragen zu einzelnen Punkten. Vier oder fünf Mal korrigierte er ihre Grammatik oder die Aussprache, zeigte sich aber insgesamt zufrieden. Evenila war ein Stein vom Herzen gefallen, so groß, dass man den Aufschlag ihrer Meinung nach im ganzen Haus hätte hören müssen.
Nachdem ihr Lehrer den Saal verlassen hatte, hatte sie gejubelt, war auf ihren Tisch gestiegen und hatte die Fäuste in einer Siegerpose gen Decke emporgerissen. Dann hatte sie Fiondil umarmt, dabei fast die Luft abgedrückt – zumindest hatte er das behauptet - und ihm überschwänglich gedankt. Der Jüngling hatte jedoch nur verlegen gelächelt, ihr von Herzen gratuliert und dann betont, dass er sich auch sehr darüber freute, dass sie nun bleiben konnte.

In den folgenden Monaten gesellten sich mehrere neue Fachgebiete zum Unterricht hinzu. Pflanzen- und Kräuterkunde, Tierkunde, Alchemie, Astronomie, die Grundlagen der Heilkunst und wie Vergiftungen festzustellen waren sowie das Erkennen und Analysieren von Artefakten. Außerdem traf ein Gastdozent aus Dol Amroth ein, der die Lehrlinge in magischen Schutzformeln und der Vertreibung von üblen Geistern unterrichten sollte. Großmeister Calandur war sein Name und er galt als absolute Koryphäe auf diesem Gebiet.
Mit Kräuterkunde, Tierkunde, der Artefakt-Analyse und Heilkunst kam Evenila gut zurecht, mit Astronomie weniger. Zwar fand sie großen Gefallen daran, den Mond, die Sterne und deren Bahnen vom Dach des Sonnenturms mit einem Fernrohr zu beobachten, an den dazugehörigen Tabellen und Berechnungen jedoch nicht.
Mit Alchemie stand sie mehr oder weniger auf Kriegsfuß. Aber am meisten machte ihr das Erlernen von Schutzzaubern zu schaffen und das korrekte Durchführen einer Geisteraustreibung.

Großmeister Calandur war ein sehr betagter Mann, der einer alten und blaublütigen númenorischen Familie entstammte. Sein genaues Alter war unbekannt, jedoch schätzte man ihn anhand dessen, was er selbst gesehen und erlebt hatte, auf um die 350 Jahre. Er musste einmal ein sehr hochgewachsener Mann gewesen sein, ging aber jetzt gebeugt und benötigte einen Stock als Stütze. Sein lang wallendes Haar war schlohweiß, ebenso sein Bart, der ihm bis auf die Brust herabreichte und sein Gesicht glich einem verhutzelten Apfel. Seine hellgrauen Augen jedoch straften sein Alter Lügen, denn sie funkelten scharfsinnig und ihr Blick wirkte geradezu unangenehm stechend. Wenn er jemanden längere Zeit ansah, hatte der Betreffende anschließend das Gefühl, dass der alte Mann mehr über ihn wusste als er selbst.

Von ihm musste sich Evenila in fast jeder Unterrichtseinheit eine Standpauke anhören, da ihr immer irgend ein Fehler unterlief. Egal, wie sehr sie sich konzentrierte und sich anstrengte – sie konnte die Anforderungen des alten Meisters nicht erfüllen.

„Ich kann machen, was ich will, nie, niemals ist er zufrieden!“ klagte sie eines Abends Fiondil gegenüber. „Er findet immer irgend etwas! Mal war eine Sigille nicht akkurat genug gezeichnet, dann war eine Betonung falsch oder ich habe die komplizierte rituelle Reihenfolge nicht haargenau beachtet. Ich glaube, er hasst mich einfach!“ „Das ist doch Unsinn!“ Fiondil schüttelte energisch den Kopf. „Er ist eben einfach ein sehr pedantischer Mensch und immerhin handelt es sich auch um eine gefährliche Kunst. Fehler können einen Haufen Schaden anrichten. Außerdem, wie sollte denn dich jemand hassen?“ Seine letzten Worte waren ihm so herausgerutscht und er fügte rasch hinzu: „Naja gut, außer Mirilos vielleicht!“ Daraufhin hatte Evenila lachen müssen.

Aus Monaten wurden Jahre und Evenila fühlte sich inzwischen in Minas Tirith fast wie zu Hause. Zwar vermisste sie ihren Vater sehr, hatte aber inzwischen zahlreiche Freunde und Bekannte gefunden. Einmal im Monat schrieb Evenila nach Hause und gab den Brief gegen ein paar Silbertaler einer Karawane oder einem Botenreiter mit. Manchmal nahmen Reisende den Brief auch aus reiner Gefälligkeit mit. Branwold beantwortete die Briefe seiner Tochter in den gleichen zeitlichen
Abständen. Die Lehrer im Haus der Weisheit waren mit ihren Leistungen zufrieden, einmal abgesehen von Großmeister Calandur.

Aber, wie schon ein altes Sprichwort aus dem Thalland besagt: "Das Schicksal kommt, wenn´s keiner merkt!" Und so kam es.



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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Montag 26. August 2019, 22:56

Fortsetzung


Wie alles anders wurde

Es begann damit, dass Evenila über mehrere Monate hinweg keinen Brief mehr von ihrem Vater erhalten hatte, obwohl sie im weiterhin regelmäßig schrieb. Während der Unterrichtsstunden war sie halbwegs abgelenkt und beschäftigt, anschließend jedoch war sie zunehmend von Sorge erfüllt. Die Frage nach dem Grund für die ausbleibenden Nachrichten kreiste beständig in ihren Gesanken. Zwar bemühte sie sich, rational zu denken und sagte sich, dass er vielleicht einfach sehr beschäftigt oder auf Reisen war. Es wollte jedoch nicht wirklich helfen. Ihren Freunden gegenüber verhielt sie sich so wie immer und behielt ihre Ängste für sich. Fiondil, der sie von allen am besten kannte, konnte sie jedoch nicht lange etwas vormachen. „Ich beobachte nun schon geraume Zeit, dass dich etwas bedrückt. Da du bisher von selbst nichts gesagt hast, vermute ich, dass du nicht darüber reden möchtest. Aber als dein Freund mache ich mir Sorgen und kann deshalb nicht mehr länger den Mund halten!“ sprach er sie an. „Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst!“
Evenila hatte zunächst antworten wollen, dass alles in bester Ordnung sei, es sich dann aber anders überlegt und geseufzt: „Ach, weißt du, vielleicht ist auch gar nichts. Aber… bisher beantwortete mein Vater alle meine Briefe. Zwar kamen natürlich manche ein - zwei Wochen verspätet an. Aber jetzt ist schon seit drei Monaten kein Brief von ihm hier eingetroffen. Ich habe überlegt, ob vielleicht aus irgendwelchen Gründen die große Nord-Süd-Straße derzeit unpassierbar sein könnte, aber Reisende kommen ja auch durch. Das kann es also nicht sein.“ Sie blickte Fiondil an. „Aber vielleicht hat er einfach eine längere Handelsreise angetreten oder hat momentan so viel Arbeit, dass er nicht zum Schreiben kommt.“
„Hm, natürlich bereitet dir diese Ungewissheit Sorgen. Aber bestimmt hast du recht und er ist wirklich nur verreist oder schwer beschäftigt“, versuchte ihr Freund sie zu beruhigen. "Es muss ja nicht gleich etwas Schlimmes passiert sein. Warte noch ein bisschen ab!" Insgeheim jedoch verspürte Fiondil ein ungutes Gefühl in der Magengegend.

Branwold Thureson befand sich - wie sich bald herausstellen sollte - nicht auf einer Handelsreise.

Eine Woche später, am Nachmittag des achten Ivanneth (September) im Jahr 3012 D.Z - also knapp vier Jahre, nachdem Evenila in Minas Tirith zu studieren begonnen hatte – erreichte mit einer Reisegruppe aus Thal ein Brief die Stadt und wurde in der Tham en-Haelas abgegeben. Der Haushofmeister überreichte ihn Evenila nach dem Unterricht. Als sie das Siegel ihres Vaters erkannte, entfuhr ihr ein leiser Aufschrei. In Windeseile entrollte sie das beschriebene Papier, überflog es und wurde einen Augenblick später so weiß wie ein frisch gewaschenes Bettlaken.
Fiondil war gerade bei ihr, sie hatten sich eigentlich ein Theaterstück ansehen wollen. „M-mein Vater...“, stammelte sie, „Es geht ihm sehr schlecht!“ Sie reichte Fiondil mit zitternder Hand das Schriftstück. „Der Brief ist von Frohwin, unserem alten Hausdiener. Er schreibt, dass… dass mein Vater seit Wochen durch eine seltsame Krankheit ans Bett gefesselt ist und… und dass einfach keine dauerhafte Besserung eintreten will! K-kein Heiler in Thal kann feststellen, was er hat, geschweige denn ihm helfen.“ Sie schluchzte. „Frohwin schreibt, dass ich so schnell wie möglich den Weg nach Hause antreten soll, weil er das Schlimmste befürchtet!“ Fiondil las den Brief ebenfalls und schaute anschließend tief betroffen drein. Als Evenila zu weinen begann, hatte er sie in die Arme genommen und zu trösten versucht. „Ich helfe dir dabei, eine Reisegesellschaft Richtung Norden zu finden. Komm, wir suchen am besten gleich die Herbergen im Ersten Ring und den Torhof auf und hören uns um!“ Sie liefen los.

Die Sache gestaltete sich allerdings schwierig, denn ein Unglück kommt ja bekanntlich selten allein und daher wollte ausgerechnet jetzt auf absehbare Zeit niemand nach Norden aufbrechen. Evenila wurde immer unruhiger und verzweifelter, sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr auf ihr Studium konzentrieren. Als ihre Lehrmeister den Grund dafür erfahren hatten, reagierten sie jedoch mit Sorge und Verständnis. Sogar der alte, gestrenge Großmeister Calandur sprach ihr sein Mitgefühl aus und zeigte sich plötzlich von einer regelrecht freundlichen Seite.
Evenila verbrachte jeden Tag Stunden damit, fremde Leute zu fragen, ob sie vielleicht jemanden kannten, der nach Thal oder zum Erebor wollte. Auch Fiondil hatte sich elend gefühlt. Er überlegte, ob er ein paar Söldner anwerben und ihr dann anbieten sollte, gemeinsam mit ihr zu reisen. Evenila wiederum dachte insgeheim bereits ernsthaft darüber nach, die Gefahren des weiten Weges allein auf sich zu nehmen und einfach loszuziehen.

Dann standen jedoch eines Tages zwei Zwerge vor dem Portal der Tham en-Haelas und hatten verlangt, Evenila zu sprechen. Als man sie herbeigeholt hatte, verbeugten sich die Zwerge höflich vor ihr. „Jolfur und Svalfur Ulfarrson, zu Euren Diensten!“ „Evenila Branwoldsdotor, zu Euren Diensten und zu Diensten Eurer ganzen Familie“, hatte Evenila den Gruß der Sitte entsprechend beantwortet. Die Zwerge hatten daraufhin das ihrem Volk eigene Lächeln gezeigt, welches gemeinhin für freundliche Fremde reserviert ist. Was bedeutete, dass sie die Mundwinkel minimal und kaum merklich nach oben bewegten.

„Wir kennen Euren Vater recht gut“, hatte Jolfur gesagt, „Wir haben über mehrere Jahre hinweg Gerste, eingesalzenes Schweinefleisch und Gewürze über ihn bezogen. Immer beste Qualität! Daher möchten wir Euch als seiner Tochter unsere Hilfe anbieten. Ihr könnt mit uns reisen, wenn Ihr dies wünscht. Wir brechen übermorgen gen Erebor auf!“ Dieses Angebot hatte auf Evenila gewirkt, als wenn der Himmel selbst es geschickt hätte und sie sagte ohne zu zögern sofort zu.
Als Fiondil etwas später vor ihrer Kammer stand, war sie bereits dabei, Kleidung, Ausrüstung, Proviant, zwei Dolche und Bücher einzupacken. „Du hast ein Angebot zur Mitreise erhalten, wie ich hörte?“, fragte er. Seine Stimme klang sehr traurig. Evenila nickte. „Ja, ich darf bei einer Gruppe aus insgesamt fünfzehn Zwergen mitkommen. Die Abende am Lagerfeuer werden zwar nicht sonderlich unterhaltsam sein, aber das kann man wohl aushalten!“ Sie grinste schief.

Pünktlich zur vereinbarten Zeit war sie zwei Tage später mit ihrem Pony und Gepäck auf dem Torhof erschienen. Die Zwerge standen marschbereit am Stadttor. Fiondil begleitete Evenila dorthin, er war blaß und fühlte sich innerlich hundeelend. „Dann ist es jetzt also soweit“, sagte er heiser. Er schluckte. Evenila nickte, ihr traten die Tränen in die Augen. „Ich werde dich sehr vermissen, mein Freund!“ sagte sie leise. „Ich habe dir so unglaublich viel zu verdanken. Wenn du nicht gewesen wärst, dann hätte sich mein Wunschtraum vom Studium binnen kürzester Zeit in Luft aufgelöst. Leute wie du sind dünn gesät auf der Welt!“ Fiondil bemühte sich um ein Lächeln. „Du warst aber auch eine fleißige und wissbegierige Schülerin. Heutzutage könnte man glauben, du hättest schon immer hier in Minas Tirith gelebt. Ah, wo wir gerade dabei sind… ich habe ein Geschenk für dich!“ Er lächelte schwach, in seinen Augen glänzten ebenfalls Tränen. Dann überreichte er Evenila einen großen Stoffbeutel, den er in einer Umhängetasche mitgebracht hatte.
Sie öffnete den Beutel neugierig und kurz darauf entfuhr ihr ein Ausruf der Überraschung, als sie ein meerblaues, über und über mit silbernen Blütenranken besticktes Seidenkleid hervorzog. „Fiondil, du bist ja verrückt!“ hauchte sie. „Das muss ja ein Vermögen gekostet haben!“ Verzückt strich sie mit der Hand über den glatten, schimmernden Stoff.
Fiondil schüttelte den Kopf und hob die Hand in einer Geste, die besagte, dass jegliche Äußerungen zu den Kosten des Geschenks unerwünscht waren. „Denk´einfach an mich, wenn du es ansiehst oder trägst! Das ist alles, was ich mir wünsche!“ Sie nickte langsam, beugte sich dann vor und küsste ihn auf die Wange. Dann umarmten sie sich lange zum Abschied. Als sie ihn losließ, küsste er sie jedoch im Gegenzug rasch auf die Lippen und flüsterte „Leb wohl, Evenila Brandwoldsdotor. Vielleicht möchtest du mir ja aus Thal schreiben. Oder vielleicht, wenn mir die Valar gnädig sind, kehrst du ja auch irgendwann wieder hierher zurück, wer weiß. Auf jeden Fall bitte ich dich, Fiondil Vëanturion nicht zu vergessen!“
Evenila verspürte einen dicken Kloß im Hals. Die Zwerge bedeuteten ihr, dass sie nun aufbrechen wollten und sie zog sich rasch in den Sattel ihres Ponys. Als die kurz darauf alle durchs Tor ritten, drehte sich Evenila um und winkte Fiondil zu, der verloren im Hof stand. Sie winkte noch, als sie seine Gestalt schon nicht mehr sehen konnte. In der Zwischenzeit dämmerte ihr, dass ihr bester Freund offenbar all die Jahre heimlich in sie verliebt gewesen war.
Bei diesen Gedanken krampfte sich ihr Magen zusammen und sie hätte am liebsten laut losgeheult. Sie befürchtete jedoch, ihren zwergischen Reisegefährten damit auf die Nerven zu gehen und riss sich mit aller Kraft zusammen.


Die Reise gen Norden verlief ruhig und ohne große Zwischenfälle. Die Zwerge waren, wie schon befürchtet, nicht unbedingt die besten Unterhalter. Die meisten Gespräche am Lagerfeuer drehten sich um die Erschließung neuer Stollen, um die Erträge dieser und jener Mine, um das Schleifen von Schmucksteinen, um Familienangelegenheiten und um Geschäfte. Evenila lauschte dennoch aufmerksam den Erzählungen und stellte höfliche Fragen dazu. Die beiden Brüder Jolfur und Svalfur behandelten sie sehr zuvorkommend und wenn die Zwerge am Lagerfeuer einen Braten oder einen Eintopf mit Pökelfleisch zubereitet hatten, boten sie ihr stets reichlich davon an.
Sie kamen gut voran und schon nach einem Monat konnten sie in der Ferne von einer Anhöhe herab den Glockenturm und die Stadtmauer von Thal erkennen. An diesem Tag war es kalt und regnerisch gewesen. Rauch aus einer Vielzahl von Schornsteinen lag wie Nebel über den Dächern der Stadt und wollte bei dem trüben Wetter nur langsam abziehen. Evenila konnte bei dem Anblick ihrer Heimatstadt jedoch keinerlei Freude oder Erleichterung empfinden, vielmehr packte sie eine eisige Furcht in der Magengegend. Was würde sie zu Hause erwarten?

Am Tor angekommen, dankte sie Jolfur und Svalfur und verabschiedete sich von ihnen, so rasch, wie es die Höflichkeit noch gestattete. Dann lenkte sie ihr Pony so schnell es ging, ohne jemanden über den Haufen zu reiten, durch die Straßen und Gassen von Thal. Das Klappern der Hufeisen auf dem Kopfsteinpflaster wurde zwischen den engstehenden Häuserreihen verstärkt und hallte ihr laut in den Ohren. Nach einer letzten Biegung um die Ecke eines Stallgebäudes stand sie vor ihrem Haus, einem großen Anwesen, das aus Natursteinen gemauert war. Die blauen Fensterläden und Blumenkästen mit Astern und Heidekraut verliehen ihm ein einladendes Aussehen. Evenila sprang vom Pony und klopfte hastig an die schwere Eichenholztür. Nichts geschah. Sie klopfte noch einmal, diesmal lauter und nachdrücklicher. Daraufhin ertönte von der anderen Seite das Geräusch eines Riegels, der zurückgeschoben wird und die Tür öffnete sich.

Evenila sah in das Gesicht ihrer Stiefmutter Hildruna. Die Frau blickte höchst erstaunt drein, fast, als wenn sie einen Geist gesehen hätte. sie fing sich jedoch nach einigen Augenblicken wieder und lächelte dünn, ohne jegliche Freundlichkeit im Blick. „Nein, so eine Überraschung! Sei gegrüßt, meine liebe Stieftochter! Woher wusstest du... ach was, egal, es ist einerlei!“ Sie machte eine wegwerfende Geste. „Was soll ich denn groß herumreden – du kommst zu spät!“


--Fortsetzung folgt
"Das Glück ist kein leichtes Ding.
Nur sehr schwer finden wir es in uns und anderswo gar nicht."


"So, könnt ihr alle noch schnaufen? Ich will ja nicht schuld sein,
wenn jemand während des Tanzens erstickt!"

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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Donnerstag 29. August 2019, 19:50

Fortsetzung


Die Heimkehr, die keine war


Evenila hatte ihre Stiefmutter mit aufgerissenen Augen angestarrt und gefühlt, wie ihr Mund schlagartig so trocken wurde, als wenn sie Baumwolle gegessen hätte. „Was meinst du mit ‚du kommst zu spät‘?“ krächzte sie mühsam, obwohl sie die Antwort auf diese Frage bereits kannte.
Hildruna setzte eine bekümmerte Miene auf und teilte Evenila mit: „Ich meine damit, dass dein Vater verstorben ist. Vor zwei Wochen ist er in der Nacht vom Trewesdei auf den Hevenesdei nach langer Krankheit entschlafen. Er wurde drei Tage im Haus aufgebahrt, wie es Sitte ist und dann wurde er auf dem Friedhof im Grab seiner ersten Frau mit beigesetzt. Das war sein ausdrücklicher Wunsch!“ Nach diesen Worten zog Hildruna ein hellblaues Tüchlein aus einer Tasche an ihrer Schürze und tupfte sich damit kurz die Augenwinkel. Es wollte ihr jedoch nicht so recht gelingen, das Bild einer von Trauer niedergedrückten Witwe zu erzeugen.

Evenila hatte offensichtlich so ausgesehen, als wenn sie jeden Moment mitten auf der Straße einfach umkippen würde. Vermutlich wollte Hildruna vor den Nachbarn, die bereits neugierig zwischen den Vorhängen hindurch spähten, nicht ins Gerede geraten und forderte ihre Stieftochter daher rasch auf, ins Haus zu kommen. Sie bugsierte Evenila zu einem Stuhl neben der Tür, füllte in der Wohnstube einen Holzbecher mit ein paar Schluck Apfelschnaps und drückte ihn dem Mädchen in die Hand. Evenila hatte glasig auf den Becher gestarrt, als sähe sie so etwas zum ersten Mal in ihrem Leben, hob ihn dann jedoch an die Lippen und kippte den Inhalt mit einem Mal hinunter. Ihr Gesicht war kalkweiß, ihre Hände fühlten sich eiskalt an und sie rang nach Luft, als wenn ihr jemand den Hals abschnüren würde. Sie wollte weinen, konnte aber nicht.

Hildruna hatte sie recht teilnahmslos beobachtet und abgewartet, bis ihre Stieftochter wieder halbwegs ansprechbar schien. „Nun, in diesem Zustand kann ich dich ja unmöglich draußen umherlaufen lassen“, verkündete sie in großmütigem Ton, „Daher kannst du erst einmal hierbleiben, bis du dich etwas gefangen hast.“ Evenilas Blick war leer, als sie wiederholte. „Erst einmal hierbleiben? Und dann? Was…?“ Hildruna zog herablassend die Augenbrauen hoch. „Dann hängt es davon ab, ob du dich hier einfügen kannst. Branwold hat kein Testament hinterlassen, daher geht das Haus, das Warenlager und das gesamte Vermögen nach dem Erbrecht an die Ehefrau über – an mich! Aber, wenn du gewillt bist, für deinen Unterhalt ordentlich zu arbeiten, dann kannst du von mir aus auch hier wohnen bleiben. Allerdings…“, sie hob einen Zeigefinger, „ …Nicht hier im Haupthaus, sondern drüben im Gesindetrakt. Wir beide sind ja schließlich weder verwandt noch verschwägert und ich schulde dir nichts!“ Sie nickte kühl.

Evenila hatte das Gefühl, als wenn ihr mit einem Mal der Boden unter den Füßen weggezogen würde und sich darunter eine gähnende, schwarze Leere auftat. „Mein Elternhaus und alles, was dazugehört, ist jetzt also DEIN Eigentum? Und welche Art von Arbeit hast du mir dabei so zugedacht?“ fragte sie tonlos. „‘Ihr‘, bitte! Wir sind, wie gesagt, nicht verwandt, ich bin die neue Hausherrin und mir steht zudem der Respekt vor der Älteren zu – also sprichst du mich ab sofort mit ‚Ihr‘ an, Mädel!“ schnarrte Hildruna. „Nun, um deine Frage zu beantworten, eben die üblichen Magdarbeiten, die in einem Haus so anfallen – Wasser holen, Asche kehren, Wäsche waschen, putzen, in der Küche aushelfen und das Geschirr aufwaschen. Mildreth hat nämlich vor wenigen Tagen gekündigt, diese untreue Schnepfe!“
Evenila starrte ihre Stiefmutter mit geröteten Augen voller Unglauben an. Sie wollte schreien, diese Frau, die eine Art verkleideter Dämon sein musste, an den Schultern packen und schütteln. Stattdessen schwieg sie, mit versteinerter Miene. Sie erhob sich, stellte den leeren Becher auf den Stuhl und sagte seltsam beherrscht, mit eisiger Stimme: „Vielen Dank für dein großzügiges und warmherziges Angebot, aber ich glaube, ich möchte es nicht annehmen! Ich werde jetzt in meine ehemalige Stube gehen und dort meine Decken, meine Kleidungsstücke und ein-zwei andere Gegenstände herausholen. Die alte Laute meines Vaters werde ich ebenfalls mitnehmen, als Andenken!“ Hildruna hatte den Mund geöffnet und offenbar schon widersprechen wollen, sich dann aber anders besonnen und genickt.

Evenila marschierte treppauf nach oben, suchte ein paar Dinge zusammen und schnürte sie mithilfe von zwei Decken zu einem tragbaren Bündel. Hildruna beobachte aus dem Hintergrund, offenbar wollte sie sichergehen, dass keine Wertgegenstände verschwanden. Nichtsdestotrotz hatte Evenila heimlich einen Ring und eine dazu passende, silberne Halskette mit kleinen Saphiren eingesteckt, die Branwold ihr zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt hatte, sowie eine Brosche ihrer verstorbenen Mutter. Sie griff das Bündel und ging nach unten, würdigte den Dämon im Kleidchen dabei keines weiteren Blickes mehr. An der Haustür jedoch hielt Evenila kurz inne und sprach, ohne sich umzudrehen: „Möge dir der Himmel das zuteil werden lassen, was du verdienst, Hildruna! Mögest du kein Glück in diesem Haus finden und im Alter deine restlichen Tage einsam und allein hier verbringen, auf dass dir jeder einzelne wie ein Jahr erscheint!“ Dann trat sie nach draußen und schlug die Tür hinter sich zu.
Anschließend hatte sie erst einige Male tief durchatmen müssen, da ihre Hände und Knie zitterten und sich die Nachbarhäuser um sie herum im Kreis zu drehen schienen. Dann lud sie das Bündel auf den Rücken ihres Ponys und befestigte es an den Satteltaschen. Leise sprach sie zu dem Tier, dass sie sanft schnaubend mit der Nase anstupste: „Was sagst du nun, Hwītmanu, jetzt sind wir auf uns allein gestellt, wir beide! Ist das zu glauben? Und jetzt?“ Sie stand immer noch wie unter Schock. Plötzlich gewahrte sie den alten Frohwin, der ihr von der Tür des Gesinde-Anbaus her heftig zuwinkte.

Als Evenila sich näherte, sah er sich hastig um und schob sie schnell um die Ecke in ein Gärtchen, wo sie zwischen Johannisbeersträuchern, Hecken und einem Taubenschlag nicht entdeckt werden konnten. Er sah furchtbar aus, als wenn er nicht um vier Jahre gealtert wäre, seitdem sie ihn zuletzt gesehen hatte, sondern um vierzehn. Tiefe, dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab, sein Haar war nicht mehr grau, sondern weiß und er schien lange geweint zu haben.

„Es tut mir so leid, Kind! So unglaublich leid“, begann er , „Wer hätte ahnen können, wie bösartig und skrupellos diese Frau in Wahrheit ist. Als ich dir den Brief sendete, war es eigentlich schon zu spät. Und wir können nichts beweisen. Gar nichts!“ Der Hausdiener schüttelte verzweifelt den Kopf. „Was willst du damit sagen? Heraus mit der Sprache! Aber der Reihe nach, bitte, Frohwin!“ Evenila fasste den alten Mann am Oberarm und hielt ihn fest.
„Der Herr… nachdem du ein paar Jahre weg warst… die Ehe mit diesem Drachen nahm einen unglücklichen Verlauf“, berichtete Frohwin stockend. „Sie und dein Vater, sie stritten ständig, unter anderem wegen ihres missratenen Sohnes - ein Höhlentroll soll diesen elendigen Tagedieb fressen! Außerdem warf sie für allen möglichen Tand Geld zum Fenster hinaus. Dein Vater… dachte zuletzt ernsthaft darüber nach, sich scheiden zu lassen und sie zurück zu ihren Verwandten zu schicken. Er erzählte es mir im Vertrauen, aber ich bin mir sicher, sie wusste oder ahnte es auch! Und dann… dann wurde dein Vater plötzlich krank!“
Evenilas Gesicht verzerrte sich vor Entsetzten. „Du meinst….?“ Der alte Mann nickte niedergeschlagen. „Ja. Genau das. Ihr Sohn hat Kontakte zu zwielichtigem Gesindel drunten in Seestadt und wir, also, ich und die anderen Bediensteten, glauben, dass der Drachen sich irgendein heimtückisches, langsam wirkendes Gift von ihm beschaffen ließ. Dessen Wirkung wie eine schwere Krankheit erschien. Dein Vater hat sich sein ganzes Leben lang immer bester Gesundheit erfreut!“
Evenila nickte matt. „Er hat dir vom Krankenlager Briefe geschrieben und darin auch von seinem Zustand berichtet, bat dich aber, dir nicht allzu viele Sorgen zu machen, da er annahm, dass er bald wieder genesen würde. Sie… der Drachen, hat dafür gesorgt, dass diese Briefe nie verschickt wurden. Zuletzt habe ich dir heimlich geschrieben, als es ihm immer schlechter ging und habe den Brief einem Händler mitgegeben. Ich habe so gehofft, dass du es rechtzeitig nach Hause schaffst…“ Frohwins Stimme brach und er benötigte einen Moment, bevor er weitersprechen konnte. „Es gab natürlich ein Testament, aber sofort, nachdem dein Vater die Augen für immer geschlossen hatte, drehte sie im Haus das Unterste nach oben, bis sie es gefunden hatte. Und dann verbrannte sie das Testament im Kamin… Mildreth hat es heimlich beobachtet. Aber sie wagt nicht, es beim König vorzubringen, weil sie Angst vor dem reizenden „Rolfilein“ hat! Außerdem gibt es außer ihrem Wort nichts, was das bezeugen könnte.“

Evenila hatte sich abgewandt und ihr Gesicht in den Händen verborgen. Eine ganze Weile stand sie so da, dann straffte sie sich mühsam stellte sie fest: „Tja, da lässt sich momentan nichts dagegen tun, wie´s scheint. Was könnte ich gegen solche Durchtriebenheit und Ruchlosigkeit ausrichten, Frohwin? Gewiss hätten die beiden kein Problem damit, mich auch noch um die Ecke zu schaffen. Ich… ich suche jetzt als Erstes das Grab meines Vaters auf und danach irgendwann mache ich mir Gedanken darüber, was ich jetzt tun will!“ Der alte Hausdiener nickte betrübt und drückte ihr dann einen kleinen, abgegriffen aussehenden Lederbeutel in die Hand „Hier, Kind, bitte nimm das! Bestimmt kannst du es brauchen. Es ist nicht viel, aber wir haben gesammelt und wünschen uns, dass du es annimmst!“ Evenila dankte ihm, steckte den Beutel ein und ging zur Straße zurück, wo immer noch geduldig ihr Pony Hwītmanu stand. Sie griff nach den Zügeln und führte das Tier hinter sich her zum Friedhof, wo sie es am Tor festband und dann nach dem Grab ihres Vaters suchte.

Als sie es gefunden hatte, brach sie davor zusammen und ließ endlich ihren Tränen freien Lauf. Sie hatte geweint, bis sie nicht mehr konnte und allmählich die Abenddämmerung hereinbrach. Dann erhob sie sich auf wackeligen Beinen und beschloss, sich für heute Nacht ein Zimmer in einer Herberge zu nehmen. Auf dem Weg wusch sie sich an einem Springbrunnen das Gesicht mit eiskaltem Wasser ab, bis sie den Eindruck hatte, wieder halbwegs normal auszusehen.
Ihr Kopf hatte sich angefühlt wie mit Watte gefüllt und sie musste sich zusammenreißen, um ihre Gedanken zu fokussieren. „Ich muss mir eine Arbeit suchen, um an Geld zu kommen“, stellte sie für sich fest. „Und ich kann einfach nicht hier in Thal bleiben. Ich kann nicht! Nicht, solange DIE BEIDEN hier in meinem Haus herumlungern und ich ihnen womöglich in der Stadt noch über den Weg laufe! Das ertrage ich nicht! Nein, ich werde morgen runter nach Esgaroth reiten und mich dort umsehen. Vielleicht können der Meister oder die Stadträte noch Gehilfen brauchen oder so“.


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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Montag 2. September 2019, 10:36

Fortsetzung


Glück im Unglück und ein unerfreuliches Wiedersehen

Also hatte Evenila gleich am nächsten Morgen ihre wenigen Habseligkeiten zusammengepackt und war gen Esgaroth aufgebrochen. Ein böiger Wind hatte von Nordosten her geweht und leichten Nieselregen aus den Bergen mit sich gebracht. Die Bergspitzen waren in dichte, tiefhängende Wolken gehüllt. Es war ziemlich kalt gewesen und nach einigen Stunden hatte die Feuchtigkeit ihren Wollumhang durchdrungen. Kurzum, der mehrstündige Ritt nach Seestadt hinunter war alles andere als angenehm gewesen. Außer ihr war kaum jemand auf der Straße unterwegs. In Esgaroth angekommen hatte sich der Tag dann zunächst genau so weiterentwickelt, wie er sich bereits optisch dargeboten hatte – einfach scheußlich!

Evenila hatte ihr Pony in einem Verschlag in einem günstigen Mietstall untergebracht und dann über den lang gezogenen, breiten Zugangssteg die auf Pfählen errichtete Stadt über dem See betreten. Fast den gesamten Tag war sie anschließend zwischen den Holzhäusern umhergeirrt und hatte die Anwesen der Stadträte abgeklappert, um dort vorzusprechen. Bei zwei davon musste sie auch mehrere Stunden abwarten, bis die Herren gewillt waren, sie zu empfangen, da sie vorher unabkömmlich waren, beziehungsweise ein Nickerchen gemacht hatten.

Die Auskünfte waren jedoch überall die gleiche gewesen: „Oh, es tut mir schrecklich leid, aber ich brauche derzeit keinen weiteren Schreiber!“, „Oh, ich bin untröstlich, aber ich habe momentan schon genügend Angestellte im Kontor!“, „Oh, ich kannte Euren Vater, wie furchtbar! Leider kann ich Euch aber im Moment nicht weiterhelfen...“, und so weiter und so weiter.
Sie fühlte sich zunehmend niedergeschlagener. Zur Mittagszeit wandelte sich der Nieselregen zu einem kräftigen Schauer und sie flüchtete daher in eine kleine Schänke. Da der Wirt sie jedoch dazu aufforderte, den Gastraum wieder zu verlassen, wenn sie nichts essen oder trinken wollte, bestellte sie notgedrungen ein Bier und gegrillte Forelle mit Butter und Kräutern. Als Beilage stellte ihr der Wirt ein Körbchen mit dick geschnittenen Roggenbrotscheiben auf den Tisch. Das Essen war nichts Besonderes, aber zumindest warm, füllte ihren Magen und ihre Gedanken zumindest wieder mit etwas Zuversicht.

Durch die Bohlen des Fußbodens drang das leise klatschende Geräusch der Wellen herein, die weiter unten gegen die Holzpfeiler schwappten. Von den Wänden her glotzen sie große, ausgestopfte Fische an, die auf Holzscheiben festgenagelt worden waren. Offenbar war der Wirt ein passionierter und auch nach Bestätigung heischender Angler. Von der Decke herab baumelte ein einfacher, runder Kronleuchter aus Eisen, dessen brennende Kerzen den Raum in ein schummriges Licht tauchten. Der Wirt hatte des Regens und des kaltem Windes wegen die Fensterläden geschlossen, denn die Fenster waren unverglast.

Der Regen hatte glücklicherweise bald wieder abgenommen und so setzte sie ihren Rundgang fort, bis zuletzt klar war, dass keiner der Stadträte und auch nicht der Meister von Seestadt sie derzeit einstellen konnten oder wollten!
Sie stand auf einer der geschwungenen Brücken, die die einzelnen Stadtviertel miteinander verbanden und starrte in das milchig türkisfarbene Wasser darunter. Allmählich bekam sie es mit der Angst. Was sollte sie nur tun, wenn sie keine Anstellung fand? Betteln schied aus, genauso wie am Ende noch ihren Körper zu verkaufen! Angeekelt schüttelte sie den Kopf. Nein! Bevor es so weit kam, würde sie versuchen, irgendwie wieder nach Minas Tirith zurückzugelangen. Auch wenn sie derzeit nicht mehr das Geld hatte, einen Platz in einer Handels- oder Reisekarawane zu bezahlen. Vielleicht hatte sie ja Glück und fand noch einmal eine solche Gruppe wie die Zwerge, mit denen sie nach Thal hatte zurückreisen dürfen?

Die Abenddämmerung setzte allmählich ein. Evenila warf einen Blick zum bleigrauen Himmel hinauf und stellte fest, dass sie bei diesem Wetter unmöglich draußen schlafen konnte. Zumindest nicht, wenn sie sich keine saftige Erkältung einfangen wollte. Was bedeutete, dass sie sich in einer Herberge oder einem Gasthaus ein Bett mieten musste. Sie seufzte.
Der erste Einheimische, den sie nach einem sauberen und anständigen Gasthaus befragte, verwies sie an das „ Zum vollen Fass“. Von außen war ihr das Haus eher unscheinbar und etwas ungepflegt erschienen, von innen machte die Gaststube der besagten Wirtschaft zum Glück jedoch einen recht gemütlichen Eindruck. An den Wänden hingen im Abstand von jeweils ein paar Schritt reihum Laternen von Wandhalterungen und auf den Tischen standen zusätzlich kleine Bienenwachskerzen in Schälchen aus bunter Keramik. Die Wirtin hatte ein paar einfache Wandteppiche aufgehängt, die Seestadt, den Erebor und Blumenwiesen zeigten. Auf einem Regal hinter der Theke stand ein Sammelsurium aus hübsch bemalten Krügen und Bechern.
Den ausgestopften Biber, der von einer grob gezimmerten Kommode vorwurfsvoll zur Wirtshaustür hinübersah, ordnete Evenila in die Sparte „Geschmacksache“ ein. Irgend ein Scherzbold hatte dem Biber ein blauweiß kariertes Halstuch aus Flanell umgebunden, wie es die meisten Fischer in Seestadt trugen.

Evenila war bisher der einzige Gast, setzte sich an einen Tisch in der Ecke links der Tür und bestellte Tee und Erbsbrei mit Speck. Die Tagesgerichte waren auf einer Schiefertafel an der Wand angeschrieben. Die Wirtin brachte Essen und Getränke selbst, mit unverhohlener Neugier im Blick. „Ihr seid aber nicht aus Seestadt, das erkenn´ich doch gleich! Hier hat man doch jedes Gesicht schon einmal gesehen. Woher kommt Ihr denn?“ Offenbar war die Wirtin in aufgeräumter Stimmung und zu einem Plausch aufgelegt.
Evenila hatte zuerst gezögert, dann aber erwidert: „Eigentlich aus Thal, aber andererseits auch wieder nicht. Das ist eine sehr lange und leider auch traurige Geschichte!“ „Herrjemineh! Sagt einmal, seid Ihr das Mädel - ähem, verzeiht - das hübsche Fräulein, das seit heute früh in der Stadt herumwandert und nach Arbeit fragt? Meine Gemüsehändlerin, die alte Winifred - eine Klatschtante ist sie, bei allen Wassernixen, es gibt nichts, was sie nicht mitbekommt - naja wie dem auch sei, die hat mir heute Mittag die neuesten Begebenheiten erzählt und…“, sie hielt inne. „Entschuldigt, das muss ich ja jetzt nicht alles so wiedergeben, aber, seid Ihr etwa dieses Fräulein?“
Evenila war von dem übersprudelnden und langen Redeschwall der Wirtin kurzzeitig überfodert gewesen, hatte dann aber bestätigend genickt.

„Hab´ich´s mir doch gleich gedacht!“ hatte die Wirtin daraufhin selbstzufrieden geäußert. „Und? Also, ich will Euch natürlich nicht zu nahe treten, aber, war Eure Suche denn von Erfolg gekrönt?“ Evenila hatte nur knapp den Kopf geschüttelt.
Die Wirtin legte ihre Stirn in Kummerfalten. „Das überrascht mich leider nicht. Ja, die Zeiten könnten besser sein“, verlautbarte sie in mitleidigem Ton. „Momentan läuft es mit dem Handel nicht so recht, es kommen wenig Reisende und es gibt immer wieder Überfälle durch Räuberbanden. Die Fischer klagen auch, aus irgend einem bisher unbekannten Grund sind die Bestände zurückgegangen und sie fangen viel weniger als noch vor ein paar Monaten. Da habt ihr einen unglücklichen Zeitpunkt erwischt, Ihr Arme!“ Sie wischte mit einem Lappen ein paarmal schwungvoll über die Tischplatte und platzierte dann die Schale mit Erbsbrei und den Tee vor Evenila. Dann musterte sie das Mädchen schweigend eine ganze Zeitlang eingehend. Evenila begann sich bereits unbehaglich zu fühlen und wollte schon fragen, ob sie vielleicht einen Schmutzfleck im Gesicht hätte oder Ähnliches.

Da flötete die Wirtin jedoch bereits los: „Wisst Ihr, vielleicht kann ich Euch helfen! Ihr macht einen ordentlichen und aufgeweckten Eindruck. Und vor ein paar Wochen habe ich meine Schankmaid verloren, weil sie zu einer alten, pflegebedürftigen Verwandten nach Thal ziehen musste. Seitdem mache ich fast alles selbst – einkaufen, kochen, zapfen und bedienen. Nur zum Saubermachen kommt einmal am Tag der junge Aldwyn für ein paar Kupfermünzen rüber. Mein Mann, der elendige Ziegenbock, ist nämlich letztes Jahr mit einer Jüngeren auf und davon… von mir aus soll er ersaufen oder die Orks sollen ihn holen!“ Sie stemmte die Arme in die Hüften und sah Evenila erwartungsvoll an. „Ihr könntet als Schankmaid bei mir arbeiten, bis Ihr vielleicht etwas Besseres gefunden habt. Schlafen könnt Ihr hier, im Anbau ist eine kleine Kammer für Personal und es gibt außerdem freie Kost. Na, was sagt Ihr?“ Dieses Angebot war sehr überraschend gekommen. Evenila hatte blitzschnell darüber nachgedacht, das Für und Wider abgewogen und war zu dem Schluß gekommen, dass sie derzeit kaum eine andere Wahl hatte. Es würde ja nur für eine kurze Zeit sein, bis sie entweder eine andere Stelle fand oder sie das Geld für die Reise nach Minas Tirith zusammenhatte. Sie nickte zögernd. „Also gut, abgemacht!“ Die Wirtin hatte ihr die Hand hingehalten und sie schlug ein. „Famos! Dann willkommen im „Vollen Fass“! Ich bin übrigens die Ermintrude. Du kannst mich ruhig Trudy nennen. Ach ja, wir duzen uns hier. Wie ist dein Name?“ „Evenila heiße ich. Evenila Branwoldsdotor.“

Die ersten Tage hatte sie sich schwer getan. Sie musste viel hin und her rennen, da das Wirtshaus in den späteren Abendstunden immer gut besucht war. Ihr unterliefen ein paar Fehler, indem sie einzelnen Gästen die falschen Speisen oder Getränke brachte. Bei einem älteren Herrn hätte sie beinahe versehentlich zu viel abkassiert und einem jungen Mann kippte sie beim Abstellen eines vollen Humpens etwas Bier über die Hose. Er hatte es zum Glück mit Humor genommen. Allmählich lernte sie jedoch, den Überblick über den Gastraum zu behalten, kannte die Preise auswendig und wusste, in welchem der fünf Fässer und der verschiedenen Flaschen unter der Theke welches Getränk enthalten war. Die meisten Gäste gaben auch ein passables Trinkgeld. Alles, was sie an Geld bekam, sparte sie eisern.

Es lief eigentlich ganz gut, zumindest hatte sie eine – wenn auch sehr einfache – Bleibe und konnte etwas verdienen. Und nun stand hier in den Bergen ohnehin schon der Winter vor der Tür und da war nicht gut reisen.
Ein paar Monate gingen ins Land, der Winter kam und wich dann dem Frühling. Das Eis auf dem See war bereits geschmolzen, die Bäume zeigten die ersten Knospen, Scharbockskraut, Gundermann und Lerchensporn blühten. Vogelschwärme kehrten aus dem Süden zurück und erfüllten die Luft mit ihrem Gesang. Der Frühling - eigentlich eine herrliche Jahreszeit.
Dann jedoch war der Abend gekommen, an dem sich das Blatt wieder zum Schlechten gewendet hatte.

Zunächst hatte auch dieser Abend ganz normal begonnen, das Gasthaus füllte sich allmählich, Evenila zapfte Bier, trug Humpen und Schalen mit Essen zu den Tischen. Dann jedoch hatte ein seltsamer Kerl den Schankraum betreten, der ihr schon an der Tür aufgefallen war, weil er sich dort lange und suchend umgesehen hatte. Dann war er zu einem Tisch geschlendert, der rechts der Tür ganz an der Wand stand. Dort hatte er einen der Stühle gedreht und sich direkt mit dem Rücken zur Wand gesetzt, so dass er die Tür im Blick behalten konnte. Der Kerl war für einen Mann nicht sonderlich groß, sie schätzte ihn auf etwa einen halben Kopf kleiner als sie selbst, vierschrötig, blond und mit einer rötlichen Gesichtsfarbe. Er machte einen leicht schmuddeligen Eindruck, trotz seiner offenbar hochwertigen Kleidung und hatte das strähnig aussehende Haar zu einem Zopf geflochten. Evenila musterte ihn verstohlen, während sie einen Bierkrug füllte. Da sah der neue Gast auch schon zu ihr herüber und winkte sie herbei, sein breites Grinsen wirkte anzüglich. Der Kerl war Evenila zutiefst unsympathisch gewesen, dennoch war es ihr gelungen, ein geschäftsmäßig höfliches Lächeln aufzusetzen, während sie zu seinem Tisch marschierte. Sie setzte eben dazu an, zu fragen „Was darf´s denn sein, der Herr?“, als sie plötzlich wie vom Donner gerührt stehenblieb und das Lächeln schlagartig aus ihrem Gesicht schwand.
Ihr Magen krampfte sich zusammen und ihr wurde heiß. Sie spürte, wie die Wut, einfach nur kochende, lodernde Wut in ihr aufstieg. Herolf – Rolfilein! Sie starrte ihn an und bemerkte an der Art, wie sich sein Blick veränderte und auch ihm das Lächeln aus dem Gesicht fiel, dass er sie ebenfalls erkannt hatte.
Die Zeit schien einzufrieren, als sie sich schweigend gegenseitig mit Blicken durchbohrten. Die Geräusche im Gastraum traten in den Hintergrund und verstummten dann völlig. Nur noch das Pochen ihres Pulsschlags dröhnte Evenila laut in den Ohren. Eine Ewigkeit schien so zu vergehen. Dann hörte sie sich selbst sagen: „Ich glaube, es ist das Beste, wenn du jetzt gehst und zwar auf der Stelle! Du bekommt hier nichts zu trinken!“ Herolf hatte sie mit einem kalten Ausdruck angesehen und Hass glomm in seinen Augen. Dann verwandelte sich seine Miene in ein gehässiges, überhebliches Grinsen, das jedoch gezwungen wirkte. Er erhob sich vom Stuhl und fauchte „Na, sieh´mal einer an! Das würdest du nicht wagen, wenn du wüsstest...“, er brach ab und machte ein abfällige, wegwerfende Geste. „Sehr angenehm, Stiefschwesterchen, ich gehe! Aber sei dir gewiss - das war nicht unser letztes Treffen! Oh nein!“ Er warf ihr einen letzten Blick zu, der vermutlich ihre Beerdigung bedeutet hätte, wenn Blicke hätten töten können, wandte sich ab und stolzierte betont lässig zur Tür hinaus.

Evenila sah ihm nach, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte und atmete auf. Ihre Knie zitterten. Na großartig! Das war wirklich die allerletzte Person auf der Welt, der sie hatte begegnen wollen. Aber es half nichts, das musste jetzt erst einmal hinten angestellt werden, es wartete Arbeit auf sie. Sie riss sich zusammen und verschaffte sich einen raschen Überblick im Gastraum. Seltsamerweise schien niemand von ihrem Aufeinandertreffen groß Notiz genommen zu haben, die Gäste waren mit ihren Getränken oder dem Essen beschäftigt oder in Gespräche vertieft.
Trudy war in der Küche und hatte ebenfalls nichts mitbekommen. Evenila kehrte zur Theke zurück und fuhr damit fort, Humpen mit Bier zu füllen. Sie bemühte sich, ihre gesamte Aufmerksamkeit dieser Tätigkeit zu widmen, dennoch tauchte immer wieder Herolfs Gesicht vor ihrem geistigen Auge auf. Und vor allem der hasserfüllte Blick, den er ihr zugeworfen hatte!
Sie fragte sich, ob sie sich nicht lieber möglichst rasch aus dem Staub machen sollte, immerhin müssten die Straßen in den Süden nach der Schneeschmelze wieder passierbar sein.


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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Mittwoch 4. September 2019, 22:14

Fortsetzung


Eine schreckliche Nacht

Als an diesem Abend der letzte Gast das Wirtshaus verlassen und Evenila das meiste Geschirr aufgewaschen hatte, war sie nicht sofort zu Bett gegangen, sondern hatte damit begonnen, einen langen Brief an Fiondil zu schreiben. Sie kramte Papier, Tintenfäßchen und Schreibfeder hervor und brachte Zeile für Zeile zu Papier, was seit ihrer Heimkehr alles vorgefallen und wie es ihr ergangen war. Eigentlich, sinnierte sie, konnte man kaum von einer Heimkehr sprechen, denn wenn man es genau nahm, war sie ja nun in Thal nicht mehr zu Hause. Und um noch genauer zu sein, derzeit eigentlich nirgends. Evenila schalt sich selbst, dass sie ihrem besten Freund nicht schon viel zeitiger geschrieben hatte. Aber andererseits wäre der Brief in den Wintermonaten eventuell gar nicht über die Passstraßen gelangt, es hatte in diesem Jahr sehr viel geschneit.

Sie schrieb sich alles von der Seele, berichtete detailliert über die Ereignisse und wie sie sich dabei gefühlt hatte. Dies half ihr gleichzeitig dabei, die schrecklichen Momente zu verarbeiten und anschließend fühlte sie sich irgendwie befreiter. Als sie sich dann nach etlichen Stunden auf ihre Bettstatt legte, verfärbte sich der Himmel über den östlichen Bergketten bereits leicht rotviolett. Evenila schlief sofort tief und fest ein. Sie träumte.

Im Traum sah sie sich neben Fiondil durch die Straßen von Minas Tirith wandeln, sie aßen Blütenbrot, lachten und scherzten. Seltsamerweise war der Himmel in Evenilas Traum grünlich schwarz und riesige Sterne leuchteten darin, aber das schien ihr irgendwie normal. Sie spazierten gemeinsam zum „Durstigen Seher“, um dort einen fröhlichen Abend zu vollbringen. Als Evenila jedoch die Tür der Taverne öffnete, fand sie sich plötzlich in der Wohnstube ihres Elternhauses wieder. Dort saß Hildruna auf einem Stuhl, fixierte sie mit strafendem Blick und sagte: „Wo hast du dich die ganze Zeit herumgetrieben, du dumme Gans? Hier wartet ein ganzer Berg Arbeit auf dich!“ und deutete auf einen gewaltigen, wirren Haufen aus Wäsche, Geschirr, Abfällen und Brennholz. Voller Entsetzen wollte Evenila die Tür wieder schließen, aber diese war auf einmal wie festgefroren und bewegte sich um keinen einzigen Zoll. Da erhob sich die Hildruna in Evenilas Traum von ihrem Stuhl und schlich langsam, in einer lauernden und geduckten Haltung auf sie zu. Während sie näherkam, wurde ihr Gesicht allmählich zu einer grotesken Fratze mit wächserner, weißer Haut, vollständig pechschwarzen Augen wie glänzende Kohlen und einem riesigen, lipppen- und zahnlosen Mund, der, als sie ihn aufriss, einen schwarzen, ins Nichts führenden Schlund offenbarte. Evenila hatte laut aufgeschrieen.

Das Ungeheuer, dass vorher Hildruna gewesen war, blubberte mit dumpfer Stimme „Du kommst zu spät!“ und streckte ungelenk eine klauenartige Hand nach ihr aus. Da plötzlich trat jedoch Fiondil einen Schritt nach vorne, schlug mit einer entschlossenen Bewegung schwungvoll die Tür zu und drehte den Schlüssel im Schloss - woher auch immer er den gehabt haben mochte. Das Ungeheuer war fort. Er nahm Evenila, die panisch zitterte, in die Arme und nachdem sie sich wieder gefangen hatte, küsste er sie. Sie bekam als letztes noch mit, dass er ihr leise irgendetwas zuflüsterte, sie hatte es jedoch nicht verstehen können. Der letzte Satzfetzen klang wie „… Eine mit Herz und Verstand!“. Dann wachte sie auf. Und schreckte hoch!
Ermintrude stand im Nachthemd und mit einem Kerzenhalter in der Türe zu Evenilas Kammer. Schlaftrunken, jedoch mit Besorgnis in der Stimme fragte sie: „Bei allen Wassernixen, Mädchen! Du hast so laut geschrieen, dass ich vor Schreck fast aus dem Bett gefallen bin! Was ist dir?“ Evenila hatte sich daraufhin sehr geschämt, sie kam sich vor wie ein kleines Kind und bat die Wirtin um Verzeihung. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dich aufgeweckt habe, Trudy! Ich… ich habe etwas ganz furchtbar Gräßliches geträumt. Bitte entschuldige!“ Die Wirtin murmelte: „Ist schon gut. Beruhige dich, hier im Haus gibt es auf jeden Fall keine gräßlichen Dinge. Außer dem Biber vorn in der Gaststube vielleicht, aber der tut keinem was. Nun schlaf weiter!“ Mit diesen Worten machte sie kehrt und schlurfte davon, der Kerzenschein verschwand um die Ecke.

Evenila wunderte sich, da sie bisher angenommen hatte, dass Ermintrude den ausgestopften Biber mochte. Sie nahm sich noch vor, die Wirtin danach zu fragen, dann schlummerte sie wieder ein - diesmal aber blieb der Schlaf traumlos.

Am nächsten Morgen war sie sogleich mit ihrem Brief zum Haus des Herren von Seestadt marschiert. Dort machten in unregelmäßigen Abständen Boten der „Nordländer Windreiter“ Station und überbrachten Nachrichten und Schreiben oder nahmen welche mit. Sie hatte Glück. Ein Kurier schickte sich gerade an, ein Bündel Papier zusammenzurollen und in einer ledernen Umhängetasche zu verstauen. Evenila hielt ihm ihren Brief an Fiondil unter die Nase und fragte nach dem Preis für die Beförderung. Die Summe, die ihr als Antwort genannt wurde, brachte sie allerdings für einen Moment ins Taumeln, mit so viel hatte sie nicht gerechnet! Dies würde ihre Sparbemühungen wieder ein ordentliches Stück zurückwerfen.
Offenbar hatte man ihr Gedankengänge dieser Art am Gesicht ablesen können, denn der Reiter erklärte: „Die Straßen sind gefährlich, Fräulein, weiter drunten im Süden hat´s kürzlich Überfälle durch marodierende Ostlingsbanden gegeben. Ein schändliches Pack, niemand ist vor denen sicher! Das treibt die Preise nach oben. Aber seid Euch gewiss, dass wir für Euer gutes Geld die Briefe trotzdem sicher bis zur Landesgrenze von Gondor bringen, wir kennen alle Schleichwege. Dort übergeben wir sie dann den gondorischen Kurieren“.
Evenila seufzte. Was half´s? Sie hatte also in ihre Geldkatze gegriffen und die geforderten Silbertaler innerlich lamentierend bezahlt. Dann kehrte sie zum „Vollen Faß“ zurück, um zu frühstücken und Ermintrude dabei zu helfen, alles für den Abend vorzubereiten.

Etliche Wochen vergingen. Einmal bot sich Evenila die Gelegenheit, mit einem Elben aus König Thranduils Waldlandreich zu sprechen, der zum Handeln in Esgaroth verweilte. Sie hatten sich in der elbischen Sprache unterhalten, was sie sehr genossen hatte und den Elb zumindest zu Beginn des Gesprächs sehr erstaunt. Ansonsten stellte sich wieder ein gewisser Alltagstrott ein und es geschah nichts Außergewöhnliches oder Aufregendes. Sie war gut beschäftigt und konnte nicht über mangelnde Arbeit klagen. An das Aufeinandertreffen mit Herolf dachte sie nur noch selten und wenn, dann verdrängte sie diese finsteren Gedanken rasch.

Eines Nachts, gerade nachdem der letzte Gast die Wirtschaft verlassen hatte, wollte Evenila noch ein wenig nach draußen gehen, um vor dem Schlafengehen etwas durchzuatmen. In der Gaststube war es sehr voll, laut und verraucht gewesen. Draußen spannte sich ein prächtiger Sternenhimmel gleich Myriaden von winzigen Diamanten von Horizont zu Horizont und ein laues Frühlingslüftchen wehte. Von irgendwo her erklang der einsame Ruf eines Nachtvogels. Das Siebengestirn, welches die Elben „Remmirath“ nannten, stand hell leuchtend am Himmel und weiter nördlich war gut das kalte Funkeln der „Valacirca“ zu erkennen – der „Sichel der Valar“. Evenila begann, ein in Gondor bekanntes Lied zu Ehren der Sternenkönigin Elbereth zu summen und schlenderte eine Treppe hinunter, die zu den Stegen unterhalb des Wirtshauses führte. Im Abstand von etwa zwanzig Schritt erhellten Laternen an hohen Holzpfählen den Weg. Das nun bei Nacht schwarz aussehende Wasser des Sees gluckste und schwappte unter den Balken.
Sie hielt inne und blickte eine Weile über den See hinweg nach Süden, als plötzlich aus dem Schatten außerhalb des Laternenscheins eine leise, höhnische Stimme erklang: „Ha, ich sagte doch, dass wir uns nicht das letzte Mal begegnet sind, nicht wahr? So leicht kommst du mir nicht davon, liebes Stiefschwesterchen!“. Die letzten Worte hatte die Stimme mehr mehr oder weniger verächtlich ausgespuckt.

Ein dunkler Schemen war hinter einer Bretterwand hervorgetreten, anhand der Umrisse hatte Evenila sofort erkannt, dass es Herolf war. Dazu musste sie nicht abwarten, bis im Laternenschein sein Gesicht zu erkennen war.
Ihre Nackenhaare richteten sich auf und ihr wurde sehr mulmig zumute. Ein rascher Rundblick trug ihr die Erkenntnis ein, dass niemand sonst weiter in der Nähe zu sein schien. Sie schluckte und tastete unauffällig nach dem Griff ihres Dolches, den sie stets in einer gehärteten Lederscheide waagrecht quer über dem Rücken trug. Da sie wusste, dass in Seestadt nicht nur unbescholtene, brave Bürger lebten sondern sich auch allerhand Gesindel herumtrieb, hatte sie den Dolch fast immer bei sich. Sie atmete unhörbar auf. Die Anwesenheit der Waffe vermittelte ihr nun zumindest ein wenig Sicherheit.

Sie nahm einen breitbeinigen, sicheren Stand und eine aufrechte Körperhaltung ein, zog die Schultern leicht zurück und herrschte ihn mit möglichst fester Stimme an: „So, kommst aus dem Schatten geschlichen wie ein gemeiner, hinterhältiger Verbrecher! Was willst du, raus mit der Sprache!“ Sie bemerkte, das Herolf stutzte, mit dieser Reaktion hatte er offenbar nicht gerechnet. Für ein Moment zeigte sich ein Ausdruck der Unsicherheit auf seinem Gesicht.
Dann aber höhnte er weiter: „Hast hier bei deiner Heimkehr nicht das vorgefunden, was du erwartet hattest, was? Das liebe, kleine und ach so kluge Mädel, das sich für etwas Besseres hielt… eine Gelehrte! Pah, das ich nicht lache!“ Er beugte sich nach vorn und klopfte sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel, als ob er sich über einen furchtbar lustigen Witz amüsieren würde. „Aber nun ist er tot, der liebe gute Vater, begraben, schaut sich die Radieschen von unten an. Und du? Bist du was Besseres geworden da unten in was-weiß-ich-wo? Eine Schankmaid!“ Er lachte laut und gehässig. „Geld, Besitz, alles weg und jetzt stehst du da und musst schauen wo du bleibst, wie andere Leute auch, deine ganzen, klugen Bücher helfen dir dabei einen Dreck! Und wir, wir sind fein raus und sitzen im gemachten Nest!“
Das war zuviel gewesen! Evenila spürte, wie eine Welle des Zorns über sie hinweg brandete und sie mitriss. Sie fauchte Herolf an: „Du armseliges, kleines Stinktier! Was habt ihr getan? Vater ist nicht einfach so aus heiterem Himmel krank geworden! Ich weiß, dass er sich scheiden lassen wollte und IHR habt dafür gesorgt, dass es nicht dazu kam! Hab´ ich recht? Du und deine schreckliche Mutter, ihr beide seid nichts habgierige, skrupellose und gemeine Halsabschneider, die vor nichts zurückschrecken! Woher hast du das Gift beschafft?“ Herolf erstarrte. Sein Grinsen verebbte schlagartig, ein lauernder Ausdruck erschien stattdessen auf seinem Gesicht und er näherte sich langsam. „Wer verbreitet solche Geschichten?“ fragte er drohend. „Wer immer es war, so ein Getratsche kann das Leben sehr schnell verkürzen! Du kleine, einfältige Dirne, du hast ja keine Ahnung, mit wem du dich hier anlegst! Weißt du, die Stege hier können manchmal sehr rutschig sein und schnell ist man ins Wasser gestürzt und ertrunken. Solche tragischen Unglücke gibt es immer wieder!“

Mit einem Mal sprang er vor, um die letzten Meter, die sie zwischen ihnen lagen, schnell zu überbrücken und holte mit der rechten Faust aus. Zwar sah Evenila den Schlag kommen, dieser wurde jedoch mit so viel Wucht und Geschwindigkeit geführt, dass sie ihm gerade so ausweichen konnte, indem sie rasch einen Schritt zurück machte. Herolf grunzte wie ein wütender, gereizter Stier, setzte sofort nach und schlug mit der anderen Faust zu. Es gelang ihr, den Unterarm hochzureißen und den Hieb abzuwehren. Der nächste Angriff, diesmal wieder mit der Rechten, folgte jedoch unmittelbar und diesmal traf Herolfs Faust sie seitlich an der Schläfe und glitt nach hinten ab. Sie vernahm in ihrem Kopf das dumpfe Aufprallgeräusch und ein Lichtblitz explodierte vor ihren Augen. In ihren Ohren erklang ein helles Pfeifen und Herolf, der Steg, das Wasser und die Häuser der Stadt tanzten für einen Moment in einem Reigen um sie herum. „Oh, ihr Valar, lasst mich bitte nicht ohnmächtig werden, dann ist es vorbei! Bitte, helft mir!“, flehte sie innerlich, während sie darum kämpfte, auf den Beinen zu bleiben.
Ihr Stiefbruder streckte mit einem triumphierenden Laut beide Hände aus, schloss sie fest um Evenilas Hals und versuchte gleichzeitig, sie nach unten auf den Boden zu drücken. Sie schlug nach ihm, konnte aus diesem Winkel und aufgrund des kurzen Abstands zwischen ihnen aber keinen Treffer landen, der Herolf ernstlich beeinträchtigt hätte. Sie stieß ihm die rechte Faust in den Magen, woraufhin ihm ein ärgerliches, schmerzerfülltes Knurren entfuhr. Jedoch schien ihn der Angriff wenig zu kümmern, sein Griff um ihren Hals lockerte sich nicht, im Gegenteil drückte er eher noch fester zu. Seltsamerweise arbeitete Evenilas Verstand in diesem Moment schnell und analytisch, anstatt sich in heilloser Panik zu verlieren. Ihr Geist schien sich zu verselbständigen und überdachte ihre Situation. „Er ist zu bullig gebaut und viel kräftiger als du, du musst anders vorgehen!“ flüsterten die Gedanken ihr zu.
Evenila senkte leicht den Kopf, um herauszufinden, wie Herolf sich aufgestellt hatte. Dann stieg sie mit ihrem rechten Fuß mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, auf Herolfs linken und machte mit ihrem anderen Fuß einen schnellen Schritt nach vorn, auf Herolf zu. Gleichzeitig stieß ihn dabei mit beiden Händen kräftig vor die Brust. Das wirkte! Ihr Stiefbruder geriet aus dem Gleichgewicht, löste mit einem überraschten Ausruf die Hände von ihrem Hals und ruderte mit den Armen in der Luft, um nicht nach hinten umzufallen.
Evenila schnappte nach Luft, wartete jedoch nicht ab, bis er sich wieder gefangen hatte. Ihre rechte Hand fuhr nach hinten zu ihrem Gürtel, wo sich ihre Finger um den Dolchgriff schlossen. Sie zog die Waffe und in dem Moment, als Herolf wieder sicheren Stand gefunden hatte, holte sie aus und trieb ihm die doppelschneidige Klinge durch den linken Oberarm. Er keuchte vor Schmerz, starrte sie mit einem ungläubigen Ausdruck an und anschließend seinen Oberarm, wo rasch hervorquellendes Blut den zerschnittenen Stoff seiner Tunika rot färbte.

Evenila stand, verblüfft über sich selbst, stocksteif da und rührte sich nicht.
Herolf ächzte „Verdammte Metze… ich werde... du kommst mir nicht davon! Ich schwöre dir, ich werde dich erwischen und dann gnade dir….!“ Er taumelte auf dem schmalen Steg einen Schritt zurück, aus der Reichweite von Evenilas Dolch und presste dabei die Hand auf die Wunde, die nun sehr stark blutete. In diesem Moment fiel die Schockstarre von Evenila ab und ohne nachzudenken sprang sie vor und warf sich seitlich mit der Schulter voran gegen Herolf. Er kippte wie ein Kartoffelsack vom Steg und kurz darauf ertönte ein lautes Platschen, als er in die Fluten des Sees stürzte. Das dunkle Wasser schlug über ihm zusammen. Herolf kämpfte sich zur Oberfläche, strampelte wie ein Irrer und rief gurgelnd, die Stimme von Angst verzerrt: „Ich kann nicht schwimmen! Hilfe, ich ersaufe! Hilf mir!“
Evenila beobachtete stumm die Szenerie. Alles kam ihr irgendwie unwirklich vor, als wenn es gar nicht wahrhaftig geschehen würde sondern sich nur um einen bösen Alptraum handelte. Der Kerl hatte eben versucht, sie zu erwürgen und hatte ihr den Tod geschworen. Und nun sollte sie ihn aus dem Wasser ziehen? Verschiedene, widerstreitende Gefühle erfüllten sie, Zorn, Erleichterung, befriedigte Rache, Mitleid und Abscheu.

Das Mitleid verflüchtigte sich jedoch schnell. „Dir helfen, du Mörder? Ganz sicher nicht!" Keuchte sie. "Nicht weniger als das hast du verdient und ich hoffe, dass deine Seele bis zum Ende der Welt irgendwo in der Finsternis umherirrt! Bestell den Dämonen einen schönen Gruß!“
Herolfs dicke Wollkleidung hatte sich inzwischen mit Wasser vollgesogen und zog ihn unbarmherzig nach unten. Ein- zweimal gelang es ihm noch, den Kopf aus dem Wasser zu strecken, dann schlossen sich die Fluten für immer über ihm. Nur ein paar Luftblasen stiegen an der Stelle empor, wo der See ihm zum kalten, nassen Grab geworden war.
Evenila schwankte, ihr war furchtbar schlecht, ihre Knie und Hände zitterten und sie hätte sich eigentlich gern übergeben.

Plötzlich spürte sie einen festen Griff an der Schulter und eine tiefe Stimme hinter ihr sagte im Befehlston „Ihr steckt jetzt besser sofort den Dolch weg! Ergebt Euch und kommt mit mir!“ Erschrocken fuhr sie herum und gewahrte einen Mann im Waffenrock der Stadtwache von Esgaroth.
„Herr Wächter, wollt Ihr MICH etwa festnehmen?“ Sie schaute ungläubig drein. „Der Kerl war ein Mörder, er wollte mich umbringen, ich habe mein Leben verteidigt! Das müsst Ihr doch gesehen haben!“ Der Wächter behielt jedoch seinen strengen Blick bei und und erwiderte „Ich bin verdächtigen Geräuschen nachgegangen und habe nur gesehen, wie Ihr einen verletzten Mann, den ich als Herolf Branwoldson erkannte, ins Wasser gestoßen und ihm beim Ertrinken zugesehen habt! Ihr kommt jetzt mit. Wie ist Euer Name?“ Sie seufzte müde und resigniert. „Evenila Branwoldsdotor heiße ich.“ Der Wächter stutzte und sah sie verblüfft an. „Bitte, Herr Wächter, ich nehme an, Ihr wollt mich zur Kaserne schaffen. Erlaubt Ihr mir, vorher meine Sachen aus dem „Vollen Faß“ zu holen? Ich werd´auch nicht versuchen zu flüchten, es gibt ohnehin keinen Ort zu dem ich fliehen könnte!“ Der Wächter zögerte kurz und nickte dann knapp.


--Fortsetzung folgt
"Das Glück ist kein leichtes Ding.
Nur sehr schwer finden wir es in uns und anderswo gar nicht."


"So, könnt ihr alle noch schnaufen? Ich will ja nicht schuld sein,
wenn jemand während des Tanzens erstickt!"

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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Samstag 7. September 2019, 13:45

Fortsetzung


Verhaftung, Urteil und eine glückliche Wendung

Evenila wankte mit unsicheren Schritten zum Gasthaus „Zum vollen Faß“. Währenddessen ließ sie die Geschehnisse der letzten halben Stunde vor ihrem geistigen Auge noch einmal Revue passieren und empfand diese immer noch wie nicht real. Ihr niederträchtiger Stiefbruder hatte sie umbringen wollen, sie hatte sich erfolgreich verteidigt, wobei er selbst zu Tode gekommen war – auf die Weise, wie er sie hatte töten wollen - und nun sollte sie eingesperrt werden. Was hätte sie tun können? Er hätte sie niemals in Frieden gelassen! Sie öffnete die Tür zum Hintergebäude und schlich leise ins dunkle Innere. Trudy schlief offenbar schon, da sanfte, regelmäßige Schnarchlaute aus ihrer kleinen Wohnstube ertönten. Evenila räumte ihre Kleidung und sonstige Besitztümer zusammen und überlegte dabei, dass sie ja nicht gut einfach so verschwinden konnte, ohne Trudy Bescheid zu geben. Also schrieb sie rasch eine Nachricht auf ein Stück Papier, berichtete grob, was sich zugetragen hatte und legte den Zettel auf die Theke. Dann verließ sie das Gasthaus so leise, wie sie es betreten hatte, kehrte zu dem wartenden Wächter zurück und ließ sich von ihm widerstandslos zur Kaserne von Esgaroth bringen.

Dort angekommen wurde sie in eine leerstehende Zelle geführt und die vergitterte Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Evenila war hundemüde und erschöpft. Da sie ohnehin momentan nichts tun konnte, machte sie es sich mit ihren eigenen Decken auf der einfachen hölzernen Pritsche, die an der Rückwand der Zelle stand, so bequem wie möglich und fiel in tiefen Schlaf. In den folgenden zwei Tagen war erst einmal nichts geschehen und die Wächter schienen vollauf mit anderen Angelegenheiten beschäftigt, ihre Sache wurde scheinbar als nicht sonderlich dringlich eingestuft. Sie verbrachte die Tage auf ihrer Pritsche sitzend, las in ihren Büchern und schrieb Gedichte, abwechseln in Westron und in elbischer Sprache. Erstaunlicherweise waren alle Wächter, bis auf denjenigen, der sie verhaftet hatte, freundlich zu ihr und gaben ihr von dem Essen ab, dass in der Kaserne für die Wachen zubereitet wurde. Die reguläre Gefangenenkost aus trockenem Brot und Gerstengrütze blieb ihr somit erspart. An den Abenden reichten ihr einzelne Wächter sogar gelegentlich ein Pintchen Bier, was sie sehr verwunderte.

Am Morgen des dritten Tages war Ermintrude zu ihrer Zellentür vorgelassen worden. Die Wirtin hatte sie überschwänglich begrüßt und sich dabei verstohlen immer wieder nach rechts und links umgesehen, ob sich Wachen in Hörweite befänden. Als sie allein im Raum waren, beugte sich Trudy zu den Gitterstäben vor und tuschelte aufgeregt „Donnerschlag und Kugelblitz, Mädchen, was hast du da nur angestellt! Weißt du eigentlich, dass du das allgemeine Stadtgespräch bist, seitdem Einzelheiten nach draußen gesickert sind?“ Evenila trat dicht an die Gittertür heran und fragte ebenso leise und in ironischem Ton: „Wird denn in Seestadt nicht immer viel getratscht? Ein Todesfall gibt doch sicherlich immer einiges an Gesprächsstoff für die Leute her!“
Trudy hob die Hände und schüttelte heftig und entschieden den Kopf. „Das ist nicht nur einfach ein Todesfall, Kind! Herolf war hier ein stadtbekannter Gauner, vom dem jedermann ahnte, dass er in ganz üble Machenschaften verstrickt war. Allein, es fehlten bisher die Beweise, der Kerl war glatt und schmierig wie ein eingefettetes Ferkel und nicht zu fassen. Konnte sich immer wieder aus allen Anschuldigungen herauswinden. Es gehen auch Gerüchte um, dass er sogar ein - zwei Morde auf dem Kerbholz haben soll – ich könnt´ mir das schon gut vorstellen! Und jetzt hat es ihn selbst dahingerafft und das ist dein Verdienst!“

Evenila blinzelte erstaunt. Da betrat einer der Wächter den Raum und hielt gut sichtbar eine Sanduhr hoch, was bedeutete, dass die Besuchszeit sich dem Ende neigte.

Plötzlich fiel Evenila noch etwas ein, was sie eigentlich schon lange hatte in Erfahrung bringen wollen. „Trudy, darf ich dich etwas fragen?“ „Ja, Kind?“ „Der ausgestopfte Biber im Schankraum, mit dem Halstuch… ich dachte immer, der gefällt dir. Neulich hast du den Biber aber als ein ‚gräßliches Ding‘ bezeichnet. Wie kommt das und wieso behältst du ihn dann?“ Trudy sah Evenila irritiert an, ihr Blick besagte so etwas wie „Hättest du nicht wirklich – wissen die Geister! - andere Sorgen?“, dann jedoch antwortete sie: „Der Biber steht dort schon, seitdem ich, oder besser gesagt, ‚wir‘ damals vor sechzehn Jahren das Wirtshaus eröffnet haben. Ich und mein ehemaliger Mann. Der Biber war das ‚spaßige‘ Hochzeitsgeschenk eines guten Freundes.“ Für einen Sekundenbruchteil überschattete ein melancholischer Zug das Gesicht der Wirtin. „Der ausgestopfte Mottenfänger war schon immer eine Geschmacksverirrung, aber irgendwie hab´ich es nie über´s Herz gebracht, ihn wegzuwerfen!“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß selbst nicht, warum!“. Dann hatte sie sich verabschiedet, Evenila Mut zugesprochen und war gegangen.

Nicht lange darauf erschien ein weiterer Stadtwächter, öffnete die Zellentür und forderte Evenila auf, mit ihm zu kommen. Er geleitete sie in das Zimmer des Hauptmanns und hieß sie, auf einem Stuhl vor dessen Schreibtisch Platz zu nehmen. Der Hauptmann der Stadtwache von Esgaroth, ein dicker, gemütlich wirkender Mann mit dichtem, lockigem rostroten Haar und Vollbart, sah von Schriftstücken auf, die er eben studiert hatte und musterte Evenila eingehend. „So, Ihr seid also Evenila Branwoldsdotor! Da habt Ihr Euch ja in einen ganz ordentlichen Schlamassel hineinverwickelt. Ich bin Hauptmann Dunstan.“ Er reichte ihr über den Schreibtisch hinweg die Hand und Evenila ergriff sie einigermaßen verwirrt. „Wisst Ihr eigentlich, vor was für ein gewaltiges Problem Ihr mich stellt, junges Fräulein?“ Evenila schüttelte wahrheitsgemäß den Kopf.
Der Hauptmann seufzte und holte tief Luft. „Auf der einen Seite müsste ich Euch eigentlich danken und Euch eine Belohnung auszahlen, weil Ihr einen widerlichen Halunken aus der Welt geschafft habt. Ich spreche natürlich von Herolf. Bis auf seine Kumpane wird ihm ganz gewiss niemand eine Träne nachweinen. Er war wohl an allen möglichen verbrecherischen Geschäften beteiligt – Schmuggel, Hehlerei, Schutzgelderpressung und vielleicht sogar Mord. Er hatte gute Verbindungen zu einer hier ansässigen Bande, die sich einfach nur „Die Bruderschaft“ nennt, gehörte möglicherweise gar zu ihren vorderen Reihen. Wir waren jedoch nie in der Lage, dem aalglatten Kerl etwas nachzuweisen und ihn dingfest zu machen. Es deutet vieles darauf hin, dass die Bande mindestens einen unserer Wächter bestochen hat!" Er zog eine verdossene Miene. Evenila schaute ziemlich erschrocken drein ob der Liste an Verbrechen, die sich ihr reizender Stiefbruder hatte zuschulden kommen lassen.
„Natürlich waren wir in den vergangenen Tagen nicht untätig“, fuhr Hauptmann Dunstan fort. „Wir haben Nachforschungen betrieben und Erkundigungen eingeholt und wissen daher, dass Ihr seine Stiefschwester seid. Ebenso wissen wir, das Euer Vater Branwold im Herbst letzten Jahres aufgrund einer, nun ja, sagen wir einmal, plötzlichen und unbekannten Krankheit verstorben ist und der gesamte und ziemlich umfangreiche Nachlass an Eure Stiefmutter ging - da sich kein Testament finden ließ. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!“ fügte er ironisch hinzu.

Schatten von Zorn und Trauer huschten über Evenilas Gesichtszüge, der Schmerz über den Tod ihres Vaters, den sie in den letzten Monaten weitgehend erfolgreich verdrängt hatte, meldete sich verstärkt zurück und ballte sich wie ein Stein in ihrem Magen. Tränen wollten in Ihren Augen aufsteigen. Sie kämpfte mühevoll dagegen an, was offenbar deutlich an ihrem Gesicht abzulesen war.
Der Hauptmann beobachtete sie aufmerksam. „Es tut mir leid, Fräulein Evenila, Ihr habt mein aufrichtiges Mitgefühl. Nun, die andere Seite ist, dass die meisten Bürger inzwischen ebenfalls Bescheid wissen – Nachrichten verbreiten sich hier manchmal schneller, als eine Seemöwe fliegen kann – und einige davon ausgehen, dass Ihr Vergeltung wolltet. Es gehen bereits erste Tuscheleien herum, dass Ihr Euren Bruder des Nachts an diese abgelegene Stelle gelockt haben sollt, um dann Rache zu üben!“
Evenila fuhr empört hoch. „Das ist nicht wahr! Gemeine Lügen! Er hat mich gehasst, schon seit er damals als Kind in unser Haus kam. ER hat mir an diesem Abend aufgelauert, hat mich beleidigt und beschimpft, woraufhin ich ihm auf den Kopf zugesagt habe, dass er und seine saubere Frau Mutter meinen Vater vergiftet haben. Da sprang er mich an und wollte mich umbringen. Ich musste um mein Leben kämpfen!“ Hauptmann Dunstan machte eine beschwichtigende Geste. „Beruhigt Euch, beruhigt Euch, Fräulein. ICH glaube Euch, es würde zu dem passen, was wir von Herolf annehmen. Das Problem ist jedoch, dass weder die eine, noch die andere Version der Geschichte zu beweisen ist! Der Wächter, der Euch verhaftet hat, schwört Stein und Bein, dass er nur gesehen haben will, wie Ihr den verwundeten Herolf ins Wasser stießt. Nebenbei, er ist derjenige, von dem wir mutmaßen, dass er auf Herolfs Gehaltsliste stand. Wahrscheinlicher ist also, dass er sich in der betreffenden Nacht in der Nähe aufhielt um dafür zu sorgen, dass niemand zufällig hinzu kommt. Und dann gibt es da noch etliche von Herolfs Verbrecherkumpanen, die sicher gar nicht gut auf Euch zu sprechen sind und Euch vermutlich binnen weniger Tage meucheln würden, wenn wir Euch einfach gehen ließen.“
Er hob mit bedenklicher Miene den Zeigefinger und Evenila sank mutlos auf ihren Stuhl zurück.

„Was kann ich tun?“ fragte sie leise und Verzweiflung schwang in ihrer Stimme mit. „Ihr wollt mir also sagen, dass etliche Seestädter glauben würden, dass die Wache hier einen Fall von Selbstjustiz toleriert und Ihr befürchtet, dass dies eine Empörung auslöst und künftig auch andere Bürger fälschlicherweise ermutigen könnte, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen.“ Der Hauptmann nickte bedächtig. Sie ergänzte: „Außerdem befürchtet Ihr, dass ich mich beizeiten zur Leiche meines Stiefbruders hinzugesellen würde.“
„Genau so verhält es sich“, bestätigte der Hauptmann. „Fräulein Evenila, wir sind eine zivilisierte Stadt! Blutrache, so wie bei den Barbaren im Osten oder irgendwelchen Wilden im Wald, kann und darf es hier nicht geben! Daher habe ich nach Beratung mit dem Meister von Seestadt beschlossen, Euch nach Thal verbringen zu lassen. Immerhin seid Ihr nicht gebürtig aus Esgaroth und der Getötete war Euer Bruder, ebenfalls nicht aus Esgaroth. Wir übergeben Euren Fall an den König von Thal. Seine Majestät Brand ist bereits benachrichtigt worden.“ Evenila starrte ihn eine Zeitlang schweigend an, sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie verstand die Überlegungen des Hauptmanns, sah jedoch nicht ein, weshalb sie sich deshalb bald einem womöglich ungerechten Urteil beugen sollte. „Wohlan, dann schafft mich nach Thal“, sagte sie matt. „Aber bitte lasst mich Hwītmanu mitnehmen, mein Pony.“
„Das ist Euch natürlich gewährt!“ versprach Hauptmann Dunstan.

So wurde Evenila ein paar Tage später von einer Gruppe Seestädter Wächter nach Thal eskortiert und dort von Angehörigen der Stadtgarde empfangen. Man brachte sie zum Palast, wo ihr Pony in den Stall geführt wurde und sie in eine Zelle im Kerker. Wenngleich man versuchte, ihr die Haft möglichst angenehm zu machen, verfiel sie dennoch allmählich in dumpfe Trübsal. Die meiste Zeit des Tages lag sie auf der Zellenpritsche und starrte an die kahle Decke. Ihre Zuversicht schwand dahin, ebenso die Hoffnung auf Rettung aus dieser vertrackten Situation und sie haderte mit der Ungerechtigkeit der Welt.

Nach einer guten Woche holten zwei Wächter sie aus ihrer Zelle und führten sie in den Thronsaal vor König Brand. Dort kniete sie mit gesenktem Kopf auf den Steinfliesen und musste ein Bild des Jammers abgegeben haben, denn seine Majestät betrachtete sie mit einem mitleidigen Ausdruck. „Wir kennen Eure Sache, Fräulein Branwoldsdotor und haben Uns bereits eingehend damit beschäftigt“, hob der König an zu sprechen, „Der Grund, warum Ihr hier seid und nicht in Freiheit, ist Euch bekannt?“ Evenila nickte kaum merklich und ein seltsames Gefühl der Resignation und Gleichgültigkeit breitete sich in ihr aus.
„Es ist schwer, in dieser Sache weise zu urteilen und das Richtige zu tun, denn die Lage ist hier nun die gleiche wie drunten in Esgaroth. Eure Geschichte hat sich auch in Thal bereits unter dem Volk verbreitet. Die einen sprechen davon, dass Ihr umgehend freizulassen wäret und die anderen sehen Euch als Mörderin aus Rache!“ Evenila reagierte nicht. König Brand fuhr fort: „Wir sind geneigt, Eurer Geschichte zu glauben, jedoch müssen Wir zum Einen Sorge dafür tragen, dass Recht und Ordnung auch künftig gewahrt bleiben - und zum Anderen, dass Ihr nicht in einer dunklen Straßenecke durch eine heimtückische Klinge Euer Leben aushaucht.
Daher verfügen Wir, dass Ihr bis auf weiteres in Haft bleibt. Die einzige andere Möglichkeit wäre, Euch in die Verbannung zu schicken, aber es wäre vermutlich Euer Tod, würdet Ich Euch allein durch die Wildnis plagen müssen! So seid Ihr also, bis Wir Gewissheit haben, dass diese Geschichte weniger Interesse findet und Eure Freilassung keine Gefahren mehr birgt, in Gewahrsam zu behalten!“

Sie vernahm die Worte, die ihre weitere Gefangenschaft bedeuteten. Tränen der Wut und der Verzweiflung brachen sich Bahn und liefen an ihren Wangen hinunter. Dennoch gab sie keinen Laut von sich und stand auf. Sie warf ihrem König einen trotzigen Blick zu und wandte sich ab, um sich von den Wachen in die Zelle zurückbringen zu lassen.

Doch eben, als die Wachen schon die Tür zur Kerkertreppe öffneten, kam hastigen Schrittes ein Haushofmeister in den Thronsaal geeilt. „Euer Majestät, ich habe die Ankunft eines hohen Herren zu vermelden, der umgehend bei Euch vorzusprechen wünscht. Es scheint sich um eine Angelegenheit von großer Dringlichkeit zu handeln!“ „Sagt an, wer es ist!“ forderte der König. „Einer der Westmenschen aus Gondor ist es, Euer Majestät, wie es scheint ein Herr von edler Abstammung!“ König Bran winkte. „Geleite Er den Herren sogleich herein!“
Evenila hatte die Ankündigung mitbekommen und war wie plötzlich angewurzelt stehengeblieben. Ein wahnwitziger Funke Hoffnung glomm in ihr auf… könnte es denn sein… Nein, oder? War das möglich?
Sie drehte sich zum doppelseitigen Portal des Thronsaals um, das nun von Bediensteten weit geöffnet wurde. Schritte erklangen und herein trat - Fiondil! Gekleidet in ein fast bodenlanges, schwarzes Samtgewand, in Silbergarn aufgestickt den Weißen Baum und Sterne darüber, so wie es auch einige der Meister in der Tham en-Haelas trugen. Sein Haar war um Einiges gewachsen, seitdem sie sich von ihm verabschiedet hatte und fiel ihm in dichten, ebenholzfarbenen Wellen lang auf den Rücken herab. Seiner früher schlaksigen Statur war er ohnehin in den vier gemeinsamen Jahren allmählich entwachsen, aber in den letzten sechs Monaten schien er noch einmal kräftiger geworden zu sein.

So stand er da und überragte den Haushofmeister mit seinen nicht ganz zwei Metern Körpergröße um einen Kopf. Sein Blick verriet große Besorgnis, als er sie bemerkte, dennoch versuchte er ein ermutigendes Lächeln.
Dann verneigte er sich höflich vor dem König. „Seid gegrüßt, Euer Majestät, König Brand Bainsson von Thal. Mein Name ist Fiondil Vëanturion aus dem Haus Telperinarë in Minas Tirith. Mich ereilte Kunde vom schlimmen Schicksal dieser Dame, die mir wohlbekannt ist – er wies auf Evenila – und zog aus dem fernen Süden hierher, um in dieser Sache meine Hilfe anzubieten. Wisset denn, dass diese Dame etliche Jahre im Haus der Weisheit studierte und kurz vor dem Abschluß eines Geringeren Meisters stand, wenngleich sie durch die schrecklichen Geschehnisse gezwungen war, vorzeitig hierher zurückzukehren. Daher ist ihr Leumund tadellos und einwandfrei!“
Der König warf Evenila einen kurzen Blick zu, der Anerkennung bekundete, entgegnete dann aber: „Seid Uns willkommen, Herr Vëanturion! Wohlan, wir glauben Euren Worten wohl, allein, wie sollen Wir es allen Ohren des Volkes glaubhaft machen und wie wollen Wir gewährleisten, dass diese Dame nicht beizeiten der Meucheltod ereilt?“

„Nun, dies ist einfach!“, hatte Fiondil konstatiert, „Ich biete an, sie mit mir zurück nach Minas Tirith zu bringen“, er warf ihr einen bittenden Blick zu, „Sofern die Dame dies ebenfalls wünscht!“

Sie musste ihn angestarrt haben wie einen von den Valar höchstpersönlich zu ihrer Rettung entsandten Maia, völlig überrumpelt von der unerwarteten Wendung. Dann fasste sie sich und antwortete mit fester Stimme „Ich wünsche es und könnte mir wahrhaftig nichts Besseres vorstellen!“ König Brand erhob sich von seinem Thron, machte eine bekräftigende Geste und verkündete in feierlichem Ton: „So ist es Unser königlicher Befehl, dass es so geschehe! Fräulein Evenila, Ihr seid hiermit frei und Wir hoffen, Ihr werdet eine gute Reise haben. Alles Glück mit Euch beiden!“

Einer der Wächter eilte davon, um Ihre Sachen aus dem Kerker zu holen, ein anderer lief hinaus, um den Stallknechten zu befehlen, das Pony zu satteln. Evenila verbeugte sich tief vor König Brand und bekundete ihren Dank. Dann verließ sie so würdevoll, wie es ihr momentan möglich war, an Fiondils Seite den Thronsaal und kurz darauf den Palast.
Draußen vor der Tür fiel sie ihm überglücklich um den Hals. Fiondil schloss die Augen und hielt sie eine Weile fest. „Nachdem ich deinen Brief erhalten hatte, konnte ich kaum noch schlafen vor Sorge. Ich hatte sofort so eine unterschwellige, mulmige Eingebung, dass etwas Schlimmes passieren würde.“ Er drückt sie noch einmal fest an sich und meinte dann: „Komm, wir unterhalten uns besser an einem anderen Ort. Lass uns schleunigst von hier verschwinden!“
Er ging zu seinem Pferd hinüber, einem großen, drahtigen Apfelschimmel mit dunkler Mähne. Die alte Hwītmanu wurde eben gesattelt aus dem Stall geführt. Sie ritten über die Palastbrücke, dann durch die engen, gewundenen Kopfsteinpflasterstraßen von Thal und zuletzt zum südlichen Stadttor hinaus.

Nicht weit entfernt befand sich ein Lager bestehend aus drei einfachen Zelten aus dunkelblauen Planen. Zwei Lagerfeuer brannten, darüber stand jeweils ein Dreibein mit einem Kupferkessel und es roch nach Fleischbrühe, gewürzt mit Kräutern aus Gondor. Sechs Krieger, darunter zwei Frauen, saßen um das eine Feuer herum, zwei nobel gekleidete junge Herren um das andere.
Neben dem Lager waren acht Pferde angepflockt. Fiondil und Evenila lenkten ihre Reittiere dorthin, saßen ab und Fiondil nahm sie bei der Hand, um sie ins Lager zu führen.

Dort stellte er sie den beiden Männern vor und umgekehrt. „Dies ist ein Nachbar aus Kindertagen, Pelendur Telemnarion aus dem Haus Alcalindë in Lossarnach, seit kurzem Ritter unter Herrn Forlong von Lossarnach. Und dies ist Arciryas Vorondilion, Schwertmeister in der Halle der Fechtkunst in Minas Tirith - er war auch regelmäßig im „Durstigen Seher“ anzutreffen, du bist ihm sicher einmal begegnet. Puh, eigentlich klingt das alles viel zu förmlich!“. Er grinste. Evenila verneigte sich höflich, die beiden Männer lachten jedoch nur, erhoben sich von ihren Sitzplätzen, die aus zwei alten Baumstümpfen bestanden und schüttelten Ihr herzlich die Hand. „Ihr seid also die bezaubernde Dame, deretwegen unser Freund hier tagelang die halbe Stadt und das Umland rebellisch gemacht hat“, sagte Pelendur und deutete auf Fiondil.
Der hob entschuldigend die Schultern. „Was wollt ihr, ich konnte ja schlecht allein losziehen! Reisegesellschaft oder Handelskarawane war weit und breit keine in Sicht. Also fragte ich die beiden hier, ob sie mitkommen würden, um meiner… um einer Dame in Not zu helfen. Und da ich gern auch sicher ankommen wollte – wobei ich die Waffenfertigkeiten meiner Freunde keinesfalls kleinreden möchte – heuerte ich noch diese Söldner an, die sich gerade in der Stadt aufhielten.
Natürlich konnte ich sie nicht einfach vollständig selbst bezahlen. Ich habe mir von den beiden hier Geld geliehen und mein Vater half mir nach gutem Zureden finanziell noch ein wenig aus.“ Fiondil grinste verlegen.
„All das für mich?“ Evenila war sprachlos. „Was soll ich dazu sagen... Vielen Dank? Das reicht wohl nicht einmal ansatzweise aus! Mir fehlen die Worte. Fiondil, du bist völlig verrückt! Aber, bei Atalantë – ich glaube, letztendlich hast du gerade mein Leben gerettet!“


---Fortsetzung folgt
"Das Glück ist kein leichtes Ding.
Nur sehr schwer finden wir es in uns und anderswo gar nicht."


"So, könnt ihr alle noch schnaufen? Ich will ja nicht schuld sein,
wenn jemand während des Tanzens erstickt!"

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