Seufzend ließ Catly den Bogen sinken und suchte mit ihren Augen den Waldboden ab. Sie war schrecklich unkonzentriert heute. Den gesamten Vormittag war sie einer Fährte Richtung Osten gefolgt, hatte sie mehrere Male verloren, doch nach genauerer Untersuchung der Umgebung immer wieder gefunden.
Und nun war sie wieder weg.
Catly richtete sich auf, hängte sich den Bogen über die Schulter und schlich behutsam weiter, darauf bedacht so wenige Geräusche wie möglich zu verursachen.
Eine leichte Brise fegte zwischen den Bäumen hindurch, zerrte sacht an ihrem lila Hütchen und wehte ein paar rotbraune Blätter an der jungen Hobbitfrau vorbei. Es roch nach feuchtem Herbstlaub und Eicheln. Bestimmt ließen sich auch noch letzte Pilze finden, kam es Catly in den Sinn als ihr Bauch ein leises Grummeln von sich gab. Zaghaft bahnte sie sich ihren Weg durch das Unterholz, den ausgefransten Saum ihres Kleids gerafft, damit er sich auch ja nicht ständig im Geäst verfing.
Aufmerksam ließ sie ihren Blick zwischen den Bäumen umher schweifen.
Ein Vogel begann in der Ferne zu zwitschern und als Catly ihren Kopf hob und in die Richtung spähte, aus der die hellen Töne zu kommen schienen, bemerkte sie eine kleine sonnenbeschiene Lichtung. „Pilze mögen Lichtungen“, murmelte Catly schmunzelnd und hob dabei ihren rechten Zeigefinger, ganz wie es ihr Vater früher immer getan hatte, wenn .. Catly runzelte die Stirn und ließ den Finger wieder sinken. Wenn was? Entnervt schüttelte sie den Kopf und schritt auf die Lichtung zu. Plötzlich hatte sie das Bild ihres Vaters ganz deutlich vor Augen. Wie er in seiner Försteruniform mit den glänzenden Knöpfen und den grünen Kniestrümpfen vor ihr stand. Wie er sie zu sich her winkte, zu ihr hinunter beugte und in verschwörerischem Ton sagte: „Pilze mögen Lichtungen. Schau, mein Sonnenschein. Dort hinten, siehst du den?“ Catly hatte den weißen, fetten Pilz mit großen Augen betrachtet, dann zu ihrem Vater geblickt und flüsternd erwidert: „Aber der sitzt ja im Schatten?“ Daraufhin hatte Per ihr zugezwinkert und ihr ins Ohr geflüstert: „Nun weißt du, Pilze mögen Lichtungen, aber Schatten mögen sie noch mehr. Darum suchen sie sich am liebsten einen Platz am Rande einer Lichtung. Verstehst du? Wie bei einem Konzert auf der Methelbühne. Sie suchen sich den besten Platz und dann beobachten sie wie die Blätter im Herbst auf der Lichtung tanzen und wie die Rehe sich morgens zum Grasen treffen und wie abends der Fuchs dem Hasen gute Nacht sagt.“ Das kleine Mädchen hatte ihrem Vater mit offenem Mund gelauscht und bei seinen letzten Worten entzückt gekichert.
Das Keckern eines Eichelhähers riss Catly aus ihrer Erinnerung. Einen Moment lang schloss sie die Augen und stand ganz still. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte sich nicht an Weiteres erinnern.
Sie setzte sich wieder in Bewegung und nachdem sie sich an einem mit Efeu bewachsenen Baum vorbeigewunden hatte, stand sie plötzlich unvermittelt in der Sonne.
Es musste inzwischen früher Nachmittag sein.
Catly hob das Gesicht der Sonne entgegen und streckte beide Arme von sich. „Mein Sonnenschein.“
So hatte er sie immer genannt. Dabei war es Percival Roselli gewesen, der überall mit seinem herzlichen Lächeln die Sonne hatte aufgehen lassen. Catly hatte ihn nie missmutig erlebt.
Selbst an dem Tag als der Boden gebebt hatte, hatte er ihr tief in die Augen geblickt und voller Zuversicht lächelnd, jedoch mit eindringlichem Ton, gesagt: „Alles wird gut, mein Sonnenschein. Das ist bloß der Wald, der etwas aufgebracht ist. Wir sind gleich draußen, dann ist es vorbei.“
Und dann war es vorbei gewesen.
Catly blinzelte eine Träne weg und drehte sich langsam im Kreis. Ihre Augen huschten fieberhaft umher, auf der Suche nach etwas, das ihr halten geben könnte. Angestrengt versuchte sie das Bild zu verdrängen, das sich aus ihrem Gedankenchaos hervorhob.
Sie ballte ihre Fäuste so fest zusammen, dass sich ihre Fingernägel in ihre Handballen gruben und atmete tief ein. Dann hielt sie die Luft an, schloss die Augen und zählte in Gedanken langsam bis fünf.
Diesen Trick hatte ihr Vater ihr einst… Stopp. Nochmal. Eins, zwei, drei…Sie ließ langsam die Luft aus ihren Lungen strömen. Vier,… fünf! Catly merkte wie sie sich beruhigte und wie sich ihre Hände entspannten. Sie sog den frischen Duft der Gräser auf der Lichtung ein und lauschte dem sanften Wind, der durch die Baumkronen wisperte.
Dann öffnete sie langsam ihre Augen. Zuerst blendeten sie die Sonnenstrahlen, doch als sie sich nach wenigen Sekunden wieder an die Helligkeit gewöhnt hatte,
nahm sie plötzlich am Rande der Lichtung etwas wahr. Unschuldig ‚saß‘ er da und schien diese komische Hobbitfrau, die eindeutig verrückt sein musste, interessiert zu beobachten.
Catlys erster Impuls war, zu dem Pilz zu rennen, ihn auszureißen und zu zertreten. Nichts war gut geworden. Gar nichts. Und Pilze konnten nichts beobachten, da sie nicht mal Augen besaßen!
Heiße Tränen liefen Catly die Wangen hinunter. Ihr war als bebte der Boden wieder, als zitterten die Baumwipfel, als grollte die Erde. Kraftlos sank sie auf den feuchten Boden und begann bitterlich zu weinen, während die Bilder der Erinnerung an den schrecklichen Erdrutsch auf sie niederprasselten.
Den Erdrutsch, der Catly nicht nur ihren größten Vertrauten genommen hatte, sondern sie auch um ihre Kindheitserinnerungen gebracht hatte. Um die unzähligen Stunden, die sie mit ihrem geliebten Vater im Wald verbracht hatte, ab dem Zeitpunkt, wo sie laufen und „Waldpapa“ sagen konnte.
Mit einem letzten Beben von Catlys Brustkorb versiegten ihre Tränen. Schwerfällig hob sie den Arm und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Dann nahm sie ihren Hut vom Kopf, wodurch sich die rote Lockenpracht über ihre Schultern ergoss, und legte sich ganz auf den Boden. Dieser war von der Sonne, die nun langsam hinter den Baumkronen verschwand, angenehm gewärmt. Catly schniefte nochmal und blickte dann hinauf zum Himmel. Über der Lichtung trudelten bunte Blätter umher. Hoch oben flog ein Vogel über sie hinweg. Mit müden Augen beobachtete Catly wie ein gelbes, gezacktes Blatt langsam auf sie hinab segelte und auf ihren Haaren landete. Sie wollte noch den Arm heben, um das Blatt wegzuwischen, doch da waren ihr schon die Augen zugefallen.
Der Pilz hockte stumm am Rande der Lichtung und wachte über das schlafende Hobbitmädchen.
-Ende-
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