Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Geschichten aus Tolkiens Welt vom Herrn der Ringe und anderen Werken.
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Evenila
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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Sonntag 8. September 2019, 18:41

Fortsetzung

Romantik und neue Erkenntnisse

Ritter Pelendur erhob sich und bestand darauf, dass sie seinen Sitzplatz auf dem Baumstumpf einnahm. Anschließend versorgte man sie mit heißer Suppe, Brot, Kräutertee und auf ihren Wunsch hin auch mit einem Becher Pflaumenschnaps. Nachdem sie sich gestärkt und sich hinter den Zelten an einem Bachlauf gewaschen hatte, bat man sie, haarklein zu berichten, was ihr widerfahren war. Während sie noch einmal alles von Beginn an seit ihrer ersten Ankunft in Thal erzählte, schüttelten die Männer einige Male abwechselnd vor Zorn, Abscheu und Mitleid den Kopf. Auch der ein oder andere empörte Zwischenruf war zu hören und Fiondil blickte sie voller Mitgefühl, aber auch mit einem leichten Vorwurf an. „Warum nur hast mir nicht früher geschrieben und mir von all dem erzählt?“ konnte sie in seinen Augen lesen.
Als sie geendet hatte, sagte Pelendur an Fiondil gewandt: „Nun kann ich völlig verstehen, warum du diese Reise unbedingt antreten wolltest. Wahrhaftig, Ich hätte an deiner Stelle nicht anders gehandelt.“ An Evenila gerichtet fuhr er fort: "Meine Dame, ich bedaure es zutiefst, dass Ihr Euch solcher Unbill ausgesetzt saht! Umso mehr erfreut es mich, dass wir Euch aus dieser schlimmen Lage befreien konnten!“ Sie neigte dankend den Kopf. Pelendur fügte hinzu: „Aber abgesehen davon, dass die Dame der Hilfe bedurfte, wäre ich sicherlich auch allein ihrer Schönheit und ihres Liebreizes wegen in den kalten Norden gezogen!“ Er vollführte eine dienstbare Verbeugung.

Evenila lächelte verlegen, mit galanten Höflichkeiten dieser Art konfrontiert fühlte sie sich stets unsicher und wusste nie so recht, wie sie angemessen darauf reagieren sollte.
Pelendur nahm Fiondil dessen leeren Becher ab und schlug vor: „Vielleicht möchtet ihr einen kleinen Spaziergang unternehmen? Immerhin hatte die Dame Evenila in den letzten Tagen oder gar Wochen weder frische Luft, noch Gelegenheit zur Bewegung. In der hiesigen Gegend sind keine Gefahren zu erwarten und in dieser Richtung….“, er wies zu einem flachen, felsigen Hügel hinüber, der mit rosafarbenen Wiesenblumen und niedrigen Wacholdersträuchern bewachsen war „…Habe ich vorhin einen idyllischen Quellteich gefunden. Wir beide wollten nun ohnehin das Lager aufräumen und das Geschirr aufwaschen, nicht wahr, Arciryas?“ Er stieß den Angesprochenen, der auf dem Boden im Gras saß, leicht mit der Stiefelspitze an. „Bitte, was, wie?“ Arciryas hatte überrascht den Kopf gehoben. „Aber wir haben doch vorhin…“. Pelendur warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu und unterbrach ihn: „Du hast vorhin selbst gesagt, dass es ihm Zelt aussieht, als wenn Orks dort geplündert hätten!“
Arciryas blinzelte für einen Sekundebruchteil orientierungslos, dann schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn und rief zustimmend: „Ja, richtig! Wir können es einer Dame unmöglich zumuten, in solch einem Durcheinander zu nächtigen! Natürlich, entschuldige!“ Er sprang auf die Füße und sagte zu Fiondil und Evenila: „Dann auf, auf, ihr beiden, und bis später! Wir räumen hier inzwischen herum und machen sauber!“

Eine leichte Röte überzog Fiondils Wangen, er bot Evenila den rechten Arm, um sich unterzuhaken und führte sie in die gewiesene Richtung. Die Sonne neigte sich bereits dem westlichen Horizont zu und tauchte die bergige Landschaft in ein rötlich oranges Licht. Hin und wieder kam ein leichter Windhauch auf, der das halbhohe Gras und die Blumen bewegte und rund umher ertönte ein lautes Grillenkonzert. Als sie ein Stück gegangen waren, sagte Fiondil leise: „Ich freue mich so unbeschreiblich, dich wiederzusehen, auch wenn die Umstände, die dazu führten, alles andere als schön waren. Du hast mir gefehlt und ich wusste gar nicht, was ich anstellen sollte.“
Evenila antwortete nicht gleich, sondern horchte in sich hinein, um sich endgültige Gewissheit über ihre Gefühle zu verschaffen. Sie hatte Fiondil ebenfalls furchtbar vermisst, schließlich hatten sie sich über vier Jahre lang fast jeden Tag gesehen und er war ihr bester Freund und Vertrauter. Und nun, da sie wieder zusammen waren, kam es ihr so vor, als wenn das einfach so gehörte. Sie drehte den Kopf, musterte sein Profil, das kantige, glattrasierte Gesicht mit der leicht zu großen Nase und den markanten Wangenknochen, die blaugrauen Augen, das lange schwarze Haar und ein Gefühl tiefer Zuneigung durchströmte sie.

„Ich bin immer noch überwältigt, dass du tatsächlich hierher gekommen bist, um mir zu helfen. Und werde mich wohl niemals dafür revanchieren können!“ Er zog tadelnd die Augenbrauen zusammen und antwortete: „Als wenn ich das erwarten würde! So etwas tut man eben für die Frau die man...“, er unterbrach sich, lächelte unsicher und fuhr fort , „… Die man liebt! So, jetzt ist es raus. Aber vermutlich hast du dir das ohnehin schon denken können.“

Währenddessen waren sie um einen mehr als mannshohen Felsen gebogen und fanden dort die Quelle, die Pelendur gemeint hatte. Wasser plätscherte zwischen flechtenbewachsenen Felsen hervor in ein steiniges, kleines Becken und floß von dort in vielen schmalen, verzweigten Rinnsalen einem breiteren Bachlauf am Fuße des Hügels zu. Bitteres Schaumkraut und Brunnenkresse wucherten in dem kleinen Tümpel und leuchtend gelb blühende Butterblumen umkränzten ihn. Dahinter erhob sich eine einzelne, alte und vom Wind geformte Schwarzkiefer. Es roch nach feuchter Erde und Kräutern. Sie blieben stehen und bestaunten schweigend die Schönheit dieses Ortes.

Evenila war der Platz so magisch und unecht vorgekommen, dass es sie nicht gewundert hätte, wenn sie und Fiondil versehentlich durch ein unsichtbares Portal in irgend einem Feenreich gelandet wären. „Wie in einem fantastischen Märchen“, dachte sie, „Bestimmt macht es jetzt gleich ‚Puff!‘ und ich sitze in der Wirklichkeit wieder im Kerker!“ Sie kicherte albern, wandte sich zu ihm um und sagte leise: „Entschuldige! Ich hatte nur gerade einen unsinnigen Gedankengang. Ich… Ja!... ich wusste es. Am Tag meiner Abreise ist es mir quasi wie Schuppen von den Augen gefallen. Manchmal bin ich gar nicht so schlau, wie ich´s mir einbilde, sonst hätte ich es sicher früher gemerkt!“ Sie senkte die Stimme noch einmal und flüsterte fast: „Weißt du, ich liebe dich auch! Das hab´ich auch nicht gleich kapiert. Ich bin wohl hin und wieder schwer von Begriff!“
Fiondil sah Evenila an und lächelte. „Bist du nicht“, entgegnete er, „Manchmal müssen wir Menschen wohl etwas zunächst verlieren, bevor wir die Wahrheit darüber erkennen!“ Mit diesen Worten neigte er sein Gesicht zu dem ihren hinunter, schloss dann die Augen und küsste sie.

Kein Grillenzirpen, kein Wind, kein Kräuterduft war mehr zu ihr durchgedrungen, zumindest verbannte ihr Geist das alles als unwichtig aus ihrer Wahrnehmung. Sie legte die Arme um Fiondils Schultern und erwiderte den Kuss innig. Nach geraumer Zeit, es mochte etwa eine halbe Stunde gewesen sein - zumindest dämmerte es inzwischen - lösten sie sich voneinander und setzten sich auf einen moosbewachsenen Felsblock. Fiondil legte den Arm um ihre Taille. „Ich möchte künftig nicht noch einmal ohne dich leben müssen“, sagte er, „Es war furchtbar!“. Sie antwortete nicht, lehnte stattdessen den Kopf an seine Schulter. „An diesen Augenblick möchte ich mich gern für den Rest meines Lebens erinnern können“, dachte sie im Stillen, „Und wenn es mir irgendwann aus irgend einem Grund schlecht geht, dann werde ich mir dies hier in allen Einzelheiten ins Gedächtnis rufen!“

Nachdem die Sonne untergegangen war, wurde es schnell kühl und sie beschlossen, dass es nun Zeit wäre, ins Lager zurückzukehren. Händchenhaltend spazierten sie zu den Zelten, wo Arciryas und Pelendur inzwischen für eine geradezu bilderbuchmäßige Ordnung gesorgt und auch sämtliches Geschirr gesäubert hatten.

Die viereinhalb Wochen, die sie für die Rückreise nach Minas Tirith benötigten, waren ihr wunderbar erschienen und sie hatte trotz des anstrengenden Ritts jeden einzelnen Moment genossen. Wenn sie sich heutzutage daran erinnerte, kam es ihr geradezu wie ein schöner Traum vor, der ihr einmal zuteil geworden war.
Dann konnte man die Mauerringe und Türme der Stadt in weiter Ferne erahnen, im Dunst zeichneten sie sich weißschimmernd gegen die dunkle Flanke des Mindolluin ab.
Die Gruppe überquerte den Anduin bei Cair Andros und Pelendur schlug vor, in einer einladend aussehenden Herberge zu übernachten, die am Rande des schmucken Dörfchens Parth Duin lag. Die restliche Strecke nach Minas Tirith wollten sie dann am folgenden Tag zurücklegen. Fiondil zahlte den Söldnern die zweite Hälfte des vereinbarten Geldes aus und entließ sie aus seinen Diensten.
In der Schankstube herrschte bereits ein reger Andrang. Mit fortschreitender Stunde kam auch eine fröhliche Stimmung hinzu, es wurde getrunken, gelacht und gesungen. Trotz ihrer Müdigkeit von der Reise hielten die vier es bis kurz vor Mitternacht aus, dann beschlossen sie alle, schlafen zu gehen.
Da die Herberge gut belegt war, mussten sie sich die zwei einzigen noch freien Zimmer teilen. Evenila und Fiondil bezogen das eine davon, Arciryas und Pelendur das andere.

Evenila öffnete die Tür und fand einen kleinen, aber gepflegten Raum vor, mit einem Fußboden aus schweren, dunklen Holzbohlen, auf dem ein paar Schaffelle ausgebreitet waren. Eine Laterne an der Wand und ein Kerzenhalter auf einem Beistelltischchen waren von den Mägden bereits entzündet worden. Gegenüber der Tür hing ein großer Kranz aus getrockneten Rosen und Lavendelblüten. Links und rechts der Zimmertür stand jeweils ein Bett an der Wand, mit sauberem Leinenzeug darauf. Durch ein Fenster, welches zum Gemüsegarten hinaus ging, fiel silbriges Licht auf den Boden, denn der Mond war fast voll und der Nachthimmel wolkenlos.

Sowohl Fiondil, als auch Evenila hatten recht verlegen und zurückhaltend reagiert, als klar wurde, dass sie in einem Zimmer schlafen mussten und seitdem herrschte eine unterschwellige Anspannung zwischen den beiden. Sie stapelte ihr Gepäck am Fuß des Bettes, zog Stiefel, Übergewand und Hose aus und legte sich in ihrer knielangen, weißen Untertunika ins Bett. Dann wünschte sie Fiondil eine gute Nacht und wickelte sich in ihre Decke.
Fiondil entkleidete sich bis auf die Hose, löschte die Kerzen und legte sich ebenfalls hin.
Er erzählte noch ein paar lustige Anekdoten, die sich in ihrer Abwesenheit ereignet hatten und sie lachten darüber, es klang jedoch gezwungen. Nach einer Weile schwieg Evenila und starrte an die Zimmerdecke. Fiondil sagte ebenfalls nichts mehr. Evenila hatte das Gefühl, dass die Spannung beinahe greifbar in der Luft hing und man sie hätte in Würfel schneiden können. Viele Minuten verstrichen in Stille und sie fragte sich, ob er eingeschlafen war. „Schläfst du schon?“ fragte sie in seine Richtung. „Nein!“ kam die Antwort von drüben und seine Stimme klang irgendwie heiser.

Sie dachte nach. Einige Male hatte sie Gespräche gehört oder Bruchstücke davon aufgeschnappt, in denen die Rede davon war, dass "eine Frau keinesfalls zu früh mit einem Mann ins Bett steigen solle“. Welche Wartezeit war denn angemessen? Was, wenn man denjenigen schon seit Jahren bestens kannte, aber sich gewisse Dinge eben erst vor nicht allzu langer Zeit entwickelt hatten? Dann traf sie eine Entscheidung. Sie stand leise auf, tapste im Mondschein zur anderen Seite des Zimmers hinüber und setzte sich zu ihm auf das Bett. Er wirkte sehr überrascht, schlug dann aber seine Decke für sie zurück und sah sie im schwachen Licht an, als wenn sie irgend eine Traumerscheinung wäre.
Evenila zog ihre Tunika über den Kopf und ließ sie auf den Boden fallen.
Dann jedoch verflüchtigte sich ihr plötzlicher Mut und sie stammelte: „Fiondil, also, nicht dass du jetzt denkst… ich habe vorher noch nie… also, du weißt schon…“, sie spürte förmlich, wie sie puterrot wurde und hoffte, dass man dies bei den Lichtverhältnissen nicht sehen konnte. „Ich auch nicht!“ antwortete er rauh, „Ich habe...Bücher darüber gelesen. Aber wir werden uns der Sache gemeinsam stellen.“ Evenila kicherte leise, was ihrer Nervosität geschuldet war und kroch zu ihm unter die Decke.
Eine Weile später war alles, was andere Leute vielleicht denken mochten, belanglos und Welt außerhalb des Zimmers existierte nicht mehr. Als dann draußen die ersten Vögel ihr Morgenlied anstimmten, schlummerten beide schließlich eng umschlungen ein.


Diesmal wurde Evenila nicht bei Sonnenaufgang wach. Vielmehr schlief sie, oder besser gesagt, schliefen sie beide, bis draußen höflich, aber dennoch nachdrücklich an die Tür geklopft wurde. „Aufgestanden, ihr beiden Turteltäubchen!“, drang Arciryas Stimme fröhlich von draußen herein, „Es ist bereits heller Tag und die Sonne scheint! Frühstück ist auch schon lange aufgetragen und bisher konnte ich Pelendur erfolgreich davon abhalten, alles allein aufzuessen! Aber ich weiß nicht, wie lange noch!“ Er klopfte sicherheitshalber noch einmal, war aber natürlich diskret genug, die Tür nicht zu öffnen.

Evenila schrak hoch, sprang aus dem Bett und schubste Fiondil ein paarmal an. Der öffnete nur widerwillig die Augen und murmelte schlaftrunken: „Guten Morgen, meine Weiße Mondblume“. Sie warf ihm eine Kusshand zu, kleidete sich halb an und huschte die Treppe hinunter in den Waschraum. Mit stolzgeschwellter Brust hatte der Herbergswirt ihnen gestern Abend diese Einrichtung gezeigt und darauf hingewiesen, dass sie selbstverständlich all seinen Gästen zur Verfügung stand.
Dort gab es eine Schwengelpumpe, schulterhohe, gemauerte Trennwände als Sichtschutz, Bottiche und Seife, sowie große, saubere Baumwolltücher, um sich abzutrocknen. In der Mitte des Bodens hatte man einen Abfluss installiert. Evenila übergoss sich in einem kleinen Zuber einige Male mit Wasser. Zwar stand nur kaltes zur Verfügung, dennoch stellte so ein Waschzimmer für sie einen unerhörten Luxus dar. In Thal oder Esgaroth verfügten selbst die reichsten und wichtigsten Leute nicht über eine solche Einrichtung, waren vermutlich auch noch niemals auf so eine Idee gekommen. In Gondor war sie in vielen Häusern gang und gäbe und in den Städten gab es Badehäuser.
„Wir sind eine zivilisierte Stadt!“ äffte Evenila die Worte von Hauptmann Dunstan nach, während sie sich einseifte. „Pah! Das ich nicht lache!“ Fiondil stolperte hinein und begann seine Morgentoilette damit, sich den Kopf unter die Wasserpumpe zu halten. Er tastete mit den Zeigefingern über sein Kinn und die Wangen und überlegte offenbar, ob er sich rasieren sollte, sah dann jedoch davon ab.
Evenila wandte ihm den Kopf zu und fragte neckend: „Soso, du hast also Bücher darüber gelesen? Erzähl´mir mehr!“ Fiondil grinste, zuckte mit den Schultern und erklärte: „Da gibt’s gar nicht viel zu erzählen. Mein älterer Bruder besaß ein paar… recht interessante Schriften zu dem Thema, sogar mit einzelnen Kupferstichen, die Abbildungen dazu zeigten. Ich weiß nicht, ob er die jetzt noch hat, seitdem er verheiratet ist. Und, ob du´s glaubst oder nicht, sie verfügen sogar in der Tham en-Haelas über zwei Werke dazu, in denen es nicht nur um die anatomischen Belange geht. Die befinden sich in der kleinen Bibliothek im ersten Stock, im linken Eckregal auf dem obersten Brett - ich habe diese Bücher vor Jahren mal zufällig entdeckt!“ Er ergänzte belustigt: „Vielleicht muss man als vollständiger Gelehrter auch darüber Bescheid wissen!“

Nachdem sie fertig angezogen in der Gaststube erschienen waren und ihr Frühstück eingenommen hatten, wurden die Pferde gesattelt und die Gruppe brach zur letzten Etappe auf. Fiondil hatte ihr nach der Hälfte der Reise bereits mitgeteilt, dass er sie seinen Eltern als seine Verlobte vorzustellen gedachte. Also ritten sie, nachdem sie sich am Stadttor ausgiebig und herzlich von Pelendur und Arciryas verabschiedet hatten, zum Anwesen seiner Familie im vierten Ring der Stadt.
Ende gut, alles gut? Nein. Natürlich nicht, denn ansonsten hätte diese Geschichte ja nicht in Bree begonnen.



--Fortsetzung folgt
"Das Glück ist kein leichtes Ding.
Nur sehr schwer finden wir es in uns und anderswo gar nicht."


"So, könnt ihr alle noch schnaufen? Ich will ja nicht schuld sein,
wenn jemand während des Tanzens erstickt!"

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Re: i.A.: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Mittwoch 11. September 2019, 23:38

Fortsetzung


Fehlender Adel, ein Neuanfang und Unheil am Horizont

Am Anwesen seiner Familie angelangt, hatte Fiondil das Gepäck vom Rücken der Pferde abgeladen, die Tiere einem Stallknecht übergeben und dann geräuschvoll und unter lauten „Ich bin zurück!“-Rufen die Haustür aufgerissen. Binnen kürzester Zeit waren alle Hausbewohner in der Eingangshalle versammelt gewesen.
Von seiner Mutter wurde er geradezu überschwänglich begrüßt. Seinem Vater war die Erleichterung über die sichere Heimkehr seines Sohnes deutlich am Gesicht abzulesen gewesen, er hatte sich jedoch weniger emotional gegeben. Auch Evenila war von ihnen freundlich willkommen geheißen worden, jedoch hatte sie dabei den unbestimmten Eindruck, dass der Funke nicht so recht überspringen wollte. Da hatte Fiondil sie soeben allen Anwesenden als seine Verlobte präsentiert.
Ohne, dass Evenila es an irgendetwas konkret hätte festmachen können, hatte sie das Gefühl, seinen Eltern in Wahrheit nicht so willkommen zu sein, wie sie es bekundeten. Fiondils Bruder Súrion und dessen Ehefrau Brethilas hingegen schienen sie vom ersten Augenblick an zu mögen und waren aufrichtig herzlich zu ihr gewesen. Das Personal, bestehend aus einem Koch, einer Zofe, einem Knecht und einer Hausdame hielt sich dezent im Hintergrund, verneigte sich aber bei Blickkontakt höflich.
Súrion sah fast aus wie eine ältere Ausgabe Fiondils. Seine Frau Brethilas, eine kleine, zierliche Person mit kastanienfarbenem Haar, heller Haut und jadegrünen Augen, hatte Evenila angestrahlt und schien generell eine Frohnatur zu sein. Fiondils Vater Vëantur war ein großgewachsener Mann, nicht ganz so groß wie seine beiden Söhne, aber breitschultriger und kräftiger gebaut. Trotz seines fortgeschrittenen Alters wirkte er drahtig und athletisch. Sein vermutlich einstmals pechschwarzes Haar und der Vollbart waren inzwischen vollständig ergraut. Fiondils Mutter Ailinn, ebenfalls recht groß gewachsen und grauhaarig, war von eher durchschnittlichem Aussehen und auf den ersten Blick wenig auffällig. Dennoch strahlte sie eine besondere Würde und Selbstbewusstsein aus, wodurch sie auf eine subtilere Weise die Aufmerksamkeit auf sich zog.
Sie lud Evenila ein, ihre Sachen ins Gästezimmer zu bringen, Fiondil äußerte jedoch sogleich, dass Evenila zu ihm in die zwei Zimmer ziehen würde, die er im Dachgeschoss bewohnte.

In den zwei folgenden Tagen war dann viel erzählt worden. Fiondil schilderte die Hin- und Rückreise nach Thal und Evenila berichtete von den schrecklichen Vorkommnissen, mit denen sie dort konfrontiert gewesen war. Fiondils Eltern, vor allem Vëantur, wollten alles ganz genau erfahren und fragten immer wieder nach, so dass sich Evenila zeitweilig fast schon in einer Art Verhör glaubte. Insbesondere schien dabei ihre Herkunft und die Familie zu interessieren. Evenila fühlte sich immer unbehaglicher und es kam ihr vor, als ob Vëantur und Ailinn das, was sie hörten, nicht sonderlich gefiel. Obwohl sie weiterhin sehr höflich blieben und sich nichts anmerken ließen. Dies hatte jedoch zur Folge, dass Evenila sich bald bemühte, Fiondils Eltern möglichst wenig über den Weg zu laufen.
Zum Glück gestaltete sich dies als nicht sehr schwierig, da Vëantur den ganzen Tag außer Haus war, seinem Dienst nachging und seine Falkenzucht beaufsichtigte. Ailinn traf sich häufig mit Frauen aus der Nachbarschaft oder engagierte sich in einer Suppenküche für bedürftige Stadtbewohner. Gleichzeitig fragte sich Evenila, ob sie sich diese Distanz, die Fiondils Eltern ihr gegenüber zu wahren schienen, vielleicht nur einredete.

Glücklicherweise war sie nicht allein im Haus, da Fiondil keinen Unterricht in der Tham en-Haelas mehr besuchte. Kurz, bevor Evenilas Brief bei ihm eingetroffen war, hatte er erfolgreich die Prüfung zum Geringeren Meister bestanden.
Nun überlegte er, ob er weiter studieren sollte, um den nächsthöheren Meistergrad zu erreichen oder nach einer Anstellung suchen sollte. „Ich wünschte so sehr, ich hätte die Prüfung noch schreiben können“, hatte Evenila an einem Abend geklagt, „Jetzt habe ich zwar studiert, aber ich habe keinen Abschluss. Mir fehlt der Unterrichtsstoff eines knappen halben Jahres… das ist schon… gesalzen! Also, um ihn selbst nachzulernen, meine ich.“ Fiondil sah nachdenklich und betrübt drein. „Das ist wohl wahr. Zwar traue ich mir einiges zu, aber zu glauben, dass ICH dich in all den Fächern auf den erforderlichen Stand bringen könnte - das scheint mir doch ziemlich vermessen!“ Er seufzte. „Der neue Lehrgang hat kürzlich begonnen und ist voll belegt, ich habe in der Tham en-Haelas bereits für dich angefragt.“ Traurig ergänzte er: „Ich hatte eigentlich gehofft, dir eine Zusage als Überraschung überbringen zu können. Daraus ist zu meinem größten Bedauern nichts geworden“.
Evenila senkte den Kopf. Eine Weile sagte sie nichts und kaute gedankenverloren auf ihrer Unterlippe. Dann schlug sie mit der rechten Faust gegen die Handfläche der linken Hand stellte fest: „Also gut, es ist, wie es ist, wir können es ja nicht ändern. Aber einfach hinnehmen steht nicht zur Diskussion. Ich will es wenigstens versuchen. Bitte, Fiondil, hilf mir dabei, den Stoff nachzuholen, den ich verpasst habe! Und wenn ich die erforderlichen Bücher dazu auffressen müsste!“

Daraufhin hatte er lachen müssen. „Diese Bilder möchte ich lieber nicht in meinem Kopf haben, vielen Dank auch!“ Sie alberten noch eine ganze Weile herum und beschlossen dann, dass sie ebenso gut sofort mit der Arbeit beginnen konnten.
Die Tage vergingen und Evenila war mit vollem Einsatz bei der Sache. Sie fühlte sich dabei ständig an ihren damaligen Unterricht in elbischer Sprache erinnert, immerhin war der Lehrmeister ja der gleiche. Nur, dass der Lehrmeister jetzt ihr Geliebter war und beabsichtigte, sie in nicht allzu ferner Zeit zu heiraten.

So ging es weiter, bis ihr an einem Tag auffiel, dass Fiondil sich stiller verhielt als gewohnt, weniger lächelte und irgendwie bedrückt wirkte. Darüber war Evenila ziemlich verwundert gewesen, da sie so einen Zug bisher überhaupt nicht von ihm kannte. Sie schob es zunächst einmal auf eine schlechte Tagesstimmung, beobachtete ihn nun jedoch sehr genau. So erkannte sie denn auch bald, dass irgendetwas auf ihm zu lasten schien, von dem er offenbar nicht wollte, dass sie es bemerkte.
Ein ungutes Gefühl keimte in ihr auf. Einen Abend später, als sie gerade im Halbdunkel auf dem kleinen Balkon standen, der zu seinem Schlafzimmer gehörte und auf die von Laternen beleuchtete Stadt hinabsahen, fasste sie sich ein Herz und sprach ihn direkt darauf an. Warum Zeit verschwenden? „Es ist nicht zu übersehen, dass dir etwas nahe geht und dir irgend welchen Kummer bereitet. Zumindest bemerke ICH es, auch wenn du es offenbar vor mir zu verstecken versuchst.“ Sie wandte sich ihm zu, fasste sanft seine Hände und sah ihm fragend in die Augen.
Fiondil zögerte zunächst, murmelte dann aber niedergeschlagen: „Es… ist wegen meiner Eltern. Sie haben mir sehr deutlich gemacht, dass sie von unserer Verbindung nicht begeistert sind. Zwar gestehen sie dir zu, dass du eine hübsche und kluge Frau bist, aber das allein reicht ihrer Ansicht nach nicht aus. Sie...“, er suchte nach Worten, „Für sie spielt der Stand und die Herkunft eine entscheidende Rolle. Meine Familie ist von niederem Adel. Abgesehen davon, dass sich mein Vater um die Jagdfalken des Herrn Denethor kümmert und Falken züchtet, abrichtet und verkauft, trägt er außerdem den Titel ‚Aufseher der königlichen Ställe‘. Auch, wenn wir in Gondor, wie du ja weißt, seit Jahrhunderten keinen König mehr haben. Hinter den Titeln stehen uralte Traditionen und die werden in meinem Volk stolz hochgehalten. Mein Vater steht damit etwa auf der Stufe eines Ritters und meine Mutter stammt aus einem Freiherren-Geschlecht in Belfalas drunten.“

Evenila spürte, wie ihr plötzlich kalt wurde und sich ihr Inneres zusammenzuziehen schien.
Fiondil fuhr mit stockender Stimme fort: „Hinzu kommt, dass meine Eltern beide sehr…konservative Ansichten vertreten. Daher hatten sie dir auch das Gästezimmer zugewiesen. Für sie ist es sehr unanständig, wenn Unverheiratete das Bett miteinander teilen – Verlobung hin oder her. Das… das haben sie mir gestern Morgen ziemlich wortreich vorgeworfen.“ Er grinste schief. „Ich hab´ihnen dann ins Gesicht geantwortet, das da ohnehin keine Medaille mehr zu gewinnen sei, weil wir das auf dem Weg hierher bereits getan hätten. Also, das Bett geteilt, meine ich!“ „Das hast du ihnen so gesagt?“ vergewisserte sich Evenila erschrocken.
Fiondil nickte knapp. „Ja! Sie haben mich seit frühester Kindheit zur Ehrlichkeit erzogen und darauf bestanden, dass ich immer die Wahrheit sage. Dann müssen sie es jetzt auch aushalten können, wenn sie Dinge zu hören bekommen, die sie nicht so gut finden!“ Bei den letzten Worten hatte seine Stimme einen nachdrücklichen Ton angenommen. Er schob seine Finger zwischen die ihren. Evenila blickte mit angespannter Miene auf ihrer beider Hände, ohne diese jedoch wirklich wahrzunehmen, und versuchte sich zu vergegenwärtigen, was dies nun künftig für sie bedeuten sollte.

Sie hätte gern Zorn entwickelt, stattdessen fühlte sich jedoch einfach nur elend und fehl am Platz. „Geduldet!“ dachte sie bei sich, „Das ist es wohl, was mich gerade betrifft. Sie wollen nicht, dass ihr Sohn eine Besitz- und Familienlose ins Haus holt, noch dazu ohne einzigen Tropfen blaues Blut in den Adern!“ Fiondil hob eine Hand und strich ihr mit den Fingerspitzen zärtlich durchs Haar. „Versteh´mich nicht falsch“, sagte er, „Ich liebe meine Eltern und das letzte, was ich möchte, ist, sie vor den Kopf zu stoßen. Aber mit IHNEN werde ich nicht den Rest meines Lebens verbringen! Ich habe ihnen gesagt, dass du die Frau bist, mit der ich zusammen sein will und dass mir das mehr bedeutet, als alles Geld oder irgendwelche großartigen Titel und Beinahmen.“
„Das ist leicht dahergesagt“, ätzte eine gehässige Stimme in Evenilas Innerem, „Er kennt ja bisher kein anderes Leben als dieses gutsituierte hier, in dem alles vorhanden ist, was man sich gemeinhin so wünschen kann!“ Rasch verbannte sie diese Gedanken aus ihrem Kopf und schämte sich dafür. Fiondil sagte leise: „Bitte, lass uns jetzt nicht weiter darüber reden, ja? Dazu ist dieser laue Abend viel zu schön.“ Er beugte sich hinunter und begann, sachte ihren Hals zu küssen. Als sie daraufhin die Augen schloss und den Kopf in den Nacken legte, damit er die gewünschten Stellen besser erreichen konnte, hob er sie behutsam auf und trug sie ins Schlafzimmer, zum Bett hinüber.

Am nächsten Tag war das Thema nicht noch einmal zur Sprache gekommen. Weitere Tage vergingen und Evenila wusste nicht, ob Vëantur und Ailinn ihren Sohn noch weiterhin mit Vorwürfen behelligten. Zumindest sprach er nicht mehr davon, ließ sich auch nichts anmerken und sie brachte es irgendwie nicht über sich, ihn danach zu fragen. Was seinen künftigen Werdegang anbelangte, so hatte Fiondil vor kurzem beschlossen, sich erst einmal nach einer Anstellung umzutun und das Studium für den Rang des Höheren Meisters erst einmal hintenan zu stellen. In zwei-drei Jahren wollte er sich dann dafür einschreiben. Er hatte Briefe an verschiedene Beamte und andere Mitglieder des Hofes gesendet sowie auch an Adelige und Vögte außerhalb von Minas Tirith.
Schließlich war eine eine Antwort eingetroffen und Fiondil hatte mit dem Schreiben voller Freude unter Evenilas Nase herumgewedelt. „Ich habe eine Zusage erhalten!“ strahlte er, „Aus Nimlond! Das ist ein kleiner Ort am Kap von Belfalas, direkt an der Küste. Dort lebt eine Tante von mir und sie hat mich dem Verwalter des Grafen empfohlen, dem das entsprechende Lehen gehört. Ich kann dort als Berater anfangen! Meine Tante schreibt mir hier außerdem…,“ er deutete auf ein paar Zeilen, „…Dass wir erst einmal in ihrem Haus unterkommen können! Sie hätte im Hintergebäude genug Platz, seit ihre beiden Töchter ausgezogen sind.“
Evenila hatte sich aus vollem Herzen mit ihm gefreut und war überglücklich gewesen. Außerdem fühlte sie eine beinahe grenzenlose Erleichterung, denn das bedeutete, dass sie dieses Haus verlassen konnte, in dem ihre Anwesenheit nicht willkommen war. Und sie würde das Meer sehen!
Schon zwei Tage später packten sie alles zusammen, was ihnen wichtig erschien und versahen sich mit Proviant für den zweiwöchigen Ritt. Größere und sperrigere Besitztümer würden später mit einem Karren nachgeliefert werden. Er verabschiedete sich von seinen Eltern, die ihm viel Glück und Erfolg für seinen künftigen Dienst wünschten und darum baten, ihnen möglichst eingehend zu berichten. Evenila hatte ihnen gegenüber alle Höflichkeit aufgeboten, zu der sie fähig war, obwohl sie ihnen am liebsten Zum Abschied einen Vogel gezeigt hätte.

Nimlond entpuppte sich als eine bezaubernde Ortschaft mit gepflegten Gärten und von zahlreichen Granatapfel- und Orangenhainen umgeben. Überall wuchsen Oleandersträucher und wilder Hibiskus. Die Häuser waren alle aus Holz gebaut und in leuchtenden Blautönen gestrichen. Nur die örtliche Garnison der Küstenwächter, die im Osten an den Hafen des Dorfes angrenzte und auf einer weit ins Meer hineinragenden Felszunge stand, war aus Stein errichtet. Sie bestand aus einem flachen Kasernengebäude, dass Unterkunft für einundzwanzig Soldaten war, Pferdeställen und einer vier Meter hohen Ringmauer aus weißen Natursteinen. Zum Meer hin ragte ein zehn Meter hoher Turm empor, auf dessen Plattform Holz für ein Signalfeuer gestapelt war. Der Kai und die Stege des kleinen Hafens von Nimlond bestanden aus dem gleichen weißen Stein wie die Befestigungsanlage. Evenila war bereits völlig entzückt gewesen, als sie während der Anreise von einem entfernten Hügel herab einen Blick auf das Dorf hatte werfen können. Ein kräftiger Wind trug salzige Luft vom Meer mit sich und man konnte schon bald das laute Geschrei der Möwen vernehmen, die über der Hafenanlage kreisten. Und dahinter – dunkelblau, in der Sonne glitzernd und unendlich – das Meer!

Fiondils Tante gehörte ein repräsentables, zweistöckiges Gebäude, wie alle anderen aus blau angestrichenem Holz. Fensterrahmen und –läden waren in Weiß gehalten. Rosen in verschiedenen Farben von Weiß über Gelb bis zu dunklem Weinrot blühten im Vorgarten, der von einem niedrigen Bretterzaun zur Straße hin abgegrenzt wurde. Geschnitzte Blumenranken zierten den Türstock.
Ivriloth, Fiondils Tante, riss freudig die Haustür auf, sowie Evenila und Fiondil vor dem Haus die Pferde angehalten hatten, was darauf schließen ließ, dass sie nahe des Fensters gelauert haben musste. Sie war eine kleine, etwas dickliche Frau mit weißem Haar und leuchtend himmelblauen Augen, die von einem Netz aus Lachfältchen umgeben waren. Ihre Gesichtszüge ließen vermuten, dass sie in jüngeren Jahren eine große Schönheit gewesen sein musste. Evenila hatte Ivriloth vom ersten Moment an gemocht und dies hatte auf Gegenseitigkeit beruht. Fiondils Tante schien in jeder Hinsicht das Gegenteil ihrer jüngeren Schwester Ailinn zu sein.
„Willkommen, mein lieber Junge! Meine Güte, bist du aber gewachsen! Deine Tante hat dich ja SO lange nicht gesehen… ein richtig stattlicher, hübscher Bursche bist du geworden, ja Potztausend!“ hatte es Fiondil entgegengeschallt, woraufhin er etwas peinlich berührt gegrinst und Evenila einen entschuldigenden Blick zugeworfen hatte. Diese musste sich mühsam ein Lachen verkneifen. Im Haus hatte Ivriloth ihnen das Personal vorgestellt – einen etwas verschroben wirkenden, ältlichen Hausdiener, ein Zimmermädchen und einen Gärtner. Das Kochen erledigte Ivriloth selbst, da es ihre große Leidenschaft war. Das Rückgebäude enthielt eine separate kleine Wohnung, in der zuvor Ivriloths Töchter gelebt hatten und die noch fast vollständig möbliert war.

Wenige Tage später trat Fiondil seinen Dienst beim Vogt der Ortschaft an, der seinen Amtssitz mit in der Kaserne hatte. Evenila lernte weiterhin fleißig, merkte aber bald, dass es ihr zunehmend schwerer fiel, dies sechs bis acht Stunden am Tag konzentriert durchzuhalten. Sie brauchte dringend etwas zum Ausgleich.
Hier kam jedoch schon bald darauf der Zufall zu Hilfe. Evenila war gerade auf dem Richtung Küche gewesen, um sich nach einer Kleinigkeit zu Essen umzusehen, als sie aus dem Garten Lautenspiel vernahm. Sie spitzte die Ohren, verwarf ihren ursprünglichen Plan und folgte stattdessen den Klängen nach draußen. Dort fand sie Ivriloth mit einer Laute auf einer Gartenbank sitzend, völlig in die Musik vertieft. Evenila lauschte andächtig, bis das Lied zu Ende war und setzte sich dann zu der alten Dame auf die Bank. „Du spielst wundervoll“, hatte sie geseufzt, „Ich wünschte, ich könnte das auch. Wobei... vielleicht würdest du…“, sie hob den Zeigefinger, blitzartig war ihr eine Idee gekommen. „Ich besitze eine Laute, die mir mein Vater… nun, sozusagen vererbt hat. Zu meinem großen Leidwesen kann ich aber nicht darauf spielen. Würdest du es mir vielleicht beibringen?“ Ivriloth lächelte gutmütig. „Aber ja, Kind! Warum denn nicht? Dann habe ich auch regelmäßig etwas Unterhaltung und Ansprache. Bring´die Laute nur her, dann stimmen wir sie und sehen zu, dass du bald ein paar einfache Lieder zusammenbekommst.“ Evenila war sofort freudestrahlend aufgesprungen und hatte das Instrument herbeigeholt. Ab da wurde im Garten täglich Musikunterricht abgehalten.

Es hätte so weitergehen können, wenn Evenila es sich hätte aussuchen können. Dann jedoch erinnerte sich die Göttin des Unheils – sofern es eine solche gab - offenbar an sie und beschloss, wieder einmal vorbeizuschauen.

Evenila war weit vor Sonnenaufgang wach geworden, da laute Geräusche von draußen allmählich durch ihren Schlummer hindurch gedrungen waren. Es dauerte eine Weile, bis ihr schlaftrunkener Geist verarbeitete, wovon sie eigentlich geweckt worden war. Dann hörte sie es. Draußen erklangen laute und hektische Rufe. Auch Befehle wurden gebrüllt, die wohl den Soldaten galten und ein Pferd jagte in vollem Galopp die Straße vor dem Haus hinunter. Das laute Geklapper der Hufeisen entfernte sich schnell und verklang in der Ferne. Evenila stand leise auf und spähte aus dem Fenster. Fast das gesamte Dorf war auf den Beinen und die Menschen rannten durcheinander, schleppten Holzbalken und Bretter oder beluden Karren mit Habseligkeiten. Entlang der Strandlinie, die sich hell gegen das Dunkel des Meeres abzeichnete, loderten Wachfeuer. Es hätte kaum offensichtlicher sein können, dass irgendetwas ganz und gar nicht Ordnung war. Erschrocken eilte sie zum Bett zurück, packte Fiondil an der Schulter und schüttelte ihn. „Schnell, steh auf, draußen muss irgendetwas passiert sein!“ Er blinzelte zunächst orientierungslos, war dann aber nur einen Moment später schlagartig hellwach. „Was … was sagst du da?“ „Frag´nicht lang, schau einfach aus dem Fenster! Ich habe keine Ahnung, was da vor sich geht aber ich glaube, wir sollten uns schnellstmöglich anziehen“ forderte sie ihn auf und stellte ironisch fest:„ Wie die fröhlichen Vorbereitungen zu einem plötzlichen Fest sieht mir das auf jeden Fall nicht aus! “ Hastig schlüpfte sie in Hose und Stiefel und zog eine langärmelige Tunika sowie ein enggeschnittenes Lederwams an. Sie wollte schon das Zimmer verlassen, als ihr Blick auf eine Kommode fiel, wo ihr Gürtel mit dem Dolch lag. Schnell griff sie danach, schnallte sich die Waffe um und stürmte ins Vorderhaus.

Dort rannte sie fast in Ivriloth hinein, die alte Dame wirkte völlig aufgelöst. „Was, zum Henker, ist da draußen los?" rief Evenila. Ivriloth rang die Hände und antwortete: "Bei den Herren des Westens, wie gut, dass ihr wach seid! Ich wollte soeben gehen, um euch aufzuwecken! Ein Fischer hat heute Nacht weit draußen auf dem Meer fremde Schiffe gesehen, mit schwarzen Segeln! Der Hauptmann der Garnison hat seine Worte zunächst angezweifelt, aber der Mann schwört bei allem, was ihm heilig ist, das sie wirklich da waren. Zwar hätte er sie im Mondlich nicht richtig deutlich erkennen können aber glaubt, dass es wenigstens sechs waren. Und sie schienen Kurs in Richtung Küste zu halten!"
Während sie erzählte, wurde Evenila zunehmend von Furcht gepackt. Sie wusste, dass schwarze Segel nur eines bedeuten konnten - Korsaren! "Oh, Himmel! Bitte hilf! Gib, dass sie vorbeisegeln!" flehte sie innerlich.



--Fortsetzung folgt
"Das Glück ist kein leichtes Ding.
Nur sehr schwer finden wir es in uns und anderswo gar nicht."


"So, könnt ihr alle noch schnaufen? Ich will ja nicht schuld sein,
wenn jemand während des Tanzens erstickt!"

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Re: Evenila - die Geschichte eines bewegten Lebens oder auch "Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet!"

Ungelesener Beitragvon Evenila » Montag 16. September 2019, 23:41

Fortsetzung


Schwarze Segel und Feuersglut

Evenila trat vor die Haustür. Noch war es unklar, ob die Korsarenschiffe tatsächlich auf Nimlond zusteuerten, aber man bereitete sicherheitshalber alles für die Verteidigung und für die Flucht eines Großteils der Einwohner vor. Wenn Nimlond nicht das Ziel war, dann würden die Korsaren sicher über die umliegenden Dörfer oder die nächste Stadt  herfallen. Durfte man sich wünschen, selbst verschont zu bleiben in der Gewissheit, dass es dann stattdessen den Nachbarn traf? Ihre Überlegungen wurden abrupt beendet, als Fiondil neben ihr auftauchte und ihre Hand fasste. „Komm, wir müssen Vorbereitungen treffen“.

Evenila sah ihn an, die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Fiondil, warum jetzt? Warum wir? Ich meine, es wurden seit fast vierzig Jahre keine von ihnen mehr gesehen, seitdem Thorongil ihre Flotte verbrannte!“ Fiondil schwieg eine Weile, dann antwortete er zögernd: „Es würde zu dem passen, was mir Pelendur vor ein paar Monaten einmal erzählt hat. Kundschafter vermelden seit einiger Zeit verstärkte feindliche Sichtungen und Aktivitäten an allen Grenzen Gondors. Zufall? Kaum. Mit scheint es eher, als wenn der Schatten im Osten sich regte und unsere Wachsamkeit auf die Probe stellte. Nun, ich weiß es nicht – aber es scheint sich in ein Gesamtbild zu fügen.“ Der Klang seiner Stimme verriet, dass er ebenfalls Angst hatte. Sie gingen nach drinnen und berieten, was zu tun sei.
Ivriloth verkündete, dass sie ihr Haus auf gar keinen Fall verlassen würde, um landeinwärts zu flüchten. „Ich werde nicht gehen! Ich habe fast mein gesamtes Leben hier verbracht“ konstatierte sie. „Wenn ich heute sterbe, dann hält Mandos meine Zeit eben für gekommen. Ich bin alt und hatte ein wundervolles Leben, ich fürchte den Tod nicht!“ Alles Überreden half nichts und die Dienstboten äußerten, ebenfalls bei ihrer Herrin bleiben zu wollen. Zuletzt verkündete Evenila, dass sie auch bis zum letztmöglichen Zeitpunkt ausharren wollte. Für den Notfall standen Hwītmanu und Fiondils Pferd bereits fertig aufgezäumt im Stall.
Fiondil holte Steppwams und Kettenhemd, die seinem verstorbenen Onkel gehört hatten, aus der Abstellkammer und ein Langschwert vom Kaminsims herunter. Er prüfte die Klinge, sie war in tadellosem Zustand. Evenila protestierte entschieden: „Ich weiß, dass alle Adeligen Gondors in ihren Jugendjahren Fechtunterricht erhalten und lernen, den Langbogen zu handhaben. Aber es ist ein himmelweiter Unterschied, ob du in der Jugend den Umgang mit einer Klinge gelernt und in den folgenden Jahren dann noch hin und wieder ein wenig geübt hast oder ob du ein erfahrener und abgebrühter Krieger bist! Noch dazu werden die Korsaren – so sie denn tatsächlich Nimlond überfallen – ohne jegliche Ehre oder Skrupel kämpfen!“

„Mondblume, sag mir, was soll ich sonst tun ?“ entgegnete Fiondil. „Wenn der Angriff kommt, dann müssen alle zum Schwert greifen, die dazu in der Lage sind! Wer außer mir soll denn das Haus verteidigen?“ Darauf hatte sie keine Antwort gewusst.
Der Morgen brach an, das goldene Licht der ersten Sonnenstrahlen verdrängte die Dunkelheit und mit ihr alle Zweifel. Denn am Horizont waren nun sehr deutlich zehn große schwarze Segel zu sehen, die auf die Küste zuhielten. Evenila beobachtete es von einem der Fenster im ersten Stock aus und ihr Herz verkrampfte sich. Da jedoch – war es Glück? - teilte sich die Flotte auf. Fünf Schiffe steuerten auf Nimlond zu, die anderen fuhren Richtung Westen, weiter die Küste hinunter.

Am Hafen und dem Strand herrschte immer noch rege Betriebsamkeit. Man zurrte seit Stunden dicke Holzpfähle mit Seilen zu Dreibeinen zusammen und legte Balken quer darüber, die ebenfalls festgebunden wurden, um in der Kürze der Zeit einfache Verschanzungen zu errichten. In der Kaserne wurden immer die nötigen Materialen vorgehalten. Gräben waren bei dem teils felsigen, teils sandigen Boden nur schwer möglich.An einigen Stellen lehnten die Soldaten große Setztartschen* gegen die Querbalken und befestigten sie dort mit eisernen Haken, um ihren Bogenschützen Deckung gegen feindlichen Beschuss zu verschaffen. Dutzende von gefüllten Pfeilköchern wurden dahinter gestapelt. Die Bevölkerung Nimlonds zählte um die 300 Einwohner, wovon etwa zwei Drittel Frauen und Kindern waren, die man auf Karren, Maultiere und Pferde gesetzt und ins Hinterland geschickt hatte, damit sie dort in der nächsten, gut eine Stunde entfernten Ortschaft Schutz suchten. Auch die wertvollen Besitztümer waren sicherheitshalber mit fortgeschafft worden.
Einige Frauen waren jedoch geblieben, um die Kämpfer zu unterstützen. Von den Männern meldeten sich fünfunddreißig zur Verteidigung, der Rest war entweder zu alt oder vermochte nicht effektiv genug, eine Waffe zu führen. Die Freiwilligen brachten eigene Bewaffnung mit – Bögen, Schwerter oder Spieße – und verfügten zum Teil auch über eigene Rüstungen wie Gambesons, gehärtete Lederharnische, einzelne besaßen sogar ein Kettenhemd. Weitere Rüstungsteile wurden aus der Waffenkammer der Kaserne herbeigebracht.

Als die Korsaren die Beiboote zu Wasser ließen, standen die Verteidiger bereit. Fiondil war im Haus geblieben, da er überzeugt war, dass Marodeure bereits während der Schlacht damit beginnen würden, die Häuser zu durchsuchen. Zwanzig schwarze Boote, voll besetzt mit Kämpfern in schwarzen Rüstungen, hielten auf den Strand zu.

Als die Boote in Bogenreichweite kamen, schossen die Verteidiger Salve um Salve ab. Die meisten Pfeile wurden jedoch abgewehrt, da die Korsaren feste, lederbespannte Holzschilde nach oben hielten. Noch etwa dreißig Schritt bis zur Anlandung. Nun eröffneten die Angreifer ihrerseits das Feuer auf die Verteidiger und schossen mit Armbrüsten gezielt durch die Lücken ihrer Deckung hindurch. Etwa zwei Handvoll Verteidiger fielen oder wurden verletzt, von der Wucht der Armbrustbolzen regelrecht von den Füßen gerissen. Da fuhren die Boote auch schon knirschend auf den Sand auf, die Korsaren sprangen heraus und der eigentliche Kampf begann. In dem nun entstehenden Gemenge vermochte Evenila nichts Genaues mehr zu erkennen. Angestrengt spähte sie hinaus, als von unten Schläge gegen die Haustüre erklangen. Sie zuckte erschrocken zusammen. Das Geräusch splitternden Holzes war zu hören, dann Stille und kurz darauf erst ein, dann ein zweiter keuchender Schmerzenslaut. „Das war nicht Fiondils Stimme! Oh, Himmel, es war nicht Fiondil!“ hauchte sie zutiefst erleichtert. Kurz darauf hörte man das Quietschen der Türangeln und Schritte entfernten sich.
Unsicher lauschte Evenila nach unten – wieder Stille! Nur der Kampflärm vom Strand, der nun durch die offene Tür wesentlich deutlicher zu hören war. Mehre Minuten verstrichen. Dann schlich sie, ihren Dolch ziehend, langsam die Treppe hinunter.
Die Haustür war zur Hälfte entzwei geschlagen und stand offen. Zwei tote Krieger in leichten, schwarz gefärbten Rüstungen aus Lederschuppen lagen auf der Schwelle und Blutlachen breiteten sich unter ihnen auf dem Fußboden aus. Sie trugen keine Helme, nur eine Art schmuddelig aussehende schwarze Turbane, ihr schwarzes Haar war zu vielen kleinen, mit Goldperlen geschmückten Zöpfen geflochten, die Gesichter mit gezackten Linien tätowiert.
Evenila schauderte, ein Würgreiz überkam sie. Rasch wandte sie sich ab und spähte zur Türöffnung hinaus, um sich einen besseren Überblick über die derzeitige Lage zu verschaffen. Es war deutlich zu erkennen, dass die Korsaren mit weit weniger Widerstand gerechnet hatten und von der Hartnäckigkeit überrascht waren, mit der Soldaten und Zivilisten ihre Heimat verteidigten.

Die Angreifer wurden Stück für Stück zurückgedrängt, bemüht, dabei eine geschlossene Formation aufrecht zu erhalten. Soweit Evenila sehen konnte, geriet ihre Reihe am westlichen Ende ins Wanken und stand kurz davor, unter dem entschlossenen Angriff der Gondorer zusammenzubrechen. Sie fasste Mut, zwang sich, über die Leichen hinwegzusteigen und schlich geduckt bis zur Ecke des gegenüberliegenden Hauses. Dabei gewahrte sie, wie gerade ein weiteres, einzelnes Ruderboot am Strand anlandete, in dem nur drei Personen zu erkennen waren. Höchst eigenartig! Suchend blickte sie sich nach Fiondil um und entdeckte ihn unweit des Gartenzauns, schwer atmend, auf das blutige Schwert gestützt. Ein Stück entfernt lag ein weiterer Angreifer mit dem Gesicht nach unten tot auf der Erde.
Evenila ging in die Hocke und spähte vorsichtig um die Hausecke.

Da geschah es!
Mit einem Mal bemerkte sie eine subtile Veränderung in der Umgebung, alle Farben wirkten irgendwie fahl und grau und… sie hatte es nicht gleich wahrgenommen… da war eine Art Summen oder Vibrieren in der Luft. Plötzlich wurde es mit einem Schlag sehr kalt, fast so kalt wie in einem Winter in Thal. Gleichzeitig hatte sie einen metallischen Geschmack auf der Zunge, wie von Eisen. Oh, Himmel!
Sie wusste nur zu genau, was diese Anzeichen bedeuteten - Meister Calandur hatte es in seinem Unterricht oft genug beschrieben. Jemand aus den Reihen des Feindes musste einen oder mehrere bösartige Geister aus der Finsternis herbei beschworen haben. Übelkeit und Schwindel überkamen sie und sie kämpfte dagegen an, sich wahlweise zu übergeben oder ohnmächtig zu werden. Kaltes Grauen umklammerte ihr Herz.
Sie sank auf die Knie, vornübergebeugt und hustend. „A Elbereth! A Gilthóniel!“ keuchte sie verzweifelt, mit geschlossenen Augen. Tatsächlich ließen die Übelkeit und die Angst wenige Augenblicke später nach, so dass sie wieder klar sehen und denken konnte. Eine Bewegung zu ihrer Rechten veranlasste sie, sich umzudrehen und sie sah, wie Fiondil, der etwa zwanzig Schritt entfernt stand, auch schwankte, taumelte und dann zusammenbrach. Er griff sich mit beiden Händen an den Hals, konnte offenbar kaum noch atmen.

Evenila stemmte sich hoch, wollte ihm zu Hilfe eilen, erstarrte jedoch unvermittelt. Hinter der Kampfreihe der Korsaren manifestierte sich etwa auf Höhe ihrer Köpfe ein unförmiger Schatten aus absoluter, Licht schluckender Dunkelheit. Er bewegte sich, als wenn er aus sich kräuselndem, fettigen Rauch bestünde und waberte langsam durch die Luft nach vorn, auf die Häuser zu. Während er sich näherte, veränderte er sich und begann, eine Art Gliedmaßen, einen Kopf und schwarze Schwingen auszubilden. Evenila sah fünf Arme, die sich in anatomisch völlig unmöglichen Verrenkungen bewegten und zwei violette Lichtpunkte wie Augen in der Mitte des Kopfes.
Dass die Wesenheit diese tatsächlich benötigte, um ihre Umgebung wahrzunehmen, bezweifelte sie. Sie wusste, dass die Geister der Abgründe völlig körperlos waren und erst durch die Vorstellungen und den Willen des Beschwörers, der sie auf diese Ebene rief, wie durch eine Form in eine bestimmte Gestalt gepresst wurden.
Nun entwickelte die Erscheinung ein gewaltiges Maul, in dem lange, dünne und nadelscharfe Zähne saßen. Je mehr sie sich auf dieser Ebene verfestigte, umso kompakter schien sie zu werden und desto mehr scheußliche Details formten sich.
Die Verteidiger in ihrem Umkreis taumelten, wichen voller Entsetzen zurück, einer krümmte sich auf dem Boden zusammen und wurde erschlagen. Einer der Zivilisten warf mit einem Aufschrei seine Waffen fort, rannte davon, und wurde mit einem Armbrustbolzen in den Rücken zu Fall gebracht. Chaos drohte sich unter den Verteidigern auszubreiten.

Die Wesenheit streckte einen seiner fünf Arme in Fiondils Richtung aus, woraufhin sich dieser auf dem Boden wand und wie ein Erstickender röchelte. Unendlicher Schrecken überkam Evenila. Hektisch sah sie sich um, suchend, entdeckte einen herumliegenden Pfeil nicht weit entfernt, hastete dorthin und hob ihn auf. Gleichzeitig versuchte sie, ihren Geist zu beruhigen. Sie schloss für einen Moment die Augen, dann sprintete sie los und stellte sich in die Linie zwischen Fiondil und den Geist. Ohne zu zögern, begann sie, mit dem Pfeil komplizierte Muster in den Sand zu zeichnen. Dazu intonierte sie die Worte einer Bannformel, erst leise und zögerlich, dann zunehmend lauter und mit fester Stimme. „Man kann so einen Schrecken nur vertreiben, wenn man felsenfest vom Erfolg überzeugt ist“, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, „Du musst absolut daran glauben, dass er deinen Worten gehorchen muss, sonst kannst du es gleich bleiben lassen und dich hier zum Sterben hinlegen!“
Der Geist hielt inne. Evenila sprach noch lauter, legte all ihren Willen in die Silben der Formel und streckte die Hand mit dem Pfeil in Richtung der Erscheinung. Zwar war es kein Stab, aber besser als nichts und diente ihr nun dazu, die Kraft der Worte auf einen Punkt zu fokussieren. Der Geist wurde durchsichtiger, verfestigte sich dann wieder und Evenila spürte, wie eine Welle aus Angst, Mutlosigkeit und Verzweiflung gegen ihre Entschlossenheit anbrandete und sie beinahe in die Flucht gezwungen hätte. Gleichzeitig schnürte sich ihr Hals zu, das Sprechen viel zunehmend schwerer. Sie kämpfte mit aller Kraft dagegen an und setzte die Formel Wort für Wort fort, vor Anstrengung und Konzentration traten Schweißperlen auf ihre Stirn. Da ließ der Angriff schlagartig nach. Die Wesenheit verlor wieder an Substanz und löste sich unter schrillen, unirdischen Lauten der Wut auf, als ihre Bindungen an diese Welt zerstört wurden. Von einem Moment auf den nächsten verschwand der Geist und nur ein gräßlicher Gestank nach Fäulnis kündete noch davon, dass er hier gewesen war.

Evenila atmete mühsam, wankte und wollte sich schon neben Fiondil auf den Boden setzen, als sie lautes Wutgeschrei vernahm und - obwohl sie diese degenerierte Form des Westron kaum verstand – vermutlich Flüche. Nach dem Verursacher des Gezeters Ausschau haltend, bemerkte sie am Rand der feindlichen Schlachtreihe einen hochgewachsenen Mann - offenbar der Beschwörer des Geistes. Der Mann war knochendürr, die Haut weiß wie Kalk und er trug einen langen, schwarzen Vollbart, in den große Goldperlen eingeflochten waren. Seine schwarzen Augen funkelten bösartig. Auf dem Kopf trug er einen hohen, seltsamen Hut, der aus schwarzem Leder und Metall gefertigt und mit allerlei pervertierten magischen Symbolen bemalt war. Er hob die Arme, die in einem weiten, schwarzen Gewand steckten und begann einen gutturalen Singsang. Die Luft vor ihm flimmerte, wurde finster und erneut war dieses Vibrieren, die Kälte und der metallische Geschmack spürbar.

„Möge die Finsternis dieses Mörderpack verschlingen! Der Schwarzhexer will einen weiteren Schrecken rufen!“ stellte Evenila in Gedanken entsetzt fest, „Ein weiteres Mal überleben wir nicht! Was soll ich nur tun?“ Sie blickte hastig um sich, auf der Suche nach irgendetwas, womit man den Magier aus dem Konzept bringen konnte. Dann bückte sie sich, griff, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken, einen faustgroßen Stein vom Boden und schleuderte ihn mit aller Kraft. Der Stein flog, traf den Mann an der Brust und machte ihn ein schmerzerfüllter Aufschrei entrang sich seiner Kehle. Zwar fasste er sich sogleich wieder, doch es war zu spät! Der Stein hatte ihn in seiner Beschwörung unterbrochen. Dünne, rauchartige Fäden aus Dunkelheit schlängelten sich auf den Schwarzmagier zu und wanden sich um ihn. Mit schriller Stimme kreischte der Mann auf, verdrehte die Augen und griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Der dunkle Umriss dehnte sich schlagartig aus und hüllte den Mann vollständig ein, um anschließend urplötzlich und spurlos zu verschwinden. Steif wie ein Brett kippte der Hexer vornüber und rührte sich nicht mehr.

Evenila atmete laut auf. Den Korsaren hingegen schien die Bannung des Geistes und der Tod ihres Schwarzmagiers endgültig die Erkenntnis verschafft haben, dass der Kampf für sie nicht mehr zu gewinnen war. Unter dem unbarmherzigen Nachsetzen der Gondorer schoben sie ihre Boote in die Meereswellen und ruderten um ihr Leben.

Evenila half Fiondil auf die Beine, als dieser mit großer Mühe versuchte, sich aufzurichten und stützte ihn dann, so gut sie es vermochte. Er schwankte stark und wäre zunächst beinahe wieder zu Boden gegangen. Sie sahen den Korsaren nach und konnten ihr Glück kaum fassen, als ein lauter werdendes, prasselndes Pfeifen in der Luft erklang. Beide wandten sich hektisch um, um den Ursprung dieses neuen Geräuschs zu orten, als sie mit Schrecken gewahrten, dass von den Schiffen her etliche loderte Feuerkugeln auf das Dorf zuflogen. Offenbar von einer Art Katapulten abgefeuert, rasten die Geschosse über ihre Köpfe hinweg und schlugen in mehrere Häuser, Scheunen und Ställe ein. Diese brannten sofort lichterloh und Evenila beobachtete mit Entsetzen, wie flüssiges Feuer gleich zähem Honig an der Wand eines Hauses hinunterrann. „Das Feuer der Schiffskönige!“ schrie sie auf. „Bei den Valar! Diese Hunde wollen das Dorf niederbrennen, nachdem der Überfall gescheitert ist!“ Fiondil starrte nur ungläubig. Beide wussten, dass die klebrige brennende Masse, die auf eine Erfindung der alten Númenorer zurückging, mit nichts auf der Welt gelöscht werden konnte. Sie beobachteten, wie weitere Flammenkugeln einschlugen. Dann drehten die schwarzen Schiffe bei und entfernten sich.

Beide rannten los. Wenn der Brand schon nicht zu löschen war, dann galt es wenigstens, den Leuten zu helfen, aus den Häusern noch so viel wie möglich zu retten und zu verhindern, dass das Feuer auf weitere Gebäude übergriff!
Ivriloths Haus blieb zum Glück verschont, aber ein Geschoss hatte den benachbarten Stall in Brand gesetzt. Schrilles und von Todesangst erfülltes Wiehern ertönte aus dem Gebäude. Vor Evenila und Fiondil langten jedoch bereits andere Leute an, die die Türen des Stalls weit aufrissen, um die Pferde hinauszulassen. Mit angelegten Ohren und panischem Blick stürmten die Tiere nach draußen. „Hwītmanu! Hwītmanu!“ schrie Evenila aus vollem Hals, um den allgemeinen Lärm zu übertönten. Das Pony reagierte jedoch nicht, galoppierte kopflos den anderen Pferden nach und verschwand mit diesen zum westlichen Dorfausgang hinaus!
Evenila rief weiterhin verzweifelt den Namen ihres alten Ponys, jedoch ohne Erfolg. Tränen strömten ihre Wangen hinunter. Für einen Moment wollte sie, einem Impuls folgend, den Pferden hinterherrennen, dann jedoch setzte sich die Vernunft durch, dass zunächst den Menschen geholfen werden musste. Fiondil nahm Evenila in die Arme und drückte, nein, presste sie regelrecht an sich, was seine eigene Aufgewühltheit erkennen ließ. Dann schlossen sie sich den allgemeinen Rettungsbemühungen an.

Als der Sonnenuntergang einsetzte, war die Hälfte des Dorfes völlig niedergebrannt und nur noch schwarze, rauchende Trümmer vorhanden, in denen die Flammen allmählich erstarben. Jedoch war es wenigstens gelungen, eine Ausbreitung des Feuers auf weitere Häuser zu verhindern.
Evenila und Fiondil sahen aus, als wenn sie beide einem Kohlemeiler entstiegen wären, alles an ihnen war rußgeschwärzt, die Kleidung und das Haar angesengt. Zu Tode erschöpft stolperten sie zum Strand, um sich Ruß und Asche grob abzuspülen und suchten anschließend das Haus der Tante auf. Von Hwītmanu war weiterhin nichts zu sehen und zu hören, was Evenila in tiefe Besorgnis stürzte.
Ivriloth stand wartend in der Haustür, totenbleich, aber äußerlich gefasst. Die beiden toten Korsaren waren vermutlich von den Dienern weggeschafft worden. „Kommt herein, nehmt ein heißes Bad und zieht euch um“, befahl sie, „Ich habe hier bereits Wasser erhitzt und werde anschließend einen großen Kessel Suppe kochen. Für uns drei und für die gesamte Nachbarschaft, damit wir alle etwas zu Essen in den Magen bekommen!“ Sie bemühte sich, möglichst ruhig zu sprechen und ein Mindestmaß an Normalität wieder herzustellen.
Evenila und Fiondil schlossen Ivriloth nacheinander in die Arme, dankbar, dass sie unversehrt war und wankten nach drinnen, um den Anordnungen der alten Dame nachzukommen.

Die Nacht brach herein und breitete den gnädigen Schleier der Dunkelheit über den Anblick des halb zerstörten Dorfes und die aufgebahrten Toten aus. Überall erklang Weinen und Wehklagen. Der Hauptmann der Garnison hatte Hilfsgüter für die obdachlos gewordenen Einwohner aus den Lagerbeständen herbeischaffen lassen und Ivriloth verteilte vor ihrem Haus heiße Suppe an all ihre Nachbarn und auch andere Nimlonder. Einem alten Ehepaar hatte Ivriloth Unterkunft im Gästezimmer angeboten, damit sie nicht draußen unter freiem Himmel schlafen mussten.

Nach dem Essen schlief Evenila ein, während sie noch am Tisch saß und Fiondil trug sie vorsichtig zum Bett und deckte sie zu. Der Schlaf hatte sie jedoch so fest im Griff, dass sie absolut nichts davon merkte.



--Fortstetzung folgt

( *Setztartsche : https://de.wikipedia.org/wiki/Setzschild )
"Das Glück ist kein leichtes Ding.
Nur sehr schwer finden wir es in uns und anderswo gar nicht."


"So, könnt ihr alle noch schnaufen? Ich will ja nicht schuld sein,
wenn jemand während des Tanzens erstickt!"

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