Blutmond über Tham Gelair

Geschichten aus Tolkiens Welt vom Herrn der Ringe und anderen Werken.
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Valimaro
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Blutmond über Tham Gelair Teil 11

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Freitag 16. August 2019, 17:11

Durkâr

Langsam schlängelte sich das gewaltige Heer aus Dol Guldur durch die dichten Reihen der umliegenden Bäume des Grünwaldes, bis die schiere Größe der Streitmacht ausreichend genug war, um die Natur niederzuwalzen, auf dass die Stämme unzähliger Kalkbuchen zerbarsten und das Geräusch umfallender Bäume sowie das Knacken von Holz allgegenwärtig war.
Das laute Trommeln der riesigen Streitmacht kündigte das Kommen der Orks, Warge und Trolle an, als die Heerscharen des Statthalters, der dem Ruf seines Meisters bereits gen Süden gefolgt und schon lange fortgeritten war, sich aus den Verließen der Festung der Hügel der Magie ergossen und in Richtung des Waldlandreiches marschierten, um die dort ansässigen Elben zu vernichten.
Angeführt wurde die Armee von einem gewaltigen Kampftroll, der durch selbst zugefügte Verstümmelungen in seinem Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt war – Durkâr, der grausame Kerkermeister von Dol Guldur und Stellvertreter Khamûls des Ostlings, war dafür bekannt, dass er davon besessen war, für jeden Gefangenen in den Verließen seiner schwarzen Festung sich selbst eine bleibende Verletzung im Gesicht zu zufügen, die ihn stets daran erinnerte, sich persönlich um den entsprechenden Insassen kümmern zu wollen. Und so war sein breites Gesicht zerfressen von tiefen Narben, frischen Wunden und übersät mit entsetzlichen Verletzungen, die Wangen, Mund und Nase überzogen und nicht mehr erkennen ließen, um welche Kreatur es sich bei Durkâr handelte.
Niemals zuvor hatte der südliche Teil des Grünwaldes eine vergleichbar erschreckende Kreatur wie Durkâr, den Abscheulichen, gesehen, der es liebte, die eingekerkerten Menschen, Elben und Zwerge Dol Guldurs körperlich auf das Äußerste zu quälen und dafür persönlich Sorge zu tragen, dass sie bei ihrem körperlichen Martyrium nicht ohnmächtig wurden oder verstarben, stattdessen hatte ihn Khamûl seinerzeit geduldig darin unterwiesen, spezielle Tinkturen herzustellen, die den Kerkerinsassen gewaltsam vor ihrer Folter verabreicht wurden. Diese Flüssigkeiten ließen das Blut der Gefangenen sehr langsam fließen und sie viele körperliche Qualen und unvorstellbares Leid ertragen, ohne dass sie dabei vor Erschöpfung körperlich zerbrachen oder ihr Geist den Schmerzen nachgab und sich in eine rettende Ohnmacht begeben konnte.
Zum Zeichen, dass er jedwedem körperlichen Schmerz gegenüber erhaben war, zierten das breite Kreuz des mächtigen Kampftrolls gewaltige Stahlbolzen, die einst unter schmerzhaften körperlichen Anstrengungen in seinen Rücken eingefasst und an die Rippen befestigt worden waren. Von diesen Stahlbolzen ausgehend wurde eine schwere Stahlrüstung auf dem Rücken getragen, die den Troll vor rückseitigen Angriffen abschirmte, denn Durkâr war der Überzeugung, dass er gegen Angriffe, die er nicht sehen könne, am besten geschützt sein müsse. Die beiden Stahlbolzen waren in der Höhe über die breiten Schulterpartien des Trolls nach vorne gebogen und schlossen links und rechts auf Gesichtshöhe mit Stahlspitzen ab, auf denen Feinde aufgespießt werden konnten.
Den Kopf zierte ein gezackter Stahlhelm, der an den Seiten mit nach vorne gewölbten Hörnern begrenzt war und vom Aussehen generell den Helm des Hexenkönigs imitierte, sodass der Troll noch bedrohlicher und schrecklicher aussah, als er nicht ohne hin schon aufgrund seiner schieren Größe auf seine Gegner wirkte.
Durkâr besaß stellvertretend für seinen Herrn Khamûl den Oberbefehl über die Truppen Dol Guldurs und führte eine riesige Kriegskeule mit sich, um die schwere gezackte Eisenketten mehrfach gewickelt waren, sodass ein Treffer dieser Keule auch Rüstungen zerschmettern konnte, wenn die mächtige Waffe richtig geschwungen und mit Wucht darauf treffen sollte. Zudem zierten riesige verbogene Nägel das obere breite Ende der Keule, die ausreichend groß waren, um ebenso wie die Stahlbolzen der Rüstungen, Körper aufspießen zu können.

Unter lautem Poltern und Trampeln bahnte sich die Streitmacht Dol Guldurs ihren Weg durch den südlichen Düsterwald und preschte dabei rücksichtslos durch das dichte Unterholz.
Nach einer Weile des Marschierens schlossen sich der Armee weitere Diener der Finsternis an, als sich kleinere Wargrudel in den Tross eingruppierten und sich auch Spinnenverbände einreihten, sodass die Masse an Soldaten noch einmal anwuchs.
Nachdem schließlich einige Meilen zurückgelegt worden waren, gebot Durkâr der Streitmacht durch das bloße Anheben seiner mächtigen Keule über sein Haupt, Stehen zu bleiben.
Die Trommeln verstummten augenblicklich und gaben dem Anführer die Gelegenheit, das Wort an die umliegenden Truppen zu richten.
Durkâr suchte in den Reihen seiner Soldaten nach den treuen Wargreitern, die ein gewaltiges Kontingent an Tieren und Orks stellten.
Als er Tidral, den Anführer der Wargreiter, zwischen ihnen entdeckt hatte, sprach er mit lauter Stimme in seine Richtung:
„Erster Reiter der Wargherde, nimm die meisten deiner Männer und trenne dich hier von meinem Heer. Du wirst mit deinen Gefolgsleuten die südlicheren Gefildes des Düsterwaldes aufsuchen und die Gegend nach den Behausungen der wilden Elben durchkämmen. Ein Teil der Spinnentiere soll dich dabei begleiten und dir die möglichen Verstecke der Elben aufzeigen. Vernichtet alles, was dort lebt und elbischen Ursprung ist. Kehrt nicht ohne den Kopf der wilden Anführerin zu meinem Heer zurück.“
Tidral, der auf einem mächtigen schwarzen Warg ritt, neigte Durkâr sein Haupt entgegen und fragte dann:
„Wohin sollen wir kommen, wenn die Arbeit im Süden getan ist, mein Gebieter?“
Durkâr blickte suchend gen Norden und es dauerte nicht lange, als er auch seine Keule in dieselbe Richtung erhob, so, als wenn er ihnen dadurch den Weg dorthin weisen wollte und schließlich Folgendes als Antwort darauf gab:
„Wir speisen morgen Abend in den Höhlen der Waldelben hoch im Norden und werden uns an ihren Vorräten gütlich tun. Wenn eure Arbeit bei den Wilden im Süden getan ist, eilt geschwind zu meiner Hauptstreitmacht zurück und vielleicht lassen wir euch noch ein paar Elben übrig, um euren Nutzen für diese Sache unter Beweis zu stellen.“
Tidral nickte daraufhin und blies anschließend in ein schmales Horn, das ein akustisches Zeichen für die Rudeltiere der Warge absetzte.
Daraufhin verließ ein Großteil der Warge und ihrer Reiter den Tross in südliche Richtung.
Dennoch hatte die Streitmacht Durkârs nichts von ihrer gewaltigen Schlagkraft eingebüßt, als sie ihren Weg in Richtung Waldlandreich fortsetzte und die Trommeln wieder lautstark und unüberhörbar erklangen.

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Valimaro
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Blutmond über Tham Gelair Teil 12

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Sonntag 18. August 2019, 13:05

Kriegsrat

"Nein, das können wir ausschließen mein König", Gelir stand sichtlich erschüttert über den großen hölzernen Kartentisch gebeugt, der aus dem Stamm einer Rotbuche gefertigt worden war und auf seiner Oberseite den Großen Grünwald in seiner vollen Größe maßstabsgetreu zeigte, sodass Bäume, Flüsse, Furten, Brücken und andere Reliefformationen in spezifischen Ornamenten aus dem Holz gefertigt worden waren und sich eine gigantische Karte auftat, wenn man um die Kartentisch stand.
Thranduil stand erhaben auf der gegenüberliegenden Seite des Kartentisches und musterte Gelir aus seinen klaren Augen, derweil er ihm leicht zu zunicken schien.
Garadal trat heran und positionierte eine grün gefärbte Holzschnitzerei eines bewaffneten Elben auf einer Stelle auf der Karte, alleine diese Holzfigur wirkte wie ein Kunstwerk, verblasste dann aber angesichts der detailreichen Karte, auf die sie gestellt wurde.
"Ich könnte einen Teil der Grünwaldgarde nehmen und versuchen, ihre Vorhut hier beim alten Weidenpass abzufangen, wir verwickeln sie dort in ein Scharmützel und ziehen uns dann mit den versprengten Teilen ihrer Truppe nach Süden zurück.", Garadal blickte in die versammelte Runde rund um den Tisch und sprach dann weiter: "So könnten wir zumindest probieren, ob wir sie von der Waldlandgrenze fortführen und einen Teil des Heeres abspalten."
Gelir verschränkte daraufhin die Arme vor der Brust und prustete lautstark Luft aus, bevor er dem Fürsten der Waldlandgarde eine Antwort darauf gab: "Garadal, wir wissen nicht mit Sicherheit, wie groß das Heer unseres Feindes ist, meine Späher berichteten mir zwar, dass Durkâr überwiegend Warge, Orks und Trolle mit sich führt, aber die Zahl ist dabei entscheidend. Wir können nicht riskieren, dass ihr mit euren Männern in den entscheidenden Momenten der uns bevorstehenden Schlacht fehlen werdet, das möchte ich um unser aller Willen nicht riskieren."
Amadril Silberzweig, der Meister der Waffen, trat nun dichter an den Kartentisch heran und räusperte sich, bevor auch er das Wort an alle um den Kartentisch versammelten Elben richtete:
"Wir müssen damit rechnen, dass dieses Heer groß genug ist, um uns zahlenmäßig weit überlegen zu sein, vielleicht wäre es deshalb ratsam, die Thalländer um Hilfe zu ersuchen oder uns an die Zwerge vom Erebor zu wenden."
Alle Augen waren nun auf den König unter Eiche und Buche gerichtet, der seine Kiefermuskeln anspannte und seinen inneren Groll verbarg, der in ihm bei diesen Worten aufstieg.
Lange und durchdringend blickte Thranduil Meister Silberzweig in die Augen und sprach schließlich:
"Um nichts in dieser Welt werde ich Durins Volk nochmals die Gastfreundschaft meines Reiches gewähren, auch wenn wir in Frieden leben. König Dáin, Fürst unter dem Berg, wird zu allerst die Forderung stellen, dass ich ihm die weißen Sternensteine aushändige, die ich für mein Zutun in der Schlacht der Fünf Heere erhielt. Ich denke, ich kann auf diese Beleidigung verzichten. Was König Brand und die Thalmenschen angeht, so denke ich, dass es dafür zu spät sein wird, um auf ihre Hilfe zu warten. Brand schreibt selbst, dass ein Oslingsheer an seinen Grenzen steht."
Die anwesenden Elben schauten sich unruhig an und dann war es Calavel Weißhaupt, der Meister der Schriftkunde, der das Wort ergriff:
"Was ist mit den Nandor und Waldmenschen im südlichen Teil des Waldgebietes? Wir könnten nach ihnen schicken, um Unterstützung zu erbitten."
Daraufhin schüttelte Gelir abermals den Kopf und gab als Antwort zu bedenken:
"Meine Späher berichteten mir, dass sich ein großer Teil der Wargreiter vom Hauptheer abgetrennt hat, um unsere Verwandten und die Waldmenschen im Süden anzugreifen. Ich denke nicht, dass sie damit alleine fertig werden können."
Wieder blickten alle anwesenden Elben zu Thranduil, dessen Blick ruhig und gelassen auf dem Kartentisch ruhte. Er spürte, wie alle Elben des Kriegsrats ihn taxierten und versuchten, eine Antwort aus seinem Gebaren herauszulesen.
Schließlich sprach der Elbenkönig zu ihnen:
"Die Heerscharen Dol Guldurs haben sich nicht nur aufgemacht, um uns im Norden Rhovanions zu vernichten. Ich habe bereits gemeinsam mit dem Herren des Lichts im Goldenen Wald über diese Situation beraten. Der Statthalter der schwarzen Festung befahl, dass ein Großteil der Armeen Dol Guldurs zurückblieben solle, um dann ein paar Tage später gen Lorién aufzubrechen. Celeborn und Galadriel werden ihr eigenes Reich beschützen zu haben und uns deshalb keine Hilfe erübrigen können."
Stille erfüllte augenblicklich den Raum des Kriegsrats der Elben tief in den Hallen Thranduils im Waldlandreich.
Die Gesichter der anwesenden Elben wirkten erstarrt und alle waren in tiefen Sorgen und Zweifeln versunken, als sich Muriell ihren Weg durch die Reihen der Familienoberhäupter der Mondscheins, Nachtschattens und Sternenschars bahnte und dabei ihren Blick auf Thranduil gerichtet hielt. Forgal Mondschein, der Meister der Silberkammern, trat für die Elbin beiseite, sodass sie nun ganz vorne am Kartentisch stand und die Blicke aller männlichen Elben sofort auf sie fielen, da man wusste, wer sie war und was ihr Kommen für die Situation bedeuten könne.
Gelir nickte ihr freundlich entgegen und sprach sodann:
"Muriell, es erfreut mich zutiefst, euch in dieser Stunde an unserer Seite zu wissen."
Muriell lächelte ihm kurz zu und neigte dann kurz ihr Haupt in Richtung Thranduil, um den König respektvoll begrüßen zu können, dann sprach sie zu ihm, aber auch an alle anwesenden Elben gewandt:
"Dieses Heer mag den unseren Soldaten zahlenmäßig weit überlegen sein, doch dies ist unsere Heimat, wir kennen uns besser aus, als diese Kreaturen, die unseren Wald mit ihrer Präsenz schon zu lange besudelt haben, ich schlage vor, dass wir das Elbenheer nicht zerstückeln und aufteilen, sondern dem Feind geschlossen entgegen kommen und ihn hier stellen werden.", die Elbin zog einen ihrer Pfeile aus dem geschulterten Köcher und legte diesen mit der Spitze nach vorne auf den hölzernen Kartentisch, sodass die Pfeilspitze auf die alte Waldstraße zeigte, die einst als Grenze zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des Grünwaldes gedacht gewesen war.
Meister Mondschein räusperte sich hinter Muriell und warf schnell ein:
"Das ist ein langer Marsch, den wir auf uns nehmen müssten, Herrin, wer gibt uns die Gewissheit, dass die feindliche Streitmacht nicht einen anderen Weg in das Waldlandreich sucht und uns umgeht?"
Muriell drehte sich dem Elben leicht entgegen und antworte dann laut für alle versammelten im Raum:
"Weil sie einen klaren Befehl erhalten haben und zwar den Grünwald von uns zu beseitigen, sie werden nicht versuchen, dem Heer von Buche und Eiche auszuweichen. Ganz im Gegenteil, sie rechnen damit, dass ihr, König Thranduil, eure Truppen an den Grenzen des Waldlandreiches belasst und euch nicht darum schert, wie weit der Feind bereits zu euch vorgestoßen ist. Deshalb werden sie den schnellsten Weg zu euren Hallen einschlagen und den Wald an den Stellen ihres Vormarsches zerstören. Ich sage, wir erlauben ihnen das nicht weiter. Lasst uns die Soldaten des Waldlandreiches versammeln und wir ziehen dem Feind entgegen, damit rechnen sie nicht. Sie werden überrascht sein, wenn wir sie auf der alten Waldstraße stellen und zur Schlacht herausfordern."
Gelir nickte während Muriell sprach und ergänzte schließlich:
"Wir könnten dort die Initiative ergreifen mein König und sie überrumpeln. Sie rechnen nicht mit einem Angriff unsererseits und fürchten diesen auch nicht. Sie werden uns nicht kommen sehen."
Ein Husten auf der anderen Seite unterbrach Gelir und Faeldir Schwarzdorn trat an den Kartentisch heran.
"Das kann nicht euer Ernst sein, was ich da höre. Ihr setzt unser aller Leben aufs Spiel, weil ihr glaubt, den Feind an dieser Stelle schlagen zu können? Wir sollten unsere Magie nutzen, um uns zu verstecken und vor den Augen des Feindes zu schützen."
Nun war es Calavel, der schnell darauf erwiderte:
"Ich fürchte, die Macht unseres Königs wird nicht ausreichen, um uns vor diesem Feind abzuschirmen, sie werden die Waldfestung und die Hallen des Königs entdecken. Das Verstecken und Ausharren in dieser Lage wäre unserer sicherer Tod. Wir müssen handeln und ihnen trotzen."
Amadril Silberzweig stimmte Calavel folgendermaßen zu: "Der Meister der Schriftkunde hat Recht. Wenn wir ihnen nicht geschlossen als Streitmacht im Felde entgegentreten, dann werden sie hier über uns herfallen. Außerdem bliebe noch ein kleines Zeitfenster, denn falls wir in der Schlacht glücklos wären, dann könnte man Späher zum Waldlandreich ausschicken, die unsere verbliebenen Familien warnen und zum Verlassen des Waldlandreiches anhalten.

Garadal ergriff nun rasch das Wort: "Wir könnten versuchen, schneller als der Feind an der alten Waldstraße zu sein und die Umgebung für eine Schlacht gezielt vorbereiten. Ich stimme dem Plan Muriells zu."
Bis auf Faeldir Schwarzdorn nickten alle anwesenden Elben zustimmend und blickten schließlich in Richtung des Königs, der bisher völlig ruhig und abwartend zugehört hatte.
Thanduil stützte sich schließlich mit beiden Armen auf dem Kartentisch ab, senkte seinen Kopf nach unten ab und schloss für einen kurzen Moment seine Augen.
Nach wenigen Augenblicken ballte er seine flachen Hände zu Fäusten auf den Tisch und sprach dann:
"Ich sehe meinen einzigen Sohn vielleicht nicht mehr in dieser Welt wieder, da er gerade dabei ist, seinen Beitrag für das Waldlandreich in fernen Landen zu leisten und nun verlangt mein Kriegsrat auch noch, dass ich meine geliebten Höhlen den Rücken zukehren soll? Dass ich das Waldlandreich vielleicht aufgeben muss? Wie konnte es nur soweit kommen?"

Muriell setzte an, um passende Worte für den König zu finden:
"Ihr seid der König unter Buche und Eiche, Thranduil, was immer ihr entscheidet, werden eure Waldelben ausführen. Ich kann euch nur raten, nicht als Elbenkönig in die Geschichte einzugehen, der sich in seinen Hallen versteckte und zurückzog, als der Feind damit begann, das Waldlandreich anzugreifen. Lasst uns den Grünwald, euren Grünwald, von dieser Armee befreien und dem Feind entschlossen entgegentreten."
Die übrigen Elben schluckten leicht, als sie die Wortwahl und den Tonfall Muriells vernahmen, so sprach die Elbin doch sehr ungewöhnlich und tadelnd mit ihrem König.

Thranduil öffnete schließlich wieder die Augen und erblickte die Verzierungen auf seinem Kartentisch, er stand in gebeugter Haltung an der unteren Stirnseite des Kartentisches und sein Blick fiel auf Dol Guldur, die Festung, die als hölzerne Schnitzerei aus dem Tisch herausragte und wie ein mahnendes Symbol am unteren Endes des Tisches thronte.
Dann blickte Thranduil sichtlich entschlossen in die Runde seines Kriegsrats und fand die Worte, die es braucht, um auch die Entschlossenheit in ihren Herzen zu entfachen:
"Dieser Wald ist unser aller Heimat, viele Jahrhunderte konnten wir hier in Frieden leben und haben nie etwas mit den Belangen der Welt um uns herum zu tun gehabt. In dieser Stunde marschiert jedoch ein gewaltiges Heer aus Dol Guldur, um diesen langen Frieden zu stören. Ich werde mit allen Mitteln verhindern, dass sie auch die nördlichen Teile unseres Waldes zerstören und mit ihrer Anwesenheit beschmutzen. Familienoberhäupter aller führenden Elbenscharen des Waldlandreiches rüstet eure Soldaten für einen langen Marsch nach Süden, mobilisiert alle verfügbaren Elben, die kampffähig sind und zieht auch die Palastwachen bis auf den letzten Soldaten ab, sodass unsere Schlagkraft wächst.
Versammelt bis heute Nacht alle Elben, die mit uns ziehen können, vor der Waldfestung. Morgen marschieren wir dem Heer Durkârs entgegen und werden versuchen, dieses an der vorgeschlagenen Position zu stellen."
Die versammelten Elben nickten ihrem König entgegen und verließen augenblicklich den Raum, um Vorbereitungen zu treffen.

Als Calavel Weißhaupt sich an Muriell vorbeischob, griff er ihren Arm, um ihre Aufmerksamkeit zu erhalten:
"Habt ihr euch getrennt oder wird er noch zu uns stoßen?"
Muriell ergriff ihrerseits die Hand des alten Sinda und schaute ihm tief in die Augen, als sie ihm schließlich antwortete:
"Valimaro ist wie der Wind, Calavel, er wird zu uns stoßen, wenn er mit seinen Angelegenheiten fertig ist. Mehr sollte ich darüber nicht preisgeben. Aber sei gewiss, dass er sein Volk in der schicksalhaftesten Stunde der Schlacht nicht im Stich lassen wird."
Calavel schaute sie etwas verwirrt an und sprach dann:
"Woher wird er wissen, wo er uns aufsuchen muss?"
Muriell grinste ihn breit an und erwiderte sogleich:
"Ich habe die alte Waldstraße nicht nur aus den eben genannten Motiven als Schlachtort vorgeschlagen."
"Woher hast du aber gewusst, dass unser König dem zustimmen würde?"
Muriell schloss kurz die Augen, atmete einen Moment tief ein und dann wieder aus, öffnete ihre Augen und sprach:
"Das wusste ich nicht, Calavel. Ich habe auf die Weisheit und Liebe Thranduils für seinen Wald und sein Volk vertraut und wurde damit nicht enttäuscht."

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Valimaro
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Blutmond über Tham Gelair 13

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Mittwoch 21. August 2019, 01:30

Überraschungen

Feuer! Das war das Erste, was er mit dem hellen Schein verband, der auf den Hügeln blass aufflackerte und fernab der nahen Stadttore sowie jenseits der Grenzen zum nahen Grünwald hier weitläufig einsehbar war.
Die Abenddämmerung war bereits heraufgezogen und tauchte das Thalland an dieser Stelle in warme, orangefarbene Töne, die gemeinsam mit den ausgedehnten Blumenwiesen und Kornfeldern der umliegenden Regionen ein unbeschreiblich schönes Bild dieser naturbelassenen Landschaft malten, das ihm wohl vertraut war.

Grübelnd und leicht verwundert über das, was er zu sehen glaubte, beschleunigte Hral die Schritte seiner kurzen Beine und dachte darüber nach, woher diese Lichtquelle wohl stammen könnte?
Schließlich hatte er noch vor einigen Stunden persönlich dafür gesorgt, dass alle Lichter im Haus erloschen waren und sein Meister zu Bett gegangen war, wie jeden Tag, denn sein Meister ging sehr früh am Abend zu Bett und scherte sich nicht um das Gelächter und Gerede der ansässigen Stadtbewohner oder anderer Thalländer, die ihn für ihre Zwecke aufsuchten.
Als Hral den Hügeln allmählich näherkam, fiel ihm bei genauerer Beobachtung jedoch auf, dass der Flackerschein, den er zuvor auf niedrigerer Höhe erspäht hatte, nicht wie gedacht vom kleinen Wohngebäude herrührte, in dem der Meister für gewöhnlich schlief, sondern vom großen, dahinterliegenden Gebäude ausging, das wiederrum verschlossen sein sollte.

Denn niemand außer seinem Meister hatte Zugang zu den breiten Schlössern, mit welchen die Scheune hinter dem Wohnhaus vor vielen Jahren verriegelt worden waren und auch noch nie hatte Hral diese betreten dürfen oder dabei zugesehen, wie sein Meister sie betrat, nicht einmal, als Hral noch ein Lehrling des Schmiedehandwerks gewesen war und das lag nun schon mehr als Dreißig Sommer zurück.
Angst erfüllte den Zwerg flüchtig, verflog aber ebenso schnell wieder, wie sie in ihm aufgestiegen war, denn wenn es unbekannte Personen oder gar Diebe wären, die sich unbefugt Zutritt zur Scheune oder dem Grundstück verschafft hätten, dann wären Atran und Loran, die beiden alten Ochsen, die sein Meister besaß, in heller Aufruhr und würden in der angrenzenden Koppel nervös umher rennen, wie es auch vor einigen Jahren der Fall gewesen war, als ein berüchtigter Tagelöhner doch glatt versucht hatte, die Schmiedearbeiten seines Meisters zu stehlen, die als Auftragsgegenstände für einen reichen Kaufmann aus Seestadt gefertigt worden waren und die gerade im Wasserbecken am hinteren Teil der Schmiede abkühlten, die an das Wohnhaus angebaut war. Die Aktion hatte damals für viel Ärger gesorgt, sodass sein Meister nach Thal gebeten worden war, um dort persönlich Anzeige gegen den Dieb zu erstatten und als Zeuge auszusagen.
Außerdem hätte Hrals Jagdhund Ulfrik lautstark angeschlagen, den er nach diesem Vorfall einem Färber auf dem Markt in Thal abgekauft hatte, um in Zukunft auf Nummer sicher gehen zu können. Aber nichts von alledem war heute zu sehen oder zu hören.

Etwas überrascht verlangsamte Hral seine Schritte, als er dem Grundstück seines Meisters stetig dichter kam und keine Anzeichen dafür entdecken konnte, dass hier ein Feuer im Dachstuhl entzündet oder ein Einbruch geschehen war. Stattdessen grasten die beiden Ochsen friedlich und sanft auf der umzäunten Wiese nahe des Hauses und Ulfrik wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, als er sein Herrchen erspäht hatte und ihm glücklich und ohne ein Anzeichen von Anspannung oder drohender Gefahr freudig entgegenlief.
Hral streichelte seinem Hund zur Begrüßung über den schmalen Kopf und ließ seinen Handrücken von Ulfriks Schnauze ablecken, der sichtlich erfreut darüber schien, dass sein Herrchen an diesem Abend nochmal zurückgekehrt war.
Nach ihrem Begrüßungsritual gingen beide gemeinsam in Richtung des Wohnhauses, wobei Hral leicht verwundert schien, wirkte es doch so, als wenn sein Meister fest schlief und nichts den Anschein erweckte, dass hier etwas ungewöhnlich war.
Als der Schmiede-Geselle rechts am Haus in Richtung der hinteren, kleinen Schmiede vorbei ging, wurden seine Augen vor Erstaunen immer größer. Langsam trat er in den hellen Feuerschein, der von der Scheune ausging. Beide Toren waren sperrangelweit geöffnet und gaben den Blick auf das Innere des augenscheinlich als Scheune wirkenden Gebäudes frei.

Vor Hrals Augen tat sich ein riesige Esse auf, die viel größer war als der kleine Schmiedeofen, der hinter ihm am Haus angebaut worden war. Die große Schmiede-Esse war entzündet und ein gewaltiges Feuer loderte tief in ihr, welches wild knisterte und durch einen mechanischen Blasebalken angeheizt wurde, vergleichbar mit den Großschmieden vom Königreich Erebor, das ganz in der Nähe war.
Ulfrik leckte sich die Pfoten feucht und rollte sich anschließend auf dem Sandboden im Lichtschein des Feuers während Hral ehrfürchtig und sichtlich überwältigt näher trat und seine Augen nicht von den vielen Schmiedeutensilien lassen konnte, die er zuvor lediglich als Abbildungen in Lehrbüchern gesehen und über dessen Beschreibungen er gelesen hatte.
Als der Zwerg ein paar Meter auf die Schmiede zukommen und den Blick von den für ihn eindrucksvollen Apparaturen, die er alle nicht zur Gänze kannte, abwendete, sah er die Umrisse seines Meisters, der auf seinen Knien unmittelbar vor der Esse saß und etwas unverständliches flüsterte.
Hral räusperte sich zunächst lautstark und sprach dann mit leicht brüchiger Stimme in Richtung der großen Esse:
„Meister Keldor?“
Der Zwerg vor ihm drehte seinen Kopf leicht in Hrals Richtung und schaute diesen aus seinen blinden Augen heraus.

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Valimaro
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Blutmond über Tham Gelair 14

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Freitag 23. August 2019, 10:39

Nicht heute

Valimaro senkte Natus mit der Spitze zum Boden, bis diese denselben unmittelbar vor dem gestapelten Berg an männlichen Leichen berührte. Mit beiden Händen umklammerte der Elb schließlich den langen Griff seines Schwertes und drückte Natus zunächst leicht in den Sandboden hinein, sodass die Klingenspitze in das Erdreich gepresst wurde und nun gegen den untersten Körper drückte, das konnte der Elb durch die Vibration am Griff und den Gegendruck spüren.
Langals und Valimaro hatten die toten Männer zuvor unmittelbar in den Eingangsbereich der Elbenruine von Tham Gelair positioniert und an dieser Stelle aufeinandergelegt, anschließend hatte der Waldläufer alle Körper mit mehreren Seilen fest zusammen gezurrt, sodass sie miteinander verbunden waren.

Der Sinda hatte seinerseits gleichzeitig damit begonnen, anderes brennbares Material, das in unmittelbarer Nähe zur einstigen Feuerstelle verstreut lag, zusammenzutragen und ebenfalls zu dem Leichenberg gelegt, damit sich das Feuer leichter entzünden und schwelen konnte. Der Anblick von den toten Körpern der Männer im Zusammenspiel mit den kleinen Holzscheiten, Holzschalen und weiteren ausgebrannten Utensilien glich einem kleinen Wall, den man nun durchbrechen musste, wenn man in die Ruinen oder aus ihnen hinaus treten wollte.

Valimaro erhöhte allmählich den Druck auf Natus und zog sich immer stärker am Griff der Klinge herunter, sodass sein Schwert wie ein Hebel funktionierte und der gestapelte Berg sich zunächst gar nicht, dann jedoch leicht bewegte und schließlich der Wirkung zur Gänze nachgab, auf dass die oberen Körper nach vorne in Richtung der Ruinentreppe, die tief hinab in das Innere führte, vom Stapel herunterfielen und die anderen Körper mit sich rissen.
Der Elb zog schließlich mit aller Kraft am Griff und verlagerte sein Gewicht vollständig auf Natus, sodass der gesamte Leichenberg nun ins Wanken geriet und nach vorne umkippte.
Die schwerfälligen Körper purzelten die ersten Treppenstufen herunter und der kleine Wall, den sie beide eben errichtet hatten, wurde deutlich kleiner in seiner Höhe, dafür allerdings breiter in die Länge gezogen.

Langlas trat nun hinter seinen Freund und hielt in seiner rechten Hand eine kleine Fackel bereit, die bereits mit hellem Feuerschein brannte. In seiner Linken hielt der Waldläufer Valimaro eine unbenutzte Fackel entgegen, die dieser nickend in seine rechte Hand nahm, die er zuvor vom Griff des Schwertes gelöst hatte. Mit seiner Linken zog Valimaro Natus wieder aus dem Sandboden heraus und ließ die Klinge leicht zu Boden gesenkt in seiner Rechten ruhen.
Langals entzündete mit seiner Fackel die von Valimaro, die zunächst leicht flackerte und dann ebenfalls hell brannte. Stumm standen beide Freund schließlich vor dem gewölbten Eingang und schauten in die Dunkelheit der Ruine hinab, denn das Flackern des Feuers erhellte nur wenige Meter vor ihnen, sodass sie nicht viel weiter als die ersten Stufen der steinernen Treppe erspähen konnten, die hinab in die Kellergewölbe führten.

„Du bist dir sicher, dass sich dort unten nur der Weinkeller befand und es keinen weiteren Ausweg aus der Höhle mehr gibt?“, fragte Valimaro leicht nach hinten gedreht.
Langlas nickte bejahend und antwortete dann: „Die Ausgänge, die es einmal gegeben hat sind entweder verschüttet oder die Natur hat ihr Übriges getan und sich ihrer bemächtigt. Und du bist dir sicher, dass die wenigen toten Körper ausreichen werden für ein Feuer, dass ihnen die Luft zum Atmen nehmen wird?“
„Es gibt viele widerliche und bedrohliche Gerüche in dieser Welt, die den Menschen Angst machen, sie verzweifeln lassen oder einfach unerträglich für ihren Verstand sind, der Gestank von verbrannten Leichen ist einer dieser Gerüche. Wir brauchen hier kein loderndes Feuer, Langlas. Was wir brauchen ist ausreichend Qualm und schwarzen Rauch, der den Geruch des Todes in die Ruine trägt und den dort anwesenden Männern die Luft zum Atmen abschnürt.“
Beide Freunde schwiegen daraufhin und schauten gemeinsam hinab zu den letzten Stufen, die noch halbwegs vom Feuerschein der Fackeln erhellt wurden, eher sich die Schwärze der Dunkelheit hinter ihnen ausbreitete und keinen weiteren Blick in die Tiefe der Ruine zuließ.

„Wir werden nicht den Fehler begehen und ihnen dorthin folgen. Wenn wir diesen schmalen Gang betreten, in dem wir unsere Vorteile nicht ausnutzen können, dann werden sie im Vorteil sein und das werde ich nicht riskieren mein Freund. Nicht heute, weißt du noch?“
Langlas sah zu seinem Freund hinüber und suchte seinen Blick, der jedoch weit in die Vergangenheit gerichtet und abwesend schien, doch dabei gleichzeitig entschlossen wirkte.
Valimaros smaragdgrüne Augen leuchteten im hellen Lichtkegel, der von beiden Fackeln auf ihn fiel.

„Nicht heute, Taurthir.“, erwiderte Langlas nach einem kurzen Moment der Ruhe und trat dann dicht an Valimaro heran, sodass sie in einer Linie nebeneinander standen.
Beide Freunde sahen sich wissend in die Augen und schmunzelten leicht, als sie sich gemeinsam an jenen Tag zurückerinnerten, wo diese Worte so gewichtig schienen.

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Valimaro
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Blutmond über Tham Gelair 15

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Samstag 31. August 2019, 13:25

Fluchtversuche

...das Feuer brannte bereits seit einigen Minuten, als Langlas und Valimaro damit begannen, die zwei Decken, die sie den beiden Mädchen vor ungefähr einer halben Stunden noch um die Schultern als Schutz vor der Kälte umgelegt hatten, unmittelbar über dem gewölbten Steineingang der Ruine zu befestigen...

Der Waldläufer drückte die Ränder der einen Decke, die er in beiden Händen hielt, in kleine Nischen und Ritzen der faustgroßen Steinquader, die das Gewölbe bildeten und atmete dabei hastig.
Auch Valimaro war auf der anderen Seite neben Langlas damit beschäftigt, die zweite Decke auf ähnliche Art und Weise am oberen Rand des Ruineneingangs zu befestigen und klemmte gerade die letzten Stücke vom Deckenrand in die freien Stellen, als seine Ohren Geräusche aus dem Inneren des Kellers vernahmen, ein leises Stimmengewirr, wie es ihm schien.
Augenblicklich stockte der Elb und sah nervös zu Langlas hinüber, der gerade dabei war, die bereits befestigte Decke mit einer durchsichtigen Flüssigkeit aus einer Phiole zu beträufeln.
"Wir müssen uns etwas beeilen, sie riechen es bereits.", sagte der Elb flüchtig.
Langlas nickte still und erhöhte das Tempo, mit welchem er die Decke bestrich.

Valimaro trat schließlich ein paar Meter rückwärts in Richtung des einstigen Lagerfeuers und betrachtete ihr Werk.
Die beiden Decken hingen wie ein kleiner Vorhang über dem Ruineneingang und reichten fast bis zum Steinboden hinab, dahinter, also im nicht sichtbaren Bereich, flackerte das Feuer, das sie mit ihren Fackeln zwischen den männlichen Leichen und einigem brennbaren Material entzündet hatten und schimmerte leicht durch die Decken hindurch.
Als Langlas sodann auch die andere Decke mit der Flüssigkeit benetzt hatte trat er ebenfalls ein paar Schritte in Richtung seines Freundes und sprach:
"Ich weiß nicht, wie lange die Brandsalbe den Funkenflug oder die Hitze vertragen und die Decke vom Entzünden abhalten wird, Taurthir."
Valimaro schaute skeptisch zu den Stellen der Decke, die nicht von der Brandsalbe befeuchtet worden waren und erwiderte dann ruhig:
"Es wird ausreichend sein, Langlas. Solange wir hiermit verhindern können, dass die Luft den Rauch verdünnt und dieser größtenteils nach draußen abzieht, genügen uns wenige Augenblicke. Der Qualm wird sich innen stark ausbreiten und seinen Beitrag für uns leisten. Wir beziehen genauso Stellung, wie wir es vorhin abgesprochen haben."
Beide Freunde sahen sich kurz an und Langlas schulterte dann seinen Bogen, zog einen Pfeil aus seinem Köcher und trat schließlich in die Dunkelheit hinter Valimaro.
Der Elb nahm seinen mächtigen Zweihänder Natus in beide Hände und stellte sich mit dem Rücken auf die rechte Seite, direkt an das Steinmauerwerk heran.
Sein Gewicht verlagerte er gegen die Steinmauer und suchte im Dunkeln vor sich nach Lanlgas, der eine gute Position als Bogenschütze bezog und den Ruineneingang aus sicherer Entfernung und gut versteckt in sein Visier nahm.

Dort warteten beide Freunde.
Valimaro drehte seine Klinge und hielt sich diese mit geschlossenen Augen in kurzem Abstand vor das Gesicht, bereit, sofort zuzuschlagen, wenn sich jemand aus dem Eingang quälen würde.
Und dann hörte der Elb, wie allmählich Schritte aus dem Inneren leise nach oben kamen.
Wie unbeholfen und laut sich Menschen doch bewegten, auch wenn sie es darauf anlegten, sich unbemerkt anschleichen zu wollen, dachte er beiläufig und konzentrierte sich auf die näher kommenden Geräusche aus der Ruine.
Ein Mann versuchte, sein Husten angestrengt zu unterdrücken während ein anderer derweil stark röchelte.
Dann surrte es leicht und aus dem Inneren der Höhle flog ein Pfeil, welcher die linke Decke am oberen Ende durchdrang und geradeaus in Richtung des alten Lagerfeuers davon schnellte.
Gleich darauf durchbohrte ein zweiter Pfeil die rechte Decke in der Mitte und prallte gegen einen nahe gelegenen Stein.
Weder Valimaro noch Langlas waren überrascht davon, hatten sie doch mit derlei Verzweiflungsaktionen der Männer im Inneren gerechnet, wenn diese versuchen würden, die Flucht nach draußen anzutreten.
„Was? Verdammt…, diese heimtückischen Elben…“, rief einer der Männer entsetzt, als Valimaro mitanhörte, wie dieser über die Leichen stolperte und sich auch die anderen Männern dahinter ihren Weg durch die leblosen Körper bahnten.
Ein dritter Pfeil durchdrang die untere Kante der Decke und schnellte in die Dunkelheit davon.
Dann schloss Valimaro seine Augen und konzentrierte sich auf den bevorstehenden Moment. Der Sinda erhöhte den Druck beidhändig auf Natus und schnellte dann zur rechten Seite empor.
Im gleichen Moment trat ein schwer gerüsteter Mann aus dem Höhleneingang hervor und schaute sich deutlich angespannt um. Sein silberner Brustharnisch spiegelte das fahle Mondlicht leicht wider und in seiner rechten Hand hielt er eine Klinge, die verglichen mit Natus allerdings eher erbärmlich und schwach wirkte.

Zu schnell, um noch eine weitere Reaktion vom Mann erwarten zu können, war Valimaro zur Stelle und bohrte Natus mit roher Gewalt seitlich von unten kommend in die linke Achselhöhle des Mannes tief hinein, genau dort, wo der Brustharnisch nur mit einigen wenigen Nieten abschloss und dadurch Schwachstellen besaß. Die Spitze von Natus drang lautlos in den oberen Brustkorb des Mannes ein, glitt dabei wie ein Buttermesser durch das weiche Gewebe und durchtrennte alles, was sich der Klinge in den Weg stellte. Valimaro schob Natus so tief in den Oberkörper hinein, dass die Spitze der Klinge das rechte Schlüsselbein knackend durchbrach und dort leicht herausragte. Der Mann war tot, noch ehe sein Verstand realisiert hatte, was gerade mit ihm geschehen war oder die Schmerzen registriert worden waren.
Valimaro zog derweil an Natus und schob den taumelnden leblosen Körper wieder zurück in das Eingangsgewölbe, lediglich das Gegensteuern des Elben mit seinem Eigengewicht verhinderte, dass der bereits tote Mann in sich zusammensackte oder zu den Seiten taumelte.
„Frolorn?“, rief eine röchelnde Stimme fragend aus der Dunkelheit der Ruine.
Als Antwort darauf stemmte sich Valimaro mit aller Kraft gegen den Körper und riss Natus mit aller Gewalt wieder aus dem Körper heraus, mit seinem rechten Bein stieß der Elb gleichzeitig frontal gegen den Brustharnisch des Mannes, sodass der Körper daraufhin nach hinten in Richtung des Ruineneingangs umkippte und offensichtlich gegen einen der Männer fiel, der lautstark aufschrie, als er sah, dass Frolorn tot war.
Entsetzt von diesem Anblick stürmte der Mann brüllend aus der Ruine hervor und hielt seinen Bogen dabei im Anschlag. Mit einer fließenden Bewegung holte Valimaro erneut mit Natus aus und durchtrennte sodann mit dem darauffolgenden Schwerthieb beide Arme des anstürmenden Mannes, der Bogen und Sehne festhielt, noch bevor er seinen angelegten Pfeil absetzen konnte.
Ein schrecklicher Schmerzensschrei durchzog plötzlich die vorherige Stille auf der Anhöhe und wurde abrupt wieder erstickt, als ein Pfeil den schreienden Mann in seine rechte Wange traf und sich schräg von unten kommend durch seinen Rachenraum in das Gehirn bohrte.

Ein dritter Mann stürmte mit erhobenen Rundschild und einer Axt aus der Ruine hervor, als der vom Pfeil getroffene Mann sterbend zur Seite fiel und mit seinem Körper auf dem Steinboden aufschlug.
„Du dreckiger Elb, du wolltest uns alle ersticken!“, rief der anlaufende Mann Valimaro entgegen, als er mit dem Schild in abwehrender Haltung auf ihn zu kam. Der Elb sagte kein Wort und drehte sich erneut in einer fließenden Bewegung, holte schwungvoll mit Natus aus und schnellte abermals mit einem Schwertstreich in Richtung des Mannes davon. Krachend zerschmetterte Natus im nächsten Moment das billige Holzschild des Mannes, als der mächtige Zweihänder lautstark auf das Schild traf, das vollständig in große und kleinere Splitter zerbarst und nun keinen Schutz mehr bot.
Noch ehe sich breite Verwunderung über diesen schnellen Schwertstreich in der Mimik des Mannes abzeichnen konnte, wirbelte Valimaro in einer weiteren Bewegung herum und befreite mit einem sicheren Schlag seiner Klinge den Rumpf des Mannes von der Last des eigenes Kopfes. Der enthauptete Teil des Körpers erschlaffte augenblicklich und fiel dann nach hinten während der Kopf durch die Kraft des Schwertschlages durch die Nacht flog und in der Dunkelheit verschwand.

Dann herrschte Stille.
Es drangen keine Geräusche mehr aus dem Ruineneingang und der Sinda stand mit Natus leicht nach vorne gebeugt einfach nur da. Erst jetzt öffnete er seine Augen und sah auf die leblosen Körper und verstrauten Gliedmaßen nieder.
Argwöhnisch betrachtete der Elb die Leichen der Männer und schüttelte dann enttäuscht den Kopf. Leicht genervt rief er hinter sich in die Dunkelheit der Nacht:
„Keiner dieser Männer war vorhin hier oben anwesend, es sind diejenigen, die vermutlich im Inneren geschlafen haben und jetzt von uns überrascht worden sind.“

Nach wenigen Augenblicken trat Langlas mit seinem Bogen im Arm in das Sichtfeld des Elben und sprach: „Dann müssen wir wohl noch ein wenig mehr darauf warten, dass der Rauch auch die letzten Winkeln im Inneren erreicht.“
Ein schlimmer Verdacht beschlich den Verstand des Elben und fragend blickte Valimaro in Richtung der Ruine. Langsam ließ der Sinda seinen Blick über die Reste der einstigen Elbenbehausungen schweifen und sagte schließlich:
„Sie versuchen, auszubrechen. Wir müssen die Anhöhe abgehen und nach Stellen suchen, wo es möglich sein könnte, dass sie einen Durchbruch wagen.“
Langlas runzelte die Stirn und erwiderte trocken:
„Die Ruinen besitzen nur diesen einen Ein- und Ausgang, wir sollten hier bleiben und einfach abwarten, Taurthir.“
Besorgt wog Valimaro die Worte seines Freundes ab und dachte darüber nach. Dann nickte er schließlich und sprach:
„Nun, wenn du dir sicher bist, Langlas. Dann werde ich hier Stellung beziehen und den Eingang bewachen. Ich bitte dich aber darum, dass du die Anhöhe nach möglichen Stellen im sichtbaren Mauerwerk nach den Stellen absuchst, wo der Rauch aus dem Inneren nach außen entweicht. Diese Stellen könnten womöglich für einen verzweifelten Fluchtversuch infrage kommen.“
„Einverstanden, Taurthir.“
Langlas schulterte seinen Bogen und machte sich sofort daran, die Anhöhe nach besagten Stellen im Mauerwerk abzusuchen.
Valimaro trat derweil zwischen die leblosen Körper und erspähte den Saum eines Umhangs, zu dem er sich hinunter bückte. Diesen benutzte der Elb dafür, Natus vom Blut der Männer zu befreien, die er gerade aus dem Leben gerissen hatte. Gekonnt wischte er die Klingenseiten sauber, sodass die feinen Gravuren darunter wieder zum Vorschein kamen und das Schwert nach wenigen Minuten sauber war.

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Blutmond über Tham Gelair 16

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Sonntag 1. September 2019, 19:56

Erkenntnisse

Keldor prüfte die Rennöfen kritisch, die er zusammen mit Hral vor einigen Stunden um sein Haus errichtet hatte, und welche verschiedene Erze enthielten, die nun mithilfe von Holzkohle verhüttet wurden.
Hral hatte die ganze Zeit über nicht erfahren, wozu all dies nötig war, doch war er den Anweisungen seines Meisters bereitwillig gefolgt und hatte keinen seiner knappen Befehle infrage gestellt noch sich nach dem Sinn dahinter erkundigt. Rennöfen, so wusste Hral selbst, waren dazu da, um das Rohmaterial zum Schmieden von Werkzeugen, Waffen und Rüstungen vorzubereiten. Aber acht Rennöfen gleichzeitig? Was sollte das?
Das überraschte ihn doch sehr, denn so viel Grundmaterial an Erzen war sehr ungewöhnlich für einen einfachen Hammer oder einen Satz Hufeisen, die sie sonst zusammen herstellten. Auch hatte Keldor noch keine weiteren Details über die großartige Schmiede preisgegeben, die er in all den Jahren ganz offensichtlich vor ihm in dem als Scheune getarnten Haus versteckt hatte.

Der blinde Zwerg kam langsam auf seinen Gesellen zugeschritten und herrschte diesen deutlich unsanft an:
„Mach dich gefälligst nützlich Hral und schau hier nicht so gelangweilt in der Gegend herum.“
„Ja, Meister Keldor“, brachte Hral kleinlaut hervor und machte eine knappe Verbeugung ehe er sich daran machte, die nächst gelegenen Rennöfen zu überprüfen.
Grübelnd trat Hral an einen der acht Rennöfen heran und fühlte mit der bloßen Hand, die er auf die obere Spitze legte, ob die Hitze im Inneren bereits am Abklingen war. Ulfrik hechelte derweil aufgeregt neben seinem Herrchen und wedelte zufrieden mit seinem Schwanz während der Zwerg seinen Meister kritisch beäugte, der sich ebenfalls aufgemacht hatte, die anderen Rennöfen zu kontrollieren.
Keldor war schon immer eigensinnig und wunderlich gewesen, das wusste Hral, aber was hatte der greise Zwerg ihm noch alles verheimlicht? Welche Geheimnisse lagen dort hinten in der Schmiede vor ihm verborgen? Eine Schmiede, die er in all den Jahren nicht betreten durfte geschweige denn über deren bloße Existenz er von Keldor nie aufgeklärt worden war.
Sein Meister bemerkte die verstohlenen Blicke, die sein Geselle ihm zuwarf und rief ihm entgegen:
„Du kannst sie jetzt aufbrechen, Hral, die Zeit sollte ausgereicht haben, um die Eisenluppe zum Glühen zu bringen.“
Doch Hral trat stattdessen demonstrativ vom Rennofen zurück und schaute misstrauisch in Keldors Richtung. Auch Ulfrik spürte, dass eine gewisse Spannung zwischen beiden Zwergen in der Luft lag und rollte sich zwischen ihnen auf den Rücken, um einen oder beide zum Spielen animieren zu können.

Der alte Schmiedemeister ignorierte den Hund allerdings und kam auf wenige Schritte näher, sodass sich beide Zwerge plötzlich dicht gegenüber standen.
In einem missbilligenden Tonfall sagte Hral in Richtung Keldor:
„Ich werde keine weitere eurer Anweisungen befolgen, Meister, ehe ihr mir nicht mitteilt, was ihr hier treibt. Ich kenne euch als einfachen Schmiedemeister, der Hufeisen und Werkzeuge herstellt und gelegentlich Beulen in Ausrüstungen der Thalländer ausbessert. Aber das….“, Hral unterbrach sich kurz und zeigte nervös in Richtung der Großesse, die im Hintergrund in der Scheune deutlich zu sehen war, dann sprach er weiter „…das dort ist etwas ganz anderes, nicht wahr? Ihr habt mich in all den Jahren belogen und mir diese Großschmiede in eurem Hinterhof vorenthalten. Ich…“
Keldor unterbrach seinen Gesellen mit dem Heben seiner rechten Hand und schaute ihn traurig an.

Nach einer kurzen Pause zwischen ihnen sprach der Schmiedemeister ruhig:
„Habe ich dir jemals von meiner Begegnung mit Taurthir erzählt?“

Hral verzog ungläubig den Mund und seine Stirn legte sich in tiefe Falten, als er darauf erwiderte:
„Nein, erzählt mir von eurer Begegnung mit ihm.“

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Blutmond über Tham Gelair Teil 17

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Dienstag 3. September 2019, 20:11

Der erste Eindruck
...Meister Keldor beginnt daraufhin seinem Gesellen von einer Begegnung zu berichten, die schon lange Zeit zurückliegt, und zwar so lange, dass der Bart Keldors damals noch schwarz gewesen und nur halb so groß gewachsen war sowie sein Blick nicht blind und glasig, sondern ausdrucksstark und vorausschauend in die Zukunft gerichtet war. Der Schatten im Osten war noch nicht zurückgekehrt und auch der Grünwald trug noch keinen anderen Namen außer dem, welchen die Waldelben ihm seit ihrer Besiedlung gegeben hatten...eine Zeit also, bevor die Welt begann, sich zu wandeln...oder etwa doch? Schließlich ist alles einem steten Wandel unterworfen, so wie die folgende Geschichte, die sich vor so vielen Jahren in Rhovanion ereignete, als ein Elb von einem jungen Schmiedelehrling zur Esse von Meister Keldor geführt wurde unwissend, dass ihre Begegnung beider Schicksal besiegeln würde...

Ein Hammerschlag schnellte auf das Metall hernieder und Funken wurden sogleich in alle Richtungen der Schmiede versprüht, die leuchtend rot durch den Raum tanzten und einen hellen Kontrast zur dunklen, mit Ruß verschmierten Haut Keldors ergaben. Erneut holte der Meister mit seinem mächtigen Werkzeug aus, doch hielt sein muskelbepackter nackter Oberarm plötzlich abrupt in der Bewegung inne, als er bemerkte, dass sich die Lichtverhältnisse in der offenen Schmiede veränderten, weil jemand in die Schmiede eintrat. Mit einem leichten Keuchen in seiner Stimme sprach der alte Zwerg über seine rechte Schulter hinweg in Richtung der Eingangspforte und brummte laut: „Artax, ich habe dir doch gesagt, dass du dich nicht immer unbemerkt anschleichen sollst. Du bist nicht mehr in dem Alter, um deinem alten Herrn Streiche zu spielen, wie damals, als du noch ein Kind gewesen warst.“

Mit einem donnernden Krachen ließ Keldor den Schmiedehammer abermals auf das glühende Metall vor sich auf dem Amboss einschlagen, sodass erneut ein warmer Funkensturm losbrach und die Schmiede kurzzeitig hell erleuchtet wurde. Schweißperlen tropften dem alten Schmiedemeister auf seine Schürze und zeugten von der körperlichen Anstrengung seiner Arbeit oder von der unmittelbaren Hitze im Raum oder beidem.
„Meister Keldor?“, fragte eine unbekannte Stimme hinter dem Zwerg, die Tonlage wirkte zwar interessiert und ehrlich, doch schockierte den Zwerg etwas gänzlich anderes am Klang der fragenden Worte. Der alte Zwergenherr unterbrach sein Tagwerk augenblicklich und drehte sich angewidert in Richtung des Fragenden herum, sodass er ihn direkt ansehen konnte. Seine schwarzbraunen Augen musterten Valimaro finster und grimmig und voller Argwohn war sein Gesichtsausdruck, als Keldor die bitteren Worte herausbrachte:

„Ich weiß nicht, was du dir dabei gedacht hast, Artax, aber schaff mir augenblicklich diesen Elben aus der Reichweite meiner Esse oder ich vergesse mich.“
Drohend hielt Keldor bei seinen Worten den Schmiedehammer auf Valimaro gerichtet und gab allen Anwesenden damit zu verstehen, dass er es durchaus ernst mit seiner Ankündigung meinte.
Artax, ein kräftig gebauter Mann von gerade einmal 20 Jahren, trat zwischen die beiden und legte beruhigend eine Hand auf den kurzen Holzstiel des Hammers, drückte diesen leicht herunter und sprach dann beschwichtigend zu seinem Meister:
„Keldor, darf ich dir Valimaro Taurthir vorstellen, er ist ein Elb aus dem Großen Grünwald, dem ich mein Leben zu verdanken habe. Er und seine Gefährtin Muriell haben die Thalländer und mich aus den Fängen der Ostlinge befreit.“

Die Anspannung in der Mimik Keldors löste sich nur leicht und sein Blick suchte unablässig nach etwas Abschätzigen an seinem Gegenüber, das ihn dazu antreiben könnte, den unerwarteten Besuch wieder von seinem Grund und Boden zu verjagen.
Valimaros smaragdgrüne Augen verloren sich im Blick des Schmiedemeisters und ergründeten dort das wahre Ich des Zwerges, der Elb ahnte, wen er hier vor sich hatte und suchte augenscheinlich nach den passenden Worten, doch Keldor gab ihm keine Gelegenheit dazu.
Der Mund des Zwerges verzog sich zu einem schmalen Schlitz.
Anschließend löste Keldor unsanft die Hand von Artax vom Holzstiehl des Schmiedehammers und wandte sich dann wieder seinem Amboss zu, indem er den beiden Gästen den Rücken zudrehte und den schmalen und noch immer glühenden Klingenkern waagerecht ausrichtete.
Der Elb sah zu Artax hinüber und schüttelte dann leicht enttäuscht den Kopf. Valimaro machte sich bereit, zu gehen.
Als der Elb bereits ein paar Schritte in Richtung der Schmiedepforte getreten war, atmete Artax tief aus und sah Valimaro nach, der bereits eine Hand auf die Klinge des linken Tors legte und sogleich verschwunden sein würde.
Nachdenklich blickte Artax zu Keldor hinüber und sprach dann laut und deutlich aus:
„Ich werde mit ihm gehen, wenn du ihn nicht anhörst, Vater.“

Keldor erstarrte bei diesen Worten und schaute auf den glühenden Klingenkern auf dem Amboss. Die Kehle des Zwerges schnürrte sich zu und er fühlte eine tiefe innere Verletzung, die ihm gerade durch die Aussage seines Schützlings zugefügt worden war. Nach mehrmaligen Schlucken tauchte der Zwerg den Klingenkern in den kleinen Wasserbottich zu seinen Füßen. Ein lautes Zischen erklang und der weiße Dampf erfüllte die Schmiede.
Als die Blasen im Wasser abgeklungen waren und die Hitze im Raum leicht abgenommen hatte, brachte Keldor kleinlaut hervor:
„Nun gut, Elb, lass uns reden.“

In diesem Moment nahm Valimaro die Hand von der Klinke und kam zurück in die Schmiede geschritten.

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Blutmond über Tham Gelair 18

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Mittwoch 4. September 2019, 00:50

Keldor

...nach einer kurzen Atempause, in der Keldor seine Gedanken sammelte, schilderte der Zwerg seinem Gesellen Hral weiter, was an jenem Tag zwischen Taurthir und ihm besprochen worden war...

Die Situation in der Schmiede war nach wie vor sehr angespannt und die Wärme immer noch sehr bedrückend für jemanden, der die Arbeit und Luft an einem brennenden Arbeitsplatz nicht gewohnt gewesen wäre.
"Artax, ich hatte dir bereits vorhin gesagt, dass ich das nicht von dir verlangen oder erwarten werde", brachte Valimaro knapp hervor, als er dem Thalländer in der Schmiede wieder näher kam, die er noch vor wenigen Momenten verlassen wollte.
Der junge Schmiedelehrling nickte sanft und zwinkerte dem Elben verstohlen zu.
Als die beiden dann auf einer Höhe waren, klopfte der Elb dem Menschen freundlich auf die Schulter und sah dann in Richtung von Keldor, der immer noch untätig und ihnen mit dem Rücken zugewandt dicht neben dem Amboss stand und in der rechten Hand den mächtigen Schmiedehammer umklammert hielt, mit dem er Valimaro vor einigen Minuten noch unverhohlen gedroht hatte.

Artax verstand die Geste des Elben und ging langsamen Schrittes in Richtung Schmiedeausgang, nicht ohne noch einen bissigen Kommentar in Richtung seines Meisters abzugeben:
"Ihr beide mögt Schwerter, das ist doch schon mal eine gemeinsame Grundlage für ein Gespräch."
Keldor zeigte keinerlei Reaktion und auch Valimaro rümpfte nur kurz seine Nase, nur um den Zwerg dann gleich darauf wieder aufmerksam in Augenschein nehmen zu können.
Artax verschwand aus der Schmiede und ließ die schweren Tore hinter sich in die entsprechenden Schlösser laut einrasten, sodass Valimaro und Keldor nun alleine in der Schmiede waren und nur das schwache Flacken der Esse, die im Begriff stand, auszugehen, den Raum leicht erhellte.
"Was wollt ihr, Elb?", fragte Keldor, ohne Valimaro eines Blickes zu würdigen.
"Ich suche einen Meisterschmied, den Besten unter den Gonnhirrim wohlgemerkt."

Amüsiert drehte sich Keldor Valimaro entgegen und sah ihn schließlich unfreundlich an:
"Dann habt ihr euch wohl etwas verrannt, Silvan. Hier gibt es keinen Meister des Steins, nur mich und meine Schmiede."
Valimaro ließ den Blick durch die große Schmiede schweifen und erforschte jeden Zentimeter mit seinen Augen, nichts erweckte den Anschein, dass er hier an der richtigen Stelle nach einem Großmeister der Schmiedekunst suchte. Fast nichts.
Unzählige Erzklumpen stapelten sich unsortiert und unbeschriftet auf dutzenden Abstelltischen, Wannen und Gußpfannen im Hintergrund.
Von der Decke hingen zahllose Werkzeuge, Metallstangen, Ketten und andere Utensilien aus Eisen, Stahl und Skarn, die ein Werkzeugmacher sicherlich gut für seine Arbeit verwenden konnte, aber ein Meisterschmied? Wohl kaum.
Doch etwas passte nicht in die Szenerie und Valimaros ganzer Verstand konzentrierte sich darauf, es war die riesige Esse am Ende der Schmiede, die viel zu prunkvoll ausgestattet, zu gewaltig und viel zu aufwendig gearbeitet worden war.

Der Elb ergriff flüchtig eine nahe gelegene Eisenzange, mit der üblicherweise die Eisenluppe beim Schmiedevorgang festgehalten wurde und taxierte diese aufmerksam, schließlich sagte er direkt an Keldor gewandt:
"Ihr spielt eure Rolle wirklich gut, Keldor von den Naugrimm. Ihr habt euch hier nett eingerichtet und gebt euch bescheiden als einfacher Huf- und Werkzeugschmied aus, dabei passt eure Esse genauso wenig zu eurer Geschichte wie euer wahrer Name."
Keldor kniff unverständlich die Augen zusammen und fragte ungläubig:
"Mein wahrer Name? Das ich nicht lache. Ich bin Keldor, Sohn des Kelor, Hufschmied in dritter Generation, jawohl. Wer soll ich denn anderes sein? Und die Esse dort drüben, sie ist ein altes Familienerbstück. Sie wurde von Keldin, meinem Großvater, erbaut und ist soetwas wie das Symbol meiner Vorväter und Familie. Ihr beleidigt mich schwer mit euren Wort, Elb."

Valimaro beäugte die Eisenzange in seiner Hand skeptisch und schaute dem Zwerg dann direkt in seine Augen, als er Folgendes zu ihm sprach:
"Ihr seid Ghror, der Meisterschmied der Ered Mithrin. Erster Sohn von Gnarsi Grauhand, dem besten Schmied der Gonnhirrim diesseits des Nebelgebirges."
Ein Blitzen huschte bei diesen Namen über die Augen des Zwerges und für einen kurzen Moment, vielleicht nur für die Dauer eines einzigen Herzschlages, hatte sich der Schmiedemeister nicht im Griff gehabt, aber dieser kurze Moment hatte Valimaro ausgereicht, um die Wahrheit aus der Reaktion seines Gegenübers herauszulesen.
Argwöhnisch und völlig beherrscht erwiderte Keldor darauf:
"Ich bin mir sicher, ihr verwechselt mich, Silvan. Ich bin weder ein Meisterschmied noch kenne ich einen der Meister der Steine. Ist das alles, was ihr mir in meiner Schmiede vortragen wolltet oder möchtet ihr noch einen Satz Hufeisen für euren Klepper draußen bestellen? Und lügt mich nicht an, ich höre es deutlich heraus, wenn Hufe meine Hügel erklimmen, schließlich lebe ich vom Beschlagen der Pferde."
Valimaro wurde nun etwas unvorsichtiger und brachte schnell hervor:
"Ich habe die Festung von Narake und dem Kult der Dämmerung ausfindig gemacht, Ghror."
Die Kiefer des Zwerges spannten sich an und erneut blitzte ein Funken in seinen Augen auf.
Doch Keldor schüttelte demonstrativ seinen Kopf und entgegnete dem Elben gelassen:
"Ich habe keinen Schimmer, wovon da ihr sprecht mein Herr. Aber ich denke, wenn ihr weiterhin behauptet, dass ich jemand anderes wäre, als derjenige Zwerg, der hier mit dem Namen Keldor vor euch steht, dann befindet sich der Ausgang dieser Schmiede direkt hinter euch. Ihr müsst nur ein paar Meter zurück gehen."
Valimaro knallte die Eistenzange lautstark auf den Boden, sodass ein klirrendes Geräusch zu hören war.
Mit fester und entschlossener Stimme sprach der Elb anschließend:
"Ich ersuche euch, Meister Ghror, Meisterschmied der Steine, fertigt mir ein Schwert, das würdig ist, einen der Unschönen aus dieser Welt zu tilgen. Sagt mir, was ihr dafür braucht und welche Preis ich dafür erbringen muss. Ihr seid meine letzte Hoffnung."
Ein Lächeln huschte über die Lippen des alten Zwerges und schmunzelnd fuhr sich Keldor über den schwarzen ungepflegten Bart, als er Valimaro sodann eine Antwort gab:
"Ihr seid arrogant Valimaro. Ich habe es sofort in eurer Stimme erkannt, als ihr mich vorhin nach meinem Namen gefragt habt. Eure Arroganz blendet euch, Silvan, und macht euch blind für die Dinge, die ihr nicht sehen wollt. Was lässt euch glauben, dass ich, sofern eure Behauptungen auch nur ansatzweise zutreffen mögen, euch helfen würde?"
Valimaro kniete sich vor Keldor und neigte sein Haupt in Demut vor dem Zwerg, als er ihm Folgendes darauf als Antwort gab:
"Ich klammere mich verzweifelt an die Hoffnung, den Großmeister des Grauen Gebirges in euch gefunden zu haben und hoffe, dass die Gerüchte über euch stimmen mögen, nur dann wird es mir möglich sein, Narake und seine Kultisten herauszufordern."
Keldor streckte die linke Hand nach dem Elben aus und berührte Valimaro dann leicht am Kinn und zog sogleich das Gesicht nach oben, dann sagte der Zwerg:
"Welche Gerüchte habt ihr schon über Ghror gehört?"
"Ich hörte von einem Meisterschmied mit einem solchen Talent, dass ein Flüstern in Rhovanion davon erzählt, ein Maiar würde in der Seele von Ghror schlummern, der einst Aules Schüler gewesen war, um Durins Volk auf Arda zu bereichern und selbst Aule wäre neidisch auf das Talent des Besten unter den Gonnhirrim. Ich hörte davon, dass ihr Thrains Armee ausgerüstet habt, als Durins Volk sich aufmachte, das Königreich unter dem Berg zu gründen. Ich brauche euer Handwerk, um mich Narake stellen zu können."
Ein Grinsen zeichnete sich auf dem Gesicht des Zwerges ab und dann lachte Keldor, ein tiefes und wohliges Lachen, das die gesamte Schmiede erfüllte und Valimaro sehr beschämte.
Nachdem sich Keldor dann wieder beruhigt hatte, beugte er sich auf die Höhe des knienden Elben und flüsterte ihm Folgendes in das rechte Ohr:
"Weder in diesem Leben noch im Tod werde ich mein Talent an einen deines Volkes verschwenden und wenn die Welt im Meer versinkt oder sich gewandelt hat wirst du immer noch kein Schwert von mir erhalten haben, Valimaro Taurthir. Dies ist meine Antwort an dich und nun scher dich wieder zu deinesgleichen und vergiss die Dinge, die du über Ghror Grauhand gehört hast."
Keldor richtete sich wieder zur vollen Größe auf und machte sich daran, den mittlerweile deutlich abgekühlten Schwertkern wieder aus dem nun halb leeren Wasserbottich mit einer Eisenzange herauszuholen.
Valimaro kniete noch immer an derselben Stelle und schluckte die Beleidigung hinunter, als er in Richtung Keldor sprach:
"Ghror Grauhand, Meister der Steine, ich erbitte eure Hilfe. Ihr benötige ein Schwert, das imstande ist, einen Umaiar zu Fall zu bringen. Helft mir bitte, es sind bereits viele Unschuldige durch seine Diener gefallen und es werden weitere folgen. Ich möchte diesem Schrecken ein Ende setzen. Sagt mir, was ihr verlangt und ich werde mich bemühen."
"Was ich verlange?", herrschte Keldor den Elben an, "Was ich verlange sagt er? Wie wäre es mit den Schätzen der Silberkammern des Waldlandreiches, die weißen Sternensteine, bringt mir alle, die im Besitzt Thranduils sind."
Valimaro schluckte auch diese Beleidigung herunter, auch wenn sie ihn sehr kränkte.
"Ihr wisst, dass dies unmöglich ist, Meister. Es geht hierbei auch um die Zukunft des Thallandes."
Plötzlich drehte sich Keldor wieder zu Valimaro herum und fuhr diesen lautstark an:
"Als wenn ihr euch jemals um die Länder hinter eurem Wald geschert hättet. Erzählt mir nichts von den Sorgen dieser Welt, Valimaro. Ihr verkriecht euch Jahrtausende hinter euren Bäumen und erwartet auch noch dafür, dass man euch hofiert und jeden Wunsch erfüllt. Eure Arroganz ist grenzenlos! Schert euch dahin, wo ihr hergekommen seid und verlasst nun meine Schmiede. Ich schere mich nicht um einen dahergelaufenen Elben, der mich auf Knien anfleht!"
Valimaro erhob sich sogleich und sah kurz zur Decke empor, wo er eine Gestalt erspähte, die schon eine Weile dort oben im Dachgebälk gesessen und alles mit an gesehen hatte.
Dann machte der Elb auf der Stelle kehrt und sprach beim Gehen ein letztes Mal in Richtung Keldor:
"Ich bedauere eure Entscheidung zutiefst, Meister Ghror und wünsche euch, dass ihr euren Frieden finden werdet."
Daraufhin schrie Keldor dem Elben lautstark hinterher, der jedoch nicht mehr jedes Wort verstehen konnte, da er bereits mit einem Fuß aus der Schmiede getreten war:
"Grüßt den Wald von mir, wenn ihr mein Land verlasst."

In diesem Moment sprang Artax vom Dachgebälk herunter, auf dem er die ganze Zeit über gesessen hatte und ballte nun seine Hände vor Wut zu Fäusten zusammen.
Überrascht sah Keldor in seine Richtung und noch ehe der Zwerg etwas sagen konnte, begann Artax das Wort an ihn zu richten:
"Ich habe dich noch nie so hässlich erlebt wie heute, Keldor. Der Elb, der mir vor einiger Zeit das Leben rettete, hat dich dringendst um deine Unterstützung ersucht und sich vor dir klein gemacht. Aber weißt du was?", Artax Augen glitzerten vor Tränen und Wut und Enttäuschung war seinem Blick zu entnehmen, mit dem er den Zwerg anfunkelte.
Nach einem lauten Schluchzen sprach er weiter:
"...nicht er war es, der sich heute hier klein gemacht hat. Du bist es gewesen, der einem Elb keine Größe gezeigt hat und ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr du mich eben enttäuscht hast. Ich schäme mich für dich, Vater."

Keldor schluckte bei diesen Worten und versuchte darauf zu erwidern:
"Lass es mich dir erklären, Artax. Bitte..."
"NEIN! Erkläre es jemanden, den es interessiert."
Artax unterdrückte seine Tränen und rannte zum Ausgang der Schmiede.
An der Pforte angekommen drehte sich der Thalländer noch ein letztes Mal zu dem Zwerg herum, der sich Keldor nannte und sagte:
"Ich werde mit Valimaro gehen. Zu lange hast du mich hier an diesen Ort binden wollen, Keldor. Das ist nun vorbei. Mögen die Einsamkeit und Bitterkeit dich hier umgeben und dir die Weisheit bescheren, die du heute vermissen ließest. Der Zwerg, den ich zu kennen glaubte, ist mit deinen Worten gestorben. Leb Wohl."
Und dann lief Artax nach draußen in die Dämmerung und ließ Ghror Grauhand in der Schmiede stehen, der fassungslos dort stand und dessen Seele nun ob der Worte seines vermeintlichen Sohnes gebrochen war.

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Blutmond über Tham Gelair 19

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Montag 9. September 2019, 00:15

Geschenke

„Das kann ich wirklich nicht von dir annehmen.“, Jeriks Augen strahlten zwar vor großer Dankbarkeit und dennoch war seiner Mimik eindeutig zu entnehmen, dass er das Geschenk seines Freundes ablehnen würde.
Ghror Grauhand saß dem Päarchen aus Esgaroth in seiner bescheidenen Hütte auf einem massiven Holzsessel gegenüber und musterte beide aufmerksam und eindringlich. Jerik trug wie jedes Mal seine ausgefranste Kurierrobe aus weichem Leder, die ihm viel zu kurz war und hatte sich die braunen und fein gelockten Haare zu einem schmalen Zopf nach hinten gebunden. Seine Verlobte, Amelie Kleinschuh, die älteste Tochter des reichen Schuhverkäufers Oskar Kleinschuh, sah wie auch die wenigen Begegnungen zuvor, an denen der Zwerg sie bei sich begrüßen durfte, einfach umwerfend und makellos aus. Ihre langen blonden Haare kullerten in vielen Wellen zu beiden Schultern das lange, grüne Kleid herunter, das aufwendig mit Goldbrokat bestickt war und jeden Beobachter erkennen ließ, aus welch reichem Hause sie doch stammte. Amelie hielt an ihrer linken Armbeuge ein in weiße Tücher gehülltes Baby, das friedlich schlummerte und sich eng an seine Mutter kuschelte.
Ein Lächeln umspielte die Mundwinkel Ghrors, das auch die Menschen eindeutig erkennen konnten, da der schwarze Bart des Zwerges erst kurz nachgewachsen war, seitdem er ihn vor einigen Jahren in seiner Not abschneiden musste, als er seiner Heimat den Rücken kehrte und hier ein neues Leben begann.

„Ich bestehe darauf, Jerik. Du hast mich einst aus einer mir ausweglosen Lage erettet und ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn ich dich und deine reizende Frau ohne Schutz oder Abschiedsgeschenk von dannen ziehen ließe. Schließlich verreise ich nicht, du kennst mich ja mittlerweile. Und da ich nicht darauf hoffen kann, dass ihr zwei mit eurem kleinen Fratz dort in naher Zukunft noch einmal nach Wilderland aufbrechen werdet, nimm die Schwerter bitte an.“
Jerik schluckte leicht und schaute ein wenig nachdenklich zu seinem kleinen Sohn hinüber. Amelie legte in tiefer Dankbarkeit und Zuneigung ihre rechte Hand auf Ghrors Knie und sagte mit ihrer zarten Stimme: „In all den Jahren, in denen mein Mann euch kennt, wart ihr ihm stets ein guter Freund und habt euch immer um ihn und seine Geschäfte bemüht, das werden wir euch nie vergessen, Meister Grauhand. Und nur ungern lehnen wir euer Geschenk ab, aber ich fürchte, wir werden euch das nie vergelten können und Jerik ist zu stolz, dies offen vor euch auszusprechen, deshalb sage ich es euch.“
Ghror sah der Verlobten Jeriks in ihre blassblauen Augen und erwiderte ohne Zögern darauf: „Werte Frau Kleinschuh, ich kenne euren hitzköpfigen Vater und dass ihr zwei mit ihrem Kind in letzter Zeit häufiger mein Heim aufsucht, liegt wohl weniger an mir als daran, dass Oskar Kleinschuh alles andere als erfreut über eure Verlobung und die Geburt eures Sohnes ist. Nicht wahr?“
Amelie nickte knapp und seufzte dann leicht, als sie ein kleines, zusammengerolltes Pergament aus einem Lederbeutel hervorholte, dessen rotes Wachssiegel bereits gebrochen war.

Ghrors Stirn legte sich in tiefe Falten und der Zwerg sagte völlig überrascht:
„Das hat er nicht wirklich getan. Das kann ich nicht glauben.“
Jerik lehnte sich leicht nach vorne und holte noch einmal tief Luft, bevor er Folgendes sagte:
„Er hat Amelie enterben lassen, sie wird ganz offiziell aus der Familie verstoßen und ist seitdem mittellos. Laut diesem Schriftstück bestätigt der Notar aus Esgaroth diesen Ausschluss ganz offiziell und lässt uns ausrichten, dass Amelies gesamter Besitz, außer den Kleidern, die sie noch am Leib trägt, von der Familie Kleinschuh einbehalten wird und nun nicht mehr ihr gehöre. Noch ein Grund mehr, diese Gefilde hier schleunigst verlassen zu wollen. Ich war und werde ihrem Vater niemals gut genug sein, das weiß ich.“, Amelies Verlobter schüttelte entmutigt seinen Kopf.
„Aber dir gehört mein Herz, Jerik. Ich lasse mir nicht vorschreiben, wen ich wann zu ehelichen habe, dafür bin ich viel zu sehr die Tochter meines Vaters, dennoch stimmt es, was du sagst. Wir werden hier niemals zusammen glücklich werden und da ich nun obdachlos und nicht mehr vermögend bin, müssen wir deine Verwandten jenseits des Nebelgebirges aufsuchen, und dort ein neues Leben beginnen.“
Ghror beugte sich nun seinerseits leicht nach vorne und legte seine von vielen Schwielen und Narben gezeichnete, grobe Schmiedehand vorsichtig auf den weichen Handrücken Amelies, deren Hand immer noch ruhig auf dem Knie des Zwerges lag.
Mit einer für ihn untypischen Sanftheit in Tonlage und Klangart, brachte der Schmied leicht hervor:
„Und genau aus diesen Gründen bestehe ich auch vehement darauf, dass ihr meine Geschenke mit euch führt. Ein Schwert behält dein Mann, um euch gegen die Gefahren verteidigen zu können, die euch auf euren Wegen erwarten mögen. Das zweite Schwert wird eurem Sohn gehören, sobald er eines führen kann und auch ihm wird es helfen, sich gegen seine Feinde verteidigen zu können. Das dritte und prunkvollste Schwert verkauft ihr auf dem großen Schmiedebasar im Handwerkerring der Weißen Stadt. Ich habe meine unverwechselbare Handschrift mit dem Schmiedevorgang eingravieren lassen, jeder Schmied jenseits des Nebelgebirges, der sich nur ansatzweise mit den Schmiedearbeiten meines Volkes auskennt, wird dies erkennen und zu schätzen wissen. Man wird euch in barer Münze für den Erwerb dieses Schwertes auszahlen. Es wird zwar nicht für ein völlig sorgenfreies Leben ausreichen, aber ich denke, es wird genug sein, um dort in den ersten Jahren ein neues Leben aufbauen zu können, als kleine Familie.“

Amelies Augen füllten sich leise mit Tränen der Freude und Dankbarkeit und sie musste ihre Gefühle spürbar unterdrücken, damit der kleine Sohnemann auf ihrem Arm nicht aus seinem Schlaf aufschreckte und die ruhige Situation mit seinem eventuellen Geschrei je unterbrechen könnte.
Jerik sprach nun entschlossener zu seinem Freund: „Ghror, ernsthaft. Wir können das nicht annehmen….wir.“, brachte der Kurier noch flüchtig hervor, als Amelie ihn wütend von der Seite anfunkelte und abrupt mit folgenden Worten leise, aber bestimmend unterbrach:
„Meinst du wirklich, es ist klug, die vielen Stunden, die dein Freund in seine Abschiedsgeschenke investiert hast, nicht zu würdigen und seine Leistung zu beleidigen, indem wir seine Arbeit ablehnen?“
Ghror sah Jerik nun in die Augen und nickte zu Amelies Worten: „Deine Verlobte ist nicht nur überaus reizend, mein guter Jerik. Sie ist auch besonnen und sehr klug. Es würde mich wirklich sehr kränken, wenn ihr die Geschenke nicht annehmt, sodass ich die letzten Monate umsonst gearbeitet hätte.
Jerik nickte seinem Freund aufrichtig entgegen und erwiderte darauf: „Wir danken dir, Ghror Grauhand. Für alles, was du für uns drei in den letzten Wochen und Monaten geleistet hast.“
Der Zwerg schmunzelte leicht bei diesen Worten und versuchte, etwas unbeholfen das Thema zu wechseln:
„Nicht der Rede wert. Ich schätze euch sehr, das wisst ihr. Wann wollt ihr aufbrechen? Euer Pferdegespann draußen lässt mich vermuten, dass ihr diesmal nicht zum Abendessen bleiben wollt?“
Amelie lächelte sanft und sagte darauf:
„Diesmal nicht Meister Grauhand. Wir haben deine Gastfreundschaft in letzter Zeit zu oft und unangemeldet in Anspruch genommen und dich dadurch leider einiger niederträchtiger Gerüchte ausgesetzt. Eigentlich wollten wir tatsächlich nur warten, bis der kleine Max fest eingeschlafen ist und danach bald aufbrechen.“
Ghror wirkte etwas betrübt und sprach:
„Oh, so früh schon. Dann wird es wohl jetzt Zeit, dass wir uns von einander verabschieden und ihr euch auf den Weg Richtung Celduin macht. Ich hatte gehofft, ihr bleibt noch wenigstens bis zur Dämmerung heute Abend.“
Jerik winkte ab und brachte schnell hervor:
„Das würden wir wirklich sehr gerne machen, Ghror, das weißt du. Aber wir müssen heute Abend noch das Dorf der Waldmenschen in den Feldern des Celduin erreichen. Dort werden sich in den nächsten Tagen einige Söldner der Karawane anschließen, die in Richtung der Waldstraße aufbricht. Wir haben vor, uns diesem Verband aus Sicherheitsgründen anzuschließen.“
Der Zwerg nickte zustimmend und sprach:
„Das ist eine ausgesprochen weise Entscheidung, auch wenn ich denke, dass du als Kurier auch sehr gut alleine in der Wildnis Acht geben kannst. Dann lasst mich euch noch ein wenig Proviant einpacken und wir verladen alles weitere auf eurem kleinen Wagen.“

Gleich darauf begannen die beiden Herren damit, etliche Vorräte und Fässer aus der kleinen Hütte zu transportieren und Amelie wiegte nebenbei ihren Sohn im Arm auf und ab und sorgte dafür, dass dieser noch tiefer einschlief, indem sie ihm ein leises Schlaflied nach dem anderen in seine kleine Ohren einsang.
Als schließlich das Meiste, was Ghror für die Abreise der beiden eingeplant und vorbereitet hatte, aufgeladen und sicher verstaut worden war, eilte der Zwergenherr geschwind in Richtung seiner Schmiede und holte drei in billiges Leder eingehüllte Kurzschwerter hervor, mit denen er sogleich wieder zum Wagen zurücklief.
Und dann war der Moment des gemeinsamen Abschieds gekommen und Ghror hielt Jerik die Schwerter entgegen, deren edle Griffe leicht aus dem Leder hervorragten und silberfarben in der bereits tief stehenden Sonne glänzten.
Vorsichtig griff Jerik nach einem der Schwerter und fragte etwas brüchig:
„Darf ich eines zum Ansehen hervorholen?“
Der Zwerg nickte freundlich und antworte schnell:
„Selbstverständlich, mein Freund. Sie gehören deiner Familie. Ich habe sie für euch geschmiedet.“
Das ließ sich der Kurier nicht zwei Mal sagen und ergriff die oberste Klinge. Langsam zog er diese aus dem Ledertuch hervor und beäugte sie fasziniert. Das Schwert schimmerte silbern und im Klingenkern durchzog eine goldene Flamme die Waffe in beide Richtungen. Feine Gravuren in Westron waren an Unter- und Oberseite der Schneide zu erkennen, die vom Wirken eines Kuriers namens Jerik erzählten.
„Was hast du hier denn?....“, neugierig begann Jerik das Geschriebene zu lesen und noch bevor er etwas sagen konnte, begann Ghror seinerseits bereits zu zitieren:
„Ich bin Artax, die flammende Klinge von Jerik, dem besten Kurier Wilderlands und treuen Freund von Ghror Grauhand, Meister der Gonnhirrim.“

Jerik hielt die Klinge in denselben Augenblick in Richtung Himmel empor und bewunderte sie.
Ghror sah voller Stolz die Freude in den Augen seines Freundes und sagte schließlich:
„Ich habe alle drei Klingen aus einer Zwergeneisen-Silberlegierung geschmiedet, deshalb leuchten sie alle silberfarben, auch wenn nur wenig Licht sie bescheinen sollte. Insgesamt sind etwas mehr als fünf Pfund verschiedener Erze pro Schwert beim Schmiedevorgang verarbeitet worden.“
„Die Klinge liegt leicht in der Hand und lässt sich federleicht schwingen.“, brachte Jerik freudig hervor. Ghror nickt zufrieden und erkläre darauf: „In der Tat, ich habe sehr darauf geachtet, dass sie perfekt ausbalanciert sind, das gilt für alle drei Schwerter. Als Träger bekommt man kaum eine Vorstellung davon, wie kraftvoll diese Klingen doch in Wahrheit sind, sie werden sich gut im Kampf machen, wenn du gezwungen wirst, einen führen zu müssen.“
„Ich danke dir abermals Ghror. Das ist eigentlich zu viel….aber.“
Der Zwerg wirkte leicht unzufrieden und sprach schnell: „Das hatten wir bereits geklärt, mein Freund. Nehmt sie mit euch, sie werden sicherlich von großem Nutzen sein und verkauft das Dritte Schwert, auf dem ich keine Westron-Gravuren außer meiner Handschrift einschmelzen ließ.“

Jerik legte die Klinge schnell auf der obersten Wagenfläche ab und trat anschließend ein paar Schritte in Richtung des Zwerges. Dann beugte er sich leicht herunter und umarmte seinen Freund, indem er den alten Zwerg fest an sich drückte und Ghror eigentlich keine andere Wahl ließ, als diese Geste der Zuneigung und Verbundenheit zu erwidern. Der Schmiedemeister legte seine Arme auch um den unteren Rücken seines Freundes und klopfte ihm dann leicht auf die Taille, als Jerik bereits einige warmherzige Worte in der Umarmung aussprach:
„Pass auf dich auf, mein Freund. Ich werde dich nicht vergessen und auch nicht, was du für Amelie, Max und mich getan hast. Niemals.“
„Ich möchte mich auch bei dir bedanken, Jerik. Dass du in einer meiner schrecklichsten Stunden bei mir warst und mich aufgelesen hast, wo andere mich vermutlich meinem Schicksal überlassen hätten. Achte auf deine kleine Familie. Du wirst in mir hier stets einen Freund haben.“

Amelie trat leicht an ihren Verlobten heran und sagte etwas nervös:
„Die Dämmerung zieht schon bald herauf, Jerik, wir müssen jetzt langsam aufbrechen, sonst erreichen wir das Dorf nicht mehr rechtzeitig und unser Sohn trommelt noch die Warge zusammen.“
Jerik nickte flüchtig und sprang anschließend auf den vorderen Teil des Wagens, um sogleich die Zügel der Pferde in beide Hände nehmen zu können. Amelie legte ihren kleinen Sohn leicht gebeugt an ihre Schulter und vollführte vor Ghror einen gekonnten Knicks, der einer vornehmen Dame bei Hofe üblich gewesen wäre. Auch Ghror neigte sein Haupt ihr gegenüber leicht und sagte dann:
„Habt stets ein waches Auge auf euren Verlobten, werte Dame Kleinschuh und vergesst niemals, dass es sich immer lohnt, für die Liebe einzustehen. Ich bin sehr froh, dass Jerik an eine Frau wie euch gekommen ist. Auch wenn ich mich noch immer frage, wie er das nur geschafft hat.“
Amelie lachte leise und sprach dann ihrerseits an Ghror gewandt:
„Ich werde niemals den Schmiedemeister der Wilderlande vergessen und was ihr für mich getan habt. Lebt lange und wohl, Meister Grauhand. Möge eure Esse immer entzündet sein und euer Talent niemals versiegen.“
Daraufhin half Jerik seiner Verlobten mit ihrem Sohn auf den Wagen und es folgte ein letzter Blick zwischen den Abfahrenden und dem Zwerg, der ihnen etwas traurig nachsah, als sie sich mit ihrem Pferdegespann den Weg in Richtung der Waldgrenze bahnten und nach einigen Augenblicken schon eine gewisse Entfernung zurückgelegt hatten.

Ghror wurde in diesem Moment von einem Gedanken beschlichen, dass er irgendetwas vergessen hätte, doch es fiel ihm nicht ein, sodass er sich unverrichteter Dinge daran machte, zurück zu seiner Hütte zu gehen.
Der Zwerg war gerade dabei, die wenigen Habseligkeiten, die er besaß und für den Besuch der kleinen Familie herausgelegt hatte, wieder zurück zu räumen, als es ihm wie Schuppen vor den Augen fiel. Hastig lief er in sein Schlafgemach und stolperte in der Eile fast über die leicht erhöhte Türschwelle.

Dort angekommen, kramte Ghror nervös in einer seiner vielen Truhen, die sich hier an einer Wand aneinanderreihten. Bücher, Aufzeichnungen und Werkzeuge verschiedenster Art flogen plötzlich durch den kleinen Raum, als der Zwerg sie aus der Truhe schleuderte. Schließlich entdeckte er es, ein altes in rotes Leder gebundenes Buch. ‚Wie konnte ich das vorhin nur vergessen‘, der der Schmiedemeister bei sich und blätterte aufgeregt zu der Stelle im Buch, die er sich noch vor ein paar Wochen markiert hatte. Jetzt war allerdings keine Zeit mehr, der Zwerg riss die Seite mit der Auflistung viele Namen und Adressen heraus und eilte zur Haustür.
Als er dort stand blickte er in die Ferne und konnte weit hinten noch das kleine Pferdegespann von Jerik und Amelie erkennen, wie es langsam in die Kurve vor den Ausläufern der Waldgrenze bog. Enttäuschung machte sich breit, denn Ghror besaß weder Esel, noch Ziege, noch Pferd, um der Familie hinterher zu reiten. Wenn er aber querfeldein durch das Unterholz ein paar Abzweigungen abseits der Straße nahm, so glaubte er, bestünde vielleicht die Chance, dass er sie am Wegweiser abpassen konnte, an dem langfahren würden.
Aufgeregt ergriff der Zwerg seinen Wanderstab und griff sich schnell einen braunen Umhang und seinen Waffengurt, um gegen eventuelle Wildtiere gewappnet zu sein. Hastig beschleunigte Ghror dann seine Schritte und machte sich auf, das Unterholz links neben seiner Hütte zu betreten.
Ob er sie tatsächlich würde abpassen können?

Nach einigen Stunden erreichte Ghror von einem schmalen Hügel aus kommend die Stelle an der Wegkreuzung, an welcher der hölzerne Wegweiser mitten auf der mit Sand gefüllten Straße stand. Völlig außer Atem und gefühlt einem Kreislaufzusammenbrach nahe, keuchte der Zwerg, als er auf die Straße vor den Wegweiser trat und sich dort angekommen zunächst wieder beruhigen und zu Kräften kommen musste.
Und dort wartete er, eine Stunde und noch eine weitere. Die Dämmerung zog nun herauf und bald würde es überall hier dunkel sein. Von dem Pferdegespann war weit und breit keine Spur zu sehen und auch die Tatsache verwunderte Ghror, dass er hier keinerlei frische Wagenspuren auf der Straße vor sich entdecken konnte. Allerdings dachte sich der Zwerg nichts weiter dabei und ahnte, dass er die beiden wohl ärgerlicherweise zeitlich verpasst hätte und sich nun wieder langsam auf den Heimweg machen konnte. In Anbetracht der Umstände, vermied es der Zwerg aber, wieder durch die Wildnis zu stapfen. Stattdessen ging Ghror die Straße in Richtung seiner Hütte zurück und nahm dafür auch in Kauf, dass der Rückweg wesentlich länger dauern würde.

Nach einer weiteren Stunde des Fußmarsches kam Ghror einer Brücke näher, die über einen der Flussausläufer des Celduin führte. In einiger Entfernung konnte der Zwerg die Holzbrücke gut erkennen, doch in der allmählichen Dunkelheit erblickte er dort noch etwas anderes. Etwas Großes lag direkt auf der Holzbrücke und versperrte diese sichtbar. Ungläubig kniff der Zwerg beide Augen zusammen und versuchte angestrengt, die Ursache dafür zu erspähen, doch war er noch zu weit entfernt, um etwas genaues dort hinten erkennen zu können. Etwas überrascht setzte Ghror seinen Fußmarsch fort und kam der Brücke nun immer näher. Nach einigen Metern wagte der Zwerg erneut einen konzentrierteren Blick nach vorne und erkannte, dass zwei kreisrunde Räder auf einem nicht näher zu identifizierenden Etwas lagen.
Nun beschleunigte der Schmiedemeister seine Schritte zusehend und lief schließlich in eiligem Tempo der Brücke entgegen. Schweißperlen liefen dem Zwerg vom Gesicht und tropften auf den Waldboden zu seinen Füßen.
Dann sah er es. Augenblicklich ergriff Angst und ein beklemmendes Gefühl Besitz von ihm.
Vor Ghror Grauhand wurde der Wagen Jeriks gut sichtbar, der kopfüber auf der Holzbrücke lag. Das Gespann war völlig zersplittert und praktisch nicht mehr existent. Die beiden hinteren Räder waren nur noch zur Hälfte vorhanden während die vorderen zwei noch alle Holzspeichen besaßen.

Ghror blickte sich verängstigt um. Räuber? Diebe? Wildes Getier? Langsam kam er auf die Brücke zu und legte eine Hand an den Griff seines Messers, das er am Waffengurt mit sich trug. Von den beiden Pferden, die den Wagen noch vor einigen Stunden gezogen haben mussten, war nichts mehr zu sehen. Nur eine Vielzahl von Hufspuren verriet dem Zwerg, dass die beiden Stuten hier eilig davon geprescht sein mussten, wohin? Das war unklar, die Hufspuren führten abseits der Straße in die angrenzenden Sträucher des Waldes.
Der obere Teil des Wagens war entweder abgetragen oder unter dem Gewicht des Wagens selbst begraben, das konnte Ghror noch nicht genau erkennen, jedenfalls fehlte der obere Teil des Wagens. Der Inhalt vieler Fässer und anderer Kisten lag überall um den umgedrehten Wagen verstreut, zersprungenes Geschirr, zerrissene Kleider, Stoffe, Lebensmittel, Teile von kleineren Möbeln.
Fassungslos ging der Zwerg an der rechten Seite des Wagens vorüber und stand schließlich auf die Mitte der Brücke. Das Holz des Wagens an der Seite war an dieser Stelle aufgeschlitzt und besaß das Muster einer Klaue, so, als wenn ein gigantischer Warg sich seine Krallen seitlich am Holz des Wagens geschärft und dabei deutliche Spuren im Holz hinterlassen hätte.

Ghror ging noch ein Stück weiter am Wagen vorbei und blickte schließlich hinter diesen auf den Boden der Brücke, dort entdeckte er Jerik. Sein Freund lag mit dem Gesicht nach unten in einer gewaltigen Blutlache. Erschrocken und zitternd beugte sich Ghror zu ihm hinunter und drehte ihn zu sich auf die Seite. Die Kehle Jeriks war durchtrennt worden und in seinen glasigen Augen spiegelte sich noch deutlich der Schrecken, mit dem er offensichtlich aus dem Leben gerissen worden war. Vorsichtig streichelte der Zwerg eine der mit Blut verschmierten Wangen und wimmerte dabei leicht. Mit der anderen Hand schloss Ghror die Augen seines Freundes und schmiegte dessen Kopf leicht an seiner Brust.
Dann atmete der Zwerg hastig und aufgeregt. Das Zittern wurde schlimmer und nervös blickte sich Ghror auf der Brück umher. War er allein? Wo waren Amelie und Max?
Vorsichtig legte der Zwerg den Kopf seines toten Freundes auf die Brücke nieder und richtete sich wieder auf. Die Dunkelheit hüllte die Szenerie langsam, aber stetig, in die Schwärze der Nacht und bald würde es hier stockfinster sein, das wusste Ghror.
Eilig machte er sich erneut auf in Richtung des umgedrehten Wagens und suchte nach der Verlobten von Jerik. Doch die Brücke war verlassen. Etliche Gebrauchsutensilien durchwühlte der Zwerg, in der Hoffnung, vielleicht seine Schwerter zur nötigen Verteidigung finden zu können. Doch vergeblich, weder die Geschenke noch Amelie oder Max konnte er dort am Wagen ausfindig machen. Enttäuscht und sichtlich erschöpft hockte sich Ghror auf die Brücke und wimmerte leicht. Was war hier nur geschehen?
Wieder schaute er in beide Richtungen der Brücke und fragte sich, ob hier Diebe, Räuber oder andere Mächte am Werk gewesen waren. Dann hörte er es. In nicht all zu weiter Ferne heulte ein Wolf. Sein Rufen wurde unmittelbar danach vom Jaulen eines weiteren Wolfes erwidert. Er musste hier schnell verschwinden.
Ghror wischte sich die Tränen des Kummers aus seinem Gesicht, stemmte sich auf seinen Holzstab und drückte sich etwas zu stark vom Boden ab. Der Zwerg geriet leicht ins Taumeln und stolperte nach hinten in Richtung der hölzernen Brüstung der Brücke. Er ließ den Stab sofort zu Boden fallen, nur um sich gleich darauf auf einer Holzstrebe der Brüstung abstützen zu können. Hier blickte Ghror hinunter in den kleinen Fluss unter sich und staunte plötzlich, als er etwas Schimmerndes am Grund des Flussbettes entdeckte.

Sofort war ihm klar, dass dort eines seiner Schwerter im Wasser im aufkommenden Mondlicht schimmerte. Sein Blick folgte dem Flusslauf zu einer breiteren Stelle mit einigen Felsen im Wasser. Und dort sah er sieh.
Amelie, die auf dem Bauch zwischen zwei kleineren Felsen eingeklemmt lag und ihre Arme nach oben ausgestreckt hatte. Ihr Kleid wirkte völlig durchnässt und war am Rücken aufgerissen. Eine tiefe Wunde durchzog diese Stelle ihrer Haut und das Blut schnellte aus der gewaltigen Verletzung und floss in Strömen die Felsen hinunter in das Wasser.
Erneut war das Jaulen mehrerer Wölfe zu hören, das dem Zwerg nun deutlich näher als noch vor einigen Momenten vorkam. Eilig stemmte sich Ghror wieder in die Höhe und stolperte hastig und aufgeregt die linke Brückenseite hinunter zum Fluss, um Amelie erreichen zu können.

Ohne Rücksicht auf die Tiefe des Wassers watete der Zwerg in den Fluss und hörte dann plötzlich das Schreien des Kindes, das Amelie auf dem höchsten Felsen umklammert hielt.
„Amelie!“, brüllte Ghror aufgeregt und schwamm das letzte Stück zu ihr hinüber. An den Felsen angekommen sah der Zwerg, welch Ausmaß die Wunde am Rücken der Frau hatte. Amelie atmete nur noch flach und die drei roten Strieben, die ihren Rücken durchzogen ließen auf etwas schließen, das größer als ein Warg gewesen sein musste.
Der Zwerg drückte sich am Felsen vorbei in die Höhe und rüttelte leicht an Amelie. Die Verlobte Jeriks zeigte keinerlei körperliche Reaktion darauf, sie röchelte stattdessen nur leicht.
Ghror stemmte sich an dem glitschigen Felsen in die Höhe und legte seinen Kopf auf die Gesichtshöhe Amelies. Beide sahen sich dort in die Augen und der Zwerg erkannte, welche Qualen die Frau gerade durchmachen musste. Tränen sammelten sich in seinen Augen und er begann erneut, mit seinem Kinn zu bibbern.

Angestrengt, leise und abgehackt sagte Amelie sichtlich erschöpft:
„Es waren zwei…..sie blockierten die Brücke….sie fragten nach deinem Namen und interessierten sich für die Schwerter, die du uns geschenkt hast….dann haben sie uns angegriffen….kümmere dich jetzt gut um unseren Sohn….“
Leise tropften die Tränen des Zwerges auf seinen Bart und den Felsen, als er mit zittriger Stimme stammelte: „Ich…..ich dachte, es wäre vorbei…..ich habe das nicht gewollt….ich…..ich……“
Amelie schloss kurz ihre Augen und sah den Zwerg dann wieder mit einem müden Blick in sein Gesicht, als sie sprach:
„….ich gehe nun zu meinem Liebsten, versprich mir, dass du dich um Max kümmern wirst….“
Ghror nickte leicht und antworte sodann: „Ich verspreche es euch. Niemals werde ich Max aus den Augen verlieren und ihm ein guter Ziehvater sein.“
Amelie schloss daraufhin ihre Augen und seufzte leicht aus:
„….dann kann ich nun gehen und einschlafen….“

Als ihre Kraft nachließ und sie aus dieser Welt verschied, sackte ihr Körper deutlich nach unten und die Körperspannung hielt sich nicht mehr am Felsen. Ghror ergiff eilig den kleinen Max und hielt ihn fest, als Amelies lebloser Körper vom Felsen rutschte und stumpf auf der Wasseroberfläche aufschlug.
Der Zwerg stemmte sich erneut in die Höhe, nahm den kleinen Jungen in seinen rechten Arm und hievte sich mit aller Kraft anschließend auf die Spitze des Felsens. Von dort aus sah Ghror, wie zwei Wölfe bereits auf der Brücke standen und sich am Leichnam Jeriks gütlich taten, während zwei andere Tiere am rechten Ufer erschienen und auf eine passende Gelegenheit warteten, den leblosen Körper Amelies zu ergattern, der im Wasser zwischen zwei kleineren Felsen eingeklemmt lag.
Ghror schmiegte den kleinen Max, der fürchterlich zu schreien begann, an seinen Körper und dachte darüber nach, was er der Familie mit seinen Geschenken angetan hatte und warum sie immer noch nach ihm suchten. In all den Jahren hatte er doch tatsächlich geglaubt gehabt, sie hätten ihre Suche nach ihm aufgegeben und ihn in Ruhe sein Leben führen lassen.
Doch waren Trauer und schwere Vorwürfe diejenigen Gefühle, die in dieser Lage überwiegten und Ghror in schlimme Selbstzweifel stießen, als er mit Max auf dem Felsen die Nacht verbrachte und auf den nächsten Morgen wartete.
Als die Wölfe schließlich am nächsten Morgen verschwunden und die Sonne bereits hoch oben stand, erspähte Ghror ein anderes Gespann, das vor der Brücke angehalten hatte und die Lage nun begutachtete. Mit lautstarken Hilferufen machte der Zwerg auf sich aufmerksam und tatsächlich entdeckten die Menschen, die auf der Brücke standen, den Zwerg im Wasser und halfen ihm schließlich vom Flussbett auf die Brücke zu kommen.
Dort angekommen wurde Ghror nach der allgemeinen Lage befragt und erzählte sodann davon, dass ihr Wagen hier überfallen worden wäre und die Wölfe in der Nacht ihr Übriges zur Verschlimmerung der Situation getan hätten. Die Thalländer boten daraufhin an, den Zwerg und das Kind aufzunehmen und zum Erebor zu bringen, zu dem die vier Menschen mit ihrem Gespann auch unterwegs waren.
In sich gekehrt willigte Ghror kleinlaut ein und stieg mit Max auf den hinteren Teil des Wagens.

Ohne weitere Konversation fuhr die Gesellschaft auf ihrem Wagen in Richtung Erebor und hielt sich auf derselben Straße, die auch Jerik und Amelie genommen hatten, als sie von Ghrors Hütte aufgebrochen waren.
„Siehst du das?!“, fragte einer der beiden Männer, die vorne auf dem Kutschbock saßen.
„Ja, es sieht aus wie eine gewaltige Rauchsäule. Hat es in der Nacht gewittert, dass ein Waldbrand dafür verantwortlich sein könnte?!“, antwortete der andere Kutscher verwundert.
„Eigentlich nicht, seltsam. Wir sollten auf der hiesigen Straße bleiben und uns nicht weiter darum kümmern.“
Als der Wagen sodann in die Kurve einbog, von welcher ein schmaler Abzweig in Richtung der Hütte Ghrors abging, blickte der Zwerg genau in diese Richtung und sah die gewaltige Rauchsäule, die hinter den Bäumen aufstieg. Offensichtlich hatten Malrog und Malkar seine Hütte in der gestrigen Nacht ausfindig und damit kurzen Prozess gemacht.
Ernüchternd und in tiefer Sorge versunken blickte der Zwerg auf Max, der wieder friedlich in seinen Armen schlief.
„Äh, Meister Zwerg, ich hatte gar nicht gefragt, wie ihr und der Knirps in euren Armen heißen? Verzeiht, für gewöhnlich frage ich solche Dinge sofort. Nur waren wir alle wohl vorhin leicht abgelenkt.“, sprach der Mann, der hinter Ghror saß und den Zwerg freundlich ansah.
Nach einem kurzen Gedanken, antwortete der Zwerg darauf:
„Ich bin Hufschmied Keldor aus dem Thalland und wollte meiner guten Freundin ihren Neffen zurückbringen, das hier ist Artax. Willensstark und leider nun ein Waise. Ich hoffe, dass sich Gerda gut ihm kümmern wird.“
„Hufschmied? Das heißt, ihr könntet unsere Pferde neu beschlagen, praktisch als eine Art Entgegenkommen dafür, dass wir euch mitgenommen haben?“
„Natürlich mein Herr. Schließlich ist das mein Beruf.“
„Warum trägt der blonde Knabe denn einen zwergischen Namen?“
„Sein Vater hatte mich einst gefragt, welcher Name einer goldenen Flamme in unseren Namen wohl am nächsten käme. Da habe ich ihm diesen Namen für seinen Sohn vorgeschlagen.“

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Blutmond über Tham Gelair 20

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Samstag 14. September 2019, 12:07

Der Rückkehrer

Valkas bahnte sich langsam, aber stetig, seinen Weg durch das dichte Unterholz und streifte mit seinen Hufen schon seit etlichen Stunden die zahlreichen Strauch- und Kräutergewächse, die immer höher wurden und nun häufiger den gewaltigen Buchen wichen, die sich vor Reiter und Ross in engen Reihen auftürmten und dem Nachtwald seinen passenden Namen verliehen. Links vom Hengst lief etwas durch das Gestrüpp, das jedoch von den dichten Verästelungen und Blättern abgeschirmt wurde. Valimaro, der auf Valkas ritt, löste nun vorsichtshalber seinen Zweihänder von der Satteltasche und wollte diesen bereits greifen, als etwas von oben auf den Ansatz der schwarzen Mähne Valkas' direkt vor dem Elben blitzschnell hinunter glitt.
Valimaro hielt in seiner Drehbewegung zur Satteltasche inne und legte seine rechte Hand auf den Griff von Natus, bereit, ihn sofort aus der ledernden Halterung ziehen zu können.
Doch nun stand unmittelbar vor ihm ein schmal gebauter Nando, der in braun-grünen Stofffetzen gekleidet war und mit angelegtem Pfeil und Bogen leichtfüßig auf Valkas stand.
Nervös wieherte der Hengst leicht und hielt an.

Der Nando spannte die Sehne seines Bogens weiter nach hinten und richtete die Pfeilspitze entschlossen auf Valimaros Gesicht aus.
Dieser schaute seinem Gegenüber fest in dessen Augen und sprach mit ruhiger Tonlage ein Wort in seine Richtung: "Imhithiel."
Daraufhin kniff der Elb vor ihm die Augen zusammen und sah leicht zu den Seiten.
In diesem Augenblick traten drei weitere Nandor eilig aus dem Unterholz dicht an Valkas heran und begannen damit, den Hengst zu umkreisen.
Valkas blieb ganz ruhig auf der Stelle stehen, da sein Reiter kein Zeichen gegeben oder etwaiges Verhalten gezeigt hatte, das ihn ob der misslichen Lage beunruhigen ließ.
Schließlich waren sie derlei Situationen zusammen in all den vielen Jahren schon das ein oder andere Mal entkommen.
Der Blick des Nando, der breitbeinig vor Valimaro auf Valkas stand kehrte zurück zum Reiter und Argwohn und Zweifel lag darin.
Valimaro umklammerte Natus fester und machte sich bereit für das, was im nächsten Moment vielleicht folgen könnte.
Mit äußerster Präzision und Kraft trat der Nandor mit seinem rechten Bein frontal gegen die Brust des sitzenden Elben und stieß diesen gekonnt rückwärts vom Pferd.
Valimaro wirkte überrumpelt, zog in der gleichen Rückwärtsbewegung allerdings Natus aus der Schwertscheide und vollführte einen schnellen Rückwärtssalto, sodass er nicht wie vielleicht erwartet, plump auf dem Waldboden landete, sondern sicher in leicht gebückter Haltung auf seinen Beinen stand und Natus gut sichtbar in beiden Händen präsentierte.
Der mächtige Zweihänder machte allen Anwesenden unmissverständlich klar, wen sie dort vor sich hatten.
Die Nandor, die etwas dichter an Valimaro herangetreten waren, tauschten eilig Blicke untereinander aus und begannen dann, in ihrer eigenen gurgelnden und nach "Klick"-Geräuschen klingenden Sprache miteinander zu kommunizieren, es war eben jene fremde Sprache, die hier im südlichen Grünwald von den als "wildes" Elbenvolk bezeichneten Waldelben gesprochen wurde.

Der Nando, der Valimaro noch vor wenigen Augenblicken mit seinem Bogen ernsthaft bedroht hatte, sprang nun von Valkas ab und schulterte sogleich seinen Bogen auf dem Rücken, als er schließlich leichtfüßig auf Valimaro zuging.
In einer nun eher freundschaftlichen Geste hielt er diesem seinen ausgestreckten Arm entgegen und brachte gebrochen ein Wort in Sindarin hervor: "Taurthir."
Valimaro streckte ihm seinerseits den Arm in freundschaftlicher Geste entgegen und beide Elben berührten einander an dem Unterarm des jeweils anderen, so, wie sich die Wächter der Grünwaldgarde im fernen Waldlandreich des Nordens üblicherweise begrüßten.

Dann nickte der Nando leicht und seinen Geräuschen, die Valimaro immer noch nicht verstand, war zu erahnen, dass die anwesenden Nandor Valkas und ihn nun in die Richtung der stillen Waldhöhlen führen würden, in denen die Nandor hier in der Nähe siedelten.
So machten sich alle auf den Weg und kamen nur langsam voran, da es weder einen Waldweg noch feste Orientierungspunkte gab, an denen man sich hätte lang hangeln können. Nein, die Bäume standen nun deutlich dichter und der Wildwuchs der Natur nahm ein derartiges Ausmaß an, dass man meinen konnte, hier wäre nie ein Elb, Mensch oder sonst ein Wesen des Lichts entlang gekommen. Zwar ahnte Valimaro ungefähr, in welche Richtung sie unterwegs waren, doch war er bisher nur ein einziges Mal bei den Nandor im südlichen Grünwald gewesen und seitdem waren schon so viele Jahre vergangen, dass er sich schlichtweg nicht mehr erinnern konnte, wie er sie damals überhaupt gefunden hatte.

Nach einer weiteren Stunde, in der sie sich ihren Weg durch die Sträucher bahnten, die ihren Werg größtenteils als ein unwirkliches in Grüntönen getauchtes Meer versperrten und denen sie immer auswichen, um die Natur nicht unnötigerweise zu zerstören, gelangten sie endlich an die Stelle, die Valimaros Geist wieder an denjenigen Tag zurückdenken ließ, an dem er zu den Nandor gestoßen war.
Vor ihnen tat sich eine Senke auf, ein Geograph hätte hier wohl von einer Pultscholle gesprochen, da die Seite des Waldes, aus der sie kamen, hier deutlich als Schwelle in einer flachen Linie nach unten hin abfiel und sich die Nandor sogleich daran machten, die wenigen Meter abwärts hinunter zu rutschten.
Valimaro, der seinen Hengst die ganze Zeit über an den Zügeln im Gehen durch das Waldstück geführt hatte, zog sich nun auf ihn in den Sattel und gebot Valkas, mit etwas Anlauf die Senke hinunter zu springen.
Vorher genoss der Elb mit seinem Tier noch die wunderschöne Aussicht, die sich ihnen hier bot.
Unterhalb der Schwelle war eine riesige Lichtung zu sehen, auf der sich eine saftig grüne Wiese erstreckte, mit vielen bunten Blumen, die vereinzelt hervorstachen und einen schönen Anblick boten.
Dahinter lag in einiger Entfernung der nächste Abschnitt des südlichen Grünwaldes, das Siedlungsgebiet der Nandor, wie Valimaro sich erinnerte.

Gerade, als Valimaro mit Valkas zum Sprung ansetzen wollte, schnellte ein Speer in ihr Sichtfeld und landete direkt vor den Hufen des schwarzen Hengstes.
Es war ein gewöhnlicher Holzspeer mit einer scharfen Eisenschneide am oberen Ende und einem roten Schaft in der Mitte, in dem ein rot gefärbtes Tuch eingekerbt worden war.
Valimaro erkannte dieses Symbol nur zu gut und drehte seinen Kopf leicht in die Richtung, aus welcher der Speer nach ihm geworfen worden war.
In einigem Abstand stand hinter ihm eine große Nando, die in der linken Hand ein Messer umklammert hielt und in ihrer rechten Hand einen Satz von erlegten Feldhasen, Rotfüchsen und einem Dachs hielt, die leblos in einem Knäuel von der Schulter abwärts hingen und die sie mit der Rechten festhielt, damit sie nicht auf dem Waldboden schliffen.

Valimaro stieg langsam vom Pferd ab und kam einige Schritte näher auf die Nando zu, er wusste nur zu gut, wen er dort vor sich hatte.
Die Elbin sah ihm missbilligend entgegen und rührte sich keinen Zentimeter von ihrer Position.
Schließlich war der alte Sinda nur noch wenige Meter von ihr entfernt und lächelte ihr sanft entgegen.

Die Nando ließ nun ihrerseits Messer und Tierkadaver nach unten fallen und eilte geschwind auf den Elben zu, so, als wenn sich womöglich zwei Liebende begegneten, die sich schon lange Zeit nach einander gesehnt hatten.
Kurz vor Valimaro blieb die Nando abrupt stehen und sah ihm in seine grünen Augen.
Die Elbin hatte langes, dunkles Haar, das wild und ungepflegt zu beiden Schultern abfiel und ihre kastanienbraunen Augen taxierten die das Elben unentwegt.
Die Statur der Nando war der des Elben durchaus ebenbürtig.
Die Elbin wirkte sehr muskulös gebaut und die vielen feinen Narben auf ihrer Haut verrieten, dass sie ihm Kampf erfahren war.
Dort standen die zwei eine gefühlte Ewigkeit, sodass die Nandor, die eigentlich schon unten gewesen waren, erneut zu ihnen empor stiegen und sich von hinten an die beiden Elben annäherten.

Die Nando legte plötzlich eine ihrer zart wirkenden Hände an die rechte Wange ihres Gegenübers und streichelte diese sanft.
Valimaro schloss kurz die Augen und wollte sich schon in schöne Erinnerungen flüchten, als die Nando mit derselben Hand ausholte und dem Elben auf die gleiche Wangenseite eine schellernde Ohrfeige verpasste, mit der dieser nicht gerechnet hatte. Die Kraft, mit der die Nando Valimaro einen Schlag verpasste, war so gewaltig, dass ein lauter Knall zu hören war und die Stelle augenblicklich rot anlief.
Doch der Elb tat nichts.

Schließlich sprach die Nando im gebrochenen Sindarin:
"Das ist für die vielen Jahre. So viele Jahre Valimaro, in all dieser Zeit hast du keinen Fuß in die Heimat meines Volkes gesetzt."
Gerade wollte der Elb etwas darauf erwidern, als die Nando ihre linke Hand dazu einsetze, dem Sinda eine weitere Ohrfeige, diesmal auf die andere Wange, zu verpassen.
Wieder traf diese Schelle den Elben unvorbereitet und erneut hallte ein lauter Knall über die Szenerie.
"Das ist dafür, dass du dich damals einfach so davon gestohlen hast. Ohne auch nur einen Ton zu sagen und dich zu verabschieden."
Nun rieb sich der Elb beide Wangen und schmeckte etwas Blut, da er sich beim zweiten Schlag auf die Wange gebissen hatte.
"Es tut mir leid, Imhithiel. Ich würde es heute aber nicht anders machen als damals. Du hast mir einst keine Wahl gelassen", brachte Valimaro schließlich kleinlaut hervor und neigte ihr sein Haupt entgegen.

Imhithiel unterdrückte daraufhin ein leichtes Lächeln, trat noch einen weiteren Meter an ihn heran und schlängelte dann ihr linkes Bein an das Rechte des Elben.
Anschließend schmiegte sie sich mit ihrem Körper dicht an Valimaro, glitt mit ihrem Mund an seinen Hals und küsste den Elben an dieser Stelle zärtlich und innig.
Leise flüsterte sie in den Kuss hinein:
"Du schmeckst immer noch wie damals."
Dann rieb sie ihre Nase mit etwas Druck an seiner Haut und fügte leise hinzu: "Ich habe deinen Geruch vermisst, Wächter des Waldes."


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