ÜberFlügge - Endlich Umzug ins eigene Heim
Verfasst: Sonntag 5. Juli 2015, 02:16
Catly erwachte als ein Sonnenstrahl sie an der Nase kitzelte.
Sie setzte sich verschlafen auf und hielt inne. Irgendetwas wirres hatte sie geträumt, doch je fester sie versuchte sich zu erinnern, desto verschwommener wurde das Bild. Von draußen war ein Rumpeln und Schnaufen zu hören. Ihr Schwippschwageronkel Merrimac schien schon fleißig zu sein.
Hastig sprang sie aus dem Bett, stolperte über den Klamottenhaufen neben ihrem Bett und taumelte zur Waschschüssel. Ein müdes Gesicht umrahmt von einem Meer aus roten, wuscheligen Locken blickte ihr aus dem Spiegel entgegen. Vor nicht all zu langer Zeit war sie bei diesem Anblick noch erschrocken zurückgezuckt und hatte sich jedes Mal gefragt, weshalb ihr dieses Gesicht so gar nicht vertraut vorkam. Doch daran hatte sie sich nach einigen Wochen gewöhnt.
Nun klatschte sie sich nur schnell etwas kaltes Wasser ins Gesicht und fuhr mit ihren Fingern eilig durch das zerzauste Haar. Dann griff sie sich eines der alten Arbeitshemden ihres Vaters aus dem Schrank und zog eine zerknitterte Hose aus dem Kleiderberg am Boden.
Fertig angekleidet ging sie schnurstracks an der Küche vorbei, zur offenen Vordertür hinaus, durch die die Sonne herein schien.
Vor dem Smial pfiff Schwippschwageronkel Merrimac vergnügt vor sich hin, während er Kisten und Möbelstücke auf einen mittelgroßen Karren stapelte.
"Guten Morgen Onkel Merrimac", sagte Catly und gähnte. "Du hättest mich doch ruhig wecken können, um dir zu helfen."
"Ach iwo", brummte dieser. "Es gibt noch genug für dich zu tun und einen Hobbit soll man nicht aus seinen Träumen reißen, das bringt Pech."
"Außer fürs Frühstück", erwiderte Catly grinsend. "Ganz genau", lachte Merrimac und streckte sich ächzend. Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn und schob seine Nichte zurück ins Smial. "Zeit fürs Frühstück."
Der Küchentisch war beladen mit den feinsten Herrlichkeiten, von denen ein Hobbitmagen nur träumen konnte. Schüsseln voller Pudding, Türme aus belegten Broten und stapelweise Würstchen und cremeverzierte Törtchen nahmen fast den ganzen Tisch ein. Am Rand passten gerade noch drei Teller hin, die ihrerseits schon gefüllt waren mit wunderbar duftendem gebratenem Speck und Spiegeleiern.
"Da hat sich deine Mutter aber selbst übertroffen", bemerkte Merrimac entzückt und setzte sich sogleich vor einen der Teller.
Grudwendin Bitterklee war schon immer eine gute Köchin gewesen, doch seit dem Tod ihres Mannes Percival Roselli hatte sie ihr Handwerk sogar noch verbessert, da sie fortan das Smial ihres Schwippschwagers nicht mehr verlassen hatte und rund um die Uhr putzte und schrubbte und backte und kochte.
Catly stand unschlüssig in er Küche, während Merrimac schon genüsslich zu schmausen begann. Dann wandte sie sich um und ging durch den Flur in Richtung Badezimmer, von wo aus man geschäftiges Werkeln vernehmen konnte. Sachte öffnete Catly die Tür und blickte in hinein. Kniend hockte ihr Mutter am Boden und wienerte jede erreichbare Oberfläche mit einem Scheuerlumpen. Catly beobachtete sie kurz, dann räusperte sie sich laut.
Grudwendin unterbrach ihre Arbeit kurz, setzte sich auf und fasste sich ins Kreuz, dann strich sie sich eine grau-braune Strähne, die sich aus dem Haarknoten gelöst hatte, aus dem Gesicht und sagte leise, ohne ihre Tochter anzusehen: "Das Frühstück steht in der Küche bereit. Beeil dich, sonst wird es noch kalt."
Seufzend trat Catly zurück, schloss die Badezimmertür und kehrte kopfschüttelnd in die Küche zurück, wo Merrimac gerade mampfend erneut seinen Teller füllte.
Verstimmt spießte Catly drei Würstchen auf ihre Gabel und tunkte sie einen Topf Himbeermarmelade, woraufhin Merrimac sich verschluckte und nach einem kurzen Hustenanfall angewidert die Stirn runzelte. Die junge Hobbitdame ignorierte ihn jedoch und steckte sich die Würstchen trotzig und ohne eine Miene zu verziehen in den Mund. Seit ihrem Gedächtnisverlust hatte sie angefangen experimentierfreudig zu sein was das Essen betraf, da sie danach nicht einmal mehr gewusst hatte, welche Speisen sie immer gerne gegessen hatte.
Nach diesem ausgiebigen ersten Frühstück packten Onkel und Nichte einige Reste als Proviant zusammen und kehrten zum Pferdekarren zurück, wo sich Merrimac zufrieden ein Pfeifchen anzündete. "Scho", nuschelte er mit der Pfeife im Mundwinkel. "Jetscht brauchen wir nur noch ein schtarkesch Pony, dasch unsch den Karren zschieht...Am beschten du läufscht runter zschum Schtallmeischter. Schag ihm der alte Merri schickt dich." Catly nickte und wollte schon loslaufen als ihr siedendheiß ihre Klamotten einfielen, die sich teilweise am Boden ihres Zimmer verstreut oder noch immer im Schrank hängend befanden. "Du grüne Güte!," rief sie. "Ich hab noch was vergessen!" Dann stürmte sie ins Smial. "Diesche Catly," brummte Merrimac und lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen den Karren. "Wasch die allesch vergischt..." Nach wenigen Minuten kam Catly vollbeladen wieder aus dem Smial getaumelt und nachdem sie ihre Kleidung auf den Karren geworfen hatte, lief sie eilig den sanften Hügel hinunter zu Stallmeister Andreas Stollen, welchen sie recht herzlich von ihrem Schwippschwageronkel Merrimac grüßte. Dieser schickte sie mit ebenfalls freundlichen Grüßen und einer gutmütigen Ackergaul-Stute zu ihrem Onkel zurück, der nun zusammen mit Catlys Mutter Grudwendin vor dem Smial wartete.
Merrimac nahm Catly die Zügel aus der Hand als diese sich anschickte das Pony am Karren zu befestigen und nickte in Richtung Grudwendin, die völlig verloren auf der Türschwelle stand und an einem Stofftuch herumnestelte. Catly trat auf sie zu und fragte hoffnungsvoll: "Wirst du uns begleiten?" Grudwendin blickte traurig auf ihre Zehen und schüttelte den Kopf. Dann, bevor ihre Tochter noch etwas sagen konnte, machte sie einen Schritt nach vorn und schlang ihre Arme feste um Catly.
"Meine geliebte kleine Tochter", schniefte sie. "Nun verliere ich dich auch noch!" Catly strich sanft über ihre bebenden Schultern und erwiderte mit Nachdruck: "Das stimmt doch gar nicht, Mutter. Ich gehe doch nicht weit weg, nur auf die andere Seite des Hügels und jenseits der Rennstrecke. Und sobald es dir wieder gut geht, kommst du nach." Die Hobbitmutter nickte schluchzend. Sie wusste, dass ihre Schwiegereltern sich gefreut hätten, wenn sie noch miterlebt hätten, wie ihre einzige Enkelin in deren Smial zog. In Merrimacs Heim war es wirklich immer etwas beengt gewesen, da dieser ewige Eigenbrötler sich einst ein feines aber kleines, für ihn und seine Ansprüche ausreichendes, Zuhause gebaut hatte, das bei drei Bewohnern schon sehr an seine Grenzen stieß. Doch was war, wenn ihre kleine Tochter plötzlich wieder etwas vergaß? Wenn sie ganz allein war und niemand dort war, der sie beruhigen und ihr helfen konnte? Grudwendin schluckte schwer, dann sah sie ihrer rotlockigen Tochter in die Augen, strich ihr über die Wange und sagte: "Aber dass du mich ja oft genug besuchst." Sie zwang sich zu einem Lächeln und schob Catly zum Karren, auf dem Merrimac vorne schon Platz genommen hatte und eine fröhliche Melodie pfiff. Catly umarmte ihre Mutter noch einmal und versprach lächelnd: "Ich werde ganz oft vorbei kommen." Dann kletterte sie auf den Pferdekarren und setzte sich neben ihren Onkel. Dieser schnalzte laut mit der Zunge, woraufhin die alte Stute sich gemächlich in Bewegung setzte. Über das Holpern der Räder hinweg hörte Catly Grudwendin noch rufen: "Nimm dich vor Fremden in Acht! Und berichte mir, ob deine Nachbarn nett sind!" Catly erwiderte lachend: "Mutter! Ich bin eine Grenzerrekrutin! Ich kann schon auf mich aufpassen. Aber ich werde dir alles über meine Nachbarn erzählen, wenn ich dich das nächste Mal besuche. Versprooochen!" Dann war das Smial mitsamt ihrer Mutter aus ihrem Sichtfeld verschwunden und sie drehte sich wieder nach vorne.
"Das muss man dir lassen", brummte Merrimac anerkennend. "Du bist wirklich eine mutige kleine Roselli, dass du einfach so den Grenzern beigetreten bist."
Catly grinste stolz und beobachtete wie die Landschaft langsam an ihnen vorbeischaukelte. Es war ein herrlicher, warmer Tag. Die Vögel zwitscherten und eine laue Brise wehte Catly durch das Haar. Das stetige Ruckeln des Karrens und das Knarren der Räder wirkten beruhigend auf sie und im Nu war sie mit den Gedanken ganz woanders.
Sie saß mit ihrem geliebten Vater im Wald auf einem moosigen Baumstamm. Sie aßen belegte Brote und wetteiferten darum, wer am schnellsten die verschiedenen Vogelstimmen richtig zuordnen konnte. Immer wieder bat Catly ihn, noch einmal den Auerhahn nach zu machen, denn Percival war sehr begabt darin, Tierstimmen zu immitieren.
Das war eine sehr glückliche, unbeschwerte Zeit gewesen, in der Vater und Tochter sehr oft zusammen durch den Wald hinter dem Smial gewandert waren, Pilze gesammelt hatten und er ihr alles über die verschiedenen Tiere und Pflanzen erzählt hatte, was er gewusst hatte.
Und dann war plötzlich alles anders gewesen. Er war einfach weg gewesen, der Einzige, an den sie sich nach ihrem Gedächtnisverlust noch hatte erinnern können.
Wo sie jetzt wohl wäre, wenn dieser Erdrutsch nie passiert wäre? Ihre Eltern würden sicherlich noch mit ihr in ihrem Smial bei dem Wald wohnen..Sie konnte sich nicht erinnern, wo genau es gestanden hatte.. oder vielleicht war es dort noch immer. Verwuchert und halb eingestürzt irgendwo, ein Stück abseits des Weges...
"Brrrr!" Catly schreckte aus ihren Gedanken hoch. Sie befanden sich direkt vor dem Tor des Viertels, in dem sie von nun an leben würde. In einem eigenen Smial...
Ei-gen-en...Sie kostete das Wort aus und fühlte eine Vorfreude in sich aufsteigen. Der Karren setzte sich wieder in Gang und Merrimac nickte dem Grenzer, der ihnen das Tor geöffnet hatte und sie nun freundlich durchwinkte, dankend zu und auch Catly drehte sich noch einmal um und winkte ihm fröhlich.
Aufgeregt schaute Catly sich um und versuchte so viele Eindrücke wie möglich in sich aufzunehmen. Es war gar nicht so viel anders als Michelbinge, nur etwas belebter und weniger Läden und Stände. Merrimac lenkte den Karren sofort nach rechts und sie folgten dem Weg an unzähligen Smials vorbei. Das ein oder andere Paar neugieriger Augen richtete sich auf die beiden fremden Hobbits, die da laut holpernd vorbei fuhren.
Als der Weg eine Biegung nach links machte, konnte Catly einen Teich oder einen Fluss ausmachen, der von wispernden Bäumen umgeben war. Ein herrlicher Ort zum Angeln, schoss es ihr durch den Kopf und sofort fühlte sie sich schon ganz heimelig.
Vor der nächsten Biegung machte Merrimac halt, schaute kurz mit belustigt blitzenden Augen zu der zappeligen Catly hinab und deutete dann nach vorne.
"Willkommen in deinem neuen Heim", sagte er feierlich und lachte als er seine Nicht so völlig aus dem Häuschen vom Karren springen und auf das neue Smial zu rennen sah. Vorsichtig lenkte er die Stute den Weg hinauf und stellte den Pferdekarren neben der Eingangtür ab. Dann folgte er Catly hinein, die glücklich summend schon die einzelnen Zimmer begutachtete.
Sie brauchten den ganzen restlichen Tag, um alle Möbel vom Karren zu heben und im Smial abzustellen. Als das Gefährt endlich leer war und die Sonne schon tief am Horizont stand, packten sie halb verhungert ihren Proviant aus, zumindest was davon nicht schon unterwegs verspeist worden war, und vesperten ihn genüsslich, während sie nebeneinander auf der obersten Stufe der Treppe vor dem Smial hockten und über die grünen Hügel und die goldenen Felder blickten.
"So..",brummte Merrimac, nachdem er den letzten Bissen verputzt hatte und sich die Krümel von der Hose klopfte. "Wenn ich vor der Dunkelheit zurück sein will, muss ich mich jetzt sputen. Und nur ein unkluger Hobbit reist nachts, außerdem wird sich Andreas um seine Stute sorgen, wenn ich sie ihm nicht rechtzeitig wieder bringe."
"Du kommst hier zurecht?", fragte er mit einem kurzen skeptischen Blick auf Catly. Diese schaute ihn tadelnd an und sagte mit erhobenem Zeigefinger: "Ich bin kein Tween mehr und ich werde weder jemand Fremdes einladen, noch mit einem mitgehen und schon gar nicht irgendwo hin reisen, wo ich mich nicht auskenne."
Merrimac lachte und zwinkerte ihr zu, dann sprang er auf den Pferdekarren und verschwand winkend und den Weg entlang holpernd.
Catly nahm einen tiefen Atemzug und blickte sich zufrieden um. Ihr nächster Nachbar schien etwas unterhalb von ihrem Smial zu wohnen. Bestimmt würde sie dem oder denen schon bald über den Weg laufen. Vielleicht sollte sie ein paar Törtchen als Kennenlerngeschenk backen, überlegte sie. In ihrer eigenen Küche, ihres eigenen Smials. Catly jauchzte überglücklich und sprang die Stufen zur Tür hinauf, in ihr neues Heim und einen neuen Lebensabschnitt.
Sie setzte sich verschlafen auf und hielt inne. Irgendetwas wirres hatte sie geträumt, doch je fester sie versuchte sich zu erinnern, desto verschwommener wurde das Bild. Von draußen war ein Rumpeln und Schnaufen zu hören. Ihr Schwippschwageronkel Merrimac schien schon fleißig zu sein.
Hastig sprang sie aus dem Bett, stolperte über den Klamottenhaufen neben ihrem Bett und taumelte zur Waschschüssel. Ein müdes Gesicht umrahmt von einem Meer aus roten, wuscheligen Locken blickte ihr aus dem Spiegel entgegen. Vor nicht all zu langer Zeit war sie bei diesem Anblick noch erschrocken zurückgezuckt und hatte sich jedes Mal gefragt, weshalb ihr dieses Gesicht so gar nicht vertraut vorkam. Doch daran hatte sie sich nach einigen Wochen gewöhnt.
Nun klatschte sie sich nur schnell etwas kaltes Wasser ins Gesicht und fuhr mit ihren Fingern eilig durch das zerzauste Haar. Dann griff sie sich eines der alten Arbeitshemden ihres Vaters aus dem Schrank und zog eine zerknitterte Hose aus dem Kleiderberg am Boden.
Fertig angekleidet ging sie schnurstracks an der Küche vorbei, zur offenen Vordertür hinaus, durch die die Sonne herein schien.
Vor dem Smial pfiff Schwippschwageronkel Merrimac vergnügt vor sich hin, während er Kisten und Möbelstücke auf einen mittelgroßen Karren stapelte.
"Guten Morgen Onkel Merrimac", sagte Catly und gähnte. "Du hättest mich doch ruhig wecken können, um dir zu helfen."
"Ach iwo", brummte dieser. "Es gibt noch genug für dich zu tun und einen Hobbit soll man nicht aus seinen Träumen reißen, das bringt Pech."
"Außer fürs Frühstück", erwiderte Catly grinsend. "Ganz genau", lachte Merrimac und streckte sich ächzend. Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn und schob seine Nichte zurück ins Smial. "Zeit fürs Frühstück."
Der Küchentisch war beladen mit den feinsten Herrlichkeiten, von denen ein Hobbitmagen nur träumen konnte. Schüsseln voller Pudding, Türme aus belegten Broten und stapelweise Würstchen und cremeverzierte Törtchen nahmen fast den ganzen Tisch ein. Am Rand passten gerade noch drei Teller hin, die ihrerseits schon gefüllt waren mit wunderbar duftendem gebratenem Speck und Spiegeleiern.
"Da hat sich deine Mutter aber selbst übertroffen", bemerkte Merrimac entzückt und setzte sich sogleich vor einen der Teller.
Grudwendin Bitterklee war schon immer eine gute Köchin gewesen, doch seit dem Tod ihres Mannes Percival Roselli hatte sie ihr Handwerk sogar noch verbessert, da sie fortan das Smial ihres Schwippschwagers nicht mehr verlassen hatte und rund um die Uhr putzte und schrubbte und backte und kochte.
Catly stand unschlüssig in er Küche, während Merrimac schon genüsslich zu schmausen begann. Dann wandte sie sich um und ging durch den Flur in Richtung Badezimmer, von wo aus man geschäftiges Werkeln vernehmen konnte. Sachte öffnete Catly die Tür und blickte in hinein. Kniend hockte ihr Mutter am Boden und wienerte jede erreichbare Oberfläche mit einem Scheuerlumpen. Catly beobachtete sie kurz, dann räusperte sie sich laut.
Grudwendin unterbrach ihre Arbeit kurz, setzte sich auf und fasste sich ins Kreuz, dann strich sie sich eine grau-braune Strähne, die sich aus dem Haarknoten gelöst hatte, aus dem Gesicht und sagte leise, ohne ihre Tochter anzusehen: "Das Frühstück steht in der Küche bereit. Beeil dich, sonst wird es noch kalt."
Seufzend trat Catly zurück, schloss die Badezimmertür und kehrte kopfschüttelnd in die Küche zurück, wo Merrimac gerade mampfend erneut seinen Teller füllte.
Verstimmt spießte Catly drei Würstchen auf ihre Gabel und tunkte sie einen Topf Himbeermarmelade, woraufhin Merrimac sich verschluckte und nach einem kurzen Hustenanfall angewidert die Stirn runzelte. Die junge Hobbitdame ignorierte ihn jedoch und steckte sich die Würstchen trotzig und ohne eine Miene zu verziehen in den Mund. Seit ihrem Gedächtnisverlust hatte sie angefangen experimentierfreudig zu sein was das Essen betraf, da sie danach nicht einmal mehr gewusst hatte, welche Speisen sie immer gerne gegessen hatte.
Nach diesem ausgiebigen ersten Frühstück packten Onkel und Nichte einige Reste als Proviant zusammen und kehrten zum Pferdekarren zurück, wo sich Merrimac zufrieden ein Pfeifchen anzündete. "Scho", nuschelte er mit der Pfeife im Mundwinkel. "Jetscht brauchen wir nur noch ein schtarkesch Pony, dasch unsch den Karren zschieht...Am beschten du läufscht runter zschum Schtallmeischter. Schag ihm der alte Merri schickt dich." Catly nickte und wollte schon loslaufen als ihr siedendheiß ihre Klamotten einfielen, die sich teilweise am Boden ihres Zimmer verstreut oder noch immer im Schrank hängend befanden. "Du grüne Güte!," rief sie. "Ich hab noch was vergessen!" Dann stürmte sie ins Smial. "Diesche Catly," brummte Merrimac und lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen den Karren. "Wasch die allesch vergischt..." Nach wenigen Minuten kam Catly vollbeladen wieder aus dem Smial getaumelt und nachdem sie ihre Kleidung auf den Karren geworfen hatte, lief sie eilig den sanften Hügel hinunter zu Stallmeister Andreas Stollen, welchen sie recht herzlich von ihrem Schwippschwageronkel Merrimac grüßte. Dieser schickte sie mit ebenfalls freundlichen Grüßen und einer gutmütigen Ackergaul-Stute zu ihrem Onkel zurück, der nun zusammen mit Catlys Mutter Grudwendin vor dem Smial wartete.
Merrimac nahm Catly die Zügel aus der Hand als diese sich anschickte das Pony am Karren zu befestigen und nickte in Richtung Grudwendin, die völlig verloren auf der Türschwelle stand und an einem Stofftuch herumnestelte. Catly trat auf sie zu und fragte hoffnungsvoll: "Wirst du uns begleiten?" Grudwendin blickte traurig auf ihre Zehen und schüttelte den Kopf. Dann, bevor ihre Tochter noch etwas sagen konnte, machte sie einen Schritt nach vorn und schlang ihre Arme feste um Catly.
"Meine geliebte kleine Tochter", schniefte sie. "Nun verliere ich dich auch noch!" Catly strich sanft über ihre bebenden Schultern und erwiderte mit Nachdruck: "Das stimmt doch gar nicht, Mutter. Ich gehe doch nicht weit weg, nur auf die andere Seite des Hügels und jenseits der Rennstrecke. Und sobald es dir wieder gut geht, kommst du nach." Die Hobbitmutter nickte schluchzend. Sie wusste, dass ihre Schwiegereltern sich gefreut hätten, wenn sie noch miterlebt hätten, wie ihre einzige Enkelin in deren Smial zog. In Merrimacs Heim war es wirklich immer etwas beengt gewesen, da dieser ewige Eigenbrötler sich einst ein feines aber kleines, für ihn und seine Ansprüche ausreichendes, Zuhause gebaut hatte, das bei drei Bewohnern schon sehr an seine Grenzen stieß. Doch was war, wenn ihre kleine Tochter plötzlich wieder etwas vergaß? Wenn sie ganz allein war und niemand dort war, der sie beruhigen und ihr helfen konnte? Grudwendin schluckte schwer, dann sah sie ihrer rotlockigen Tochter in die Augen, strich ihr über die Wange und sagte: "Aber dass du mich ja oft genug besuchst." Sie zwang sich zu einem Lächeln und schob Catly zum Karren, auf dem Merrimac vorne schon Platz genommen hatte und eine fröhliche Melodie pfiff. Catly umarmte ihre Mutter noch einmal und versprach lächelnd: "Ich werde ganz oft vorbei kommen." Dann kletterte sie auf den Pferdekarren und setzte sich neben ihren Onkel. Dieser schnalzte laut mit der Zunge, woraufhin die alte Stute sich gemächlich in Bewegung setzte. Über das Holpern der Räder hinweg hörte Catly Grudwendin noch rufen: "Nimm dich vor Fremden in Acht! Und berichte mir, ob deine Nachbarn nett sind!" Catly erwiderte lachend: "Mutter! Ich bin eine Grenzerrekrutin! Ich kann schon auf mich aufpassen. Aber ich werde dir alles über meine Nachbarn erzählen, wenn ich dich das nächste Mal besuche. Versprooochen!" Dann war das Smial mitsamt ihrer Mutter aus ihrem Sichtfeld verschwunden und sie drehte sich wieder nach vorne.
"Das muss man dir lassen", brummte Merrimac anerkennend. "Du bist wirklich eine mutige kleine Roselli, dass du einfach so den Grenzern beigetreten bist."
Catly grinste stolz und beobachtete wie die Landschaft langsam an ihnen vorbeischaukelte. Es war ein herrlicher, warmer Tag. Die Vögel zwitscherten und eine laue Brise wehte Catly durch das Haar. Das stetige Ruckeln des Karrens und das Knarren der Räder wirkten beruhigend auf sie und im Nu war sie mit den Gedanken ganz woanders.
Sie saß mit ihrem geliebten Vater im Wald auf einem moosigen Baumstamm. Sie aßen belegte Brote und wetteiferten darum, wer am schnellsten die verschiedenen Vogelstimmen richtig zuordnen konnte. Immer wieder bat Catly ihn, noch einmal den Auerhahn nach zu machen, denn Percival war sehr begabt darin, Tierstimmen zu immitieren.
Das war eine sehr glückliche, unbeschwerte Zeit gewesen, in der Vater und Tochter sehr oft zusammen durch den Wald hinter dem Smial gewandert waren, Pilze gesammelt hatten und er ihr alles über die verschiedenen Tiere und Pflanzen erzählt hatte, was er gewusst hatte.
Und dann war plötzlich alles anders gewesen. Er war einfach weg gewesen, der Einzige, an den sie sich nach ihrem Gedächtnisverlust noch hatte erinnern können.
Wo sie jetzt wohl wäre, wenn dieser Erdrutsch nie passiert wäre? Ihre Eltern würden sicherlich noch mit ihr in ihrem Smial bei dem Wald wohnen..Sie konnte sich nicht erinnern, wo genau es gestanden hatte.. oder vielleicht war es dort noch immer. Verwuchert und halb eingestürzt irgendwo, ein Stück abseits des Weges...
"Brrrr!" Catly schreckte aus ihren Gedanken hoch. Sie befanden sich direkt vor dem Tor des Viertels, in dem sie von nun an leben würde. In einem eigenen Smial...
Ei-gen-en...Sie kostete das Wort aus und fühlte eine Vorfreude in sich aufsteigen. Der Karren setzte sich wieder in Gang und Merrimac nickte dem Grenzer, der ihnen das Tor geöffnet hatte und sie nun freundlich durchwinkte, dankend zu und auch Catly drehte sich noch einmal um und winkte ihm fröhlich.
Aufgeregt schaute Catly sich um und versuchte so viele Eindrücke wie möglich in sich aufzunehmen. Es war gar nicht so viel anders als Michelbinge, nur etwas belebter und weniger Läden und Stände. Merrimac lenkte den Karren sofort nach rechts und sie folgten dem Weg an unzähligen Smials vorbei. Das ein oder andere Paar neugieriger Augen richtete sich auf die beiden fremden Hobbits, die da laut holpernd vorbei fuhren.
Als der Weg eine Biegung nach links machte, konnte Catly einen Teich oder einen Fluss ausmachen, der von wispernden Bäumen umgeben war. Ein herrlicher Ort zum Angeln, schoss es ihr durch den Kopf und sofort fühlte sie sich schon ganz heimelig.
Vor der nächsten Biegung machte Merrimac halt, schaute kurz mit belustigt blitzenden Augen zu der zappeligen Catly hinab und deutete dann nach vorne.
"Willkommen in deinem neuen Heim", sagte er feierlich und lachte als er seine Nicht so völlig aus dem Häuschen vom Karren springen und auf das neue Smial zu rennen sah. Vorsichtig lenkte er die Stute den Weg hinauf und stellte den Pferdekarren neben der Eingangtür ab. Dann folgte er Catly hinein, die glücklich summend schon die einzelnen Zimmer begutachtete.
Sie brauchten den ganzen restlichen Tag, um alle Möbel vom Karren zu heben und im Smial abzustellen. Als das Gefährt endlich leer war und die Sonne schon tief am Horizont stand, packten sie halb verhungert ihren Proviant aus, zumindest was davon nicht schon unterwegs verspeist worden war, und vesperten ihn genüsslich, während sie nebeneinander auf der obersten Stufe der Treppe vor dem Smial hockten und über die grünen Hügel und die goldenen Felder blickten.
"So..",brummte Merrimac, nachdem er den letzten Bissen verputzt hatte und sich die Krümel von der Hose klopfte. "Wenn ich vor der Dunkelheit zurück sein will, muss ich mich jetzt sputen. Und nur ein unkluger Hobbit reist nachts, außerdem wird sich Andreas um seine Stute sorgen, wenn ich sie ihm nicht rechtzeitig wieder bringe."
"Du kommst hier zurecht?", fragte er mit einem kurzen skeptischen Blick auf Catly. Diese schaute ihn tadelnd an und sagte mit erhobenem Zeigefinger: "Ich bin kein Tween mehr und ich werde weder jemand Fremdes einladen, noch mit einem mitgehen und schon gar nicht irgendwo hin reisen, wo ich mich nicht auskenne."
Merrimac lachte und zwinkerte ihr zu, dann sprang er auf den Pferdekarren und verschwand winkend und den Weg entlang holpernd.
Catly nahm einen tiefen Atemzug und blickte sich zufrieden um. Ihr nächster Nachbar schien etwas unterhalb von ihrem Smial zu wohnen. Bestimmt würde sie dem oder denen schon bald über den Weg laufen. Vielleicht sollte sie ein paar Törtchen als Kennenlerngeschenk backen, überlegte sie. In ihrer eigenen Küche, ihres eigenen Smials. Catly jauchzte überglücklich und sprang die Stufen zur Tür hinauf, in ihr neues Heim und einen neuen Lebensabschnitt.