Charaktervorstellung - Valimaro Teil 1

Geschichten aus Tolkiens Welt vom Herrn der Ringe und anderen Werken.
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Valimaro
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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 21

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Freitag 5. Januar 2018, 22:07

Das Rudel

Ein schrecklicher Anblick bot sich Valimaro, als er zu den beiden Elbenwächtern auf die Lichtung vor Cunivieths Haus trat.
Der Regen strömte von oben auf die kalte Szenerie nieder und Donnergrollen war hier laut und deutlich zu hören.
Ein lebloser Elb in Wächterausrüstung wurde gerade von einem mächtigen Warg zerfleischt, hinter dem zwei weitere, etwas kleinere Warge in aggressiver Kampfhaltung lauerten, ihre Körper wirkten angespannt.
Knurrend fletschten sie die Zähne, als sie den eintreffenden Elben zu ihrer Rechten erblickten.

Valimaro schaute voller Trauer in Richtung des zerstörten Hauses und konnte unmittelbar davor zwei weitere Wächter Garadals erkennen, die dicht mit gespannten Bögen zusammenstanden und beide ehrfürchtig zu demjenigen aufschauten, der sich wenige Augenblicke zuvor, für alle Anwesenden auf der Lichtung, einen Namen gegeben und dadurch seine Namenlosigkeit abgelegt hatte.
Ein Blitz erhellte den Schattenhain und gab einen flüchtigen Blick auf Arael frei, der mit erhobenen, flammenden Zweihandschwert auf der verbrannten Türschwelle des abgebrannten Hauses stand und Valimaro nun aufmerksam musterte.
Ein dichtes Netz von roten Linien pulsierte am Körper des unbekannten Feindes und verlieh ihm eine Aura des Widernatürlichen, denn kein Wesen, das der Wächter kannte oder bisher gesehen hatte, besaß ein derartiges, äußeres Erscheinungsbild.
Sein sonst schwarz verkohlter Körper wirkte am Rand stark deformiert und das Gesicht Araels war eine ausgebrannte Fratze, ohne Barmherzigkeit oder dem Anzeichen von Leben darin.
Wer war dieses bösartige Monstrum, dem sich die Elben hier stellen mussten?
Hätte Arael nicht im Feuer oder durch die tiefe Wunde sterben müssen, die er ihm zugefügt hatte? Valimaro verkrampfte ungläubig sein Gesicht bei diesen Gedanken und schaute zu den Wargen hinüber.

Derweil versuchte der unbekannte Feind das Antlitz des angekommenen Elben zu erkennen, aber dieser hatte sein Gesicht und den Körper wegen des starken Regens vollends in den langen, aschgrauen Mantel seines Vaters gehüllt.
Auf dieser Entfernung war seine genaue Erscheinung für Arael nicht zu erkennen und seine wahre Identität blieb zumindest für diesen Moment vor ihm verborgen.
„Noch ein weiteres Opfer für meine Helfer“, rief der fremde Feind den Wargen voller Hohn zu und drehte seinen Körper leicht zu diesen.
Die beiden hinteren, kleineren Warge heulten daraufhin kurz auf und kamen dann sehr langsam auf Valimaro zu gepirscht.
Der Elb ahnte, was ihm gleich bevorstehen sollte, zog schnell unter seinem Mantel den Elbendolch seines Vaters und umklammerte fest dessen Griff.
Wie oft hatte er schon gegen diese Kreaturen an den Grenzen des Waldes gekämpft, aber ohne Rüstung, ohne Schild und ohne Schwert?
Das war etwas völlig anderes und eine schier unmögliche Herausforderung für ihn, aber ihm blieb keine andere Wahl, denn die beiden Warge begannen bereits, den Elben von vorne zu umkreisen und knurrten ihn dabei laut an.

Dann wurde die Lichtung zur Gänze von einem hellen Lichtblitz erleuchtet und dieser gab den Blick auf eine Gestalt frei, die plötzlich gut sichtbar hinter Arael erschien, es war Faelon Schwarzdorn.
Der Wächter stand völlig überraschend direkt neben dem unbekannten Feind in den Ruinen und hielt einen riesigen Schild in seinen Händen, mit dem er schon nach Arael ausholte.
Dieser schlug das Schwert krachend gegen den Schild und hunderte, helle Funken tanzten anschließend durch die Nacht, als das Licht wieder verschwand und der Donner die Kampfgeräusche mit seinem Grollen übertönte.
Einer der Elbenwächter vor dem Haus ließ die Bogensehne losschnellen und ein Pfeil sauste durch die Nacht in Richtung Ziel.

Arael bemühte sich, Faelon zurück zu drängen, doch dieser stemmte sich mit aller Kraft gegen den Fremden und versteckte dabei seinen Körper hinter dem massiven Elbenschild.
Der Pfeil traf sein Ziel und der Warg, der den beiden Elbenwächtern am nächsten zugewandt gewesen war und Valimaro von links umkreiste, zuckte heulend zusammen, als das Geschoss ihn seitlich am vorderen Körper durchbohrte und eine tiefe Wunde an dieser Stelle in ihn riss.
Diesen Moment nutzte Valimaro für sich aus und lief in eiligem Tempo auf den zur Seite wankenden, getroffenen Warg zu.
Der andere Warg erkannte, was der Elb beabsichtigte, drehte seine Laufbewegung ein und versuchte, selbst in eiligem Tempo als Erster beim verwundeten Warg und damit bei Valimaro zu sein.
Ein Schmerzensschrei erklang aus Richtung der Ruine, während Valimaro zuerst am verwundeten Warg angekommen war und gekonnt durch die Luft wirbelte, um den Bissen der Bestie ausweichen zu können, die trotz der enormen Verletzung, nach ihm schnappte. Der andere Warg, der frontal auf Valimaro zu gelaufen kam, blieb abrupt stehen und bremste ab, denn der Elbenwächter, der den Pfeil abgeschossen hatte, lief mit erhobenen Schild und Schwert auf ihn zu und brülle einen wütenden Schlachtruf in Sindarin, um seinen Gegner von Valimaro kurzzeitig abzulenken.
Dieser schnellte im gleichen Moment durch die Luft, drehte sich dabei in einer fließenden Bewegung und stach dem verletzten Warg seinen Elbendoch tief in sein rechtes Auge hinein.
Der Warg zuckte kurz am ganzen Körper und sackte dann tot in sich zusammen, während Valimaro wenige Meter neben ihm zum Stehen kam und vor leichter Erschöpfung hastig ein- und ausatmete.

Faelon zog unbemerkt unter seinem Schild einen kleinen Dolch aus einem seiner Stiefel und stieß diesen rasch in den rechten Fuß Araels, der unmittelbar vor ihm stand, sodass dieser kurz aufschrie.
Arael spürte den Schmerz, der vom Dolchstoß ausgelöst wurde, gab schließlich nach und ging ein paar Schritte rückwärts von Faelons Schild weg, als er plötzlich von einem Pfeil in den vorderen Teil seiner rechten Schulter getroffen wurde.
Der Pfeil bohrte sich tief in diese Stelle seines Körpers und verursachte auch hier starke Schmerzen beim unbekannten Feind.
Doch diesmal blieb Arael stumm und versuchte, den stechenden Schmerz der Wunde für sich einfach zu ignorieren und damit weiterzukämpfen.
Wütend schaute er in Richtung des Schützen, der den Bogen sogleich fallen ließ, sein Schwert zog und eilig in Angriffshaltung auf Arael zu gelaufen kam.
Jetzt würde er von zwei Seiten bedrängt werden.

Der Regen ließ etwas nach und das Wüten des Sturmes wurde schwächer, als das Zentrum über den Schattenhain hinweg zog.
Faelon legte seinen Schild ab und hielt plötzlich, unerwarteter Weise, ein neues, zweihändiges Breitschwert in seinen Händen, mit dem er Arael nun entschlossen gegenübertrat.
In aufrechter Haltung stand Faeldirs Sohn vor Arael und grinste diesen an, als er sah, dass der Pfeil des befreundeten Wächters sein Ziel deutlich getroffen hatte.
Schwarzes Blut tropfte aus der Wunde und zischte, als es auf den Waldboden traf.
Arael hob sein flammendes Schwert empor und stellte sich etwas seitlich auf, sodass er auf den Angriff beider Elben, die ihn nun umringten, gleichermaßen reagieren konnte.
Amüsiert zog er sich den Elbendolch aus dem Fuß und schmiss Faelon die mit schwarzem Blut beschmierte Klinge vor seine Füße.
Dann richtete der Fremde seinen Blick auf den Pfeil, der in seiner Schulter steckte.
Ein tiefes, düsteres Lachen ertönte aus Araels Mund und sowohl Faelon als auch der andere Elbenwächter neben ihm wichen kurz voller Schreck zurück.

Arael bemerkte ihre Unsicherheit und versuchte, sie noch weiter einzuschüchtern, indem er den Pfeil kurz mit seiner freien Hand berührte und dieser sofort in Flammen aufging und der Großteil gleich darauf brennend zu Boden abfiel.
„Was bist du nur für eine Art Feind?“, brachte Faelon darauf verwirrt hervor.
Ein Schmunzeln umspielte die Mundwinkel Araels, dann entgegnete er ihm belustigt:
„Dieselbe Frage wurde mir heute Abend bereits schon einmal hier von einem Elbenwächter gestellt und wie auch diesem werde ich euch Folgendes darauf antworten: ich bin der Morgen- und der Abendstern am Horizont jener Welt, ein Unheilsverkünder und euer Untergang. Es gibt keinen Ausweg aus der Dunkelheit, die mich umgibt. Nicht einmal der Tod kann euch vor mir retten.“
Schon holte Arael zum heftigen Schwertschlag gegen Faeldirs Sohn aus, doch der Elbenwächter zu seiner Rechten war bereits zur Stelle und hieb und stach auf Arael ein, um seine Aufmerksamkeit von Faelon abzulenken und den Gegner in einen Zweikampf verwickeln zu können.
Valimaro schaute erwartungsvoll in Richtung des riesigen Wargs, der seinen Kopf immer noch desinteressiert über den Leichnam des toten Wächters gebeugt hatte und sich am Fleisch des Elben labte, ohne auch nur kurz zu ihm aufzusehen. ‚Warum rührte er sich nicht?‘, dachte sich Valimaro, weshalb griff er nicht in den Kampf mit ein und zeigte auch sonst keine Bereitschaft, sich überhaupt in die Geschehnisse auf der Lichtung in irgendeiner Art und Weise einzumischen?
Fragend drehte sich der Wächter in die Richtung des anderen Wargs, der sich dem mutigen Elbenwächter im Kampf gegenüber sah.

Valimaro zögerte nicht weiter, er schritt zum Kadaver des toten Wargs, zog seinen Dolch mit einem kräftigen Ruck aus dessen Schädel und machte sich daran, dem Wächter im Kampf gegen den übrigen, kleineren Warg zu unterstützen, während der riesige Rudelführer nichts weiter tat, als dazustehen und weiter am Leichnam des Elben zu fressen.
Eine merkwürdige Szenerie wie es schien.

Arael kämpfte derweil mit den beiden Elben und parierte ihre Schwertschläge, einem nach dem anderen, mit seiner von Flammen umhüllten Klinge.
Funken sprühten bei jedem Aufeinandertreffen des Stahls durch die Nacht und wirbelten bedrohlich zwischen den drei Kämpfern umher.
Und immer noch umgab den fremden Feind eine bemerkenswerte Dampfsäule, weil die Regentropfen, die mit jedem weiteren Augenblick weniger wurden, an seinem Körper verpufften.
Doch die kombinierte Kampfkunst der beiden Elben war zu stark für die Gegenwehr des Unbekannten.
Arael musste mehrfach auf seine Knie gehen, um auch wirklich beiden Angriffen angemessen Stand halten zu können.
Nach einer weiteren derartigen Parade ließ Faelon sein Gegenüber nicht wieder aufstehen, sondern legte sein gesamtes Gewicht in sein Schwert und drückte Arael so schwer nach unten auf seine Knie und weiter auf den Boden, während der andere Wächter zum finalen Schlag ansetzen wollte, um sein Schwert seitlich vorbei an den gekreuzten Klingen der beiden gegen die ungeschützte Flanke Araels zu führen und diesen, zumindest schwer verletzen zu können.

Auf der anderen Seite umringten die beiden Elben den Warg, der sie wütend anknurrte, aber noch abwartete, wie die beiden Wächter jetzt wohl reagieren würden.
Valimaro nickte dem anderen Elben zu und dieser erwiderte die knappe Begrüßung auf die gleiche stumme Art und warf Valimaro daraufhin sein Elbenschwert zu.
Als er dieses aufgefangen hatte, zog der Wächter aus seinem Schwertgurt ein weiteres, langes Schwert, sodass nun beide Elben entsprechend bewaffnet waren, um gegen den Warg vor ihnen gemeinsam kämpfen zu können.
Mit den Baumreihen in ihrem Rücken kamen die beiden nun langsam auf den Warg zu, der sie abwechselnd musterte und nicht genau wusste, wen von beiden er zuerst angreifen sollte.

Der Regen ließ allmählich nach und auch der Sturm war weiter nach Norden gezogen, sodass kein Lichtblitz mehr den Schattenhain erleuchtete und das Donnergrollen die Geräusche klirrenden Metalls hätte übertönen konnte.
Faelon drückte sich mit aller Kraft gegen Arael und sein Flammenschwert, sodass die Klinge diesen am Körper fast berührte.
Seitlich nahm Arael wahr, wie der andere Wächter zum Schwertschlag gegen ihn ausholte und gleich seinem Leben ein Ende bereiten würde.
In dieser ausweglosen Situation begann Arael laut zu lachen, ohne seine Gegenwehr dabei auch nur merklich aufzugeben, doch sein tiefes, düsteres Lachen drang bis zu Valimaro hinüber und verstörte ihn und alle übrigen Elben auf der Lichtung sehr, denn es war ein schreckliches, tiefes Lachen, das nicht von dieser Welt schien.
Faelon kniff sichtlich verwundert die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und sprach zu Arael über die gekreuzten Klingen:
„Warum lachst du so laut auf? Gehst du etwa freudiger Erwartung in den sicheren Tod?“

Nach einem Herzschlag antwortete Arael dem Elben darauf gelassen, aber bestimmend:
„Ich lache nur, weil ich mich an eurem Tod ergötzen und auf deinen Gebeinen tanzen werde. Du bist ein Narr, wenn du denkst, es wäre so einfach.“
Faelons Augen weiteten sich, weil er nicht wusste, was diese Aussage zu bedeuten hatte.
Er legte noch mehr Kraft in seine Klinge und drückte den unbekannten Feind fest auf den Boden.
Doch kaum hatte Arael seine gewichtigen Worte ausgesprochen, da sprang auch schon ein riesiger Warg aus der Dunkelheit gegen den Wächter, der gerade sein Schwert weit erhoben hatte, um Arael damit niederstrecken zu wollen.
Dieser Warg hatte sich lange auf die Lauer gelegt und sich leise angepirscht, um einen passenden Moment abzuwarten, der nun gekommen war.
Ohne Gegenwehr zu erwarten, sprang der Warg von hinten auf Kopfhöhe auf den Elben zu und schlug seine Zähne tief in dessen Schädel.
Die Wucht des Sprungs riss den Wächter samt Angreifer zu Boden, wo der Elb unter der gewaltigen Bestie begraben wurde, die ihm nach einem kräftigen Reißen mit seinem Kiefer den Kopf zerteilte und den größeren Teil hinaus in die Dunkelheit in Richtung des Rudelführers schleuderte.
Gleichzeitig raschelten hinter Valimaro und dem anderen Elbenwächter die Blätter und die Äste im Unterholz knackten, als vier weitere, riesige Warge von hinten aus der Finsternis auf die Lichtung traten und sofort damit begannen, die beiden Elben vor ihnen zu umkreisen.
Erschrocken blickte Valimaro zum Rudelführer hinüber, der nun endlich vom toten Wächter abgelassen hatte und sich über diesem zu ganzer Größe aufbaute.
Dort stand er und begann, laut aufzujaulen und seinem nun vollständigen Rudel dadurch Befehle zu erteilen.

Faelon war in dieser Situation völlig perplex und für einen kurzen Moment war seine Aufmerksamkeit auf den plötzlichen und unerwarteten Angriff zu seiner Linken gerichtet.
Diese Unachtsamkeit nutzte Arael für sich und legte eine seiner Klauen auf das Handgelenk des Elben.
Die Augen Faelons wurden augenblicklich schwarz und leer, als Arael in seinen Geist eindrang und ihm befahl, das Schwert abzusenken, von ihm zurück zu treten und ihm dann das Augenlicht nahm.
Faeldirs Sohn versuchte, sich gegen das Eindringen des fremden Feindes zu erwehren, doch befolgte die Anweisung Araels stumm, als er das Schwert aus der Hand fallen ließ und ein paar Schritte zurück trat.

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 22

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Sonntag 7. Januar 2018, 23:28

Die Welt gehört den Lügnern und den Rücksichtslosen

Der Sturm war bereits größtenteils über den nördlichsten Teil des Grünwaldes hinweg gezogen und vor den Mond hatten sich nun große Wolkenverbände geschoben und schirmten dessen fahlen Lichtschein völlig ab, sodass der Schattenhain gänzlich in absoluter Dunkelheit versank und die finsteren Mächte, die in der heutigen Nacht an diesem Ort am Werk waren, dadurch umso gestärkter erschienen.
Valimaro und der übrige Elbenwächter sahen sich mit einer schier ausweglosen Situation konfrontiert, als die fünf Warge sie langsam umkreisten und den Ring stetig enger zogen, während ihr Geifer beim Fletschen der Zähne auf den Waldboden tropfte. Beide Kämpfer Garadals stellten sich dich mit den Rücken gegeneinander und konzentrierten sich auf ihre Gegner.
Dort standen sie und warteten ab, welche der riesigen Bestien zuerst zuschlagen würde.
„Wir müssen Faelon helfen, Valimaro.“, flüsterte der Wächter zu seinem Kollegen über die Schulter und machte eine Kopfbewegung in Richtung der Hausruine, wo Arael und Faelon sich aufhielten und einen innerlichen Zweikampf miteinander ausfochten.
Valimaro setzte an, etwas darauf zu erwidern, doch er brachte zunächst keinen verständlichen Ton hervor.
Die Warge um ihn herum knurrten laut und machten sich bereit, jetzt anzugreifen, sprungbereit sträubte sich ihr Rückenfell nach oben und der Geifer tropfte beim Öffnen der Mäuler auf den nassen Waldboden.

Doch dann sprach Baradans Schildbruder so klar und verständlich, als wenn er seine Stimme niemals eingebüßt hätte:
„Ich habe eine Idee, aber wir könnten bei dem Versuch sterben. Wir müssen schnell sein und den Feind bei Faelon sofort überraschen.“

Indes kämpfte Faelon auf der anderen Seite der Lichtung in der Hausruine gegen den Geist Araels in seinem Kopf an und wehrte sich gegen seine innere Stimme, die ihm befahl, sich selbst mit dem Zweihandschwert zu richten.
Wie von fremder Hand gesteuert erhob Faelon den mächtigen Zweihänder und drehte die Spitze der scharfen Klinge allmählich in Richtung seines eigenen Halses, während er sich gegen diesen geistigen Zwang mit aller Kraft stemmte und versuchte, Arael aus seinem Verstand zu verjagen.
Der fremde Feind grinste beim Anblick dieser Bemühungen nur belustigt und schaute zu dem Warg, der dabei war, den Wächter, der gerade eben versucht hatte, Arael mit erhobenen Schwert zu erschlagen, in Stücke zu reißen.

Doch dann fokussierte Arael plötzlich all seine Sinne auf die zwei Elben, die etwas abseits von der Ruine standen und von den übrigen Wargen umzingelt wurden.
Zwar waren Valimaros Worte sehr leise zu seinem Gegenüber ausgesprochen, doch Arael erstarrte augenblicklich, als er sie vernahm und konzentrierte sich nicht mehr auf den Verstand Faelon Schwarzdorns, sodass dieser wieder Besitz von sich und seinem Körper ergriff.
Langsam und unbewusst wand sich Arael in Richtung Valimaro und seine schwarzen, kalten Pupillen weiteten sich in der Dunkelheit, um den wortführenden Elben nun genau mustern zu können.
Faelon umklammerte in diesem Moment sein Schwert und machte einen schnellen Satz auf den fressenden Warg zu seiner Linken, der völlig überrumpelt war, als Faeldirs Sohn sein langes Schwert tief in seine rechte Flanke bohrte und ihn seitlich fast zur Gänze aufschlitzte und zerteilte. Der Warg heulte im Todeskampf fürchterlich auf und alle übrigen Warge drehten sich sofort in seine Richtung um und achteten nicht mehr auf die beiden Elben in ihrer Mitte.

Diese Gelegenheit nutzten die zwei Wächter und wie geplant rannten sie jeweils auf den ihnen am nächst gelegenen, abgelenkten Warg zu und ließen ihre Schwerter tödlich in deren Körper eindringen.
Komplett überrascht und überfordert tauschten die beiden übrigen Warge bei diesem Schauspiel verstohlene Blicke miteinander aus und schauten dann zu ihrem großen Rudeltier, das bereits auf Faelon zu gelaufen kam, doch schließlich abbremste, als es mitbekam, dass die beiden Elbenwächter zwei weitere Warge niederstreckten und bereits ihre mit Blut getränkten Klingen aus den toten, erschlafften Körpern der reißenden Bestien zogen.
Die beiden, noch lebendigen Warge, die jetzt wie angwurzelt um die Elbenwächter herum standen, heulten bei diesem Anblick laut auf und liefen anschließend zusammen in die Richtung der Baumreihen, aus denen sie vor einigen Augenblicken auf die Lichtung getreten waren. Offensichtlich hatte die blanke Angst vor den Elbenwächtern sie in Panik versetzt, auf dass sie nun die Flucht ergriffen.

Völlig desinteressiert für alles, was gerade um ihn herum geschah, trat Arael mit seinem flammenden Breitschwert in der rechten Klaue langsam auf Valimaro zu und flüsterte folgende Worte in seinen Verstand, ohne dabei auch nur einen Laut von sich zu geben:
„Du bist derjenige, von dem der alte Mann gestern gesprochen hat. Valimaro, Sindar aus dem Großen Grünwald. Ich werde den Boden mit deinem Blut tränken und deine Zukunft verhindert.“
Als die tiefe Stimme Araels in Valimaros Schädel erklang, versetzte die bedrohliche Aussage den Wächter kurz in Nervosität.
Doch dann dachte der Elb an Cunivieth, ihre Worte und was er ihr einst versprochen hatte.
Wieder völlig entschlossen schritt Valimaro Arael entgegen und umfasste den Griff seiner Klinge kräftiger.
Der andere Elbenwächter blieb mit erhobenen Schild und Schwert dicht hinter ihm und hielt etwas Abstand zu beiden.

Der Rudelführer der Warge knurrte beide Elben laut an, drehte sich dann aber wieder in Richtung Faelon um, der bereits mit blutigem Zweihänder auf ihn wartete und provozierend in seine Richtung ausrief:
„Wenn du genauso leicht zu töten bist wie dein Rudel, das wir eben hier niederstreckten, du verlauster Fellträger, dann wird das hier der kürzeste Kampf in der Geschichte der Grünwaldgarde.“
Faelon zwinkerte dem riesigen Warg nach diesem Ausspruch zu, um ihn zusätzlich zu verspotten, nahm das Breitschwert dann sicher in beide Hände und verlagerte anschließend sein Gewicht nach vorne, um den Schwung des Tieres bei einem möglichen Sprungangriff abfedern zu können. Der Rudelanführer fackelte bei dieser Verhöhnung nicht lange und stürmte frontal auf Faelon zu.

Arael stand den beiden Elben nur noch wenige Meter gegenüber und legte seinen Kopf schräg, als er seinen Blick zwischen beiden Wächtern hin und her wechselte.
„Ich werde dich für das, was du unserem Volk heute Nacht und meiner Freundin am Abend zuvor angetan hast, bestrafen, Arael, von wo auch immer du herkommst.“
Valimaros Worte klangen verbittert und sein Gegenüber schmunzelte leicht, als er die Frustration des Elben aus dieser Aussage deutlich heraushören könnte.
„Weißt du eigentlich, wieviel Angst Cunivieth hatte, als ich vor ihr stand und ihr die Schmerzen ihres Lebens bereit habe. Es war eine große Freude, dieses dumme Elbenweib zu Tode zu quälen, bis ihr Körper den Kampf gegen mich aufgab und mir alles von ihr offenbart wurde.“
Zorn und Rachegelüste entflammten bei dieser Aussage in Valimaro und seine Kiefer spannten sich an, doch Arael sprach einfach weiter:
„Sie bettelte förmlich darum, dass ich sie von ihrem Leiden erlösen möge. Glaub mir, wenn ich dir eines sage Valimaro, Cunivieth hat Fürchterliches durch mich ertragen müssen und ich schaute ihr beim Todeskampf interessiert zu und war sehr amüsiert von ihren wilden Zuckungen…“
Der Elb hatte genug gehört, in blindem Hass stürmte der Wächter auf Arael zu und schmetterte seine Klinge gegen ihn.
Aber Arael hatte diesen Angriff Valimaros natürlich provozieren wollen und es kommen gesehen, dass der Elb sich von seinen Worten zu einem Schwerthieb verleiten ließ.
Mit seiner linken Klaue fing Arael die Klinge gekonnt ab, indem er die Schwerthand des Elben umklammerte und Valimaro dann in der gleichen Bewegung mit dem Griff seines flammenden Schwertes von rechts gegen den Kopf, sodass der Wächter stark nach hinten taumelte und schließlich auf den Boden fiel. Der andere Elbenwächter, der Arael nun am nächsten stand, begann, diesen mit Schwert und Schild zu bedrängen und eröffnete den Zweikampf zwischen ihnen, indem er ihn seitlich mit seiner Klinge an der Hüfte verletzte.

Der Rudelführer preschte mit hoher Geschwindigkeit auf die Hausruine zu und war in wenigen Sätzen dort, aber Faelon war auf seinen Sturmangriff vorbereitet und erkannte, was der Warg vorhatte, denn er hatte genau dieses Verhalten provozieren wollen. Die riesige Bestie sprang auf den Wächter zu, doch Faelon ließ in diesem Augenblick sein Schwert fallen und machte einen schnellen Ausfallschritt nach links, um den Warg ins Leere springen zu lassen.
Während der Rudelführer landete, legte der Elb seitlich beide Arme um seinen Kopf und drückte den Warg mit aller Kraft zu Boden.
Erschrocken von der Schnelligkeit des Elben und dass dieser seinen Kopf nun fest umklammerte, versuchte sich das Tier aus dem Würgegriff zu befreien und stemmte sich gegen den Wächter.
Faelon und der mächtige Warg rangen auf den Boden miteinander und der Elb drückte seinen Gegner mit aller Kraft nach unten und würgte ihn kräftig, um ihn die Luft abzuschnüren.
Das riesige Tier schob den Wächter und sich dabei gegen einen Stein und quetschte den Elb mit seinen Rücken gegen diesen, sodass nun auch Faelon nach Luft rang.

Auf der anderen Seite war ein wilder Zweikampf zwischen Arael und dem Elbenwächter entbrannt, dem Valimaro vorerst nur zusehen konnte, denn der Schlag gegen seinen Kopf hatte den Elben sehr zugesetzt und er saß benebelt auf dem nassen Waldboden, sichtlich bemüht, sich gedanklich zu sammeln, um dann wieder in das Geschehen eingreifen zu können.
Die Klingen prallten schnell gegeneinander und Arael hatte große Mühe, die heftigen Schwertschläge seines Gegners parieren und abwehren zu können, denn der Wächter brachte seine gesamte Kampfkunst gegen ihn auf, um den unbekannten Feind auf der Lichtung alleine niederzustrecken.
Faelon beschleunigte derweil sein Atmen, denn das Gewicht des Wargs lehnte gegen seinen Brustkorb und drückte den Elben immer enger gegen den Stein in seinem Rücken.
Doch auch der Elb ließ nicht locker und seine beiden Armen umschlangen den Kopf des Tieres fester, so, als wenn er das Leben aus den Körper herauspressen wollte.
Dann blieb Faelon plötzlich die Luft zum weiteratmen weg und er wusste, dass der Kampf in wenigen Augenblicken für ihn vorbei wäre, wenn er aufgrund des Sauerstoffmangels ohnmächtig werden würde.
Faelon konnte fast nicht mehr atmen, er spürte, wie sein Griff lockerer wurde, gleich würde sich der Warg befreien können. Doch dann erschlaffte dieser plötzlich und gab den Druck auf Faelons Brustkorb nach.
Als das mächtige Tier vollends bewusstlos war, ließ Faeldirs Sohn den Warg los und holte tief Luft, um seine Lungen wieder ausreichend mit Sauerstoff füllen zu können.
Völlig außer Atem, ohne weiter auf den Rudelanführer zu achten, den er lediglich bewusstlos gemacht, aber noch nicht erstickt hatte, stemmte sich Faelon auf sein Elbenschwert und blickte hinüber zu Arael, seinem Schildbruder und Valimaro.

Arael durchschaute das Kampfmuster seines Feindes und suchte nach Fehlern im Schwertkampf des Elben.
Nach drei weiteren Angriffen des Wächters hatte er einen passenden Moment für sich entdeckt und schnellte plötzlich durch die Luft, um den Elben mit einer raschen Drehung das Schwert aus der eigenen Hand zu schlagen.
Dieses landete wenige Meter neben den beiden auf dem Waldboden.
Überrascht zog der Wächter einen kleinen Dolch aus seinem Gurt, aber Arael stand schon direkt vor ihm und schaute den Elben tief in die Augen, als er zu ihm sprach:
„Du hast bis hierhin gut gekämpft, mein Elbenherr, doch gegen meine Macht reichen weder Elbenstahl noch die Kampfkunst deines Volkes aus. Diese Welt gehört nicht den Geschöpfen des Lichts, sondern den Lügnern und den Gnadenlosen. Reich deinem Mörder die Hand, denn die Welt gehört den Kriechern und den Rücksichtslosen.“
Nach diesen Worten ließ Arael sein Zweihandschwert zu Boden fallen, das sofort erlosch.
Und noch während der Elb verwundert auf die Klinge starrte, machte Arael schon einen weiteren Schritt auf ihn zu und umarmte den Wächter mit beiden Klauen.
Kopf an Kopf flüsterte Arael dem Elben in sein Ohr:
„Nichts vermag das Feuer in mir zu löschen, das nun auch dich verzehren wird.“
Kaum hatte Arael dies ausgesprochen, entflammte er sich am gesamten Körper und ließ das Feuer auf den von seinen Armen umschlossenen Wächter überspringen, sodass dieser lichterloh brannte und vor großen Schmerzen durch die Nacht schrie.
Völlig verängstigt kroch Valimaro, der unmittelbar neben diesem schrecklichen Schauspiel auf dem Boden saß, hastig zurück und wühlte mit seiner linken Hand auf dem Waldboden nach seinem Schwert.

Was hatte dies nur zu bedeuten? Irritiert schritt Faelon, leicht gestützt auf sein Schwert, auf die beiden zu, als die zwei Kontrahenten sich völlig unerwartet umarmten und gleich darauf in hellen Flammen aufgingen.
Der Elb, der von Araels Armen umschlossen wurde, schrie auf, als das Feuer ihn umhüllte.
Sich windend, um sich aus der Umklammerung Araels befreien zu können, brüllte der in Flammen stehende Elb seine Qualen in den bewölkten Nachthimmel hinaus.
Faelon und Valimaro mussten schockiert mit ansehen, wie der Wächter langsam verbrannte und schließlich von Arael losgelassen wurde, nur um ein paar Meter geradeaus zu laufen, dann auf die Knie zu sinken und langsam nach vorne auf den Waldboden umzukippen und dort zu verenden.

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Valimaro
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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 23

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Montag 22. Januar 2018, 22:59

Die Hoffnung der Sternenkinder

Thranduil nahm auf seinem Buchenthron eine aufrechte Sitzhaltung ein und schaute interessiert in Richtung Valimaro, der sich immer noch, genau wie Elros, vor dem König im Thronsaal verbeugte und darauf wartete, endlich zu diesem sprechen zu dürfen.
Dann ergriff Elros das Wort und sprach, den Kopf in Richtung Buchenthron erhoben, direkt zu König Thranduil, dem Anführer der hiesigen Waldelben und Herrscher über das Waldlandreich Rhovanions:
„Mein König, ich bringe euch Valimaro, Sohn des Valimaras und der Maneth. Er fordert sein Heimatrecht ein und ersucht euch, in das Waldlandreich zurückkehren zu dürfen.“
Thranduil nickte Elros leicht zu, dieser entfernte sich augenblicklich und stellte sich etwas abseits an die Seite des Buchenthrons und verfolgte gespannt, was nun als nächstes passieren würde.
Valimaro erhob sich vor dem König und blickte einem der ältesten lebenden Sindar Mittelerdes entschlossen in die Augen, als er laut und verständlich das Wort an ihn richtete:
„Mein König, ich komme aus der Verbannung an euren Hof zurück, um meine Unschuld für ein Verbrechen zu beweisen, das ich seinerzeit nie begangen habe. Ich habe meine Aufgabe nun erfüllt, so, wie es mir euer Sohn, Prinz Legolas, vor etlichen Jahren aufgetragen hatte.“
Valimaro trat einen kleinen Schritt nach vorne und deutete wieder eine förmliche Verbeugung in Richtung des Königs an. Innerlich war der Wächter sehr nervös und fragte sich, welche Frage der König zuerst stellen würde, wie es ihm die Jahre ergangen war? Was er alles unternommen hatte, um wieder in die Heimat zu kommen? Was damals im Schattenhain wirklich vorgefallen war? Ob er den unbekannten Feind ausfindig gemacht hatte und stellen konnte?
Aufgeregt ballte Valimaro die Fäuste zusammen und versuchte, sich seine Nervosität äußerlich nicht anmerken zu lassen.
Thranduil musterte den Elben unterdessen sehr aufmerksam, beugte sich ein Stück nach vor, dann sprach der Elbenfürst sehr sachlich und ohne einzige Gefühlsregung von sich preiszugeben mit klarer Stimme:
„Valimaro, bringt ihr mir heute endlich meine Sternensteine zurück, die mir vor langer Zeit aus diesen Hallen gestohlen worden sind?“
Der Wächter nickte einmal und blickte flüchtig nach hinten, als Garadal auch schon aus den Reihen der versammelten Elbenfamilien hervortrat und eine der beiden Satteltaschen Valkas in seinen Händen hielt.
Als der Fürst der Grünwaldgarde nahe genug an Valimaro herangetreten war, überreichte er diesem die Satteltasche mit dem leichten Andeuten eines Zwinkerns und entfernte sich dann wieder vom Buchenthron in Richtung der hinteren Bereiche des Thronsaals.
Dunkle Erinnerungen stiegen in dem Wächter auf, als er die Tasche in seinen Händen stumm betrachtete und den Inhalt darin erfühlte.
Was hatte es nicht alles gekostet, um die Steine endlich hierher zurück bringen zu können? Wen hatte er nicht alles auf seiner Reise zurücklassen müssen? In traurigen Gedanken der letzten Wochen und Monate versunken stand Valimaro einige Augenblicke reglos vor dem Thron und fühlte mit den Sternensteinen auch gleichzeitig den bitteren Schmerz der mit ihrer Beschaffung verbunden war, als Thranduil sich auf dem Buchenthron auffällig laut räusperte und anschließend bewegte.
Der Wächter drehte sich in Richtung des Königs und nickte ihm zu. Von allen Dingen, die Thranduil wissen wollte, war es die Frage nach seinen Steinen, die Valimaro zuerst beantworten sollte, der Wächter war innerlich zerrissen und enttäuscht von diesem Beginn seiner Audienz, dennoch sprach er freundlich zum Buchenthron:
„Mein König, ich bringe euch die Sternensteine zurück, die euch und unserem Volk vor langer Zeit aus diesen Hallen gestohlen wurden.“
Der Wächter griff mit seiner linken Hand in die Tasche und holte drei schwarze und nicht mehr rosa leuchtende Sternensteine empor, die vollkommen glanzlos und matt wirkten, so, als wäre jeglicher Schimmer in ihnen vor langer Zeit erloschen und alle Schönheit einer großen Leere gewichen.
Valimaro trat ein paar Schritte auf den Buchenthron zu und überreichte sie dann dem König mit seinem ausgestreckten Arm.
Thranduil erhob sich nun von seinem Thron und richtete sich auf, als er einen der schwarzen Sternensteine argwöhnisch betrachtete und diesen dann aus der Handfläche Valimaros ergriff. Skeptisch beäugte der Sindar den Stein und drehte diesen in seiner Hand hin und her, dann sprach er zur linken Seite des Thronsaals, wo die Meister ihrer jeweiligen Künste bereits Aufstellung genommen hatten:
„Meister Mondschein, mir scheint, dies sind nicht die Sternensteine, die ich einst in den Silberkammern meines Palastes für die Ewigkeit verwahren ließ, wärt ihr so freundlich und würdet die Steine mit eurem kritischen Blick untersuchen?"
Forgal Mondschein trat sofort aus den Reihen der Meister hervor und ging langsam und erhaben auf den Buchenthron zu.
Dort angekommen reichte Thranduil dem Elben einen der Steine, die Valimaro ihm zuvor gegeben hatte. Kritisch betrachtete Forgal den Sternenstein von allen Seiten und drehte ihn aufmerksam in seiner Handfläche.

Nach wenigen stillen Augenblicken des Betrachtens gab der Meister der Silberkammern dem König seinen Stein zurück und entgegnete ihm:
„Mein König, dies ist einer der Sternensteine des Waldlandreiches. Ich erkenne den Schliff meiner Schüler und die Abstufungen der kleineren Bruchlinien, genau dort, wo ich seinerzeit nachgeholfen habe, um den Stein für euch makellos aussehen zu lassen. Allerdings gibt es eine Besonderheit, die auf eine Veränderung dieses Steins hindeutet.“
Forgal machte eine kurze, bewusst gesetzte Pause.
Thranduil hob neugierig die Augenbrauen und versuchte, die Antwort aus diesen Worten zu interpretieren, doch es war nicht der König, sondern Valimaro, der schließlich sprach:
„Diese Sternensteine wurden ihrer Energie beraubt und es befindet sich kein Sternenlicht mehr in ihnen. Derjenige, der diese Sternensteine einst aus den Silberkammern stahl, vergiftete sie mit seiner Macht und missbrauchte sie für seine düsteren Absichten, sodass jegliche Wärme und Kraft aufgezehrt wurde, die diesen Steinen einst zu Eigen war.“
Thranduil wirkte skeptisch bei diesen Worten und bedachte Valimaro mit einem leichten Lächeln:
„Welches Wesen wäre dazu in der Lage? Soetwas ist völlig ausgeschlossen Valimaro.“
Valimaro ließ sich von dieser Missbilligung nicht einschüchtern und entgegnete dem König:
„Vor vielen Jahren, als ich gegen euer Gebot verstieß und den Schattenhain aufsuchte, um mich dort mit Cunivieth zu treffen, kämpfte ich gegen ein Wesen, dass dazu im Stande war, diese Dinge zu wirken. Ihr seht selbst, dass die Steine farb- und glanzlos sind, so, als wären sie tot. Obwohl sie vor langer Zeit die Herrlichkeit funkelnder Sterne ausstrahlten und auffällig hell wie besondere Edelsteine schimmerten."
Bei dieser Aussage verzog Thranduil den Mund und wirkte plötzlich sehr ernst.
Forgal räusperte sich und wollte gerade ansetzen, um etwas auf Valimaros Aussage zu erwidern, als Thranduil ihn durch das bloße Heben seines Zeigefingers davon abhielt und dem Wächter anschließend fest in seine Augen blickte:
„Was ist damals im Schattenhain vorgefallen, Wächter?“

Diese Frage traf Valimaro völlig unerwartet und auf einmal waren sie wieder da, die schreck-lichen Erinnerungen an jene Nacht, die brüchige Stimme von Cunivieth, die ihn in manchen Nächten vom Einschlafen abhielt und daran erinnerte, im Schattenhain als Wächter versagt zu haben, als er ihr völlig zu spät zu Hilfe kam und sie sanft im Arm wog und ihr beim Sterben zusehen musste. Er spürte ihre Hand auf seinem Gesicht und wie sie ihn darum bat, sie von ihren Schmerzen zu erlösen. Er verlor sich in diesem Moment in Gedanken des Verlustes und Kummers, wie er dort alleine mit seiner sterbenden Freundin vor dem brennenden Haus kniete und unfähig war, ihr zu helfen. Plötzlich waren all diese Gedanken so präsent, als legen nicht schon etliche Jahre zwischen dem heutigen Tag und dieser furchtbaren Nacht, sondern als wenn es vor wenigen Augenblicken erst passiert wäre. Und dann verdichteten sich seine Gedanken und Valimaro hörte nur noch Araels düstere, grauenvolle Lache, die tief in seinen Verstand drang. Er sah die Wächter, deren Leben Arael ausgelöscht hatte und wie Berge türmten sich die Leichen weiterer Elben und Gefährten unter seinem Feind.
Er konnte die Gesichter Baradans, seiner Mutter Maneths und auch die Gesichter anderer Weggefährten deutlich erkennen und seine Welt versank in Finsternis, denn so, wie das Licht in den Sternensteinen erlosch, so verstummte auch das Leben der Elben in seinen Gedanken und nichts blieb übrig, als die Dunkelheit, die ihn und Arael umgab. Valimaro war nicht mehr im Thronsaal Thrandu-ils und auch nicht mehr in seiner Heimat, stattdessen stand er vor einem großen Abgrund und tief blickte er den steilen Abhang in die endlose Schwärze der Leere hinab.
Und wie er dort, gefangen in seinen Gedanken, stand, sank er auf die Knie und begann, zu verzweifeln.
Jemand berührte ihn an der linken Schulter und der Wächter drehte sich zu dieser Person um.
Vor ihm stand Cunivieth in dem schönen Kleid, das sie einst bei ihrer letzten Begegnung im Schattenhain getragen hatte und ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
Sie streichelte mit ihrer sanften Hand seine Wange und sprach ihm Mut zu:
„Wir Sternenkinder sind Geschöpfe des Lichts Valimaro, auch wenn die Schwärze einer unstillbaren Leere droht, uns zu verschlingen, so sind wir doch voller Hoffnung, der Dunkelheit zu trotzen und werden nicht verzagen, denn das Leuchten unserer Herzen strahlt auch in den finstersten Stunden, wenn alles andere um uns erlischt.“
„Ich fürchte mich in der Nacht Cunivieth, ich vermag keinen Ausweg mehr zu sehen, denn so viele Vertraute habe ich verloren und doch nicht viel erreicht.“
Valimaro senkte den Blick gen Boden, doch die Elbin hob sein Kinn an und entgegnete ihm:
„Deine Gefährten sind diesen Weg aus Liebe und Freundschaft mit dir gegangen und für diese Werte lohnt es sich in dieser Welt zu kämpfen, Valimaro, ganz gleich, wie sehr sich die Kräfte der Finsternis auch gegen diese stellen mögen, am Ende der Nacht folgt der erste Lichtstrahl des neuen Tages und vertreibt die Nacht und ihre Mächte. Und so schlägt alles Wellen, was Wellen schlagen soll. Wir Sternenkinder wurden auserwählt, an das Gute dieser Welt zu glauben und Zuversicht und Hoffnung wird dich leiten.“
„Ich vermisse dich so sehr Cunivieth. Ich suche dein Gesicht in den Sternen einer jeden Nacht.“
Tränen kullerten dem Wächter bei seinen Worten über seine Wangen.
Cunivieth streichelte zärtlich seine Hand und beugte sich anschließend zu ihm herunter:
„Höre auf dein Herz, ich bin immer bei dir gewesen und bin es auch jetzt.“
Valimaro legte eine seiner Hände auf die ihre und in dem Moment der gemeinsamen Berührung zerfiel die Elbin in hunderte Glitzerfalter, die schnell davon flogen und den Wächter alleine auf seinen Knien zurück ließen.

Und plötzlich stand Valimaro wieder im Thronsaal vor König Thranduil und wusste genau, was er ihm erzählen wollte.
Der Wächter schluckte noch einmal kräftig, dann sprach er zu ihm:
„Ich möchte nicht mehr über diese Nacht sprechen, denn zu sehr schmerzt mich der Gedanke an den Verlust, den diese für mich bedeutete. Und täglich bekümmern mich dieselben Erinnerungen daran. Dafür bitte ich euch um Verständnis. Aber ich möchte euch davon erzählen, wie ich zu den Sternensteinen gekommen bin und gegen welchen Feind ich kämpfte, um mein Volk und meine Heimat zu beschützen.“
Valimaro drehte sich zu Faeldir Schwarzdorn, der immer noch schwarze Gewänder trug, weil sein Sohn noch immer im Schattenhain vermisst wurde.
Der Wächter sprach dann direkt zu ihm:
„Und ich möchte auch euch, Faeldir Schwarzdorn, davon berichten, was in jener Nacht mit eurem Sohn Faelon und den übrigen Wächtern geschah, als wir Arael, dem Diener Narakes gemeinsam gegenüberstanden. Ihr sollt Gewissheit über sein Schicksal haben und nicht mehr Warten müssen."
Und wie er das sagte, dachte Valimaro an die letzte Begegnung mit Faelon Schwarzdorn und begann davon zu erzählen.

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Valimaro
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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 24

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Samstag 27. Januar 2018, 22:00

Faelons Stolz

„NEIN! Candron!“, Faelon brüllte mit lauter Stimme durch die Nacht und musste entsetzt dabei zusehen, wie sein Schildbruder von Arael verbrannt wurde.
Unbändiger Hass erwuchs in ihm, sein Blick verfinsterte sich und Mordlust trat an die Stelle der Gefühle der Furcht und des Zauderns.
Faelon blickte zu Arael hinüber und schrie nach einem kurzen Moment der Stille erneut in dessen Richtung:
„Ich habe jetzt genug von dir und deinem Werk, Dämon! Der Tod ist dir gewiss. Und beim Namen meiner Familie und den Sternen meines Volkes verfluche ich dich, du Kreatur der Finsternis. Für deine Taten sollst du von mir gerichtet werden.“
Nach dieser Aussage rannte Faelon fest entschlossen und in tiefer Trauer um seinen Schildbruder, der gerade aus dem Leben verschieden war, auf seinen Feind zu und konzentrierte sich auf den bevorstehenden Angriff, der seinen Gegner tödlich verwunden sollte. Mit einem kräftigen Schwerstreich wollte der Elb den Dämon niederstrecken, ganz gleich, was dabei mit ihm selbst geschehen möge.

Doch Arael blickte nur flüchtig zu Faelon, stattdessen interessierte er sich mehr für Valimaro, der immer noch geschockt auf dem Boden vor ihm saß und nun zu ihm aufschaute.
Die Flammen um Arael herum waren in dem Augenblick erloschen, wo er den verbrannten Elb losgelassen und anschließend lachend zur Seite getreten war.
Sein Körper wirkte nun starr und kalt.
Aus seinem Antlitz waren jegliche Anzeichen von Leben gewichen und sein Blick war versteinert und unwirklich, als er sich zur vollen Größe vor Valimaro aufbaute und mit der rechten Klaue nach ihm griff.
Der Wächter versuchte, sein Schwert aufzuheben, das neben ihm auf dem Waldboden ruhte, aber Arael hatte bereits einen seiner Füße auf die Klinge gestellt und drückte sie dadurch fest auf den Waldboden, während er Valimaro am Hals packte und ihn anschließend ohne den Anflug einer körperlichen Anstrengung in die Luft hob, sodass er dem Wächter die Luft abdrückte.
Am ausgestreckten Arm zog Arael ihn weiter nach oben, zunächst auf seine Beine, dann weiter zu sich heran in die Höhe, sodass der Elb ein Stückchen über den Boden hing und würgte.
Valimaro versuchte, sich gleichzeitig mit seinen Armen dagegen zu wehren, aber der Griff Araels war zu stark.

Faelon, der nur noch wenige Meter von Valimaro und Arael entfernt war, sah, was sich dort zwischen den beiden abspielte und hielt in seiner Bewegung inne, er würde Valimaro auf die geplante Art nicht helfen können und ihn dort sterben zu lassen, war für Faelon in dieser Situation ausgeschlossen. Eilig überlegte er, was er nun tun könne, um das Leben Valimaros und die gesamte Lage zu retten.
Arael hob den Elben derweil auf seine Augenhöhe an und blickte Valimaro in seine grünen, klaren Augen, als er zu ihm sprach:
„Du hast sogar noch mehr Angst als sie, Wächter des Waldes, das spüre ich in deinem Blick.“
Und wie er den Wächter dichter an sich heranzog, starrte der nach Luft schnappende Elb in die schwarzen, ausdruckslosen Pupillen seines Gegenübers und es war, als schaute er dabei in einen tiefen, schwarzen Abgrund, in dem sich die kalte Leere der Dunkelheit um ihn herum ausbreitete und kein Leben mehr darin existierte.
Arael lachte Valimaro leise an und sprach dann weiter zu ihm:
„Ich werde dir noch schlimmeres Leid zufügen als dem törichten Elbenweib, darauf gebe ich dir mein Wort. Der alte Mann hat sich letztlich doch in dir getäuscht Valimaro, du bist mitnichten derjenige, der angeblich die Pläne meines Meisters vereiteln kann. Du bist lediglich eine weitere, schwache Kreatur auf der Liste meiner Trophäen. Ich werde deinen Verstand öffnen und mich an deinen Geheimnissen ergötzen, bevor ich deinem sinnlosen Dasein ein qualvolles Ende bereiten werde.“

Plötzlich erleuchtete ein rosaschimmernder Lichtschein die Lichtung und blendete Arael seitlich am Rücken.
Der Feind der Elben drehte sich nach hinten um.
In kurzer Entfernung stand Faelon Schwarzdorn neben der ausgebrannten Ruine und hielt gut sichtbar einen rosafarbenen Sternenstein in seiner linken Hand, während er in der rechten Hand sein Schwert fest umklammerte und bereits ansetze, um damit auf den Sternenstein einschlagen zu können.
Spöttisch rief der Elb Arael dabei zu:
„Schade, dass ich nicht dabei sein werde, um mitansehen zu können, was dein Meister mit dir anstellen wird, wenn du ihm sagen musst, dass du einen Sternenstein verloren hast, weil du nicht mit mir, einem einfachen Waldelben, fertig geworden bist.“
Um seiner Drohung nachhaltig Ausdruck zu verleihen, legte Faelon den Sternenstein vor sich auf den Boden ab, umklammerte dann mit beiden Händen seinen Schwertgriff und holte bereits zum Schlag gegen den Sternenstein aus, nur um dann doch im Schwung mit hoch erhobener Klinge zu verharren und die Reaktion Araels abzuwarten.
Dieser war wie in Trance versunken und magisch von dem Lichtschein des Steines angezogen, der pulsierend und wärmend in alle Richtungen ausströmte.
Die gesamte Lichtung war in einen hellen Lichtschein getaucht.
Was Faelon nicht wusste, Arael aber allzu klar sein musste, war die Tatsache, dass nun durch Faelon das hohe Risiko bestand, gleich zwei Sternensteine völlig an das Nichts zu verlieren und zusätzlich ohne einen weiteren Stein zu Narake zurück-kehren zu müssen, da er die übrigen Steine verloren hatte. Das wollte Arael um jeden Preis verhindern, denn es würde sein Schicksal besiegeln.

Der Dämon ließ Valimaro kommentarlos zu Boden fallen, der unsanft auf dem nassen Untergrund aufschlug, seine Hände an den Hals legte und keuchend nach Luft ringend auf allen Vieren auf diesem hocken blieb.
Dann wandte sich Arael Faelon zu und hob beim Gehen das Breitschwert auf, welches er vorhin fallen ließ und das sich sofort bei seiner erneuten Berührung sofort entlang der Klinge entflammte und wie eine Fackel die Dunkelheit der Nacht er-hellte. Dies alles geschah ohne eine einzige Geste oder ein weiteres Wort von Arael.
Der Feind der Elben schritt langsam auf Faelon zu, den Blick fest und zielgerichtet auf den leuchtenden Sternenstein gerichtet, der dem Wächter zu Füßen lag.
Faeldirs Sohn lächelte dem unbekannten Gegner entgegen, denn er hatte sein Ziel erreicht und Valimaro durch sein Handeln die Gelegenheit gegeben, sich kurz zu erholen, um kurz darauf wieder in den Kampf eingreifen zu können.
Valimaro rappelte sich seinerseits leicht auf und umfasste sein Schwert, als er unerwartet von einem innerlichen Schmerz in seinem Kopf getroffen wurde, der ihn erneut zu Boden warf.
Der Druck in seinem Schädel ließ den Wächter an seinen Gliedmaßen verkrampfen und er zitterte stark, als sich die Stimme Araels in lauten Tönen in seinen Verstand einhämmerte in einer Sprache, die er nicht verstand.
Valimaro kniete sich hin und hielt sich eine Hand an den Kopf, die andere an die Halsstelle, wo Arael ihn vorhin berührt hatte.
Die Haut des Elben brannte an dieser Stelle sehr.
Der unbekannte Feind war schon etliche Meter weiter vorangegangen und hatte den Abstand zwischen Faelon und sich auf wenige Schritte verringert, sodass sich beide Kontrahenten auf kürzester Distanz gegenüberstanden.
Diesmal legte Faelon den Kopf schräg, lächelte Arael spöttisch an und sprach zu ihm:
„Was mag das nur für ein Gefühl sein, versagt zu haben und diesen Stein hier zu verlieren? Warum kommst du nicht noch dichter und forderst ihn zurück Dämon?“
Arael blieb diesmal vollkommen ruhig und ernst.
Kein Anflug eines Lachens oder das Anzeichen einer Verhöhnung war ihm anzumerken, als er sachlich auf Faelons Kommentar antwortete:
„Deine Worte sind vollkommen bedeutungslos für mich Wächter, denn deine Elbenklinge ist nicht im Stande, einen Sternenstein zu zerstören. Ich lasse mir lediglich Zeit mit euch beiden, weil ich mich stets daran erfreute und mich auch jetzt vergnügen werde, deinesgleichen zu vernichten, Sternenkind. Solch eine Nacht wie heute habe ich viel zu selten in dieser Welt und da werde ich jeden Moment für mich auskosten, bevor der neue Tag anbricht.“

Faelons Augen funkelten wütend bei diesen Worten und er schluckte einmal, bevor er Folgendes sagte:
„Nun, dann ist das hier wahrscheinlich nicht möglich…“ Der Elb ließ den Beidhänder auf den Stein niederschnellen.
Mit einer schwungvollen Bewegung schlug das Schwert ein.
Ein lauter Knall war daraufhin zu hören.
Anschließend das Geräusch von zerberstendem Metall, als der Großteil der Klinge in kleine und größere Bruchstück zerfiel und der Elb erstaunt auf die Überreste seines Schwertes blickte, von dem nicht mehr viel übrig war.
Faelon hielt von seinem Breitschwert lediglich den Griff mit einem Bruchteil der Schneide in den Händen.
Der Sternenstein zu seinen Füßen hatte zwar ein paar deutliche Kratzer abbekommen und schien im Inneren etwas zersplittert zu sein, aber das Licht strahlte unentwegt aus dem Stein und hatte durch diese Attacke nichts von seiner Kraft oder Helligkeit eingebüßt. Der Lichtschein blendete Arael etwas, sodass er den Blick leicht abwendete.
Er senkte seine Klinge und musterte den Elben vor sich, als er ruhig zu ihm sprach:
„Hast du ernsthaft daran geglaubt, dass es so einfach wäre? Dass du dieses kostbare Gefäß der Energie mit bloßem Elbenstahl zerstören kannst? Hat euch denn niemand über diese Art von Steinen aufgeklärt? Sind die Kinder des Lichts so verblendet und haben vergessen, was es damit auf sich hat? Narake wird sehr dankbar darüber sein, dass die Elben in all den Zeitaltern vergessen haben und ihre Nachkommenschaft in diesem Zeitalter unwissend und töricht ist.“
Faelon ballte seine Hände zu Fäusten zusammen und atmete nun schneller:
„Du hast in dieser Nacht meine engsten Freunde ermordet, darunter meinen Schildbruder Candron. Ich werde dich dafür bis in alle Ewigkeit jagen und dich nicht davon kommen lassen, ganz gleich, welche Lügen du erzählst und welchen Hohn du über mein Volk auch ausschütten magst.“
Sein Gegenüber legte den Kopf nun seinerseits schräg auf die Seite:
„Ich hätte ahnen müssen, dass du Valimaro die Sternensteine abgenommen und sie mit dir in das Waldlandreich geführt hast. Aber dass du wirklich so naiv und einfältig bist und dieselben Steine wieder mit in den Schattenhain bringst, quasi zurück zu mir, das hätte ich nicht erwartet. Und dies spricht nicht gerade für dich und den messerscharfen Verstand der Elben, meinst du nicht auch?“
Faelon entgegnete daraufhin rasch:
„Wer hätte denn ahnen können, dass so ein widernatürliches Scheusal wie du hier sein Unwe-sen treibt. Aber du irrst dich, wenn du glaubst, deine Anwesenheit würde unbemerkt bleiben. Wenn die Sonne morgen Mittag am höchsten steht und unsere Abwesenheit meinem Vater Sorgen bereiten wird, dann werden andere Wächter kommen und den Schattenhain nach dir absuchen. Deine Präsenz wird aufgedeckt werden und du wirst fortan ein Getriebener sein, wenn die Grünwaldgarde nach dir sucht.“

Arael wirkte bei dieser Aussage nun doch belustigt und grinste Faelon an.
„Das denke ich nicht. Thranduil ist nicht dafür bekannt, sich um Angelegenheiten zu scheren, die außerhalb seines Reiches liegen und morgen, wenn die Sonne am höchsten steht, werde ich bereits jenseits der Grenzen des Waldlandreiches sein und du wirst dann bereits schon seit einigen Stunden aus dieser Welt verschieden sein und niemand wird sich an dich oder die Geschehnisse der heutigen Nacht zurückerinnern, Faelon Schwarzdorn. Was übrig bleiben wird ist der Schmerz zum Zeitpunkt deines Ablebens, wenn ich dich aus dieser Welt tilgen werde. Nichts wird dann noch von dir da sein und kalte Dunkelheit wird dich umfangen.“

Ein bewusst lautes Räuspern war hinter Arael zu hören.
Er drehte sich nach seinen Worten herum und wirkte ein wenig überrascht.
Valimaro stand seitlich hinter ihm und blickte ihm voller Abscheu entgegen, in der einen Hand hielt er das Elbenschwert des verbrannten Wächters und in der anderen eine kleine Glasphiole, die an die Tinkturen Cunivieths erinnerte, die sie in ihrem Heim aufbewahrt hatte.
Als sich ihre Blicke trafen, begann der Wächter zu sprechen:
„Du bist sehr dumm, wenn du denkst, unser Volk wäre töricht und unwissend. Hast du tatsächlich geglaubt, es wäre so einfach Arael? Das Cunivieth die Sehende mich nicht in den Künsten der Steine unterwiesen hätte? Das ich nicht wüsste, wie ich die Oberfläche eines Sternensteines so verändern kann, dass bloßer Elbenstahl ausreicht, um ihn zu zerstören? Cunivieth wäre sicherlich sehr dankbar, wenn sie wüsste, dass wir dir die Sternensteine nicht überlassen und sie durch Zerstörung vor dir bewahrt haben.“
Arael streckte voller Panik seinen rechten Arm in Richtung Valimaro aus und begann schnell Worte einer düsteren Sprache zu murmeln, um ihn gefügig zu machen.
Aber er war nicht schnell genug.
Denn in demselben Augenblick trat Faelon beherzigt an Arael heran und in einem schnellen Schwertstreich durchschnitt er den ausgestreckten Arm Araels an der Stelle, wo die mit Krallen gespickte Klaue ansetzte.
Mit einem starken Hieb seiner zerbrochenen Klinge schlug er Arael seine rechte Klaue ab.

Ein donnernder, düsterer Schreckensschrei hallte durch die Lichtung, als Arael seine tiefe Erschütterung und Wut über diesen körperlichen Verlust lautstark zum Ausdruck brachte.
Dann schlug er plötzlich mit seiner linken Klaue nach Valimaro, der sich beherzigt zur Seite drehte, allerdings nicht rechtzeitig genug, um diesem Schlag komplett ausweichen zu können.
Arael zerfetzte die rechte Hüfte des Wächters und einen Großteil des Rückens, als seine scharfen Krallen den Umhang durchdrangen und die Lederrüstung sowie die Haut des Elben an diesen Stellen aufrissen.
Unter starken Schmerzen taumelte Valimaro nach hinten, während Faelon Arael nachsetzte und den Griff seines zerbrochenen Schwertes gegen dessen Rücken schlug.
„Argggg!!!“, brüllte Arael erneut, wirbelte schnell herum und löste in dieser Bewegung die Hand Faelons vom Schwert, sodass dieser unbewaffnet vor ihm stand.
Doch Faeldirs Sohn verpasste Arael fast in der gleichen Bewegung einen kräftigen Faustschlag gegen dem scharfkantigen Kopf, auf dass Arael etwas nach hinten geschleudert wurde.
Valimaro hatte sich unterdessen wieder gefangen, ignorierte den pochenden Schmerz an seiner Hüfte und blendete diesen vollkommen aus, um wieder in Richtung Arael und Faelon zu treten.
Doch plötzlich spürte er wieder einen heftigen Druck in seinem Kopf, als Araels Stimme erneut zu ihm sprach und ihn niederzwang.

Jetzt hielt sich der Wächter beide Hände seitlich an den Kopf und konnte spüren, wie sich Arael seinen Weg in seinen Verstand bahnte, sich langsam in seine Gedanken einnistete und ihn langsam auf den Boden festnagelte.
Mit letzter Kraft öffnete Valimaro den Verschluss der kleinen Glasphiole und legte sie dann angekippt neben sich auf den Boden.
Arael war sich nun mit aller Kraft gegen Faelon und schmiss ihn und sich zu Boden.
Schwarzes Blut, das unentwegt aus der starken Verletzung am rechten Arm des Dämons hervorströmte überdeckte Faelons Brustharnisch sowie sein Gesicht.
Wie eine zerstörerische Säure fraß sich das schwarze Blut in die Wächterrüstung und verätzte auch das Gesicht des Elben, der unter starken Schmerzen aufschrie und versuchte, den unbekannten Feind mit seinen Armen von sich herunter zu schieben.
Aber Arael hatte bereits die linke Klaue an den Hals des Wächters gelegt und sprach mordlüsternd zu Faelon:
„Ich fürchte, ich werde mein Versprechen nicht einhalten können und doch nicht auf deinen Gebeinen tanzen. Denn ich werde dir zeigen, was mit Kreaturen passiert, die einen Teil von mir herausreißen, Wächter.“
Faelon drehte sein Gesicht in Richtung des scharfkantigen Kopfes seines Gegenübers und sprach:
„Ich glaube deine Lügen nicht und bin es langsam leid, sinnlose Gespräche mit dir führen zu müssen Dämon.“
Daraufhin trat Faelon kräftig gegen den Sternenstein, der in der Fußnähe seines linken Stiefels ruhte und ließ diesen dadurch geschwind auf dem nassen Waldboden in Richtung Valimaro davon schnellen.

Der Schildbruder Baradans wusste sofort, was er daraufhin zu tun hatte.
Auch unter den Qualen, die er durch das Eindringen von Araels Geist erdulden musste, verschüttete er die klare Flüssigkeit über den Sternenstein und suchte bereits sein Elbenschwert, das nur wenige Meter entfernt von ihm lag.
„NEIN! Das wirst du nicht tun!“ Arael ließ Faelon wieder los, richtete sich schnell auf und eilte dann zu Valimaro, gleichzeitig verstärkte er auch sein Eindringen in dessen Verstand und überzog den Wächter mit fürchterlichen Schmerzen, die ihn erneut an Armen und Beinen verkrampfen ließen.

Arael war kurz davor, Valimaro zu erreichen, als er von einem Pfeil in den Rücken getroffen wurde.
Unter einem lauten Schmerzensschrei bäumte sich Arael auf und fasste sich mit seiner linken Klaue an die Schussverletzung an seinem Rücken.
Er blickte tobend zurück, als der Pfeil bereits nach seiner Berührung verbrannte und größtenteils zu Boden abfiel.
Faelon stand mit erhobenen Bogen in Kampfhaltung dort, wenige Meter hinter ihm, und legte bereits einen zweiten Pfeil in die Sehne, um anschließend damit erneut auf Arael zielen zu können.
„Das hier wird dein Untergang sein Dämon!“ Faelon wollte den nächsten Pfeil losschnellen lassen, aber Arael verließ augenblicklich den Geist Valimaros, nur um gleich darauf in den Verstand Faelons einzudringen und diesen erneut das Augenlicht zu nehmen.
Der Elb war auch diesmal schockiert über den Verlust seiner Sehkraft, allerdings ließ er die Bogensehne los, sodass der Pfeil auf Arael zu flog.
Dieser wich ihm allerdings aus und brüllte Faelon entgegen:
„Um dich kümmere ich mich noch früh genug! Also lass mich zuerst diesen Elb vernichten, bevor wir beide es zu Ende bringen!“

Valimaro, der jetzt vom Eindringen Araels befreit war, krabbelte vor ihm davon und hatte schon etliche Meter zwischen sich und dem Feind gut gemacht, als ihn erneut ein innerlicher Schmerz durchzog und ihn an Ort und Stelle festnagelte.
Arael kam langsam auf den Wächter zu geschritten und rief ihm hinterher:
„Flieh nur vor mir, du Feigling. Es gibt kein Entkommen vor der Dunkelheit und kein Morgen für dich.“
Unter großer Anstrengung umklammerte Valimaro das Elbenschwert, das er beim Davonkriechen vom Waldboden aufgelesen hatte und stach mit diesem auf den Sternenstein ein.
Die Oberfläche bröckelte leicht und der Wächter zerkratzte den Stein weiter, als Arael plötzlich dicht neben ihm stand und sah, was er dort tat.

„Leider zu spät, Wächter des Waldes. Umarme die Nacht und begrüße deinen Mörder Valimaro.“
Mit diesen Worten griff Arael nach dem Wächter, doch was war das?
Faelon Schwarzdorn preschte mit voller Wucht gegen den Feind der Elben und warf ihn und sich durch den Aufprall zu Boden.
Beide rangen miteinander auf den Boden und Arael gab den Verstand Valimaros wieder frei, um sich auf Faelon zu konzentrieren, der ihn mit aller Kraft in den nassen Waldboden drückte und ihn aus blinden Augen heraus ansah.
„Tu es endlich Vali!“, schrie Faelon unter großer Mühe, als Arael in seinen Geist eindrang.

Valimaro zögerte keinen Moment länger, er richtete sich schnell auf und schlug mit der Elbenklinge auf den Sternenstein ein, immer und immer wieder.
Arael, der unter Faelons Gewicht auf dem Boden festgehalten wurde schrie entsetzt, als er sah, wie das Licht des Sternensteins zu flackern begann:
„NEIN! WAS TUTST DU DA! HÖR SOFORT AUF DAMIT!“
Aber es war bereits zu spät, Valimaro hieb fortwährend auf den Sternenstein ein und die Energie floss aus diesem, als der Stein endlich in mehrere Bruchstücke zerbrach und der Lichtschein vollends erlosch.
Ein ohrenbetäubender, tiefer Schrei Araels, der den beiden Elben durch Knochen und Mark ging, ertönte und die Augen des Dämons glühten plötzlich leuchtend rot vor Wut und Bestürzung über den Verlust eines weiteren Sternensteins.
Faelon versuchte, Arael weiter nach unten zu pressen und am Boden zu halten, aber dieser hatte nun genug von den Spielchen im Wald.
Araels Kraft wurde durch seinen Zorn beflügelt und er drückte Faelon langsam, aber stetig von sich herunter.
Dieser bemerkte, dass sich das Blatt zu seinen Ungunsten wandte und blickte zu Valimaro, der nicht wusste, was jetzt zu tun war:

„Lauf Vali! Lauf und berichte unserem Volk von diesem Wesen! Flieh und erzähle allen, was hier geschah.“, brüllte der geblendete Faelon in Valimaros Richtung.
Der Wächter nickte Faeldirs Sohn kurz zu und rannte dann so schnell er konnte zu den Baum-reihen, aus denen er vor einiger Zeit auf die Lichtung getreten war.
„NEIN!“, rief Arael dem Wächter hinterher und drückte Faelon schließlich von sich herunter.
Und in Gedanken flüsterte der Feind der Elben folgende Worte in Valimaros Verstand:
„Du kannst rennen und versuchen, vor mir zu entkommen Valimaro, aber du wirst nicht weit kommen. Nichts kann dich vor mir und meinem Zorn retten!“
Valimaro hielt sich daraufhin beide Hände an den Kopf und versuchte, die innerliche Stimme, die ihn auf seiner Flucht durch den Schattenhain befiel, abzuschütteln.
Die Stellen an seinem Hals, wo Arael seine Klauen aufgelegt hatte, glühten rot und brannten fürchterlich.

Unterdessen hockte Faelon neben Arael und keuchte.
Der Elb kniete dicht vor Arael, wohlwissend, nun aus dieser Welt zu scheiden.
Sein halbes Gesicht war vom schwarzen Blut des Dämons verätzt worden und er konnte nichts mehr sehen, seitdem ihm das Augenlicht genommen wurde.
Resignierend schloss er seine blinden Augen und sprach mit brüchiger Stimme zu Arael, der gerade wutentbrannt die porösen Überbleibsel des zerstörten Sternensteins beäugte:
„Mein Stolz hat mich in diese Lage gebracht und mit Stolz werde ich aus dieser Welt gehen.“

Nachdem er dies gesagt hatte, blickte Arael zu ihm und entgegnete ihm:
„Nein, Faelon Schwarzdorn, du wirst blind, taub und stumm aus diesem Leben scheiden und niemand wird sich jemals an dich erinnern.“
Dann nahm ihm Arael durch bloßes Zusprechen einiger Worte in seinen Verstand für immer das Augenlicht, das Gehör, die Stimme und ließ den Elben schließlich körperlich gebrochen zu Boden fallen.
Mit dem letzten Rest seines Gehörs konnte Faelon seinen Peiniger vernehmen, als dieser leise und deutlich in sein Ohr flüsterte:
„Du wirst jetzt einsam nach Norden gehen und immer weiter gehen, ganz gleich, ob deine Füße schmerzen und dich weiter tragen können. Du wirst solange gehen, bis du den Wald deines Volkes hinter dir gelassen hast und dann wirst du immer noch weiter gehen, bis du schließlich in den Waldfluss stürzt und dort jämmerlich ertrinkst. Und das wird dann dein ruhmloses Ende in dieser Welt sein, Faelon Schwarzdorn. Auf deinem Weg in dein nasses Grab sollen dich Gedanken an dein Versagen hier quälen und die tadelnde Stimme deines Vaters wird das Letzte sein, was du innerlich hören wirst, bevor du auf der Wasseroberfläche aufschlägst.“

Tränen der Angst und Verzweiflung liefen Faelon bei diesen Worten über die Wangen, doch es war zu spät.
Sein Geist war schon von Arael zerbrochen und der Körper des Elben erhob sich wie von selbst und ging langsam in Richtung Norden, vorbei an der Hausruine und verschwand dann in den Baumreihen.
Und niemand der Waldelben sollte Faelon Schwarzdorn jemals wieder lebend zu Gesicht bekommen.

Als Faeldirs Sohn den einsamen Weg geschritten war, blickte Arael in Richtung des Körpers des Rudelanführers und kam auf diesen zu.
Als er dicht neben dem Tier stand, berührte er dessen Kopf kurz mit seiner verbliebenen Klaue und sprach zum Warg:
„Erhebe dich, mein nützlicher Diener. Du bist noch nicht verschieden und ich brauche deine Hilfe nun, geschwind.“
Als er die Klaue von dem riesigen Warg nahm, kam dieser zu sich und hechelte nach Luft.
Nach einigem Zögern kam der Rudelanführer zunächst wacklig, nach ein paar Schritten jedoch wieder sicher auf seine Beine und senkte seinen Kopf vor Arael.
Dessen Augen leuchteten immer noch rot vor Zorn der letzten Minuten, schließlich herrschte er den Warg neben sich an:
„Worauf wartest du noch? Ruf deine beiden Jäger zusammen und dann müssen wir uns auf die Jagd nach Valimaro begeben. Er wird nicht weit kommen, ich kann seinen Verstand noch immer erfassen und ihm Schmerzen zuführen. Doch wir müssen uns beeilen. Der Tag bricht schon bald an. Lass mich auf deinen Rücken steigen und trage mich durch die Nacht.“
Kaum hatte er dies ausgesprochen, heulte der mächtige Warg auf und rief seine beiden Rudeltiere heran, die vor vorhin in Panik vor dem Kampf mit den Elben geflohen, jedoch in die Nähe geblieben waren.
Nach ein wenigen Augenblicken traten die beiden Warge in das Sichtfeld Araels und zeigten sich unterwürfig, als der Rudelanführer sie jaulend tadelte und ihnen Anweisungen zu knurrte.
Währenddessen starrte Arael hinaus in die stille der Nacht.
Jetzt musste er sich nur noch um den flüchtigen Elben kümmern. Etwas irritiert sah er auf die schwere Wunde an seinem rechten Arm.
Er musste sich bald heilen, aber dies war nur mithilfe von Machtquellen möglich.
Abschätzend blickte er nach Süden, in die Richtung, wo die Grünwaldberge lagen und der verzauberte Waldfluss entsprang.
Diese Quelle sollte für die Versorgung einer derartigen Wunde ausreichend sein, bevor er sich auf den langen Weg Richtung Norden zu Narakes Festung aufmachte.
„Lasst uns den letzten Elben jagen.“, rief Arael den Wargen entgegen, die daraufhin laut aufheulten, dann die Fährte des Wächters aufnahmen und davon preschten.
Arael lächelte zufrieden, drang erneut in den Verstand Valimaros ein und bestieg anschließend den Rücken des Rudelführers.

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 25

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Dienstag 6. Februar 2018, 16:17

Valimaro Taurthir

„…das war das letzte Mal, dass ich Faelon Schwarzdorn lebendig gesehen habe.“ Valimaro war gerade dabei, seine Ausführungen zu beenden, als Faeldir unaufgefordert aus den Reihen der im Thronsaal anwesenden Elbenfamilien hervortrat und das Wort an den Wächter richtete:
„Aber wie könnt ihr euch damit so sicher sein? Warum sollten wir euch auch nur einen Funken von dem glauben, was ihr uns gerade geschildert habt?“ Faeldir stand in einem pechschwarzen Gewand vor Valimaro und in seinen tief liegenden Augen hatten sich Tränen der Verzweiflung und Angst gesammelt, weil der Elb im Innersten seines Herzens wusste, dass Valimaro die Wahrheit ausgesprochen und der Vater nun Gewissheit über das Schicksal seines Sohnes hatte.
Thranduil räusperte sich schließlich und sprach entnervt:
„Ihr vergesst euch, Faeldir Schwarzdorn, wie könnt ihr ernsthaft daran zweifeln, was der Wächter uns eben mitgeteilt hat? Glaubt ihr tatsächlich, dass Valimaro in das Waldlandreich zurückgekehrt ist, um Lügen zu erzählen?“
Faeldirs Kiefer verkrampfte sich und er schluckte die Wut, die er immer noch in sich trug, herunter:
„Gewiss, mein König. Es ist nur so, dass ich erwartet hätte, Valimaro hätte mehr über das Schicksal meines Sohnes zu berichten.“
Kaum hatte Faeldir diese Worte ausgesprochen, da drehte er sich auch schon um und war gerade dabei, in der Reihe der Elben zu verschwinden, aus der er hervorgetreten war.
Aber es waren die Worte Valimaros, die ihn plötzlich in seiner Bewegung inne hielten ließen:
„Ich habe den zertrümmerten Körper eures Sohnes gefunden, Meister Schwarzdorn.“
Voller Verbitterung und mit hasserfülltem Gesicht drehte sich Faeldir herum und starrte Valimaro entsetzt an:
„Wie kannst du es nur vagen, mir vor versammelten Hofe, derartige Lügen aufzutischen!“
Der Wächter sprach unvermittelt weiter in Richtung Faelons Vater:
„Ich fand die Überreste eures Sohnes zusammen mit meinen Gefährten, etwa drei bis vier Monate nachdem Faelon und ich zusammen gegen Arael im Schattenhain gekämpft hatten.“
Faeldirs Kinn begann zu beben und er würde sein Wimmern nicht mehr lange unterdrücken können, mit brüchiger Stimme sprach er verbittert:
„Kannst du diese Behauptungen auch beweisen Valimaro?“
Nachdenklich griff der Wächter daraufhin erneut in die Satteltasche, die er sich mittlerweile um die Hüfte gebunden hatte und zog einen kleinen Gegenstand aus dieser heraus.
„Wir entdeckten Faelons Leichnam am Südufer des Celduin. Er hatte sich an einem Geäst an einem Prallhang des Flusses verhakt. Ich erkannte sofort, dass es sich um einen Wächter der Grünwaldgarde handelte, denn die blutrote Ausrüstung war für mich unverkennbar und Faelon hatte diese nicht abgenommen und auch sein prachtvoller Helm war immer noch gut zu erkennen.“
Valimaro machte eine Pause und drehte den kleinen Gegenstand in seiner Hand.
„Als ich dichter an den leblosen Körper herantrat, ahnte ich bereits, wer dort zwischen den Ästen eingeklemmt lag.
Gewissheit hatte ich aber erst, nachdem ich dem Toten die Halskette abnahm und sie mir genauer anschaute.
Faeldir sprach nun mit weicher Stimme, voller Trauer und in dem Wissen, dass Valimaro die Wahrheit gesprochen hatte:
„Faelon trug die Schildbrosche Candrons immer an einer Kette um seinen Hals. Niemals hätte er sie freiwillig hergegeben oder verschenkt. Habt ihr meinen Sohn also gefunden?“
Valimaro ging auf Faeldir zu und hielt ihm am ausgestreckten Arm die offene Handfläche entgegen.
Mit zittrigen Fingern ergriff Faelons Vater die Schildbrosche seines Sohnes und streichelte diese sanft.
Es war jene einzigartige Schildbrosche, in die die Namen Faelon und Candron eingraviert waren.
Beide Wächter waren in der Nacht im Schattenhain von Arael getötet worden.
Tränen liefen Faeldir die Wangen entlang, als er die Schildbrosche seines Sohnes in seiner Hand drückte und diese schließlich zur Faust ballte.
Kurz dachte Valimaro darüber nach, was Faelon ihm und auch seiner Familie angetan hatte und was er alles zu ihm vor der Nacht im Schattenhain gesagt hatte.
Doch diese Gedanken waren mit den Jahren bereits verblasst und der Wächter hatte sich mit den Ereignissen arrangiert.
Für ihn zählte in diesem Moment mehr das Vermächtnis seines alten Rivalen und so sprach er:
„Faelon hat in dieser Nacht mehr Mut bewiesen, als ich es bei einem anderen Elben vorher je sah. Ihr könnt stolz auf euren Sohn sein. Ohne ihn hätten wir es nicht geschafft, Arael zu bezwingen.“
„Habt ihr, habt ihr…..?“, fragend blickte Faeldir Valimaro an, der bereits zu antworten anfing:
„Ich befreite Faelon aus seinem nassen Grab, sammelte alles ein, was ich an Kleidung von ihm am Fluss entdecken konnte und wir begruben ihn am Rande des Grünwaldes, wie er es sich gewünscht hätte. Wenn ihr möchtet, markiere ich euch die ungefähre Stelle auf einer Karte, dann könnt ihr persönlich Abschied von Faelon nehmen.“
Faeldir fasste nun mit beiden Händen die Schultern Valimaros, drückte diese fest und schaute dem Wächter dabei tief in die Augen:
„Ich danke dir, Valimaro.“
Beide Elben nickten sich zu, dann wandte sich Valimaro wieder König Thranduil zu, der die vorherige Szenerie aus Rücksichtnahme toleriert hatte.
„Ihr konntet Arael die Steine also abnehmen und habt ihn seiner gerechten Strafe zugeführt?“
Valimaro wirkte jetzt wieder sehr nachdenklich und verlor sich in Erinnerungen, die er erst kürzlich gemacht hatte.
Mit einem leichten Seufzer sprach er schließlich zum König:
„Wir haben Arael letztlich besiegen können und ihn für seine Verbrechen bestraft.
Allerdings ist es nicht so einfach, wie ihr vielleicht vermutet.“
„Ich habe nicht behauptet, dass es einfach gewesen wäre, Valimaro. Es besteht also keine Gefahr mehr für das Waldlandreich?“
Der Wächter überlegte kurz, dann antwortete er ruhig:
„Arael ist tot. Von ihm geht keine Bedrohung mehr für das Waldlandreich aus, ich fürchte allerdings, dass diese Kreatur nicht alleine gehandelt hat und sein wahrer Auftraggeber versteckt sich im Dunkeln des Grauen Gebirges. Erst, wenn wir den Meister bezwingen, wird die Gefahr für den Grünwald beseitigt werden.“
Thranduil ließ den Wächter aussprechen, dann trat er dicht an Valimaro heran, sodass das Folgende nur von ihm gehört werden konnte:
„Sprecht davon nicht weiter im Thronsaal, aber berichtet mir persönlich darüber. Trefft mich heute Abend erneut hier im Thronsaal, alleine. Dann möchte ich weiter mit euch darüber reden. Für den Moment ist es von Vorteil, darüber Stillschweigen zu bewahren.“
Valimaro nickte dem König zu.
Dann richtete Thranduil das Wort laut an Valimaro, sodass jeder im Thronsaal die folgenden Worte vernehmen konnte:
„Valimaro hat sich als würdiger Wächter des Waldes erwiesen und mir meine gestohlenen Sternensteine wiedergebracht. Darüber hinaus hat er das Wesen Arael zur Strecke gebracht und dem Waldlandreich damit einen weiteren großen Dienst erwiesen. Deshalb bestimme ich, Thranduil vom Waldlandreich, Folgendes: Valimaro wird für unschuldig aller ihm zu Lasten gelegten Verbrechen erklärt und darf in seine Heimat zurückkehren. Des Weiteren soll Valimaro für seine Verdienste fortan den Beinamen Taurthir tragen, um seine Leistungen für seine Heimat nachhaltig zu würdigen.“
Daraufhin ertönte donnernder Beifall von beiden Seiten des Thronsaals und Jubelrufe waren vereinzelt zu hören, als manche den Namen Taurthir lautstark durch die Halle des Königs riefen.
Allerdings stand Valimaro leicht abwesend dort, inmitten seiner Wiederkehr und wusste nicht, wie er diese Situation für sich einschätzen sollte.
Vieles hatte er dem König noch gar nicht erzählt, manches von entscheidender Wichtigkeit, doch wollte er sich dies nun für die Privataudienz am Abend aufsparen, wenn sie beide unter sich waren.
Als der Applaus etwas abgeklungen war und manche der Elben damit begannen, zu gehen oder sich mit anderen Familien im Thronsaal zu unterhalten, machte sich Valimaro nach einer förmlichen Verabschiedung vom König auf, den Thronsaal zu verlassen.
Beim Rausgehen griff ihn Calavel Weißhaupt am Arm und lächelte ihn an:
„Valimaro, wohin bist du so schnell unterwegs? Kann das nicht bis nach einer gemeinsamen Unterredung mit mir warten?“
Freundlich, aber bestimmt entgegnete Valimaro darauf:
„Tut mir leid, Meister Weißhaupt, aber ich habe einer alten Freundin einst ein Versprechen gegeben und werde sie zunächst besuchen, bevor ich mich auch zu euch begeben werde.“
Mit diesen Worten riss sich der Wächter etwas unsanft vom Griff Calavels und ließ den alten Elben erstaunt im Thronsaal zurück.
Nachdem er die Hallen des Königs verlassen hatte, beeilte sich Valimaro, um schnell in den Schattenhain zu gelangen, wo er schon erwartet wurde.

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 26

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Sonntag 18. Februar 2018, 20:29

„Und so schlägt alles Wellen, was Wellen schlagen soll und du beeinflusst mit deinen Schritten die Schritte Dritter.“
Cunivieth an Valimaro

Die Schritte Dritter

Eisige Kälte herrscht an jenem Ort, der tief verborgen im Norden jenseits der letzten Bäume liegt.
Der raue Wind peitscht die zerklüfteten Felswände und steilen Hänge entlang und tobt unentwegt auf den hohen, schneebedeckten Gipfeln der Berge.
Kein vernunftbegabtes Wesen Mittelerdes verirrte sich je an diesen einsamen Ort, der bewusst gewählt worden ist und weit abgelegen von allen bekannten Wegmarken liegt.
Ein nebelartiger Schleier hüllt jenen verborgenen Ort seit jeher in einen trügerischen Zustand der Ruhe und Abgeschiedenheit, der neugierige Zweifler über seine wahren Absichten hinwegtäuscht, die wahrhaftig tief im Inneren des großen Gebirges liegen.
Hoch oben, etwas versteckt und zwischen zwei gewaltigen Felsmassiven begrenzt, auf die das Sonnenlicht kaum scheinen kann, ragt ein imposantes Steinplateau als Felsvorsprung in den wolkenverhangenen Himmel gen Südosten empor.
Das eine Ende reicht weit in die Wolkenverbände hinein und verschwindet schließlich in deren undurchsichtigen Tiefen, während das andere Ende in einen riesigen Höhleneingang gipfelt, der von der Schwärze der Dunkelheit ausgefüllt wird.
Dieser riesige Eingang ist so hoch und massiv, dass ein gigantischer Olifant ohne Mühe hineinpassen und in der Dunkelheit der Höhle vollends verschwinden würde. Eine unnatürliche Stille herrscht hier seit langem.
Unvorstellbar, dass diese gewaltige Höhle natürlichen Ursprungs ist.
Kälte und Tod strömen unablässig als verheißungsvoller Luftzug aus dem Höhleneingang, welcher tief in den Berg hineinführt und sich dort in ein schier endloses System verzweigt, gleich einem undurchdringlichen Labyrinth, das bewusst zum Schutz angelegt worden ist. Und wie ein gewaltiges Tor, das in einen endlos langen, schwarzen Abgrund führen mag, ragt der Höhleneingang zwischen den steilen Felswänden empor und würde jeden Besucher abschrecken, der sich hierher verirren sollte, doch bisher betrat kein Wesen des Lichts dieses Felsplateau.
Langsam kamen aus dieser Höhle bösartige Gestalten, eingehüllt in lange, schwarze Mäntel, die ihre Gesichter vor fremden Blicken abschirmten, auf den vorgelagerten Felsvorsprung hervor.
In dutzenden Reihen schritten die Wesen aus dem Dunkeln der Höhle und gruppierten sich zu beiden Seiten der Felswände. Immer mehr Kreaturen der Finsternis drängten sich aus der Schwärze der Höhle heraus und versammelten sich auf dem Felsplateau in mitten des Grauen Gebirges, wo jener Ort liegt, gut versteckt und abgeschirmt vor den Wissenden der Außenwelt.
Unter den Dienern der Nacht waren kleinere und größere Wesen, Kreaturen mit der Statur eines Orks oder Uruks und Erscheinungen, die vom Körperbau eher an einen Menschen oder einen Höhlentroll erinnerten.
Trotz ihrer Unterschiedlichkeit war ihnen allen eines gemeinsam, denn sie alle trugen dieselben schwarzen Gewänder und schwiegen sich an.
Kein Geräusch war zu vernehmen.

Und wie sie sich dort versammelten und anschwiegen, landeten zwei riesige Kreaturen auf der anderen Seite des Felsplateaus sicher im Schutz der Wolken.
Die Wesen der Höhle hatten sich bereits zu beiden Seiten des Höhleneingangs eng aufgereiht und ihre Blicke waren leer und voller Boshaftigkeit, als ihre Augen zu den beiden Kreaturen huschten, deren Silhouetten plötzlich aus den Wolkenfetzen hervortraten. Deutlich und gut sichtbar für alle Anwesenden.
Beide Gestalten waren vom Aussehen nahezu identisch und überragten alle anderen Diener um ein gutes Stück an Körpergröße.
Die gezackten Hörner, mit denen ihre schmalen Köpfe abschlossen, verliehen den beiden etwas Absonderliches und gleichzeitig Gebieterisches.
Und beide trugen Sie anstelle eines Gesichts eine weiße Maske mit jeweils zwei roten Streifen unterhalb der Augenhöhlen.
Diese wie Theatermasken aussehenden Fratzen standen im scharfen Kontrast zu ihrem übrigen Körper, der ganz und gar nicht menschlich wirkte.
Als die beiden Zwillinge in die Mitte des Kreises der Kreaturen der Finsternis getreten waren, begann der Linke von ihnen mit düsterer, kraftvoller Stimme zu den Anwesenden zu sprechen:
„Seid willkommen Brüder in diesem Saal. Als wir versammelt waren beim letzten Mal galt unsere Aufmerksamkeit dem Schatten, der im Osten erwuchs, doch soll uns dies nicht weiter bekümmern.“
Der wortführende Zwilling ließ seinen Blick durch die versammelte Menge der anwesenden Diener schweifen und zischte, als er ein Gesicht nicht in deren Reihen erspähen konnte.
„Wo ist Arael?“
„Er wurde vom Meister damit beauftragt, die Steine des Nordens ausfindig zu machen und hierher zu bringen.“, zischte es leise aus der linken Reihe der versammelten Diener.
Der andere Zwilling grinste unter seiner weißen Maske bei dieser Aussage und entgegnete rasch zur linken Reihe der Anwesenden:
„Dann wurden wir deshalb hierher zurückgerufen? Hat Arael etwa versagt?“
Nun trat ein größerer Diener von rechts zu den Zwillingen in die Mitte und antwortete ihnen:
„Der Meister ist bereits geweckt worden und ließ uns heute hier versammeln, um seine weiteren Pläne zu enthüllen.“
Beide Zwillinge schauten sich schnell in die Augen.
Es war überhaupt kein gutes Zeichen, wenn Narake in seiner Festung aus seinem Jahrtausendschlaf geweckt wurde, um seine Pläne neu mit ihnen abstimmen zu müssen.
Etwas musste gewaltig schiefgelaufen sein, das wussten die Zwillinge in diesem Augenblick nur zu gut.

Dann bebte schon leicht die Erde unter ihnen und das Geräusch eines tiefen Atemzugs, der die Wände des Höhleneingangs erzittern ließ, dröhnte aus dem Inneren des Labyrinths der Höhle nach draußen zu ihnen.
Alle anwesenden Diener sanken sofort auf ihre Knie und drückten ihre Gesichter voller Ehrfurcht und Angst zu Boden, manche schlossen gar ihre Augen.
In einem Kreis, mit den beiden Zwillingen in ihre Mitte, hockten alle anwesenden Diener Narakes auf dem kalten Steinboden und warteten auf ein Zeichen ihres Meisters, der sich tief in der Finsternis des Höhleneingangs verbarg.

Es war absolut nichts zu hören.
Lediglich der Wind fegte über das Felsplateau und heulte an dem gewaltigen Höhleneingang entlang.
Der Geruch von Fäulnis, Tod und Asche strömte nun sehr intensiv aus der Höhle empor und ließ keinen Zweifel daran, dass diese Höhle das absolute Gegenteil von Leben bedeutete.
Lange ließ Narake seine Diener vor der Höhle warten und nur das fortwährende Ausströmen des Geruchs von Tod und Asche verriet seine unmittelbare Präsenz für alle anwesenden Diener.
Schließlich sprach der Herr der Festung mit gewaltiger, düsterer Stimme, sodass alle Diener durch seine Kraft noch stärker auf den Boden gedrückt wurden, sich seine Stimme in ihre Köpfe einbrannte und dort als lautes Echo widerhallte:

„Wer seid ihr?“
Alle Diener sprachen im Gleichklang und ohne Verzögerung als Antwort darauf:
„Wir sind Narake!“
„Wem alleine dient ihr?“
Alle Anwesenden sprachen erneut im Gleichklang und ohne eine Unterbrechung:
„Wir dienen Narake!“
„Erhebt euch, meine Werkzeuge des Schattens.“
Narake, der nicht aus der Höhle zu ihnen hervortrat und dessen Stimme lediglich für alle Anwesenden laut und deutlich zu hören war, ließ seine Dienerschaft aufstehen.
Als die Kreaturen der Finsternis einen Halbkreis um den Höhleneingang gebildet und auch die beiden Zwillinge sich in diesen eingereiht hatten, sprach Narake weiter zu ihnen:
„Sauron ist tot! Nach ihm wird nun nicht mehr gesucht. Ich glaube nur Lügen und verachte das Licht. Aus den Gräbern und Ruinen werden Tote auferstehen und alle Hoffnung wird vergehen, wenn ich die Nacht über diese Welt hereinbrechen lasse. Was mir bestimmt ist wird auch geschehen.“
Eine kurze Pause setzte ein, dann leuchteten plötzlich zwei riesige, lidlos rote Augen aus der Dunkelheit der Höhle hervor und diese nahmen von ihren Ausmaßen her fast den gesamten Durchmesser des Höhleneingangs für sich ein.
Eine riesige Kreatur der Schatten lauerte dort in der Finsternis und starrte hinaus zu seiner Dienerschaft.
Sein Blick durchbohrte alle Anwesenden prüfend und zwang die Kreaturen, die sich vor der Höhle versammelt hatten, in Demut und Angst den Kopf zu Boden zu senken.
Niemand vagte es, Narake in die Augen zu schauen.

Die rotglühenden Augen Narakes suchten die beiden Zwillinge in den Reihen seiner Diener aus.
Als er sie ausfindig gemacht hatte, sprach Narake mit kraftvoller Stimme weiter:
„Unsere Ordnung ist das Chaos. Verändern heißt Zerstören. Malrog und Malkar bringt mir meine übrigen Seelensteine augenblicklich hierher zurück und vernichtet ihn.“
Die beiden Zwillinge lächelten unter ihren weißen Masken und tauschten flüchtige Blicke aus.
Dann antworteten sie beide mit fast demselben Zungenschlag:
„Ja, Meister! Betrachtet diesen Auftrag bereits als erledigt.“

Die Zwillinge wollten sich gerade daran machen, aufzustehen, als die Stimme Narakes erneut, diesmal aber wie ein donnerndes Gewitter über das Felsplateau hinwegfegte und er alle Diener mit seinen Worten erneut zu Boden warf:
„Niemand kennt unsere Namen. Niemand kennt unsere Verstecke. Niemand kennt unsere Absichten. Ihr tragt mit eurer Existenz dafür Sorge, dass das auch so bleibt.“
Nach diesen Worten erloschen die roten Augen in der Dunkelheit und alle Diener Narakes schauten zu Malrog und Malkar auf, den beiden Zwillingen, die soeben ganz klare Instruktionen von ihrem Meister erhalten hatten.
Die Zwillinge nickten sich einander zu und drehten sich um.
Während die übrige Dienerschaft geräuschlos wieder in der Schwärze der riesigen Höhle verschwand, traten Malrog und Malkar den Wolken der Nacht entgegen und stimmten sich gedanklich ab, wo sie ihre Suche beginnen sollten.
„Wir sollten uns aufteilen, dann finden wir ihn schneller, Bruder.“
„Das klingt nach einem guten Plan, ich werde die alte Festung im Süden bereisen und dort meine Suche beginnen, du reist entlang des Flusses und arbeitest dich dann nach Süden durch.
Wir treffen uns in der Mitte. Meide jeglichen Elbenkontakt mit den Waldelben dort. Verwische alle Spuren. Du hast unseren Meister gehört.“
Malrog nickte bei diesen Worten seines Bruders.
Dann stiegen beide Kreaturen der Finsternis mit ausgebreiteten Schwingen hinauf in die Luft und kreischten, als sie auseinandergingen und damit begannen, ihren Auftrag auszuführen.

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 27 Epilog - Der Abschied (Ende der Geschichte)

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Mittwoch 28. Februar 2018, 18:44

Epilog - Der Abschied

Die Sonne hatte ihren Tageshöchststand bereits weit überschritten, als Valimaro endlich den Schattenhain erreichte.
Mit Gefühlen der Sehnsucht, aber auch der Trauer und Enttäuschung vergangener Tage und Wochen durchstreifte der Elb das Waldstück, das unmittelbar vor der ehemaligen Heimstätte Cunivieths gelegen war.
Valimaro breitete seine Arme aus und berührte mit seinen Händen zunächst zögerlich, dann jedoch mit Leichtigkeit und ohne Zaudern etliche Baumstämme, an denen er vorbei kam, so, als wenn sie ihm nicht fremd wären und er sie wie alte Freunde begrüßte, die er eine geraume Weile nicht mehr gesehen hatten.
Der Wächter schloss die Augen und dachte an die Momente zurück, als er die ersten Male sorgenfrei und ohne Bedacht in diesen Teilen des Grünwaldes auf Erkundung gegangen und sie sich kennengelernt hatten.
Seine Schritte verlangsamten sich und Valimaro hielt plötzlich inne, um den Geruch, der diesen Ort vor so vielen Jahren ausgemacht hatte, mit seinem Atem einzuziehen, doch vergeblich.
Der Schattenhain war nicht mehr derselbe ohne sie und der Zauber, der diesem Waldgebiet einst zu eigen gewesen war, war nun vollends verflogen.
Im Zwielicht der Bäume, die, gemessen an ihrer Anzahl, hier nun deutlich abnahmen, verschwammen Erinnerungen an ihr Aussehen, als sie sich hier zuletzt ohne Angst oder Gefahr begegnet waren.
Die Zeit mit ihr war viel zu kurz gewesen, das schmerzte den Wächter innerlich immer noch zutiefst und diese Narbe würde bleiben, das wusste er.

Mit ein paar ihrer Lieblingsblumen, die er zuvor in stiller Einsamkeit gepflückt hatte, trat Valimaro schließlich auf die Lichtung vor der Heimstatt Cunivieths.
Der Elb blickte in Richtung des Hauses der Elbin, von dem nun absolut nichts mehr übriggeblieben war.
Denn dort, wo sich einst die kleine Holzhütte Cunivieths befunden hatte, hatte sich die Natur den Raum zurückerobert.
Unzählige kleinere und größere Wildgewächse, Beerensträucher und Blumen verdichteten sich auf dem einstigen Steinfundament und nur noch vereinzelt spähten kleinere Steinbröckchen unter dem vielen Grün hervor, die einen flüchtigen Hinweis auf das ehemalige Haus Cunivieths preisgaben.
Der dahinterliegende Garten der Elbin war komplett überwuchert und es war nicht mehr zu erkennen, wo das Grundstück endete und der Wald begann, alles versank in einem Meer aus grünen Farben der unzähligen, verschiedenen Pflanzenarten, die sich dort ausgebreitet hatten.
Unmittelbar vor dem einstigen Haus Cunivieths schlängelte sich noch immer der schmale Pfad den Hügel zur linken Seite hinauf.
Und auf diesem Weg, der zu beiden Seiten vom Waldesrand begrenzt wurde, stand Epona, die hellbraune Stute Muriells und graste friedlich am Wegesrand.
Nicht weit von ihr entfernt lehnte die Elbin an einem nahen Baum und hatte Valimaro bereits erspäht, als dieser auf den Weg trat und zu ihr sprach:
„Es ist eine sehr lange Reise bis nach Bruchtal, Muriell. Hatten wir uns nicht darauf geeignet, dass es das Beste wäre, wenn du sofort dorthin zurückkehrst? Was machst du also noch hier?“
Muriell löste sich von ihrer Position und kam auf den Elben zu.
Ihr langes, blondes Haar hatte sie nicht wie üblich zu einem Zopf nach hinten aufgeflochten, sondern ließ es offen über ihre Schultern abfallen.
Der Blick ihrer hellgrünen, klaren Augen ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Diskussion von Vorgestern für sie noch nicht zu Ende war.
Mit verschränkten Armen vor ihrer Brust trat sie Valimaro bis auf wenige Schritte entgegen und antwortete ihm ruhig:
„Ich weiß, aber ich wollte dich nicht einfach so hier zurücklassen. Vielleicht hast du dich noch umentschieden und kommst nun mit mir?“
Valimaro seufzte und senkte seine Arme.
„Das haben wir doch alles schon besprochen gehabt. Unsere gemeinsame Reise endet hier Muriell. Ich werde dein Leben nicht noch einmal aufs Spiel setzen.“
Die Elbin prustete bei seinen Worten aus:
„Muss ich dich schon wieder daran erinnern, dass ich nicht immer von dir beschützt werden muss. Ich habe uns auch schon das ein oder andere Mal aus schwierigen Situationen errettet.“
Valimaro schüttelte den Kopf:
„Das hier ist etwas anderes Muriell und das weißt du auch.“
Eine kurze Pause trat zwischen beiden ein, bis Muriell schließlich weitersprach:
„Es waren auch meine Freunde und Weggefährten, Vali. Gib dich nicht der falschen Annahme hin, ich wäre nicht auch zutiefst erschüttert von diesem Verlust.“
Muriell trat dicht an ihn heran und legte eine Hand auf seine Schulter, dann sprach sie weiter zu ihm:
„Du hast dir nichts vorzuwerfen, sie haben sich für diesen Weg entschieden gehabt, Valimaro. Sie sind aus Freundschaft und Überzeugung mit uns gegangen und wie hätten wir ahnen können, was dort auf uns zukommt? Lade dir nicht die Lebensschuld für ihren Tod auf deine Seele. Das tue ich auch nicht.“

Valimaro trat ein paar Schritte von der Elbin weg und wandte seinen Blick von ihr ab.
„Du verstehst es nicht Muriell. Ich habe erneut versagt, obwohl ich ständig im Glauben war, dass wir es schaffen können. Ich hätte auf Cunivieth hören und den Grünwald niemals verlassen sollen. Ohne meine Entscheidungen würden sie heute noch leben und wir….“
Muriell winkte ab und unterbrach den Elben:
„Hör auf damit, Valimaro. Ich bin nicht umgedreht, um mir deine Selbstvorwürfe noch einmal anhören zu müssen. Das ist nicht der Elb, mit dem ich Arael am Waldfluss stellte und besiegte. Und gerade jetzt bräuchten ich diesen Elben umso dringender.“
Der Wächter drehte sich wieder zu Muriell und erwiderte:
„Muriell, du warst auch dabei. Du hast gesehen, was sie uns angetan haben und ihre Drohung war mehr als eindeutig. Ich bin innerlich von diesen Ereignissen völlig zerrissen, ich will kein weiteres Leben für meine egoistischen Ziele mehr riskieren.“
Die Elbin wurde nun lauter in ihrem Tonfall:
„Wenn wir jetzt damit aufhören, zu kämpfen, erst dann wären ihre Opfer umsonst und unsere letzten Jahre der Suche vergebens und vergeudet. Hast du schon einmal darüber nachgedacht?“
Valimaro schluckte bei diesen Worten und antwortete dann:
„Sie sind für immer fort Muriell. Das ist das Einzige, woran ich im Augenblick denken kann.“
Wieder suchte die Elbin die Nähe zum Wächter und trat ein paar Schritte auf ihn zu:
„Dann lass sie uns nicht vergessen und wir nehmen uns die Zeit, um angemessen um sie zu trauern. Auch mein Herz brennt bei den Gedanken, was ihnen schreckliches angetan wurde. Doch denke ich auch an die Zukunft und daran, was wir unternehmen könnten….“
Valimaro wurde nun deutlich lauter und energischer:
„Was wir unternehmen könnten? Es gibt kein wir mehr, Muriell. Unsere Gemeinschaft zerbrach bei dem Versuch Narake zu finden. Wir sind vermutlich von Anfang an in die Irre geführt worden und seiner Festung nicht einmal auf 1000 Schritte nahe gekommen. Soviel Leid für nichts. Das ist erschütternd.“

Stille herrschte zwischen den beiden, als Muriell schließlich nach einigen Herzschlägen weitersprach:
„Und, was gedenkst du jetzt zu tun? Willst du Narake alleine aufspüren und gegen ihn kämpfen?“
Valimaro schüttelte den Kopf:
„Ich habe heute Abend eine Audienz bei König Thranduil und werde ihm über unsere Reise Bericht erstatten und darüber aufklären, mit wem oder was wir es zutun bekamen. Ich werde ihn ersuchen, mir zu helfen.“
Muriell prustete aus:
„Ähm. Thranduil wird dich nicht erhören, er kümmert sich nur um das Waldlandreich. Alles, das jenseits dieser Grenzen liegt, ist ihm schlichtweg egal. Ganz gleich, ob du ihm alles erzählen wirst oder nicht. Und dann, willst du dich anschließend auf den Weg zur Festung Narakes machen, obwohl du nicht einmal weißt, wo diese genau liegt, geschweigedenn, was dir dort bevorsteht?“
Valimaros Gesichtszüge verhärteten sich bei ihren Worten, dann sprach er:
„Das alles muss dich nicht mehr kümmern. Bitte lass mich jetzt allein. Versprich mir, dass du nach Bruchtal aufbrichst, so wie wir es die Tage besprochen hatten.“
Muriell seufzte und wurde dann sehr ernst:
„Also ist das jetzt der Moment unseres Abschieds voneinander? Nach all dem, was wir beide zusammen erlebt und durchgestanden haben? Hier trennen sich nun unsere Wege und ich soll in Bruchtal mit der Zeit alles vergessen, was in den letzten Jahren geschehen ist?“
Valimaro trat in Richtung des Gartens Cunivieths und wandte seinen Blick von der Elbin ab.
Als er zwei weitere Schritte von Muriell fort getreten war sprach er über seine rechte Schulter hinweg zu ihr:
„Ich werde nicht auch noch ein viertes Grab für dich ausheben und für deinen Tod verantwortlich sein Muriell. Das musst du verstehen. Lebe wohl, sicher und lang.“
Innerlich schmerzte dem Elben diese kalte Verabschiedung von seiner Freundin, doch war es ihm nicht anders möglich.
Nur durch die Bitterkeit seiner Worte war es ihm momentan möglich, größeres Unglück für Muriell abzuwenden und sie nicht in den Abgrund mitzunehmen, der für ihn bestimmt war.

Valimaro ließ die Elbin einsam auf dem schmalen Pfad zurück und bahnte sich mit dem frisch gepflückten Strauß der schönen Lichtblühten in seinen Händen einen Weg durch die hohen Gräser und streifte langsam in den einstigen Garten Cunivieths, der völlig vom Wildwuchs des Waldes überwuchert und nicht mehr als gepflegter Garten zu erkennen war. Als er nach ein paar Metern an die Stelle trat, wo damals der Spiegelteich gelegen war, musste der Elb feststellen, dass anstelle des einstigen stillen Gewässers nun ein größerer, weißer Steinhügel aufgeschichtet worden war und dieser von seinen Ausmaßen her den gesamten Raum des einstigen Spiegelteichs umfasste.
Valimaro war sofort klar, was das war.
Langsam schritt er auf das Steingrab Cunivieths zu und berührte die kalten und glatten Steine an der Oberfläche.
In liebevollen Erinnerungen versunken fühlte der Elb äußerlich die Steine, die auf dem Grab Cunivieths lagen und spürte gleichzeitig den inneren Schmerz des Verlustes und ein tiefes Gefühl der Traurigkeit und des Kummers füllte sein Herz und seine Seele. Als der Elb einmal um die letzte Ruhestätte seiner Freundin geschritten war, stützte er sich auf einigen Steinen ab und sprach zu sich selbst:
„Ich danke dir Baradan, dass du dieses Versprechen eingehalten hast und sie ihre geliebte Heimat nicht verlassen musste.“
Der Elb schloss für einen kurzen Moment die Augen und hockte sich neben die aufgeschichteten Steine.
„Ich bin gekommen, um mich bei dir entschuldigen Cunivieth. Ich war ein Narr, als ich deine Warnung in den Wind schlug und nicht auf dich hören wollte. Ich konnte dich einst nicht beschützen und auch meine Weggefährten habe ich bei dem Versuch verloren, deinen Tod zu rächen. Du hast mich bei unserer letzten Begegnung davor bewahren wollen, deinen Mörder aufzuspüren und wolltest mich vor Unheil bewahren.“
Valimaro schluchzte.
Seine Augen wurden glasig und füllten sich mit Tränen.
„Ich habe erneut versagt. Es tut mir so unendlich leid.“
Hinter Valimaro erklangen leise Geräusche, als eine Person langsam an ihn herantrat.
Der Elb wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und legte anschließend den Strauß Lichtblüten mittig auf das steinernde Grab.
Dann sprach er über in Richtung Muriell:
„Ich verabschiede mich gerade von Cunivieth.“
Die Elbin trat dicht neben Valimaro und legte einen Arm um ihn, um diesen etwas Trost zu spenden:
„Sie hat dir soviel bedeutet. Auch wenn ich sie nie kennenlernen durfte, so danke ich ihr dafür, dass sie dich so viele Dinge lehrte und dir stets eine gute Freundin gewesen ist.“

Valimaro löste sich etwas von ihr und schaute zu ihrer Hand.
Dort hielt Muriell ein in schwarzen Ledereinband gebundenes Buch, das viele Seiten umfasste.
Der Elb schaute ihr nach einem flüchtigen Blick auf das Buch in die hellgrünen Augen:
„Möchtest du mir jetzt, hier am Grab meiner Freundin, etwa Geschichten vortragen?“
Valimaro prustete Luft aus und stapfte ein paar Meter vom Steingrab weg, als Muriell vorzulesen begann:
„…‘und ich bin Artax, Sohn des Keldin, schön, euch kennen zu lernen. …Ich werde mich euch anschließen und gegen eure Feinde kämpfen, denn ihr habt meiner Familie den größten Dienst erwiesen Valimaro, Sohn des Valimaras‘….“
Muriell stockte und schlug ein weiteres Kapitel auf, das sie mit einem roten Lesezeichen markiert hatte und las weiter:
„…und sie schloss Valimaro in die Arme und küsste ihn zärtlich zum Dank auf die linke Wange, dann sprach sie zu ihm: ‚wenn ihr eine Heilerin aus Thalland gebrauchen könnt, so würde ich mich euch und eurer Unternehmung gerne anschließen wollen. Hier gibt es nun nichts mehr für mich zu tun.“
Valimaro spannte beim Vortragen dieser Zeilen seine Muskeln an und ballte seine Hände zu Fäusten.
Muriell blätterte weiter und begann, erneut vorzulesen:
„…und nie hatte Valimaro eine tiefere Freundschaft zu einem Menschen empfunden, als zu ihm in diesem Moment. Beide sahen sich tief in die Augen und wussten, dass sie sich auf ewig aufeinander verlassen konnten. Und niemals hat Valimaro über einen Menschen höheres Lob ausgesprochen, als über ihn, den er seinen kleinen Bruder nannte.“
Erneut liefen dem Wächter in diesem Moment Tränen der Trauer über die Wangen und fielen auf den Waldboden.
„…und so sprach er zu seinen Gefährten: ‚Niemals wollen wir Narake mit seinem Werk davon kommen lassen, auch dann nicht, wenn uns etwas zu Boden wirft. Wir fünf haben zuviel erlebt und miteinander geteilt, um jetzt umzukehren. Lasst uns gemeinsam Schwerter ziehen und hinaus in die Nacht schreiten, um dem Bösen zu trotzen und Mittelerde von diesem Ungeheuer zu befreien. Ich glaube an uns.‘…“

Valimaro sank bei den letzten Worten auf den Boden und begann bitterlich zu weinen.
Muriell klappte das Buch zu und trat nach einigen Augenblicken auf den Elben, den sie so aufgelöst noch nie erlebt hatte.
„Valima….“, begann sie zu formulieren, doch dieser unterbrach sie folgendermaßen:
„Wir haben noch nicht einmal etwas von ihnen bekommen, um sie anständig zu bestatten, nur ihre Namen sind uns geblieben. Und die Erinnerungen.“
Muriell beugte sich zu ihm auf den Boden:
„Lass uns ihre Namen nicht vergessen und das, für das wir in all den Jahren zuvor gemeinsam eingestanden sind.“
Valimaro erhob sich vom Boden und wischte sich erneut die Tränen aus seinem Gesicht. Dann schritt er an Muriell vorbei zurück zum Steingrab Cunivieths und berührt die obersten, weißen Steine zärtlich und streichelte ihre Oberfläche.
In Gedanken an Cunivieth verloren sprach er schließlich:
„Weißt du, was ihre letzten Worte an mich waren?“
Eine kurze Pause verstrich und der Elb sagte weiter:
„Bevor sie starb, meine ich?.“
Langsam fuhr der Wächter mit seinen Fingern die glatte Steinoberfläche entlang und dachte an das Lachen Cunivieths, die Sprüche von Artax, die Güte der besten Heilerin aus Thalland und die Herzlichkeit seines besten Freundes unter den Menschen, den er liebevoll als seinen kleinen Bruder bezeichnete.
„Nein.“, antwortete Muriell. „Bis auf dieses eine Mal vor etlichen Jahren, hast du nie von jener Nacht erzählt, als Cunivieth in deinen Armen starb. Was flüsterte sie dir zum Abschied?“
Valimaro wurde sehr ernst und erinnerte sich:
„Sie sagte in ihrer Sprache, die ich damals noch nicht beherrschte, ‚Suche nicht nach Narake, kehre um, bevor du dich in der Dunkelheit verlierst und der Kummer dich verzehren wird.‘
Damals ahnte ich nicht, was ihre Worte bedeuten könnten, weil ich alles verloren glaubte, was ich zu beschützen versprochen hatte. Welcher Kummer sollte mich da noch heimsuchen? Aber in diesem Augenblick, wo ich jetzt hier vor ihrem Grab stehe, weiß ich nur zu gut, was sie mir damals sagen wollte.“
Muriell trat wieder an den Wächter heran und lehnte ihren Kopf an seine linke Schulter:
„Lass sie uns hier neben ihr im Schattenhain begraben und ihrer zum Abschied gedenken. Hier ist ein ruhiger und schöner Ort dafür, wir können uns die Zeit nehmen, um gemeinsam um sie zu trauern Vali.“
Der Elb schloss die Augen und nickte nach einem kurzen Moment des Nachdenkens.

Und gemeinsam sammelten die beiden Elben aus der umliegenden Umgebung und dem ehemaligen Hausfundament kleinere und größere Steine, die sie zusammen zu drei gleich großen Hügeln aufschichteten, die knapp einen Meter über dem Waldboden ragten und die sie nebeneinander unmittelbar vor Cunivieths Steingrab errichteten. Es dauerte den ganzen Nachmittag, aber zum frühen Abend hin hatten sie es endlich geschafft.
Beide Elben stellten sich schweigend vor die Gräber ihrer Freunde und schwelgten gemeinsam, doch jeder für sich, in vielen Erinnerungen an die vier schmerzlich Vermissten.
Schließlich wandte sich Muriell ab und ging schluchzend in Richtung ihrer Stute Epona.

Valimaro blieb noch eine Weile einsam vor den Gräbern stehen und verabschiedete sich von seinen Weggefährten.
Dann griff er in eine seiner Taschen und holte ein schwarzes Pergament hervor, auf dem elbische Schriftzeichen in Quenya eingraviert waren.
Langsam schritt er auf das Steingrab Cunivieths zu und löste einen der größten, oberen Steine auf dem Grab.
Unter diesem klemmte er das Pergament ein und achtete darauf, dass der Wind es nicht im nächsten Augenblick davon tragen würde.
Dann berührte der Elb ein letztes Mal den weißen Steinhügel, drehte sich anschließend in Richtung Muriell um und ging ihr langsam nach, ohne sich noch einmal umzusehen.
Als Valimaro auf dem schmalen Weg angekommen war und Muriell erblickte, die gerade dabei war, die Satteltaschen an Epona festzuzurren, sprach er zu ihr:
„Bleib noch ein paar Tage bei mir und meiner Mutter im Waldlandreich. Die Audienz können wir noch abwarten und danach zusammen entscheiden, was zu tun ist.“
Muriell nickte dem Elben zu.

Nach einigem Zögern sprach Valimaro erneut zu ihr:
„Hast du sie beendet?“
Muriell hielt in ihrer Bewegung inne:
„Die letzten beiden Kapitel fehlen mir noch. Diese fallen mir…..sehr schwer aufzuschreiben.“
„Dann lies mir nur die vorherigen Kapitel vor, die übrigen zwei schreiben wir gemeinsam, wenn wir um sie getrauert haben.“
„Einverstanden.“ Muriell lächelte etwas.
Valimaro erwiderte das Lächeln und fragte:
„Wie wirst du das Buch nennen?“
Muriell überlegte nur kurz, dann antwortete sie darauf:
„Vom Suchen und Finden der Freundschaft.“
Valimaro nickte:
„Ein guter Titel für dieses Buch. Magst du mir vorlesen, wie und wo die gemeinsame Reise begann und was wir alles zusammen erlebt haben? Ich möchte in fröhlicheren Erinnerungen schwelgen.“
„Lass uns zunächst zu deiner Mutter reiten und dort lese ich dir vor, was ich damals in Bruchtal alles niederschrieb über unsere gemeinsamen Abenteuer und über uns fünf.“

Und so stiegen Valimaro und Muriell auf Epona und ritten langsam in Richtung des Waldlandreichs, während der Wind im Schattenhain lauter zu heulen begann.

Auf dem Grabhügel, unter einem weißen Stein eingeklemmt, flatterte ein schwarzes Stück Pergament, auf dem elbische Zeilen eingraviert waren, die vom Suchen und Finden der Liebe im Nachtwald berichteten.
Leider war unter dem Stein nur die erste Strophe zu erkennen und wenn der Wind eine Stimme gehabt hätte, so hätte er dort, unter der mit Kupfer verzierten Darstellung eines kleinen Glitzerfalters, sanft folgende Worte geflüstert:

„Einsam verloren im Nachtwald war ich,
zu Suchen die Liebe kam ich,
zwischen hohen Bäumen träumend fand ich,
dein Herz so weich und band mich.
Gemeinsam gefunden sind wir,
im Nachtwald träumend zusammen hier,
auf das ich die Liebe nicht mehr verlier.“


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