Mittsommer

Geschichten aus Tolkiens Welt vom Herrn der Ringe und anderen Werken.
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Blundo
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Mittsommer

Ungelesener Beitragvon Blundo » Donnerstag 22. Juni 2017, 00:08

Mittsommer

Schweiß perlte von der Stirn des alten Zwerges und verfing sich in seinen buschigen Augenbrauen, von wo er sie kurz darauf mit dem Handrücken wegwischte. Doch immer wieder fanden einzelne der salzigen Schweißtropfen einen Weg in Murils Augen und brannten dort unangenehm. Es war viel zu warm für diese Jahreszeit und noch viel wärmer als dass es der Zwerg noch auf Dauer hätte ertragen können.
Selbst hier auf seinem Posten in den Nebelbergen brannte die Sonne ohne Erbarmen nieder und hatte sogar einige der höheren Gipfel vom Schnee befreit. Wenn es so weiterginge würde auch Murils nähere Umgebung abschmelzen, was ihn in die unangenehme Situation brächte, dass er seines Trinkwassers beraubt würde.

Mittsommer, der längste Tag des Jahres. Einige Völker Eriadors feierten diesen Tag mit Freudenfeuern, Tanz, Gesang und Köstlichkeiten für Magen und Seele. Muril jedoch blieben diese Feierlichkeiten in diesem Jahr verwehrt, denn es war zu dieser Zeit an ihm über den kleinen Pass, der von nordwestlich des Caradhras kam, sich an dessen Ostflanke entlang zog und dann letztlich nordöstlich des Fanuidhol in die Ebene bis hin zum großem Fluss führte, zu wachen. Erst vor ein paar wenigen Jahren wurde der Pass entdeckt und seitdem nur sehr selten genutzt. Für Handelszüge war der Pass nicht geeignet denn oftmals verengte sich der Weg bis auf wenige Fuß breite und nicht selten kam es vor das linkerhand eine steile Bergflanke nach oben führte, während sich rechterhand, und nur einen Schritt entfernt, ein gewaltiger Abgrund auftat, der alles und jeden zu verschlingen vermochte.
Dennoch wurde an diesem Pass vor kurzem ein Beobachtungsposten eingerichtet. Dieser sollte nicht dazu dienen mögliche Feinde aufzuhalten sondern ungewöhnliche Bewegungen zu melden, so dass man anderer Orts entscheiden konnte, wie mit einer möglichen Bedrohung zu verfahren sei.

Murils Blick fokussierte sich wieder auf den Pass der zwischen die Berge führte. Immer häufiger fiel es ihm schwer klare Strukturen zu erkennen. Der Schnee reflektierte das grelle Sonnenlicht, so dass er oft seinen Blick abwenden oder die Augen schließen musste um der Schneeblindheit entgegenzuwirken.
Leise fluchte der Zwerg in seinen Bart und trank darauf einen tiefen Schluck Wasser, das er aus geschmolzenem Schnee gewonnen hatte. Dieser Tag würde noch viele Stunden andauern, die Sonne noch lange auf sein Haupt brennen. Früher war er die Hitze gewohnt, die von den Schmiedefeuern ausging, der Glut der vielen Feuerstellen in den Hallen unter dem Berg. Viele Jahre ist es nun her dass er einen Schmiedehammer in der Hand hielt. Wie viele Jahre es inzwischen waren wusste Muril nicht mehr zu sagen, doch seinem Empfinden nach waren es zu viele. Einige Jahre vor seinem letzten Tag an der Schmiede hatte sein Fluch begonnen. Eines Morgens spürte er einen leichten Schmerz in den Gelenken seiner rechten Hand. Wenig Beachtung schenkte er diesem Schmerz, der nur den Anfang eines langen Leidens bezeichnen sollte.

Über viele Monate und Jahre hinweg traten die Schmerzen immer wieder auf und verblassten wieder, doch nur um stärker zurückzukehren. Anfangs fiel es ihm noch leicht Hammer und Zange zu halten, doch nur allzu bald spürte er, dass die Schläge auf den Stahl und die Kraft des Aufschlages ihm wie Nadeln in die Gelenke fuhren. Immer tiefer und tiefer, immer heißer und stechender wurden die Schmerzen, bis er sich selbst eingestehen musste, dass seine Tage an der Esse gezählt waren. Doch die Zwerge vergessen einander nicht und Muril wurde eine neue Aufgabe zu Teil bei der er weiterhin seinen Beitrag leisten konnte. Er wurde für ein Jahr der Späher von Kibil-Inbar, dem Silberhorn. So nannte man einen auffällig geformten Gletscher, der sich der Form eines Hornes zwischen den Gipfeln ergoss und zur Mittagsstunde, wenn die Sonne Ihren Zenit erreichte, besonders auffällig glitzerte. Einige Vermuteten dass die Eisstruktur dort eine besondere sei und das Licht daher auf diese ungewöhnliche Art und Weise reflektiere, doch gab es hier keine Gewissheit, da sich noch niemand den Weg zu diesem Gletscher hinauf getraut hatte.

Muril nahm den Krug in die linke Hand und streckte die Finger seiner Rechten. Nur langsam konnte er sie in die gewünschte Stellung bringen und wie seit langem, nicht ohne Schmerzen. Er hatte den Eindruck, dass die Hitze des Tages die Schmerzen erneut verschlimmert hatten, weshalb er sich vornahm seine Hand später in den Schnee zu tauchen um die Glieder zu kühlen. Vielleicht würde ihm dies wieder etwas Linderung verschaffen.
Einige Zeit saß Muril auf dem Stein von dem aus er Tag für Tag den Pass betrachtete. An manchen Tagen war er glücklich darüber, dass er alleine war, doch an anderen Tagen vermisste er die Gesellschaft seines Volkes. Einzig die Raben die er in einem Käfig hielt,leisteten ihm Gesellschaft, doch für ein Gespräch taugten sie nichts. Er drehte sich zu dem Käfig und zählte die Tiere. Noch waren es drei Tiere, das bedeutete dass an weniger als drei mal zehn Tagen seine Ablösung kommen, und er wieder zum Erebor zurückkehren würde. Kurz überlegte er wann er den nächsten Raben mit seinem Bericht zum Königreich unter dem Berg schicken musste und entschied, dass dies in sieben Tagen der Fall sein würde. Auch dieses Mal würde er melden dass auf dem Pass alles ruhig sei.

Wieder fand eine Schweißperle Ihren Weg in eines seiner Augen und brannte dort erneut unangenehm. Der Sommer stand noch vor seinem Höhepunkt und wenn er das Wetter richtig deutete, würde sich in den kommenden Tagen auch keine Änderung ergeben. Mühsam erhob sich Muril von seinem Stein und spürte, wie seine Leinentunika vor Schweiß an seinem Körper klebte. Es war widerlich und unangenehm dies so zu spüren doch er konnte sich momentan dahingehend keine Linderung verschaffen. Wind kam dieser Tage nur selten auf, was zumindest für die Bergregion ungewöhnlich war.
Schwerfälligen Schrittes trat Muril zu seiner kleinen mit Bruchstein gut getarnten Unterkunft. In dieser war es zwar deutlich kühler, aber sie erlaubte ob Ihres Aufbaus und Lage leider keinen vollständigen Überblick über den Pass, so dass er die Beobachtung zu seinem Leid immer vor der Unterkunft tätigen musste.
Gelangweilt kontrollierte er ob die Krähen noch genügend Wasser und Nahrung in Ihrem Käfig zur Verfügung hatten. Nachdem er die sechstletzte Krähe fort gesandt hatte, begann er den Tieren Namen zu geben, wahrscheinlich um sich nicht allzu einsam zu fühlen. Gromnoil, Alfarist und Gaumnir waren die letzten drei. Bei Gaumnir hatte Muril immer den Eindruck dass er ihn fragend und fordernd anblickte. Von Zeit zu Zeit meinte Muril etwas von der sprichwörtlichen „Rabenschläue“, die man diesen Tieren nachsage, in seinen Augen zu erkennen.
„Na, Kleiner, Du kannst es wohl auch nicht abwarten von hier wegzukommen, was?“ sprach der Zwerg zu dem Raben. Der Rabe drehte und neigte seinen Kopf, so dass er mit seinem linken Auge direkt in die Murils blickte. Einen kurzen Augenblick bildete sich der Zwerg ein, der Rabe habe ihm zugezwinkert, doch den Gedanken verwarf er gleich wieder. Das musste an der Hitze liegen… der langen Hitze des Mittsommertages. Jede seiner Bewegungen ließ Muril noch mehr schwitzen und so dauerte es nicht mehr lange bis der alte Zwerg einen der kleinen Zettel nahm, die er für die kurzen Berichte nutzte, den Kohlegriffel ansetzte und mit schmerzenden, zittrigen Händen zu schreiben begann:

>> Den Kibil-Inbar zwicken keine Wanzen, er schlummert weiterhin in Ruhe. Die Sonne brennt auf sein Haupt so dass er seine Pracht verliert.<<

Kurz überlegte Muril ob er wirklich einen Zusatz unter die Nachricht setzen sollte. War es wirklich ratsam bereits jetzt einen Raben zu senden? Ein Schweißtropfen der sich von seiner Nase löste, auf das Papier fiel und sich dort leicht mit der Kohle vermengte nahm ihm die Entscheidung ab und er schrieb noch ein paar wenige Worte zusätzlich hinzu.
Nach dem er dies getan hatte nahm er Gaumnir aus seinem Käfig und band ihm die Nachricht an das Bein. Es war nicht zu verhehlen dass auch dies ihm mit der Zeit immer schwerer fiel. Seine Hände würden wohl bald zu gar nichts mehr zu gebrauchen sein. Doch darum wollte er sich heute keine weiteren Gedanken machen. Nachdem er den sicheren Sitz der Nachricht geprüft hatte entließ er den Raben in die Lüfte und blickte ihm noch lange nach. Stechend brannte ihm die Sonne in seinen Nacken, während er dem Tier weiter mit seinen Blicken folgte, bis es im Osten nicht mehr zu erkennen war.

Das erste Mal seit längerer Zeit fühlte Muril so etwas wie Erleichterung und Freude, wobei das Wort Vorfreude wohl besser passen mochte. Langsam, um nicht noch mehr zu schwitzen ging Muril zu seinem Stein zurück um die Beobachtung des Passes fortzuführen. Freudig dachte er an die gerade versandte Nachricht und insbesondere die zuletzt notierten Worte gaben ihm die Illusion einer Linderung bis er die hohen Temperaturen fast nicht mehr spürte. Lange noch hallten die Worte an diesem Tage in seinem Kopf, während er schwitzend und mit schmerzenden Händen, aber lächelnd, auf seinem Stein saß.

Wenige Tage später, als Gaumnir am Erebor eingetroffen war, war man zuerst irritiert und alarmiert darüber, dass ein Rabe derart außer der Zeit eintraf. Man befürchtete schon eine schlimme Meldung zu erhalten, doch die Nachricht Murils beruhigte zuerst und belustigte zuletzt. Laut lachend las die diensthabende Wache an der Vogelwacht den Bericht, der mit den Worten:

„… und schickt mir mehr Bier hier hoch“

endete.
Wenn Soße das Essen nicht lecker werden lässt, hast Du nicht genug davon auf den Teller gemacht :D

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