Charaktervorstellung - Valimaro Teil 1

Geschichten aus Tolkiens Welt vom Herrn der Ringe und anderen Werken.
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Valimaro
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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 11

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Sonntag 1. Oktober 2017, 12:30

Das Zwischenspiel

Cunivieth führte den Elben etwas tiefer in den Schattenhain und dachte dabei über ihn nach. Sie wusste bereits seit einiger Zeit, dass der Tag ihrer Begegnung zugleich ihr beider Schicksal besiegeln sollte, das hatte sie vorausgesehen.
Doch wäre es möglich, dass sich dieses durch seine Hilfe abwenden ließe?
Vorsichtig und in Gedanken versunken blickte sie seitlich zu Valimaro und musterte sein Gesicht flüchtig, er war ein attraktiver, groß gewachsener Elb mit klaren grünen Augen, stellte sie fest.
Valimaro erwiderte den schnellen Blick der Elbin und versuchte, dabei gelassen auf sie zu wirken, obwohl er innerlich fast von seiner Neugierde und dem Interesse an Cunivieth überwältigt wurde.
Nach zwei schnellen Herzschlägen richtete er das Wort an die Elbin:
„Ich habe noch keine weitere Frage gestellt.“
Cunivieth lächelte ein wenig und entgegnete ihm sanft:
„Das stimmt, zwei Fragen bleiben euch noch.“
Zufrieden senkte Valimaro den Blick zu Boden und folgte der Kräuterkundigen tiefer in den Schattenhain, die Bäume standen bald weniger dicht zusammen und gaben allmählich den Blick auf eine kleine Lichtung frei.
Als die beiden am Waldrand angekommen waren, standen sie vielleicht zweihundert Schritte von einem kleinen Holzhaus entfernt, das auf Valimaro sehr schlicht und verfallen wirkte.
Die Tür sah sehr alt und klapprig aus, dort hatte schon lange niemand mehr versucht, das Haus von außen in einem akzeptablen Zustand zu erhalten, wie es ihm schien.
Unbewusst blieb der Wächter stehen und blickte den schmalen Weg vom Haus zu einer kleinen Anhöhe hinauf.
Dort oben zwängte sich der schmale Weg dicht vorbei an der Waldbegrenzung zu beiden Seiten und verschwand schließlich in einer Kurve in den Bäumen.
Valimaro versuchte, dem Wind zu lauschen und achtete auf die Geräusche um ihn herum, doch er hörte absolut nichts.
An Cunivieth gerichtet sprach er:
„Der Schattenhain wirkt hier so leblos und verlassen, wenn keine Pflanzen hier wüchsen, könnte man meinen, die Natur wäre nicht lebendig und es würde Stillstand und Leere hier herrschen.“
Cunivieth blieb stehen und drehte sich etwas zu ihm, bevor sie dem Elben antwortete:
„Dieser Teil des Waldes ist sehr alt und die Tiere meiden ihn wohlwissend, denn die hohen Bäume tragen die Zeichen und den Geruch längst vergangener Zeitalter, als die Welt noch anders und unbewohnter war.
Dies spüren die Tiere des Waldes und meiden den Schattenhain in Ehrfurcht.“
„Waru….“ Valimaro unterbrach sich schnell wieder.
Dann setzte der Wächter erneut an:
„Das Leben findet doch immer einen Weg.“
Cunivieth verstand die indirekte Frage.
„In Endóre spüren alle lebenden Wesen, ob Baum, ob Fleisch oder Fisch, das Alter ihrer Umgebung, das wurde ihnen zur Vorsicht und Wertschätzung einst zum Geschenk gemacht. Und Bäume bedeuten viel mehr Leben, als ihr vielleicht glauben mögt, Valimaro.“
Valimaro blickte etwas verwundert.
„Endóre?“
Cunivieth schmunzelte verlegen und legte den Kopf etwas schräg, dann sprach sie:
„In Ennor, meinte ich natürlich. Kommt, ich möchte euch etwas zeigen.“
Die Elbin bedeutete Valimaro mit einer einladenden Handbewegung, ihr in das Haus zu folgen.

Etwas gekränkt folgte der Wächter dieser Geste und schritt langsam auf das Haus zu.
Als Sindar, so dachte sich der Elb, würde er ja wohl am besten wissen, dass Bäume Lebewesen seien.
Doch was er dabei nicht in den Worten Cunivieths erkannte, war die Tatsache, dass die ältesten Noldor weit mehr über die Macht der Bäume zu wissen vermochten, als die Sinda je erfahren würden.
Kurz bevor der Wächter in das kleine Holzhaus eintreten wollte und bereits eine Hand an die Türklinke angelegt hatte, hielt er plötzlich inne und dachte darüber nach, was er hier eigentlich tat.
Verriet er nicht sein Volk? War es richtig oder falsch? Wer war diese seltsame Elbin namens Cunivieth? Sollte er Garadal oder zumindest Baradan von seiner Begegnung mit ihr erzählen?
Fragen über Fragen überkamen Valimaro in diesem Moment, die er nicht offen aussprach.
Cunivieth ahnte, welche Gedanken den Elben auf der Schwelle ihrer Haustür beschäftigten und versuchte, ihm seine Entscheidung, was er nun tun sollte, etwas zu erleichtern.

Sie stellte sich direkt neben den Elben und legte eine ihrer Hände auf seine linke Schulter, bevor sie zu ihm sprach:
„Valimaro, niemand zwingt euch, in dieses Haus, mein Reich, einzutreten. Ihr habt nichts Falsches getan, als ihr meiner Stimme in den Schattenhain gefolgt seid, und ihr tut auch nichts Falsches, wenn ihr augenblicklich wieder zurück zu eurem Volk kehrt.
Doch kann ich euch sagen, wenn ihr den Schattenhain jetzt verlasst, werdet ihr nie erfahren, was hätte sein können, was sein wird und eure Fragen werden auf ewig unbeantwortet bleiben. #
Und für viele Jahrhunderte werdet ihr euch an den heutigen Tag zurückerinnern und euch fragen, wie euer Weg hätte verlaufen können, wenn ihr euch an meiner Tür damals anders entschieden hättet.
Eure Wahl wird unser gemeinsames Schicksal entscheidend beeinflussen.“

Die Worte Cunivieths drangen tief in den Verstand des Elben und entzündeten dort erneut den Funken der Neugierde danach, was die Elbin alles mit ihrer Aussage zu wissen vorgab.
Entschlossen drücke Valimaro die Türklinke herunter und trat in das Reich Cunivieth, die zufrieden lächelte und sich kurz nach Valimaro in ihr Haus begab.

Von diesem Tag an, verbrachte Valimaro viele Stunden mit Cunivieth und fortan weniger Zeit mit Baradan und den übrigen Wächtern der Grünwaldgarde.
Dieser Umstand sollte ihm einst vorgeworfen werden, um ihn für ein Verbrechen verantwortlich zu machen, das er nie begangen hatte.
Und mehr noch, die Freundschaft zwischen Valimaro und Baradan sollte durch seine alleinigen Ausflüge in den Schattenhain auf eine harte Probe gestellt werden und letztendlich auch zum Bruch zwischen ihnen beitragen.
Aber dieser Tag war noch fern.
Bei seinen ersten Besuchen zeigte die Elbin dem Wächter ihre Fertigkeiten im Umgang mit den verschiedensten Kräutern, Waldfrüchten und Gräsern, die sie zu diversen Tink- und Mixturen sowie Tränken zusammenmischte, um den Wald und seine Wunder zu studieren, wie sie es nannte.
Auch zeigte Cunivieth dem Wächter ihren großen Garten mit dem klaren Teich in der Mitte, der von zahlreichen unbekannten Gewächsen begrenzt wurde und völlig frei von allen Tierarten war, die normalerweise ein solches stilles Gewässer aufsuchen würden.
Und stets war es Cunivieth, die zu Valimaro sprach und ihn viel lehrte über die Kräuterkunde in der Wildnis und ihn in viele ihrer kleineren Geheimnisse einweihte, um sich noch besser im Nachtwald zurechtzufinden und die Schätze des Waldes zu erkennen und für sich nutzen zu können.
Und Valimaro sparte sich seine zwei Fragen auf und ließ die Elbin ihn unterweisen, was immer sie ihn auch lehren wollte. Doch das Warum blieb für ihn im Dunkeln. Denn darüber sprach Cunivieth noch nicht.
In all den Jahren, die nun vergingen, besuchte Valimaro seine Freundin im Schattenhain dutzende Male und es soll an dieser Stelle nicht auf jedes ihrer Treffen eingegangen werden, weil die meisten dieser Besuche den beiden Elben und ihrer Vertrautheit miteinander gehören und deshalb nicht für andere bestimmt sind.
Doch sollen die beiden Treffen hier zur Sprache kommen, an denen der Wächter jeweils eine seiner Fragen an Cunivieth gerichtet stellte und den Schattenhain anschließend verlassen musste.

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 12

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Montag 2. Oktober 2017, 20:13

Die Erste der unbequemen Fragen

„So ist es nicht richtig, Vali.“
Cunivieth kippte die Phiole mit den Lichtblüten-Extrakten über den Erdboden aus und gab dem Elben das leere Gläschen zurück in die Hand.
„Das tut mir leid, ich habe etwas zu viel von den Extrakten hinzugemischt.“
Gab ihr Valimaro entschuldigend als Antwort zurück.

Cunivieth winkte ab und machte sich daran, ein paar weitere Lichtblüten aus ihren Schränken zu holen, um sie dem Wächter zum Anmischen anzureichen.
Seit ihrer ersten Begegnung waren nunmehr zweieinhalb Jahre vergangen und in dieser Zeit hatte sich eine enge Verbundenheit zwischen ihnen entwickelt, wohlgemerkt keine Liebe, wie sie zwischen zwei fremden Herzen entsteht, die zueinander finden, dafür aber eine tiefe Zuneigung, wie Geschwister sie im Guten für einander empfinden.
Während all ihrer bisherigen Stunden, die sie gemeinsam bei ihr im Haus oder im Garten verbrachten, hatte Cunivieth nie über den Grund gesprochen, weshalb sie Valimaro mit ihrem Gesang einst in den Schattenhain lockte und sie hatte auch kein Wort darüber verloren, was es mit ihren Gaben und dem Schicksal auf sich hatte, von denen sie bei ihrem ersten Treffen erzählt hatte.

Die Elbin streckte sich, um die oberen Regale im Schrank erreichen zu können und summte dabei eine klangvolle Melodie, wie sie es schon so oft getan hatte, als die Worte Valimaros diese Szenerie je unterbrachen:
„Was hat es mit dem Schicksal auf sich, von dem du mir einst erzählt hast, Cunivieht?“
Die unerwartete Frage sorgte abrupt für eine unheimliche Stille im Haus.
Die Elbin verstummte und stoppte ihre Bewegungen augenblicklich.
Langsam ließ Cunivieth die Lichtblüten im Schrank los und zog ihren Arm vorsichtig zurück, nur um dann ruhig still zu stehen, gelassen und merklich in sich gekehrt.
Ihre Lippen verzog sie zu seinem schmalen Strich und die Gesichtszüge der Elbin verhärteten sich.
Dann drehte sie sich zu Valimaro herum, der erwartungsvoll am Tisch saß und sie mit seinen Augen taxierte.

„Nach all deinen Besuchen bei mir und dem, was ich dich bisher gelehrt habe, stellst du mir heute diese Frage.“
Der Wächter nickte ihr zu.
„Einst hast du zu mir gesagt, die Begegnung zwischen uns würde das Schicksal von uns beiden entscheidend beeinflussen, du hast mir auch davon erzählt, das Schicksal hätte uns zusammengeführt und dennoch haben wir in all der Zeit weder über so etwas gesprochen noch hast du mir Einsicht in deine Gaben gezeigt, die sich mit diesen Dingen beschäftigen.“
Die Elbin tat überrascht.
„Du hast mich nie danach gefragt, Vali, deshalb nahm ich an, du würdest dich lieber mit anderen Sachen beschäftigen wollen als mit deinem oder unserem Weg.“
Cunivieth versuchte, den Elben von dieser falschen Aussage zu überzeugen und hoffte, Valimaro würde ihr diese Worte einfach abkaufen.
Doch insgeheim wusste sie genau, dass er ihr diese Ausrede nicht glauben würde, nicht nur, weil die Elbin ihre Worte sehr kläglich und wenig überzeugend vorgetragen hatte, sondern vor allem deshalb, weil Valimaro mittlerweile ein Gespür für sie entwickelte hatte und einschätzen konnte, wann die Elbin ein bestimmtes Gesprächsthema umgehen wollte oder es ihr unangenehm war, über eine Angelegenheit ausführlicher zu sprechen, die sie, warum auch immer, vor ihm verbergen wollte.

„Ich habe lange überlegt, wie ich dich dazu bringen könnte, über dieses Thema zu sprechen, aber du hast mir nie einen Gesprächsanlass geboten oder von selbst davon berichtet.
Ich finde, es ist nun an der Zeit dafür.“
Cunivieth senkte ihren Blick und atmete tief aus, bevor sie dem Wächter eine Antwort darauf gab:
„Ich hatte irgendwie gehofft, wir könnten dieses Thema aufschieben und hätten mehr Zeit, um über andere Dinge zu sprechen…..“
Die Elbin brach ab und stützte sich kurz auf dem Tisch ab, bevor sie erneut ansetzte:

„Du hast deine zweite Frage gestellt, ich werde sie dir nun beantworten, folge mir in den Garten zum Spiegelteich.“
Nach diesem Satz straffte sich die Elbin kurz, nahm zwei Phiolen aus ihrer Schürze, die mit einer dunkelfarbigen Flüssigkeit gefüllt waren und ging langsam in ihren Garten.
Valimaro legte die Kräuter sowie das kleine Messer auf den Tisch beiseite und erhob sich von seinem Stuhl, um Cunivieth anschließend nach Draußen zu folgen.

Im Garten stand die Elbin bereits vor dem klaren Teich, den sie ihren Spiegel nannte und der für Valimaro bisher unbedeutend schien, weil sie diesen während ihrer gemeinsamen Treffen stets gemieden hatten.
Auch deshalb war der Wächter in all der vergangenen Zeit neugierig gewesen, was es mit dem stehenden Gewässer auf sich hatte.
Abwartend stellte sich der Elb dicht hinter Cunivieth und sah, wie die Elbin nach unten gebeugt eine der beiden Phiolen geöffnet unter das Wasser hielt, sodass sich die dunkle Flüssigkeit ausbreiten konnte, sich mit dem klaren Wasser vermischte und dieses schwarz verfärbte, zunächst nur geringfügig, dann vollends.

Nach wenigen Atemzügen hatte sich der klare Teich in ein schwarzes Gewässer verwandelt, in dem sich die beiden Elben spiegelten und einander deutlich erkennen konnten.
„Mit diesem Spiegel kann ich Dinge sehen, die geschehen sollen sowie Dinge, die geschehen können.
Diese Gabe wurde mir einst zum Geschenk gemacht und seither bin ich einigen Eingeweihten als Cunivieth, die Sehende vom Nachtwald, bekannt.
Doch die Wenigen schweigen darüber, denn es ist gefährlich, Einblick in das Schicksal zu erhalten und manch einem raubt es den Verstand zu wissen, was ich weiß.“

Valimaro kniff ungläubig die Augen zusammen und schürzte seine Lippen, als die Elbin weitersprach:
„Um dir deine letzte Frage aufzusparen, nein, ich kann nicht in die Zukunft dieser Welt oder jedes einzelnen Wesens blicken und ihr Schicksal vorhersehen. Es ist eher so, dass der Spiegelteich mir Einblick in den Weg weniger Wesen ermöglicht und ich nur bedingt darauf Einfluss nehmen kann, welche Bilder ich sehen kann.“
„Das Schicksal steht also nicht still, sondern ist viel eher gestaltbar.“
Schob Valimaro als Aussage dazwischen.
„Nicht unbedingt, es ist in gewisser Weise veränderbar, je nachdem, welche Richtungen eingeschlagen werden, aber das Ergebnis bleibt gleich.“
Valimaros Gedanken umkreisten eine Frage, die er Cunivieth unbedingt stellen wollte, sich aber nicht traute, die Elbin zu unterbrechen oder sein Aufenthaltsrecht im Schattenhain dadurch zu verwirken.

Cunivieth ahnte, welche Frage der Elb ihr stellen wollte und schloss kurz die Augen, in der Hoffnung, Valimaro würde einfach nur schweigen und sie nichts fragen, was auch geschah.
Schweigend stand der Elb hinter ihr und war selbst in seinen Gedanken versunken, während Cunivieth versuchte, die richtigen Worte zu finden, um weiter zu reden:
„Ich habe das Schicksal von uns beiden vor langer Zeit gesehen, Vali.“
Vorsichtig berührte die Elbin mit ihrer linken, ausgestreckten Hand das Wasser und erzeugte dadurch kleine Wellenkreise, die sich seicht ausbreiteten und das Wasser in Bewegung setzten, während sie weitersprach:
„Das Schicksal steht nie still und jede Entscheidung beeinflusst die Schritte Dritter und so schlägt alles Wellen, was Wellen schlagen soll und bewegt sich in Kreisen, die einander berühren und sich zu einem Ganzen zusammenfügen.
Alles ist mit allem verbunden. Nichts steht für sich alleine.“

Cunivieth hielt kurz inne und machte eine bewusste Pause, bevor sie ihre Gedanken weiter ausführte:
„Ich sah uns beide vor hohen Flammen, so klar und deutlich, wie ich dich jetzt hinter mir stehen sehe.
Wir lagen uns im Schattenhain in den Armen und weinten. Ich verspürte einen starken innerlichen Schmerz und fühlte große Trauer bei diesen Bildern.“

Cunivieth sprach nun deutlich langsamer und mit ernster Stimme, um die Bedeutung ihrer folgenden Worte zu unterstreichen:
„Vali, ich denke, ich habe meinen Tod vorausgesehen und du wirst in meinen letzten Augenblicken bei mir sein.“

Valimaro schluckte bei ihren Worten, dann legte er eine seiner Hände auf ihre rechte Schulter und sprach leise:
„Ich werde niemals zulassen, dass dir etwas zustößt Cunivieth, das verspreche ich dir ganz fest.“
Die Elbin öffnete die Augen und schmiegte ihre Wange an seiner Hand, welche vorsichtig ihre Schulter berührte.
Dann drehte sie ihren Kopf zu Valimaros Gesicht und entgegnete ihm bestimmend:
„Versprich niemals etwas, das du nicht einhalten kannst, Wächter des Waldes.“
Dann küsste sie ihn sanft auf seinen Handrücken.

Abrupt entzog der Elb ihr die Hand und guckte sie entsetzt an.
„Du hast dich schon damit abgefunden, du glaubst nicht, dass ich dich retten kann. 'Das Schicksal wäre veränderbar', genau das waren deine Worte, je nachdem, welche Abzweigung genommen wird, dann muss es nicht soweit kommen, wie in deinen Bildern. Du kannst dir also nicht sicher sein mit deinem Tod.“

Cunivieth lehnte sich etwas zurück und schüttelte ihren Kopf.
„Du verstehst es nicht, ich habe diese Bilder immer und immer wieder gesehen und die gleichen Gefühle, das gleiche Leid dabei empfunden.“
Erschrocken wich Valimaro ein paar Schritte zurück und stolperte fast über die Steine, die hinter ihm aufeinander gestapelt waren.
„Das Schicksal lässt sich nur in wenigen Facetten verändern, Valimaro, das Ziel ist vorgegeben und nicht abwendbar, nur der Weg dorthin lässt sich wählen.“
„Das kann nicht sein, wenn ich jetzt entscheiden würde, hier und heute bei dir im Schattenhain zu bleiben, dann könnte ich deinen Tod abwenden und du würdest ewig leben.“

Die Elbin schüttelte nun deutlicher ihren Kopf und stand auf.
„Nein, du verstehst es immer noch nicht. Mit dieser Entscheidung würdest du meinen Tod vielleicht aufschieben, aber was wäre mit deiner Familie, deinen Freunden?
Du würdest sie mit deiner Entscheidung sehr unglücklich machen und mein Dahinscheiden letztlich nicht vereiteln können.“

Cunivieth ließ die Worte auf ihn wirken, doch Valimaro wollte es nicht verstehen und erwiderte:
„Du irrst dich, ich würde niemanden in den Schattenhain lassen, ich würde mich jeden Tag vorbereiten auf einen Kampf, ich würde dich nie aus den Augen lassen. Ich…“
Cunivieth, die nun dicht vor ihm stand, legte mit leichtem Druck eine Hand auf seinen Arm, um ihn zu unterbrechen, dann sprach sie zu ihm:
„Ich möchte nicht, dass du hier bei mir lebst, Vali. Du gehörst zu deinem Volk. Und ich lehne es ab, dass du das alles aufgibst, um mich zu beschützen.
Der Schattenhain ist für mich bestimmt und für niemanden sonst.“

Valimaro wirkte sichtlich verärgert.
„Schön, wenn du mich nicht mehr bei dir haben willst, dann muss ich ja auch nicht länger hier bei dir bleiben.
Das ist ja bereits alles schon festgelegt, wie es scheint.“
Brachte der Wächter verbittert hervor.
„So habe ich es nicht gemeint und das weißt du auch.“
„Ich verstehe einfach nicht, warum wir all die Jahre nicht gleich darüber gesprochen haben, denn wenn alles sowieso schon für dich von Anfang an klar war, was bringt es da noch, Zeit zusammen zu verbringen, wenn doch alles unvermeidlich ist. Getäuscht hast du mich in all den Jahren.“

Diese Worte bereute Valimaro bereits sofort, nachdem er sie laut ausgesprochen hatte.
Cunivieth ließ den Wächter los und schritt ohne ein weiteres Kommentar auf ihr Haus zu.
Das Herz des Elben raste, denn er war sich nicht bewusst darüber, was er mit diesen Worten bei Cunivieth angerichtet hatte.
Schließlich verschwand die Elbin im Haus und schloss die Tür hinter sich ab.

Lange stand Valimaro einsam im Garten Cunivieths und sah immer wieder zum Haus, in dem die Elbin verschwunden war. Doch sie kehrte nicht zurück.
Als es schließlich schon sehr spät geworden war und er keine Ausreden mehr hatte, um noch länger im Schattenhain zu verweilen, verließ der Wächter den Garten und ging zurück in Richtung des Waldlandreiches.

Tief in der Nacht, als Valimaro schon eine geraume Weile lang fort war, öffnete Cunivieth ihre Gartentür und schritt einsam zum Spiegelteich hinüber.
Dort angekommen, füllte sie betrübt eine weitere Phiole in das Wasser und sprach in fließendem Quenya mehr zu sich selbst:
„Jetzt bleiben mir nur noch wenige Treffen mit ihm, um ihn auf alles vorbereiten zu können, was er braucht. Und dabei weiß er noch nichts über die Steine. Noch nichts über sich selbst und seinen Feind, den auch ich nicht zur Gänze erkennen kann.
Und nur noch eine Frage bleibt ihm offen.“
Als das Wasser die trübe Farbe angenommen hatte, die allerdings im dunklen Schattenhain kaum einen Unterschied zur schwarzen Nacht ausmachte, befragte Cunivieth ihren Spiegelteich abermals nach ihrem eigenen Schicksal und sah die gleichen Bilder, die sie Valimaro vorhin beschrieben hatte.
Und darüber hinaus?
Das vermochte sie nicht über sich zu erkennen, sie sah keine Zukunft für sich nach der besagten Nacht, in welcher sie in Valimaros Armen lag und deshalb wusste sie, dass ihr keine Liebe in diesem Leben vergönnt sein sollte und dies schmerzte sie sehr, denn sie hätte so viel Liebe geben wollen.
Traurig sang sie das Lied über das Suchen und Finden der Liebe im Nachtwald und hoffte, Valimaro hätte seine Worte nur im Zorn gesprochen und nicht ernst gemeint, denn nichts war für Cunivieth so kostbar wie die schönen Stunden, die Valimaro und sie bisher miteinander verbracht hatten.

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 13

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Freitag 6. Oktober 2017, 19:38

Die Wahrheit, die stirbt

Ein starker Schmerz durchzog die Schultern Valimaros, als ihn zwei Waldelben, deren Namen er nicht kannte, äußerst brutal auf seine Knie herunterdrückten und ihn anschließend zwangen, den Kopf zu Boden zu senken.
Die Hände des Wächters waren seit seiner Festnahme im Schattenhain auf seinem Rücken gefesselt und niemand hatte ihm bisher den Schmutz aus dem Gesicht gewischt, der nach dem brutalen Sturz an ihm klebte.
Der Wächter wirkte mit seinem Aussehen bemitleidenswert und stand mit seiner optischen Erscheinung im scharfen Kontrast zur kunstvollen Palasthalle Thranduils.
Faelon Schwarzdorn schritt den Thronsaal ungeduldig entlang und versuchte, Elros klar zu machen, wie dringend die Angelegenheit für ihn war.
Dieser vertröstete den hochgewachsenen Elben:
„Es tut mir leid Faelon, aber König Thranduil ist bis auf weiteres abgereist, um sich mit unseren Verwandten aus dem Süden zu treffen, es geht dabei um Grenzstreitigkeiten mit den Herrschaften des Goldenen Waldes, unser König wird deshalb erst in ein paar Tagen in die Hallen zurückkehren.“
Faelon verschränkte die Arme vor der Brust und sprach:
„Dann möchte ich um eine dringende Audienz bei Prinz Legolas ersuchen, es geht hier um den Mord an einer unbekannten Elbin im Schattenhain, die wir aufsuchen sollten.“
Elros horchte auf.
Dann nickt er Faelon zu.
„Ich werde ihn umgehend benachrichtigen.“
Nach diesen Worten machte der Elb kehrt und verließ eilig den Thronsaal, um augenscheinlich den Prinzen des Waldlandreiches aufsuchen zu wollen.

„Was hat das hier zu bedeuten?“
Valimaro, Faelon und die übrigen Elben, die im Thronsaal standen, drehten sich abrupt zur Seite.
Hinter einer riesigen Wurzel, die sich wie eine tragende Säule nach oben schnörkelte, trat ein Elb in einer silberschimmernden Robe hervor, die mit weißen Vögeln darauf verziert war.
Faelon trat dem Elben entgegen und verbeugte sich, wie es sich für eine respektvolle Begrüßung eines Familienmitglieds der ältesten Sindar gehörte.

„Verzeiht, Meister Weißhaupt, ich habe ein Anliegen für den Königshof, das nicht warten konnte. Deshalb habe ich meinen Männern und mir erlaubt, ohne Vorankündigung sofort in die Hallen des Königs zu kommen.“
Calavel Weißhaupt, Familienoberhaupt und Meister der Schriftkunde am Hofe Thranduils, musterte den Sohn Faeldirs abschätzig, ohne ihn ernsthaft zu begrüßen, bevor er an ihm desinteressiert vorbeischritt und Valimaro sowie die Waldelben, die sich um ihn scharten, neugierig in den Blick nahm.
Kurz vor ihnen blieb der Elb stehen und sprach:
„Weshalb wird der Sohn von Valimaras und Maneth hier gefesselt reingeschliffen?
Er entstammt einer angesehenen Familie aus dem Waldlandreich und ist Wächter in der Grünwaldgarde. Was hat dieses Schauspiel hier zu bedeuten?“

Faelon spürte, wie Calavel ihn ignorierte, knirschte aber lediglich mit seinen Zähnen und schluckte seine Verärgerung herunter.
Er wusste, hier konnte er nicht mit seinem Vater oder ähnlichen Dingen drohen oder sich fordernd gegenüber Calavel verhalten.
Freundlich lächelte er dem Meister der Schriftkunde zu und antwortete diesem:
„Valimaro hat ein schweres Verbrechen begangen und muss für seine Tat bestraft werden, deshalb liegt es am Prinzen, über sein Schicksal zu urteilen.“

Faelon Schwarzdorn grinste breit und guckte flüchtig zum Gefangenen hinüber, um dann wieder schnell Calavel anzusehen, damit dieser nicht unnötig beleidigt schien.
Der alte Sinda hob eine seiner feinen Augenbrauen und Faelon war sich nicht sicher, welchen Gesichtsausdruck er aus diesem makellosen, elfenbeinfarbigen Antlitz des Elben herauslesen sollte, als Calavel dann doch an ihn gerichtet sprach:
„Und warum bringt ihr den Wächter dann in den Thronsaal und lasst ihn hier warten, solange Prinz Legolas noch nicht angekommen ist? Kein Gefangener, der eines solchen Verbrechens bezichtigt wird, sollte hier warten.“
Faelon nickte nun sichtlich erleichtert, hatte er doch eine andere Reaktion erwartet, weil Calavel Weißhaupt als enger Freund Maneths galt und deshalb große Sympathien für ihren einzigen Sohn besaß.

„Ihr habt Meister Weißhaupt gehört, bringt den Elben in eines der unteren Verließe.“
Herrschte Faeldirs Sohn seine Männer an, die sich nun daran machten, Valimaro auf seine Beine zu hieven.
Er hatte noch immer kein Wort gesprochen.
Calavel räusperte sich deutlich und schüttelte den Kopf.
Faelon drehte sich erneut zum Meister der Schriftkunde herum und blickte ihn fragend an, als dieser ihm entgegnete:
„Valimaro ist ein Sinda aus gutem Haus, ich denke nicht, dass es nötig ist, ihn in ein Verließ in den unteren Bereichen zu werfen, Faelon Schwarzdorn, es wird ausreichen, wenn er kurz in einen der Nebenräume geführt wird, um sich dort waschen und die schmutzige Kleidung wechseln zu können, die er trägt. Prinz Legolas wird sicherlich umgehend eintreffen, wenn Elros ihm von dem Grund eures Erscheinens berichtet.“

Faleon wollte den Elben bei diesen Worten unterbrechen, doch Calavel schüttelte nur den Kopf und sprach einfach weiter.
„Der Wächter wird sich kurz in einem der Nebenräume waschen und ihr werdet euren Wachen befehlen, draußen vor der Tür zu warten. So verdreckt und ungepflegt sollte Valimaro nicht vor den Prinzen treten.“
Valimaro blickte flüchtig zu Calavel und für den Bruchteil eines Herzschlags trafen sich ihre Blicke und der Meister der Schriftkunde schloss kaum merklich länger die Augen als für gewöhnlich, aber doch deutlich sichtbar für Valimaro.

Faelon erkannte, dass er von Calavel hereingelegt wurde, doch schluckte er auch dies herunter und schwieg einfach auf die Aussage des Elben, weil er wusste, dass er für den Moment nichts weiter ausrichten konnte.
Aber er würde seinen Vater und die anderen Familien so schnell wie möglich darüber benachrichtigen, das wusste er.
Dann wandte er sich erneut an seine Waldelben:
„Bringt den Mörder in einen der Nebenräume und verbarrikadiert die Tür, damit er nicht entkommen kann.“
Calavel räusperte sich erneut.
„Dies wird auch nicht von Nöten sein, denn ich möchte kurz mit Valimaro unter vier Augen sprechen und werde so auf ihn aufpassen. Er ist doch sicherlich von euch entwaffnet worden, Faelon?“
Faelon nickte verbittert.
„Ja, natürlich Meister Weißhaupt.“
Calavel wirkte gelassen.
„Gut, dann werde ich schon mit ihm fertig werden, falls er einen Fluchtversuch unternimmt, was hier allerdings ausgeschlossen wäre. Aber eure Wachen sollen sich zur Sicherheit zusätzlich vor der Tür postieren.“
Faelon senkte kurz den Blick zu Boden und wies seine Männer danach an, Valimaro in einen nahen Nebenraum zu bringen und draußen Wache zu schieben.
Das Letzte, was Valimaro im Thronsaal sah, war Calavel Weißhaupt und wie dieser ihm freundlich zu nickte und den Elben dann gelassen mit etwas Abstand folgte.

Unsanft setzten die Waldelben den Wächter in einem der Nebenräume auf eine schmale Holzbank, die aus einer Rotbuche gefertigt war und verließen den Raum anschließend wieder, nicht ohne vorher Faelon Schwarzdorn Platz zu machen, der an ihnen vorbei schritt und die kurze Zeit vor dem Eintreffen Calavels nutzen wollte, um Valimaro noch etwas persönlich mitzuteilen.
Er lächelte den Wächter kurz an und beugte sich dann zu ihm herunter, sodass ihre Köpfe beinahe aneinanderstießen und niemand sonst, außer Valimaro, ihn verstehen konnte, als er leise und drohend zu diesem Folgendes sagte:
„Ganz gleich, was ihr beide hier auch gleich aushandeln und diskutieren solltet, ich werde schon dafür sorgen, dass du diese Hallen entweder nie mehr verlassen wirst oder noch vor der Rückkehr unseres Königs für deine abscheuliche Tat hingerichtet wirst.“
Diese Worte sprach Faelon dabei so ruhig und gelassen aus, als ob er Valimaro über den Zustand des Wetters informieren würde.
„Ich habe Cunivieth nicht ermordet und das hätte ich dir im Schattenhain auch erklären wollen, ich würde niemals jemanden unseres Volkes bewusst Schaden zufügen, ich habe geschworen, das Waldlandreich und alle Elben zu beschützen. Wenn du mir zu hören würdest, dann…“
„Pschhhht…..“
Faelon legte drohend einen Zeigefinger auf seine Lippen und unterbrach Valimaro dadurch, der inne hielt und ihn überrascht anstarrte.
Dann blickten beide Elben einander tief in die Augen und Valimaro erkannte, dass es Faelon vollkommen gleichgültig war, was auf der Lichtung im Schattenhain tatsächlich geschehen war.
Etwas entsetzt über diese Feststellung sprach er zu ihm:
„Es geht dir nur um mich, Faelon, ganz gleich welche Wahrheit du damit ignorierst.“

Der Elb legte den Kopf etwas zur Seite und erwiderte darauf herablassend:
„Nun, Valimaro, es gibt Wahrheiten, die leben…“
unterbrach sich Faelon kurz und beugte sich dann so dicht an das linke Ohr des Wächters vor, dass Valimaro seinen Atem spüren konnte.
Dann sprach Faeldirs Sohn ganz leise und in fröhlichem Tonfall:
„Und es gibt Wahrheiten, die sterben.“

Mit einem Lächeln richtete sich Faelon anschließend wieder zu seiner ganzen Größe auf und blickte auf den Wächter nieder, der sich nach diesen Worten auf der Holzbank zurücklehnte und sein Gegenüber aufmerksam musterte.
Gleichzeitig ballte Valimaro seine auf dem Rücken gefesselten Hände zu Fäusten zusammen und musste seine Wut unterdrücken, um Faelon nicht noch mehr Spielraum für sein Verhalten zu geben.
Schließlich antwortete der Wächter ihm:
„Du bist eine Schande für alle Elben, denn dein Neid und deine Eifersucht machen dich blind und taub für die Wahrheit, die dich nicht interessiert. Damit bist du die eigentliche Gefahr für unser Volk.“

Faelon schnaubte wütend bei diesen Worten, was Valimaro in seiner Vermutung nur bestätigte, und entgegnete etwas unruhiger als zuvor:
„Deine Arroganz und dein Hochmut haben dich in diese missliche Lage gebracht, Valimaro, und ganz nüchtern betrachtet, du wurdest mit einem blutigen Dolch in deinen Händen erwischt, als du dich gerade über den Leichnam einer Elbin gebeugt hast, die mit genau diesem Dolch ermordet wurde. Noch eindeutiger geht es für mich ja wohl kaum.
Völlig egal, was du an Argumenten zu deiner Verteidigung nachher hervorbringen solltest, du wirst sehr hart dafür bestraft werden….“

Faelon beugte sich wieder etwas zu Valimaro herunter und führte seinen Gedanken dann in einem wieder deutlich fröhlicheren Tonfall zu Ende:
„…und ich werde in der ersten Reihe stehen und dich belächeln, falls sie dich für dieses Verbrechen hinrichten sollten, darauf gebe ich dir mein Wort, Valimaro.“

In diesem Moment trat Calavel Weißhaupt in den Raum und unterbrach das Zwiegespräch der beiden durch seine bloße Anwesenheit.
Faelon drehte sich dem alten Sinda entgegen, nickte ihm kurz zu und verließ dann den Raum, ohne ein weiteres Kommentar abzugeben.

Der Meister der Schriftkunde schloss eilig hinter ihm die Zimmertür von innen und kam dann auf Valimaro zu, der sichtlich angespannt wirkte, weil die Worte Faelons ihre Wirkung, dem Elben nämlich Angst zu machen, nicht verfehlt hatten.
Calavel setzte sich dicht neben den Wächter auf die Holzbank und sprach etwas unterkühlt und sehr gelassen zu ihm:
„Valimaro, wir müssen dich auf die Verhandlung im Thronsaal vorbereiten, der Prinz wird bald eintreffen. Deshalb bleibt uns nicht viel Zeit, um lange miteinander sprechen zu können. Ich möchte zunächst eines von dir wissen, was hattest du alleine im Schattenhain zu suchen?“

Valimaro blickte ernst und antworte dann ruhig:
„Ich kannte Cunivieth schon seit einiger Zeit und war mit ihr befreundet, ich gab ihr einst ein Versprechen, dass ich sie vor äußeren Gefahren beschützen würde.“
Der Elb unterbrach sich kurz und suchte die richtigen Worte, um Calavel alles Wesentliche über Cunivieth, ihre Worte und den namenlosen Schrecken zu erzählen, den er noch vor wenigen Stunden im Schattenhain bekämpft hatte.
Calavel hörte Valimaro aufmerksam zu und stellte keine Zwischenfragen, um sich ein umfassendes Bild von den Geschehnissen machen zu können.

Der Wächter versuchte, dem alten Sinda alles genau zu schildern, ließ dabei natürlich einiges aus, was nicht von Nöten war, doch berichtete viel von den Lehren Cunivieths, ihren Gaben und was er alles in den letzten Jahren dort erfahren und gelernt hatte. Valimaro wusste, dass er sich dadurch natürlich sehr angreifbar machte und vielleicht in Gefahr begab, doch wollte er dem Meister der Schriftkunde alles möglichst wahrheitsgetreu und genau erzählen, um ihn von seiner Unschuld überzeugen zu können. Zuletzt sprach der Wächter von den Ereignissen der heutigen Nacht, der Ermordung Cunivieths und wie er fälschlicherweise von Garadal, Faelon und den übrigen Elben für den Täter gehalten und als Gefangener in die Hallen des Königs gebracht worden war.
Zuletzt schwieg Valimaro.
Calavels blasser Miene war weder Zustimmung noch Ablehnung oder eine sonstige Gefühlsregung zu entnehmen, die man in die eine oder andere Richtung hätte interpretieren können.
Stattdessen erhob sich der Elb langsam von der Holzbank und holte von einem der nächst gelegen Schränke eine kleine Karaffe, die mit klarem Wasser gefüllt war.

Diese stellte er vorsichtig neben den Wächter auf die Holzbank und löste dann mit einer gekonnten Handbewegung die Fessel Valimaros, damit dieser seine Hände frei benutzen konnte.
„Wasch dir das Gesicht, deinen Hals und das Haar sauber, denn so schmutzig und ungepflegt wie du jetzt aussieht, kannst du nicht in den Thronsaal vor die anderen Familien und unseren Prinzen treten.“
Der Wächter nickte stumm und war überrascht, dass Calavel nichts auf seine Ausführungen von eben erwiderte.
Der alte Elb reichte Valimaro ein paar weiße Tücher, um sich damit waschen zu können, dann sprach er erneut zu ihm:

„Heute wurden dem Königshaus zwei der von dir beschriebenen Steine gestohlen und wir konnten dem Dieb noch nicht habhaft werden. Faelon Schwarzdorn und seine Getreuen wurden von Prinz Legolas persönlich beauftragt, diesen Vorfall aufzuklären, nachdem festgestellt worden war, dass du nicht im Waldlandreich anwesend warst, ansonsten hätte man wohl dir und deinem Schildbruder diese Aufgabe anvertraut. Nach langen Diskussionen mit ihm, gab Baradan schließlich zu, dass du des Öfteren alleine im Schattenhain meditieren gehen würdest und die Grünwaldgarde ihre Suche dort beginnen solle, auch weil Garadal befohlen worden war, dort eine Elbin namens Cunivieth aufzusuchen, um diese sicher in das Waldlandreich zu geleiten.“
Valimaro hörte interessiert zu und wischte sich nebenbei mit den nassen Tüchern das Gesicht und den Hals sauber.
Calavel hörte kurz auf, zu sprechen und holte aus denselben Schrank wie zuvor frische Kleidung für den Wächter, der lediglich in schmutzigen, braunen Lederfetzen auf der Holzbank saß, weil ihm die Waldelben auf Faelons Geheiß seine schwere Rüstung ausgezogen und ihm praktisch nur die dünnen Lederreste seines Unterhemdes und seiner Überhose übrig gelassen hatten, um ihn vor aller Augen bloßzustellen, als sie ihn gefesselt durch das Waldlandreich in Richtung der Hallen des Königs führten.

Calavel reichte Valimaro die saubere Kleidung an, die aus einer schlichten, helle Robe bestand, unter welcher der Elb seine schmutzige Kleidung nicht gänzlich, aber zum größten Teil verbergen konnte.
Der Wächter nahm die Robe entgegen und antworte Calavel:
„Ich danke euch dafür, Meister Weißhaupt. Und auch dafür, dass ihr mich anhört und mir diese Botschaft mitgeteilt habt.“
Calavel entgegnete schnell darauf:
„Ich kannte euren Vater, Valimaro, wir haben einst Seite an Seite gegen die Flammen aus dem Norden gekämpft und eure Mutter ist mir stets eine gute Freundin gewesen.“
„Aber sie waren beide nicht auf der Lichtung im Schattenhain, das war nur ich. Was lässt euch an der Geschichte von meiner Tat zweifeln, so wie Faelon sie darstellt?“
„Ganz einfach Valimaro, unser Volk ermordet keine anderen Elben, auch keine Elbin der Noldor. Außerdem kannte auch ich die Herrin Cunivieth flüchtig und kann wohl behaupten, dass sie niemandem von ihren Gaben und den Steinen erzählen würde, dem sie nicht sehr vertrauen würde. Sie hätte diese Person auch niemals in den Schattenhain gelockt, geschweige denn ihn dort geduldet, wenn er zufällig eingetreten wäre. Deshalb klingen eure Ausführungen von eben für mich logisch und nachvollziehbar.
Wenn dies also stimmt, dann sind wir in großer Gefahr und das namenlose Wesen ist noch immer da draußen und erholt sich. Das ist eine sehr ernste Bedrohung und wir müssen den Prinzen davon schnellstens unterrichten.“
„Aber Faelon wird sich dafür einsetzen, dass diese Wahrheit nicht erhört wird, er bringt mit seinen Worten und Geschichten, die er jetzt schon verbreitet, die anderen Familien gegen mich auf. Die Schwarzdorns haben viel Einfluss auf die anderen, angesehenen Familien des Waldlandreiches.“
„Deshalb müsst ihr sofort das Wort an den Prinzen richten, sobald wir in den Thronsaal schreiten, lasst den Sprößling der Schwarzdorns nicht als Ersten zum Buchenthron sprechen, sondern erzählt Legolas und allen anderen Elben, die erscheinen werden, als Erster genau das, was ihr mir gerade erzählt habt. Ich werde eure Schilderungen mit meinem Wissen unterstützen und meinen Teil dazu beitragen, dass das Schicksal, was Mördern unserer Sippe widerfährt, von euch abgewendet wird.“

Valimaro nickte zustimmend, vielleicht, so dachte er, gab es einen Ausweg für ihn und die Wahrheit.
„Was wird mit dem Körper Cunivieths geschehen? Sie wollte den Schattenhain nach ihrem Tod nicht verlassen und dort begraben werden.“
Calavel verstand die indirekte Bitte an ihn.
„Ich werde versuchen, das zu arrangieren, sobald wir diese Nacht glücklich überstanden haben. Eines kann ich allerdings nicht versprechen, Valimaro.“
Der Meister der Schriftkunde machte eine bewusste Pause, bevor er weitersprach:
„Ihr werdet euch dafür zu verantworten haben, warum ihr alleine in den Schattenhain gegangen seid und weshalb ihr damit gegen die Anordnung König Thranduils verstoßen habt. Das wird zur Sprache kommen und ihr müsst auch dies ehrlich zugeben, gestehen und darüber wird dann auch gerichtet werden, das Urteil sollte im Vergleich zu dem des Mordes aber eher milde für euch ausfallen.“

Es klopfte laut von außen an der Zimmertür.
Kurz darauf drang die laute Stimme Faelons von außen an die Ohren der beiden Elben:
„Prinz Legolas ist eingetroffen und erwartet sofort, dass wir den Mörder Valimaro in den Thronsaal führen. Ich fürchte, ich muss euch bitten, das Reinigen des Elben nun zu beenden.“
Calavel öffnete die Tür und gebot Valimaro mit einem schnellen Blick, dass er ihm folgen solle.
Gemeinsam traten die beiden Elben auf den Flur, wo bereits Faelon und seine Männer ungeduldig warteten und schockiert reagierten, als sie Valimaro ohne Fesseln, gewaschen und in einer sauberen Robe gehüllt aus dem Zimmer kommend sahen.

Fassungslos sprach Faelon an Calavel gerichtet:
„Warum trägt der Gefangene keine Fesseln mehr? Sprecht ihr jetzt schon alleiniges Recht hier, Meister Weißhaupt?“
Angewidert von diesen Worten entgegnete dieser ihm kalt:
„Richtet noch einmal mit diesem Unterton eine sinnentleerte Frage an mich und ich werde dafür sorgen, dass das Verhalten von euch und euren Getreuen am heutigen Tag genau untersucht wird. Sollte sich dabei herausstellen, dass ihr Valimaro, obwohl er noch nicht für schuldig befunden worden ist, misshandelt und unseren Gebräuchen zuwider gedemütigt haben, sorge ich persönlich dafür, dass ihr die längste Zeit eures ewigen Lebens in der Grünwaldgarde gedient habt, Faelon Schwarzdorn und nun tretet beiseite.“

Doch diesmal schluckte Faelon diese Zurechtweisung und Ignoranz seines Familienstandes nicht herunter, verschränkte die Arme vor der Brust und antwortete Calavel mit einem falschen Lächeln:
„Mein Vater wünscht euch zu sprechen, Meister Weißhaupt, und ich fürchte, diese Unterredung kann nicht warten, denn auch hochrangige Mitglieder der Familien Mohnkranz und Silberzweig interessieren sich sehr dafür, warum ihr einem Verräter und Mörder unseres Volkes den Besuch der Verließe erspart habt und ihn stattdessen badet und in feinen Stoff hüllt.“
Wut blitzte bei diesen Worten in den Augen Calavels auf.

„Wo kann ich euren Vater finden, Schwarzdorn?“
Faelon zeigte mit ausgestreckten Arm in die ihm gegenüberliegende Richtung und antwortete:
„Er berät sich gerade mit Meister Silberzweig, ein paar Vorräume weiter den Aufgang dort entlang.“
Ohne eine weitere Erwiderung machte sich Calavel in diese Richtung auf und fasste Valimaro beim Vorbeigehen kurz auf die Schulter.

Nachdem der alte Sinda aus dem Sichtfeld Valimaros, Faelons und seiner Wachen verschwunden war, drückten die Elben den Wächter plötzlich gewaltsam in das Zimmer zurück, aus dem er gerade mit Calavel getreten war.
Einer der Waldelben blieb draußen vor der Tür stehen und schloss diese hastig.
Währenddessen zerrten Faelon und die übrige Wache Valimaro an seinen Armen weiter in den Raum hinein und drückten den Elben dabei brutal nach unten.
„WAS HAT DAS ZU BEDEUTEN FAELON?!“
Brüllte Valimaro entsetzt und versuchte, sich gegen den Überfall zu wehren, doch die Umklammerung seiner beiden Arme war zu stark und Faelon tat sein Bestes, um den Wächter im Zaum zu halten.

„Du hast doch nicht ernsthaft gedacht, dass ich dich nach deinem Gespräch mit ihm einfach in den Thronsaal spazieren lasse und du deine Geschichte dort allen erneut vorträgst.“
Valimaro drehte seinen Kopf soweit er konnte zu Faelon herum und herrschte ihn an:
„Hast du etwa so viel Angst vor der Wahrheit, dass du mich jetzt ernsthaft vor der Verhandlung in einem Nebenraum meucheln willst? Soviel Wahnsinn hätte ich nicht einmal dir zugetraut, du bist völlig verrückt.“

Valimaro schrie kurz auf, als beide Elben ihn nach unten drückten, auf seine Knie zwangen und seine Arme dabei weit nach hinten zogen.
Dann spürte der Wächter erneut Faelons Atem an seinem linken Ohr, als dieser zu ihm sprach:
„Du hast Meister Calavel doch selber gehört, Valimaro, keiner von uns bringt einen anderen unseres Volkes um. Auch wenn ich dich sehr verachte, aber ein Sippenmörder bin ich genauso wenig wie du einer bist.“

Bei diesen Worten weiteten sich Valimaros Augen und er versuchte sich erneut, gegen die feste Umklammerung der beiden zu erwehren und zerrte heftig an den Elben, die seine Arme festhielten und seinen Oberkörper nun etwas weiter nach vorne herunter drückten.
Unter starken Schmerzen keuchte Valimaro:
„Du hast es selber gesagt, ich bin unschuldig! Wir müssen den wahren Feind suchen und ihn gemeinsam bekämpfen, denn er bedroht unser Volk, Faelon, ich bitte dich.“

Ein tiefer Schmerz traf den Wächter nach diesen Worten in den Rücken.
Das Gefühl von Taubheit breitete sich sofort im Rücken aus und strömte von dort aus in den ganzen Körper des Elben.
Valimaro taumelte leicht von links nach rechts.
Die Kraft verließ den Wächter allmählich und er hörte auf, sich zu wehren.

Faelon und seine Wache ließen den Wächter los und ihn anschließend von alleine nach vorn fallen.
Im Fall stützte sich Valimaro schnell auf seine Hände, bevor er mit seinem Oberkörper vollends auf den Steinboden aufschlug.
In leichtem Dämmerzustand, auf allen Vieren, sprach er langsam und müde, den Kopf zum Boden gerichtet:
„Was, …..was hast du mit mir gemacht?“

Faelon lachte amüsiert hinter Valimaro auf und hielt dem Wächter eine kleine, dünne Nadelspitze vor sein Gesicht, sodass er diese sehen konnte.
„Du hast vor ein paar Jahren gefehlt, als ich und ein paar andere Wächter Zeuge davon wurden, wie Garadal höchstselbst einen Rotbauch erlegte.
Du kennst ihn ja, ganz der Lehrer unser Fürst. Er hielt uns einen endlos langen Vortrag über diese widerlichen Viecher, die den Grünwald mit ihrer Anwesenheit vergiften….“

Faelon kniete sich neben Valimaro, um ihn von der Seite aus ansehen zu können, dann sprach er weiter zu ihm:
„Und er erzählte uns damals auch, dass das Blut dieser Kreaturen zusammen mit dem übelriechenden Geifer derselben eine Tinktur ergebe, die andere Wesen für eine geraume Weile lähmen kann, ohne sie ernsthaft oder nachhaltig zu schädigen. Verdammt Valimaro, stell dir vor, Garadal berichtete sogar, dass im richtigen Mischverhältnis Nebenwirkungen auftreten, wie zum Beispiel Lähmung der Sinne und Sprachfertigkeiten und es für Außenstehende so aussieht, als wenn der Betroffene stumm oder von Wein betrunken ist.
Aber diese Wirkung wollte ich nicht bei dir erzielen, also habe ich ein bisschen herumgespielt und siehe da, du müsstest dich nun eigentlich etwas schlaff und kraftlos fühlen.
Auch Taubheit sollte eintreten, aber betrunken wirst du nicht im Thronsaal für die anderen wirken…..“

Faelon streckte einen Arm nach Valimaro aus und packte ihn sanft am Kinn, dann drehte er das Gesicht des Elben zu sich und funkelte ihn triumphierend an:
„Aber du wirst schweigend da knien und niemand wird deine Wahrheit je hören, denn alle werden nur das glauben, was ich ihnen über diese Nacht im Schattenhain schildern werde.
Du wirst die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein sein, aber nichts darauf erwidern können und dich letztendlich deinem Schicksal ergeben.“

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 14

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Samstag 21. Oktober 2017, 12:50

Der Beginn der Verhandlung

Laute Stimmen waren vor der Zimmertür zu hören.
Auf dem Gang stritten zwei Elben lautstark miteinander. Faelon und seine Wache warfen sich im Zimmer schnelle Blicke zu, dann sprach Faeldirs Sohn entschlossen:
„Hilf mir schnell, ihn auf die Bank dort drüben zu setzen, er kann jetzt für ein paar Stunden nicht sprechen und hat….“,
unterbrach sich Faelon, der immer noch neben Valimaro hockte und berührte diesen anschließend mit etwas Druck an seiner linken Schulter.
Der Wächter fiel auf die andere Seite und rührte sich kaum, als Faelon mit einem Grinsen im Gesicht weiter ausführte:
„…leichte Gleichgewichtsstörungen und Sinnestäuschungen, so wie die Beute der Spinnen, wenn sie ihre Opfer für den späteren Verzehr aufbewahren wollen und in ihre Nester schleppen.“
Faeldirs Sohn zerrte Valimaro gewaltsam auf eine nahe Holzbank und bemühte sich, den Wächter aufrecht hinzusetzen, dann richtete er ihm noch die Haare und lächelte ihn dabei an:
„Falls du es nicht mitbekommen hast Valimaro, du bist mir in diesem Fall in mein Netz gegangen und ich möchte natürlich nicht, dass du dir den ganzen Spaß entgehen lässt, der jetzt folgen wird, deshalb müssen wir darauf achten, dass du auch gut aussiehst für den Prinzen.“

Plötzlich flog die Tür auf und die Wache, die gerade noch vor dem Zimmer aufpassen sollte, wurde von einem Elben in den Raum gedrückt, sodass sie rückwärts auf den Boden fiel und erschrocken nach hinten kroch, während sie entsetzt zum Elben aufblickte, der nun seinerseits in das Zimmer trat.
Faelon ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen, er drehte sich zur Tür und sprach gelassen:
„Was willst du Baradan? Ich bereite den Gefangenen für seine Anhörung vor, also entschuldige dich gefälligst dafür, mich und meine Männer hier gestört zu haben!“
Baradan, der beim Anblick Faelons, Valimaros und der übrigen Wache nun seine rechte Hand an seinen Schwertgriff legte, wirkte wütend und entrüstet:
„Meister Weißhaupt hat dies schon erledigt, wie ich erfuhr, deshalb bin ich ja hierher gekommen, Faelon. Wir werden jetzt alle gemeinsam in den Thronsaal gehen, sofort. Und Valimaro geht mit zusammen mit mir.“
Faelon verdrehte seine Augen und schüttelte den Kopf:
„Das hättest du wohl gerne, aber ich werde nicht zulassen, dass ihr beide noch irgendetwas miteinander in meiner Abwesenheit besprecht. Du kannst gerne mit uns gehen, aber nicht alleine mit dem Mörder.“
Baradan warf Valimaro darauf einen fragenden Blick zu, doch der Wächter entgegnete nichts und schaute seinen Schildbruder nur stumm an.
Dann nickte Baradan Faelon zu und ging wieder zurück auf den Flur vor das Zimmer.
Währenddessen fesselten Faelon und seine Wachen Valimaros Hände erneut auf seinem Rücken und schleppten den Elben dann zur Tür.
Dort angekommen gingen alle zusammen in Richtung des Thronsaals.

Nach wenigen Metern ging Baradan direkt neben Valimaro und versuchte, mit diesem zu flüstern:
„Vali, geht es dir etwas besser? Was soll ich deiner Mutter sagen? Sie fragt nach dir.“
Baradan erhielt keine Antwort darauf, auch nicht nach einer weiteren Kurve und vielen Schrit-ten.
Irritiert wandte sich der Wächter nochmal an Valimaro:
„Du musst mit mir sprechen Vali, sonst kann ich nichts für dich machen. Du kannst mir auch ein Zeichen geben, ob sie….“
Baradan stockte und blickte an Valimaro vorbei zu Faelon und seinen Männern.
Daraufhin unterbrach Faelon den Schildbruder Valimaros mit einem schnellen Einwurf:
„Da muss ich mich jetzt aber doch einmal einschalten, Baradan. Was glaubst du denn, hätten wir mit ihm angestellt? So kurz vor seiner Verhandlung? Ich müsste vollkommen verrückt sein, wenn ich einem Gefangenen hier in den Hallen Schaden zufügen wollte.“
Die übrigen Wachen Faelons tauschten bei diesen Worten schnell flüchtige Blicke untereinander aus, schwiegen aber dazu.
Baradan war dies nicht aufgefallen, stattdessen entgegnete er:
„Gewiss Faelon, aber mein Schildbruder wirkt nicht gerade ausgeruht und erholt, wenn du mich fragst. Da wird die Frage nach seinem Wohlergehen ja wohl erlaubt sein.“
„Nein, ist sie nicht, denn es geht hier um Mord. Ruhe jetzt, gönn deinem Schildbruder eine kurze Gedankenpause, bevor es ernst für ihn wird.“
Ohne weitere Zwischengespräche schritten die Elben stumm den Weg zum Thronsaal entlang. Alle Soldaten der Palastwache, die ihnen begegneten, ließen die fünf Elben passieren, ohne ein einziges Kommentar oder Eingreifen ihrerseits.

Dann standen alle Elben vor der gewaltigen Tür des Thronsaals.
Faelon öffnete diese kraftvoll und sprach dabei zu seinen Männern:
„Bringt Valimaro auf die rechte Seite vom Buchenthron, dort wo Gefangene immer Platz nehmen müssen.“
„In Ordnung, mein Herr.“ Antwortete eine der Wachen und löste Faelon ab, der Valimaro den ganzen Weg vom Zimmer bis hierher gestützt hatte.
Als Baradan den Wachen folgen wollte, fasste Faelon diesen leicht an seinen Arm und hielt ihn damit zurück.
Überrascht blickte der Wächter zu Faeldirs Sohn und setzte einen fragenden Gesichtsausdruck auf, als Faelon bereits zu sprechen anfing:
„Ich möchte noch eine kurze Sache mit dir besprechen, Baradan.“
Dieser war völlig verwundert und entgegnete:
„Jetzt? Ich möchte lieber in den Thronsaal gehen, lass uns später darüber sprechen.“
Doch Faelon ignorierte seine Worte und zog den Wächter etwas abseits in eine kleine Seitennische im Schatten einer der großen Wurzeln, sodass niemand sie beobachten konnte.

Dann sprach er leise, aber bestimmend zu Baradan:
„Ich weiß, dass ihr beiden Schildbrüder seid, aber bedenke bitte folgendes Baradan, wir haben Valimaro mit einem blutverschmierten Dolch gesehen, als er sich gerade über den Leichnam von jener Elbin beugte, die wir beschützen sollten. Das ist eindeutig Mord und das weißt du auch.“
„Ich kenne Valimaro besser als du Faelon, ich weiß, dass er so etwas nie getan hätte, du irrst dich.“
Faelon verzog wütend das Gesicht und wusste, dass er so nicht weiterkam, also versuchte er es auf einem anderen Weg:
„Was mir noch gerade einfällt, wo wir hier beide zusammenstehen, als Schildbruder hast du sicherlich bescheid gewusst, wo Valimaro war oder?“
„Das habe ich bereits gegenüber Garadal zugegeben und werde dafür auch noch bestraft werden. Darüber müssen wir zwei also nicht sprechen, Faelon.“
„Komisch Baradan, man könnte meinen, dass du also von dem Mord, wenn es denn einer gewesen ist, gewusst haben könntest. Vielleicht habt ihr zwei dieses Verbrechen auch gemeinsam geplant und du warst nur zu schwach und feige, um es auch durchzuziehen?“
Jetzt wurde Baradan sehr wütend und sprach etwas lauter zu Faelon:
„Ich denke, du siehst und hörst nur die Dinge, die dir auch passen. Du kannst mich damit nicht einschüchtern. Kein Elb hätte diesen Mord begangen.“
Allerdings konnte Baradan seine Angst und Nervosität hinter diesen Worten nicht verstecken und dies erkannte auch sein Gegenüber:
„Wenn du dich gleich in diesem Thronsaal für deinen Schildbruder einsetzt und dich damit gegen mich stellst Baradan, dann schwöre ich beim Grünwald, dass ich dich ebenfalls des Mordes beschuldigen und dafür sorgen werde, dass du aus der Grünwaldgarde ausgeschlossen wirst. Und wir beide wissen, hinter dir steht keine große Familie und fängt dich dann auf, wenn alle Wächter und die übrigen Elben im Wald über dich reden und man munkelt, ob du ein Sippenmörder bist.
Da reicht bereits ein bloßer Verdacht, um dich auszustoßen.“

Dann trat Faelon sehr dicht an Baradan heran und flüsterte leise zu ihm:
„Und wir beide wissen auch, wie sehr du gerne dazu gehören möchtest, du würdest es nicht verkraften, ausgeschlossen zu werden.“
Plötzlich trat Elros seitlich in die Nische zu den beiden und herrschte die Elben scharf an:
„Die Verhandlung beginnt, was macht ihr beiden noch hier? Findet euch schleunigst im Thronsaal ein, Prinz Legolas wartet bereits auf euch!“
Mit einem falschen Grinsen ließ Faelon von seinen Worten ab und ging mit Elros zusammen in Richtung Thronsaal.
Nach wenigen Augenblicken folgte ihnen ein sichtlich verunsicherte Baradan, der nicht wusste, was er nun zu tun hatte.
Die Verhandlung über das Schicksal Valimaros sollte nun beginnen.

Im Thronsaal hatten sich bereits alle wichtigen Familien des Waldlandreiches versammelt, die am Hofe des Königs und unter den übrigen Elben großes Ansehen genossen.
Wie immer standen die Familienoberhäupter der Familien Nachtschatten, Mohnkranz und Sternenschar auf der linken Seite des Thronsaals, dicht bei Faeldir Schwarzdorn, dem Vater Faelons und blickten finster auf Baradan und die übrigen Elben, die nun deutlich zu spät erschienen.
Ihnen gegenüber, auf der rechten Thronseite, gruppierten sich die Familien Silberzweig und Mondschein, die sich um Calavel Weißhaupt scharten und nervöse Blicke miteinander austauschen.
Valimaro hockte zusammen mit zwei Palastwachen auf der rechten Seite des Buchenthrons und sein Geist war ein Gefangener seines eigenen Körpers, denn er bekam zwar alles genau mit, konnte sich aber kaum rühren, geschweige denn einen Laut hervorbringen. Er starrte ehrfürchtig und erwartungsvoll hinauf zum Buchenthron, auf dem Legolas saß, der Prinz des Waldlandreiches und Sohn König Thranduils.
Der kunstvoll gefertigte Langbogen des Elbenprinzen lehnte seitlich am Thron und wirkte auf die anwesenden Elben genau wie sein Besitzer, mächtig und erhaben. Der Bogen war zugleich Symbol der Kraft und Überlegenheit des Elben, denn Legolas galt im Waldlandreich als äußerst erfahren und geschickt im Umgang mit seiner bevorzugten Distanzwaffe und war als erfolgreicher Jäger und einer der schnellsten und treffsichersten Schützen des Grünwaldes bekannt.
Von der äußeren Erscheinung her war der Elbenprinz seinem Vater sehr ähnlich, wirkte aber aufgrund seines jüngeren Alters etwas dynamischer und kräftiger als Thranduil, der seinem Sohn allerdings an Anmut, Geschicklichkeit und Schönheit in keiner Weise nachstand.
Sein schlichtes, grün-braunfarbiges Gewandt bedeutete allen Elben optisch, dass weder Legolas noch Thranduil sich über ihr eigenes Volk stellen wollten, auch wenn sie die Königsfamilie der Elben repräsentierten. Wie so häufig trug Legolas auch diesmal einfaches, leichtes Schuhwerk und keine schweren Stiefel, um sich leichtfüßig und ohne große Anstrengungen durch den Wald bewegen zu können.
Legolas unterhielt sich leise mit ein paar seiner engsten Getreuen nahe am Thron, als die Elben um Faelon und Baradan endlich in den Thronsaal eintraten.
Als Thranduils Sohn den Blick hob und die Eintreffenden mit einem kurzen Nicken begrüßte, entfernten sich die Elben, die soeben noch dicht neben ihm gestanden hatten und stellten sich zu beiden Seiten des Buchenthrons auf die höchste Stufe, bereit, ihren Prinzen umgehend beraten oder beschützen zu können.

Faelon trat bis auf wenige Schritte vor den Buchenthron heran, blickte einmal flüchtig zu Valimaro herüber, der seinen Blick wütend erwiderte und kniete sich dann nieder, den Blick zu Boden gesenkt.
In diesem Augenblick erhob sich Legolas von seinem Thron und ging die wenigen Stufen hinunter, bis er direkt vor dem knienden Elben stand und zu ihm sprach:
„Solche Förmlichkeiten sind in meiner Gegenwart nicht zwingend notwendig, Faelon Schwarzdorn, ich bin nicht mein Vater und deshalb auch nicht der König vom Waldlandreich.“
Bei seinen Worten legte Legolas seine linke Hand auf die Schulter des Elben.
„Gewiss mein Prinz, wie ihr es wünscht.“
Entgegnete Faelon und richtete sich wieder zu seiner ganzen Größe auf.
Anschließend ging Legolas ein paar Schritte in Richtung Buchenthron zurück und sprach dann laut und kraftvoll, sodass seine Stimme im gesamten Raum Gehör fand, während er seinen Blick dabei durch den Saal schweifen ließ und jeden Elben einmal in seine Augen fasste:
„Heute Nacht wurde vor den Toren unseres Reiches ein grausamer Mord an einer Noldorin im Schattenhain begangen, welche die Wenigsten von euch mit Namen kennen, mir und den Wissenden ist sie aber als Cunivieth, die Sehende, bekannt gewesen. Unmittelbar zuvor wurden der Schatzkammer des Palastes mehrere Sternensteine gestohlen, die das Licht unserer Sterne in sich tragen und sehr mächtig und wertvoll sind.
Fealon Schwarzdorn, ich hatte euch damit beauftragt, diesen Vorfall aufzuklären. Was habt ihr darüber zu berichten? Ich hörte von einer schweren Anschuldigung.“

Legolas setzte sich nach seinen Worten wieder auf den Thron und lehnte sich gespannt nach vorne, um Faelon zu mustern, als dieser schließlich sprach:
„Wir haben den Wächter Valimaro dabei erwischt, wie er einen Mord an eben jener Elbin beging, die ihr mir aufgetragen hattet, zu beschützen. Leider mussten wir beim Eintreffen im Schattenhain feststellen, dass Valimaro seine grausame Tat bereits ausgeführt hatte und die Elbin tot war. Als Beweis habe ich dem Fürsten der Waldlandgarde den blutverschmierten Dolch überreicht, den der Mörder in seinen Händen hielt, als er sich über den Leichnam beugte.“
Legolas nickte und sagte:
„Garadal hat mich bereits davon unterrichtet und mir diesen Dolch übergeben. Er sagte jedoch auch, dass es keinen offensichtlichen Beweis für diese Anschuldigung gibt, da Valimaro bei eurem Eintreffen mit niemanden ein Wort sprach noch den Mord selbst unter Zeugen beging.“
„Das mag sein mein Prinz, aber er hatte in seinen Taschen auch jene Sternensteine, die euch wenige Stunden zuvor gestohlen wurden.“

Faelon trat ein paar Schritte vor und legte Legolas zwei gezackte Sternensteine zu seinen Füßen.
Dieser stand kurz auf, griff die Steine, nahm sie in seine Hände und beäugte sie fasziniert.
Ein unnatürlich helles Licht ging von ihnen aus und erleuchtete den gesamten Thronsaal, ein Raunen aller Anwesenden war durch den Raum zu vernehmen.
Dann blickte Legolas nach links und sprach:
„Forgal Mondschein, Meister der Silberkammern, könnt ihr mir sagen, ob es sich bei diesen Sternensteinen um dieselben handelt, die wir schmerzlich vermissen?“

Forgal Mondschein, ein in brauner Robe gehüllter, sehr alter Sinda, trat an den Buchenthron heran und nahm die Steine entgegen, die Legolas ihm reichte.
Nach wenigen Augenblicken und einem kritischen Blick auf beide Steine, antworte Meister Mondschein dem Elbenprinzen auf seine Frage:
„Ich kann euch versichern, mein Prinz, dies sind nicht unsere Sternensterne.
Diese Steine hier wurden einst Cunivieth anvertraut und sie bewahrte diese im Schattenhain auf.“

Daraufhin übergab der Meister der Silberkammern die Steine wieder an Legolas und wollte gerade zurück auf seinen Platz neben Calavel Weißhaupt treten, als Faelon etwas genervt fragte:
„Woher wollt ihr wissen, dass diese Steine nicht diejenigen sind, die hier verschwunden sind? Sind die Sternensteine nicht alle identisch?“
Legolas‘ Blick wechselte gespannt zwischen Forgal und Faelon hin und her, dann sprach Meister Mondschein in Richtung Faeldirs Sohn:
„Weil die Sternensteine, die wir im Waldlandreich aufbewahren, viel kleiner sind und wir sie nachträglich abgeschliffen haben, damit sie schöner anzusehen sind und auch etwas kräftiger strahlen.
Und es liegt noch an ein paar weiteren, feineren Unterschieden, die nur dem geschulten Auge auffallen würden, Faelon Schwarzdorn.“

Nach seinen Worten trat Forgal wieder an seinen ursprünglichen Platz neben Calavel Weißhaupt zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust.
Legolas wandte sich wieder Faelon zu und sprach:
„Das bedeutet, die verschwundenen Sternensteine meines Vaters konnten nicht ausfindig gemacht werden?“
Faelon Schwarzdorn wirkte etwas resigniert, senkte den Blick zu Boden und antwortete leise:
„Ich fürchte nicht, mein Prinz.
Bitte verzeiht mir, ich werde meine Männer nochmals im Schattenhain nach ihnen suchen lassen.“
Valimaro wurde bei dieser Szene von einem Anflug von Hoffnung ergriffen, dass sich seine Situation nun etwas verbessert hätte.

Doch dann trat Faeldir Schwarzdorn, Faelons Vater, in sein Sichtfeld und stellte sich eilig vor den Buchenthron, nicht ohne sich zuvor kurz vor Legolas zu verbeugen.
Mit einem wütenden Blick, den er seinem Sohn zuwarf, gebot er diesem, vom Thron zurück zu treten und sich auf die linke Thronseite in das Gefolge der Schwarzdorns einzureihen.
„Mein Prinz, auch wenn dies nicht die Sternensteine sind, die eurer Familie und damit unserem Volk gestohlen worden sind, so müssen wir hier über den Verdacht des Mordes in dieser Nacht sprechen.
Valimaro hat meinen Quellen zufolge schon eine geraume Zeit, nämlich etliche Jahre lang, gegen das Gebot eures Vaters verstoßen und sich heimlich unter Vortäuschung falscher Gründe im Schattenhain mit der ermordeten Noldorin getroffen.
Was sagt dies wohl über seine Glaubwürdigkeit aus? Ich finde, er hätte diese Zeit auch sehr gut dafür nutzen können, um ein derartiges Verbrechen genau vorzubereiten und um die Schwächen Cunivieths auszuspähen, damit er sie im richtigen Moment überwältigen kann. Abgesehen davon, wer garantiert uns denn, dass Valimaro die Sternensteine nicht in der Nähe des Hauses schnell verstecken konnte, bevor Garadal und mein Sohn dort eintrafen?“

Legolas hörte ihm aufmerksam zu und stelle dann zunächst eine Gegenfrage:
„Woher bezieht ihr euer Wissen, Meister Schwarzdorn, wer sind eure vermeintlichen Quellen?“
Faeldir lachte in sich hinein und antworte dann darauf gelassen:
„Baradan, der Schildbruder Valimaros, berichtete Garadal und den Wächtern der Waldlandgarde, dass Valimaro schon lange Zeit den Schattenhain aufsuche, um dort angeblich meditieren zu gehen.“
Bei diesen Worten zuckte Baradan innerlich zusammen, denn nun geriet er selbst in den Fokus dieser Verhandlung und das hätte er gerne vermieden.
Valimaro blickte seinen Schildbruder erwartungsvoll an, als dieser aus den Reihen der vielen Elben hervortrat und sich dicht hinter Faeldir Schwarzdorn stellte, den Blick zunächst zu Boden gesenkt, ohne auch nur für einen kurzen Moment zu Valimaro zu schauen.
„Ist das wahr Baradan, hat Valimaro jahrelang unseren Geboten zu wider gehandelt?“
Fragte Legolas ihn.
Der Wächter schluckte einmal, dann sprach er zum Elbenprinzen:
„Valimaro ist ein guter Wächter und nie würde er gegen euren Willen oder den des Königs handeln, allerdings ist es wahr, dass er seit einiger Zeit alleine den Schattenhain aufsucht. Mir hat er nie genau erzählt, weshalb und ich habe ihn auch nie danach fragen wollen, weil wir einander vertrauen und ich bis heute davon ausging, dass er schon gute Gründe dafür hätte, alleine in den verbotenen Teilen außerhalb des Reiches zu meditieren.“

Legolas Miene wurde nun ernster und er drehte sich zur Seite, um Valimaro in den Blick zu nehmen, dann fragte er Baradan erneut:
„Hältst du es für möglich, dass dein Schildbruder diesen Mord dort beging und ihn auch vorbereitet hat?“
Baradan schielte kurz zu Valimaro, dann zu Faelon Schworzdorn, schließlich antwortete er Thranduils Sohn:
„Ich kann nichts Genaues dazu sagen mein Prinz, ich war in dieser Nacht zu sehr darüber schockiert, dass ein Mord an einer Elbin geschah. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Valimaro eine solche Tat begangen haben soll, ausschließen kann ich es aber genauso wenig.“
Bei diesen Worten lächelte Faelon etwas, was niemand der anwesenden Elben augenscheinlich bemerkte.
Valimaro war stattdessen fassungslos und schockiert von den Ausführungen seines Schildbruders und wackelte nervös auf seinen Knien herum, unfähig einen Ton hervorzubringen.

Legolas nickte Baradan zu und entgegnete ihm:
„Gut Baradan, du musst dich dazu nicht weiter äußern. Über dein Vergehen urteilt dann Garadal persönlich.“
Baradan kniete sich seitlich hinter Faeldir Schwarzdorn auf den Boden und sprach:
„Ja, mein Prinz.“
Dann stand er auf und verschwand auf der linken Thronseite in den hinteren Reihen der Elben, ohne nochmals zu Valimaro zu sehen.
Daraufhin richtete Faeldir Schwarzdorn erneut das Wort an den Elbenprinz:
„Mein Prinz, wir haben…..“
Doch Legolas unterbrach den Elben abrupt mit dem Wink seiner rechten Hand und drehte sich anschließend zu Valimaro:
„Ich möchte zunächst gerne Valimaro anhören. Er wird sich zu diesen schlimmen Vorwürfen gegen ihn sicherlich äußern wollen.“
Die Wachen, die dicht neben Valimaro standen, packten diesen jeweils an seinen Armen und schleppten ihn wenige Meter vor den Elbenprinzen, dort setzten sie ihn ab.
Der Wächter schaute zu Legolas auf, doch brachte kein Wort hervor.
Der Prinz des Waldlandreiches trat etwas näher an ihn heran und sprach:
„Valimaro, ich kannte deinen Vater und dein Name verbinden viele Elben unseres Volkes mit dem Bild eines starken Wächters der Grünwaldgarde, der als einer der Fähigsten unter seinesgleichen gilt. Sag mir, was ist in der heutigen Nacht im Schattenhain vorgefallen?“
Legolas blickte zu Valimaro herunter, doch der Wächter brachte keine Antwort hervor.

Die nächsten geräuschlosen Minuten fühlten sich für alle anwesenden Elben wie Stunden an.
Als Valimaro schließlich nichts erwiderte und offensichtlich nicht selbst für sich sprechen konnte, räusperte sich auf der rechten Thronseite Calavel Weißhaupt, der Meister der Schriftkunde und sprach zu Legolas:
„Mein Prinz, Valimaro fühlt sich nicht wohl, vielleicht sollten wir diese Verhandlung auf Morgen vertagen und ihm eine Ruhepause gewähren, denn wenn er mit Cunivieth befreundet war, so könnte er immer noch unter Schock stehen, dass sie vor seinen Augen ermordet wurde und wir ihn sofort als Täter anklagen.“
Faeldir Schwarzdorn trat nun zwischen Legolas und Calavel und versuchte, die Worte des Elben abzuschwächen:
„Meister Weißhaupt, ihr vergesst, was wir eben zusammen besprochen haben, Valimaro hat bereits ein Geständnis abgelegt und schweigt sich jetzt nur aus, weil er sein Schicksal akzeptiert hat und seine furchtbare Tat zutiefst bereut.“
Legolas blickte verwundert zu Faeldir:
„Er hat die Tat bereits gestanden?“

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 15

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Sonntag 22. Oktober 2017, 15:08

Das Urteil

Calavel Weißhaupt wirkte bei den Worten Faeldirs irritiert und antwortete prompt auf die Frage des Prinzen:
„Valimaro hat diese Tat nicht gestanden, Faeldirs Sohn behauptet dies zwar nach wie vor, allerdings habe auch ich persönlich mit dem Wächter gesprochen, nachdem er in die Hallen des Königs gebracht worden ist und ich bin von seiner Unschuld überzeugt, da….“
An dieser Stelle fiel Faeldir dem Meister der Schriftkunde ins Wort:
„Das ist ja auch kein Wunder, Meister Weißhaupt, seid ihr doch seiner Familie schon lange in Freundschaft verbunden, deshalb gebe ich in dieser Angelegenheit auch nichts auf eure Worte.
Ihr wollt den Elben nur schützen, doch bedenkt, es geht hier um das schwerste Verbrechen, das begangen werden kann.“

Legolas stellte sich nun wieder mittig vor den Buchenthron, sodass beide wortführenden Elben ihn jeweils zu beiden Seiten flankierten und Valimaro zwischen ihnen hockte, dann sprach der Elbenprinz zu Calavel:
„Was macht euch so sicher, dass Valimaro unschuldig ist und diese Tat nicht begangen hat?“
Calavel Weißhaupt wirkte ernst, als er antwortete:
„Ein ganz entscheidender Grund mein Prinz, die Tatsache, dass Elben keine Elben umbringen, jedenfalls keine unseres Volkes, das ist unlängst bekannt.“
Faeldir prustete Luft aus und sprach:
„Möchtet ihr dazu vielleicht unsere fernen Verwandten befragen, weit jenseits des Nebelgebirges? Für mich ist es nicht auszuschließen, dass solch ein Verbrechen möglich ist. Außerdem ist es höchst verdächtig, dass Valimaro nun nicht mehr darüber sprechen möchte. Vielleicht hat er Angst, noch mehr von dieser Nacht preisgeben zu müssen, als ihm lieb ist. Oder er möchte wohlmöglich jemanden oder etwas schützen.“
Calavel schüttelte bei diesen Worten den Kopf und sagte:
„Es mag richtig und auch sonderbar sein, dass Valimaro zu diesen Anschuldigungen schweigt, doch ich habe mit ihm vorhin sprechen können und er berichtete mir über diese Nacht und seiner Begegnung mit Cunivieth…“

Dann erzählte der Meister der Schriftkunde laut und deutlich, was Valimaro ihm alles im Zimmer berichtet hatte und er schilderte auch, weshalb ihm diese Geschichte glaubhaft erschien.
Lange sprach Calavel Weißhaupt im Thronsaal und ließ dabei keine Details aus, sodass Legolas alles mitbekam, was Valimaro über diese Nacht zu sagen hatte und über Cunivieth und die Steine wusste.
Am Ende seiner Ausführungen wirkte der Elbenprinz sehr nachdenklich und sprach:
„Wenn es so gewesen ist, wie ihr sagt, dann sind wir alle in großer Gefahr, dieses Wesen, wer auch immer er oder was auch immer es ist, stellt eine ernsthafte Bedrohung für das Waldlandreich und generell für die Bewohner des Grünwaldes dar.“
Faeldir ging ein paar Schritte auf den Thron zu und entgegnete darauf:
„Wir wissen doch überhaupt nicht, ob es sich so zugetragen hat, mein Prinz. Mein Sohn hat mir gesagt, dass Valimaro ihm die Tat gestanden hat….“

Calavel Weißhaupt schaltete sich bei diesen Worten von hinten ein und unterbrach Faelons Vater:
„Wer weiß schon, was der Schwarzdornsprößling mit dem Wächter angestellt hat, um zu seinem Geständnis zu gelangen. Schließlich ist eure Familie Valimaro nicht in Freundschaft verbunden, Meister Schwarzdorn.“
Faeldir drehte sich zu Calavel herum und funkelte diesen finster an:
„Was wollt ihr meinem Sohn und meiner Familie damit unterstellen?“
Meister Schwarzdorn ging wenige Schritte auf Meister Weißhaupt zu, als sich Legolas plötzlich zwischen den beiden Elben aufbaute und beide laut maßregelte:
„Jetzt habe ich aber genug davon! Es sollten hier keine offenen Rechnungen zwischen einander ausgetragen werden, sondern wir verhandeln hier über eine ernsthafte Angelegenheit. Klärt eure Familienstreitigkeiten außerhalb dieser Hallen.“

Beide Meister neigten kurz ihr Haupt gegenüber dem Elbenprinzen, dann sagte Calavel:
„Mein Prinz, seht euch Valimaro an, es ist offensichtlich, dass es ihm nicht gut geht, wir sollten morgen weiter über sein angebliches Verbrechen debattieren. Gewährt dem Gefangenen eine Nacht der Ruhe in den Hallen.“
Jetzt mischte sich wieder Faeldir ein:
„Unsinn, Valimaro schweigt, weil er die Tat bereits gestanden hat, sie einsieht und sich nicht weiter in Gefahr bringen möchte. Nicht eine Minute der Ruhe sollte diesem Elb vergönnt sein. Außerdem habt ihr dem Wächter bereits den Aufenthalt im Verließ erspart, das eigentlich zwingend für jeden vorgesehen sein sollte, der im Waldlandreich unter Mordanklage steht.“
Calavel blickte ernst zu Faeldir und entgegnete ihm:
„Ich sage euch, er hat die Tat nicht gestanden, euer Sohn lügt. Und ich habe den Wächter nur vor möglichen Misshandlungen durch seine Häscher bewahren wollen, er ist immerhin ein Sinda aus dem Waldlandreich, kein gewöhnlicher Fremder oder der Feind.“
Daraufhin pustete Faeldor abfällig Luft aus und sprach:
„Wie könnt ihr da so sicher sein? Mord ist Mord, Meister Weißhaupt, ganz gleich, ob ihr der Mörder wärt oder einer der Waldmenschen vom großen Fluss.“

„Das reicht jetzt. Ihr macht mich noch ganz wahnsinnig mit euren gegenseitigen Vorwürfen.“
Schaltete sich Legolas ein und setzte sich deutlich im Zwiespalt mit sich auf den Buchenthron.
Nachdenklich legte er eine seiner Hände an die rechte Schläfe, etwas unschlüssig, was er nun tun sollte.
Dann trat Faeldir bis auf wenige Schritte vor den Buchenthron heran und kniete sich vor diesem nieder, anschließend richtete er folgende Worte an den Elbenprinzen:
„Mein Prinz, überlegt, was würde euer Vater in dieser Situation tun?“
Legolas blickte Faeldir in sein Gesicht und antwortete:
„Er würde im Sinne seines Volkes entscheiden und es vor Unheil bewahren wollen. Er würde stets zugunsten des Waldlandreiches urteilen.“
Faeldir nickte.

In diesem Moment trat Calavel neben Faeldir und mischte sich ein:
„Er würde vor allem eine faire Entscheidung treffen und sein Urteil genau abwägen. Niemals würde Thranduil leichtfertig oder unklug entscheiden, lasst uns die Verhandlung morgen ausgeruht fortsetzen.“
Meister Schwarzdorn wandte sich nun Calavel zu:
„Ist es also nicht weise, sofort vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, um unser Volk zu beschützen? Ihr wollt Valimaro einen weiteren Aufenthalt der Muße in einem der Zimmer im Palast schenken?“
Der Meister der Schriftkunde wirkte darauf etwas verbittert:
„Das habe ich nicht damit sagen wollen. Aber wie leichtfertig ihr ein Todesurteil über einen Elben aussprechen wollt, das ist mir schleierhaft und befremdlich.“

Legolas wirkte in Gedanken verloren, das bemerkten die beiden Meister und traten ein paar Schritte zurück vom Thron, dann sprach Faeldir zu Calavel:
„Das Beste für unser Volk wäre es wohl, wenn Valimaro für alle Zeitalter in einem der unteren Verließe weggesperrt würde. Es muss nicht gleich der Tod sein, mit dem dieser Elb bestraft wird, da gebe ich euch Recht, Meister Weißhaupt. Allerdings sollte der Schutz unseres Volkes doch oberste Priorität haben, meint ihr nicht auch?“
Calavel ahnte, was Faeldir beabsichtigte und versuchte, dieser Falle auszuweichen.
Er blickte kurz zu Legolas hinüber, der immer noch mit sich beschäftigt schien, dann antwortete er:
„Der Schutz unseres Volkes steht auch für mich an oberste Stelle, aber sage ich euch, der unbekannte Feind, den Valimaro in der heutigen Nacht bekämpfte, hat diesen Mord zu verantworten und unsere Sternensteine gestohlen.
Wir sollten nicht denjenigen unschuldig dafür bestrafen, der sich bemühte, Cunivieth und unser Volk zu verteidigen.“
Nach diesen Worten stand Legolas von seinem Buchenthron auf und ernst war seine Miene, als er zunächst die beiden Meister musterte und dann Valimaro in den Blick nahm, der immer noch stumm auf seinen Knien saß und bemitleidenswert aussah.

Langsam schritt der Elbenprinz die wenigen Stufen hinunter und stellte sich zwischen die Meister, dann, seinen Blick auf Valimaro gerichtet, sprach er:
„Wenn mein Vater hier wäre, würde er im Sinne unseres Volkes handeln und gleichzeitig würde er auch ein gerechtes Urteil fällen und einen Elben nicht leichtfertig richten.
Auf der einen Seite wurde Valimaro im verbotenen Schattenhain mit dem Dolch über Cunivieth entdeckt. Außerdem schweigt er sich bisher über diesen Vorfall aus und macht sich damit sehr verdächtig, auch weil er jahrelang gegen den Willen meines Vaters gehandelt hat.
Auf der anderen Seite klingt die Geschichte, die Meister Weißhaupt vorgetragen hat, für mich sehr überzeugend, denn auch ich kannte Cunivieth flüchtig und kann die Beschreibungen nur bestätigen.
Darüber hinaus ist mir kein Sippenmord in der langen Geschichte unseres Volkes bekannt, auch dies spricht für die Unschuld Valimaros.
Und dennoch bleibt die Tatsache, dass weder das eine noch das andere eindeutig bewiesen werden kann.
Wir wissen also nicht mit Sicherheit, was in dieser Nacht im Schattenhain genau vorgefallen ist.
Mit Sicherheit kann lediglich gesagt werden, dass die Sternensteine meines Vaters gestohlen wurden und wenn die Geschichte Valimaros stimmen sollte, dann befürchte ich, sind wir Elben in großer Gefahr.
Aus den genannten Gründen bestimme ich, Legolas, Prinz vom Großen Grünwald, Folgendes:
Valimaro wird frei gelassen und erhält die Möglichkeit, seine Unschuld und seine, durch Meister Weißhaupt geschilderte, Erzählung über die Vorfälle dieser Nacht zu beweisen, indem er meinem Vater die gestohlenen Sternensteine zurückbringt und den unbekannten Feind stellt. Um aber das Waldlandreich vor möglichem Schaden zu bewahren und auch, weil ein Mordverdacht im Raum steht, verbanne ich hiermit den Wächter Valimaro aus dem Waldlandreich und zwar solange, bis Valimaro seine Unschuld beweisen kann. Sollte der Wächter vorher einen Fuß über die Grenze unseres Reiches setzen, ist er als Feind aller Elben hier anzusehen.
Dieses Urteil tritt mit dem Sonnenaufgang des morgigen Tages in Kraft und Valimaro erhält nun die Möglichkeit, sich von seiner Mutter und seinen Freunden zu verabschieden.“

Stille herrschte im Thronsaal, niemand sagte ein Wort.
Dann wandte sich Legolas wieder seinen Männern zu, die hinter dem Buchenthron standen und ignorierte die beiden Meister vor dem Thron, die sich einander finster anschauten, aber respektvoll zunickten.
In seinen Gedanken fiel Valimaro währenddessen einen tiefen Abgrund hinunter und die Gefühle von Angst, Enttäuschung aber auch Wut und Trauer wechselten sich unentwegt in seinem Geist ab.
Als die Wachen dann zum Wächter traten und diesen wieder auf die Beine hievten, blickte Valimaro zur linken Thronseite, wo Faelon Schwarzdorn in der ersten Reihe stand.
Als sich ihre Blicke trafen lächelte Faeldirs Sohn und deutete mit seiner rechten Hand ein spöttisches Winken an.
Tiefer Zorn entbrannte dabei innerlich in Valimaro, doch äußerlich war dem stummen Wächter davon nichts anzumerken.
Zuletzt versuchte der Elb in der Menge noch Baradan ausfindig zu machen, doch sein Schildbruder war nirgendwo zu entdecken.

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 16

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Donnerstag 2. November 2017, 01:12

Das letzte Versprechen

Es waren bereits einige Tage vergangen, seitdem Valimaro den Garten Cunivieths unerwartet und einsam verließ, da sich die Elbin an diesem Abend gekränkt in ihr Haus zurückgezogen hatte.
Am heutigen Morgen war Valimaro schon sehr früh in Richtung des Schattenhains aufgebrochen und sammelte dort seit etlichen Stunden alle möglichen Kräuter und Pilze für Cunivieth, um einerseits die schlechten Erinnerungen an ihre letzte Begegnung etwas zu verdrängen und um der Elbin andererseits damit eine Freude machen zu können.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen, denn Valimaro wollte möglichst vorher viele Kräuter für seine Freundin auflesen, bevor er sie in ihrem Haus aufsuchen wollte.

Der Wächter dachte gerade darüber nach, wie er Cunivieth gleich gegenübertreten solle, um wieder an die fröhlicheren Besuche vor dem Letzten anzuknüpfen, als ihn die Stimme der Elbin unerwartet aus seinen Gedanken riss:
„Vali, schön dich zu sehen, geht es dir gut?“
Die Stimme klang freundlich und zart.
Der Wächter drehte sich überrascht herum und dann fehlten ihm die Worte.
Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass Cunivieth ihn so fröhlich begrüßen und so aussehen würde, wie sie es nun tat, als er sie erblickte.

Die Elbin stand dicht hinter ihm und war in eine feine, hellgrüne Robe gehüllt, die nicht vergleichbar mit ihren übrigen Schürzen war, die sie grundsätzlich bei all ihren bisherigen Treffen getragen hatte.
Von den vielen kleinen und großen Taschen, die für die Arbeit im Wald sinnvoll waren, konnte der Elb keine an dieser schönen Robe erkennen.
Die Kleidung, die sie nun trug, war etwas vollkommen anderes, wohl eher einer Prinzessin des Grünwaldes würdig und angemessen, wie Valimaro beim Anblick Cunivieths für sich dachte.
Die Elbin strahlte makellose Schönheit und Eleganz aus, dass es dem Wächter kurzzeitig den Atem raubte, denn er hatte Cunivieth nie zuvor so angesehen, wie er es in diesem Augenblick tat, als sie vor ihm stand und durch ihre bloße Erscheinung sein Herz erwärmte.
Auch Cunivieth bemerkte den Blick, welchen Valimaro ihr zuwarf und lächelte dabei etwas nervös, nicht unbedingt, um ihn noch mehr aus der Fassung zu bringen, aber so geschah es.
Der Elb schaute kurz verlegen auf die Pflanzen, die er in seiner linken Hand festhielt und schließlich angestrengt auf die Tasche zu seinen Füßen, die bereits mit sämtlichen wichtigen Kräutern für die Elbin gut gefüllt war, die sie für ihre Arbeit benötigte.

Sichtlich nervös blickte Valimaro dann zu Boden und wusste nicht, was er nun eigentlich zur Begrüßung zu ihr sagen wolle.
Doch Cunivieth erlöste ihren Freund aus dieser unangenehmen Situation und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie nicht weiter großartig mit ihm über ihren letzten Besuch reden wollte, als sie plötzlich dicht vor Valimaro stand, seine freie Hand ergriff und freundlich zu ihm sagte:
„Ich bin sehr glücklich, dich heute hier anzutreffen, Vali. Ich muss dir schnell etwas Schönes zeigen, bevor es weg ist. Kommst du mit mir?“
Der Wächter nickte ihr freundlich zu und ließ sich dann von der Elbin mitziehen, nicht ohne ihr noch schnell bei dieser rückartigen Bewegung zu sagen:
„Ich freue mich auch sehr darüber, dich heute hier zu treffen, Cunivieth. Ich habe dich sehr vermisst.“

Die Elbin lächelte bei seinen Worten und zog Valimaro etwas bestimmter am Arm, sodass dieser die Kräuter schnell auf seine Tasche fallen ließ, um sodann mit Cunivieth Schritt halten zu können, die ihn flüchtig mit sich riss.
Cunivieth führte den Elben etliche Meter tiefer in den Schattenhain, vorbei an vielen Bäumen und unzähligen Kräutern und Sträuchern, deren Namen der Wächter nicht kannte.
Doch die Elbin schien sich hier bestens auszukennen und lief nun schneller, Valimaro dicht am Arm haltend, querfeldein, an Böschungen entlang, jedoch zielführend und stets vorausschauend.
Letztlich hielt Cunivieth direkt vor dem gewaltigen Baumstamm einer riesigen Eiche und war etwas außer Atem.
Dort angekommen ließ sie Valimaro los und blickte dann den hohen Baum hinauf.
Irritiert folgte der Wächter ihrem Blick nach oben zur Baumkrone, deren genaue Höhe er bei diesem Zwielicht nicht genau abschätzen konnte.
Überrascht wollte der Elb gerade ein paar Worte an sie richten, als Cunivieth ihr Kleid bereits gerafft hatte und ohne ein weiteres Kommentar damit begann, den Stamm der riesigen Eiche hinauf zu klettern.
„Es muss sich dort oben etwas sehr Besonderes befinden, wenn du deine feine Robe dafür schmutzig machen oder beschädigen willst.“
Brach es verwundert aus dem Elben heraus, der ungläubig hinter Cunivieth stand und sich fragte, was sie ihm damit zeigen wolle.
Die Elbin blickte kurz über ihre Schultern nach hinten zu ihm und antwortete:
„Wenn du mir nicht folgst, wirst du es wohl nicht erfahren. Außerdem ist es nur eine Frage der richtigen Herangehensweise, um seine Kleidung nicht unnötig beim Aufstieg zu beschmutzen.“
Daraufhin kletterte Cunivieth den Baumstamm empor und zwar so, als hätte sie nie etwas anderes in ihrem bisherigen Dasein getan, ihre schöne Robe berührte nicht einmal die Baumrinde.

Valimaro zuckte gelassen mit seinen Schultern und tat es der Elbin gleich, auch wenn es bei weitem nicht so geübt aussah wie bei ihr und der Wächter mehrfach ansetzen musste, um den richtigen Halt finden zu können.
Beim Hochziehen am Stamm stieg Valimaro der für ihn wohlige Holzgeruch in die Nase, der bei dieser Eiche sehr intensiv war.
Nach vielen Metern erreichte der Elb eine Höhe, bei der manche der umliegenden Bäume bereits ihre Baumkronen präsentierten, während andere Eichen noch viel höher wuchsen.
Der Wächter schaute nach oben, wo er Cunivieth im Dunkeln nicht mehr erkennen konnte und rief ihr zu:
„Bist du schon im Blätterdach angekommen?“
„Finde es selbst heraus, es ist nicht mehr weit.“
Entgegnete sie ihm sanft nach unten.
Ihre Stimme schien nur wenige Meter weit entfernt.
Nach drei bis vier weiteren, kräftigen Zügen, raschelten die Blätter neben Valimaro, als er plötzlich mit seiner linken Hand abrutschte und sich nur knapp mit der anderen an einem der dünneren Äste festhielt.
Seine freie Hand baumelte in der Luft und er drohte, gänzlich abzurutschen und tief nach unten abzustürzen.

„Jetzt bloß nicht den Halt verlieren, mein Wächter.“
Sprach Cunivieth gelassen nach unten zu ihm und hielt Valimaro eine ihrer Hände hin, die der Elb mit seiner freien sofort ergriff und sich dann an der Elbin noch oben hochzog.
Cunivieth, die sich ein paar Meter über ihm befand, stemmte sich mit ihren beiden Beinen fest in eine Verästelung des Baumes, um so das Gewicht Valimaros halten zu können, während dieser sich an ihrem Arm nach oben an ihre Seite zog.
Nach einem kräftigen Ruck stand der Wächter dicht neben der Elbin und blickte ihr tief in ihre klaren, grauen Augen.
„Danke für deinen starken Arm.“

Cunivieth nickte ihm leicht zu und blickte dann nach oben.
Ein dichtes Blätterdach, das die Aussicht in den Himmel abschirmte, bot sich dem Anblick der beiden Elben, die sich hier direkt unterhalb der Baumkrone der großen Eiche befanden.
Cunivieth lächelte Valimaro freundlich entgegen, dann bahnte sie sich einen Weg durch die Blätter nach oben und verschwand gänzlich aus seinem Sichtfeld.
Unwissend was ihn dort oben erwarten würde, folgte der Elb ihrem Beispiel und stieg ihr hinterher.

Nach einem dichten Blättermeer zu allen Seiten spürte Valimaro auf einmal den frischen und zugleich kalten Windhauch, der zunächst um sein Haare und schließlich um sein Gesicht wirbelte.
Als er mit seinem Kopf durch das Blätterdach hindurchbrach, schloss der Elb kurz die Augen und atmete tief ein, dabei füllte er seine Lungen mit dem ungewohnten, aber zugleich wohltuenden Geruch der klaren Luft, die über dem Grünwald in dieser Höhe hinwegfegte.
Ein paar Meter vor ihm saß Cunivieth in entspannter Sitzhaltung und schaute in Gedanken versunken über die umliegenden Bäume hinweg.

Valimaro zwängte sich aus dem Blätterdach und trat vorsichtig an sie heran, gerade wollte er sie ansprechen: „Cunivieth,….“
„Psscht, wir müssen leise sein, es beginnt gleich.“
Unterbrach sie den Elben und deutete mit einer klopfenden Handbewegung ihrer linken Hand neben ihr an, dass sich Valimaro dorthin setzen solle, was er auch ohne eine Erwiderung seinerseits tat.
Beide Elben hielten den Blick gespannt in die Ferne gerichtet.
Valimaro hatte nur wenige Male zuvor eine vergleichbare Aussicht genossen, aber noch niemals aus dieser Höhe.
Der Wächter konnte hier oben weit über den Großen Grünwald hinwegsehen und in der nördlichen Ferne die Gebirgszüge des Grauen Gebirges erkennen, während das Nebelgebirge mit seinen weiten Ausläufern den Wald im Westen begrenzte, was auch deutlich zu erkennen war. Als er nach Süden schaute, ragten hinter den unzähligen Baumreihen in weiter Ferne die Gipfel des Grünwaldmassivs auf, wo zugleich die Quelle des verzauberten Waldflusses lag.

Er drehte sich wieder Cunivieth zu, die ihre Augen geschlossen hielt und tief ein- und ausatmete, als wäre sie in einer Meditation.
Schließlich stieg im Osten die Sonne auf und die ersten Strahlen erleuchteten den gesamten Grünwald und beschienen die dichten Baumkronen des größten Waldgebietes Mittelerdes.
Die Sonnenstrahlen berührten auch die Eiche, auf welcher die beiden Elben standen und Valimaro spürte die Wärme, als Cunivieth plötzlich ihre Augen öffnete und, den Blick nach wie vor in die Ferne gerichtet, Folgendes zu ihm aussprach:
„Nun beginnt es also, das Schauspiel.“
Valimaro wirkte von ihren Worten etwas irritiert und verstand nicht, was sie damit sagen wollte, als sich schließlich aus den Blätterkronen der umliegenden Bäume zu Dutzenden Schmetterlinge erhoben und hoch aufstiegen.

Überall um die Elben herum stiegen die Schmetterlinge in riesigen Kolonnen auf und flogen in dichten Schwärmen zusammen.
Erst jetzt begriff Valimaro, dass die oberen Blätterschichten tatsächlich gar keine Blätter waren, sondern stattdessen größere Schmetterlingspaare, die sich nun, angestrahlt von der Sonne, bewegten und zu Tausenden neben und über ihm flogen.

Die Sonne tat dabei ihr Übriges und tauchte diese Szenerie in leuchtende Goldtöne, sodass die Schmetterlinge überall sichtbar glitzerten und den Himmel wunderschön erleuchteten, zusammen mit dem Sonnenaufgang bot sich den beiden ein atemberaubender Anblick.
Cunivieth bemerkte den faszinierenden Blick, den Valimaro bei diesem Schauspiel aufsetzte, und lächelte dabei zufrieden:
„Ich finde es auch immer noch sehr schön mitanzusehen. Niemand kennt den Namen dieser Art genau, ich nenne sie schon immer ‚Glitzerfalter‘, weil ihre bronzefarbenen Flügel bei Berührung mit dem Sonnenlicht schimmern und glänzen.“
„Es ist wirklich wunderschön, Cunivieth.“
„Ja, nur am Morgen, beim warmen Strahl des ersten Sonnenlichts, brechen sie gemeinsam auf, um sich vor Feinden wie Vögeln im Schwarm schützen zu können.
In dieser Welt bietet die Gemeinschaft und Gesellschaft anderer oftmals Schutz vor äußeren Gefahren und Bedrohungen.“

Nach diesen Worten ergriff Valimaro vorsichtig die Hand der Elbin, welche ruhig neben ihm ruhte und drückte sie ganz fest, sodass Cunivieth ihr Gesicht zu ihm drehte.
Beide wussten in diesem Augenblick, was diese Geste bedeuten sollte, auch wenn keiner von ihnen etwas sagte.
Beide schwiegen sich wissend an, weil keiner von ihnen erneut mit dem anderen streiten wollte, nicht in diesem Moment, nicht heute, so früh am Tage.

Zusammen schauten sie den letzten Glitzerfaltern nach und genossen ihre stille Zweisamkeit auf der höchsten Eiche im Schattenhain.
Als die Schmetterlinge langsam im Licht der Sonne verschwanden und der Tag bereits zur Gänze angebrochen war, richtete Cunivieth das Wort an Valimaro:
„Bitte sorge dafür, dass mein Körper hier im Schattenhain ruhen wird und ich meine Heimat nicht verlassen muss.“
Sanft streichelte Valimaro mit seinen Fingern die Hand der Elbin und sprach:
„Ich verspreche es dir Cunivieth. Was auch immer passieren wird, ich werde dafür sorgen, dass du deine Heimat nicht verlassen musst.“

Bei seinen Worten legte die Elbin ihren Kopf an seine Schulter, schmiegte sich an ihn und schloss dabei ihre Augen.
In seiner Gegenwart fühlte sie sich geborgen und er gab ihr das Gefühl, sie doch vor den Gefahren beschützen zu können, die sie heimsuchen würden.
Ließ sich ihr Schicksal noch abändern?

Lange saßen die beiden Elben dort auf dem höchsten Baum und fühlten die Wärme des anderen, während sie bereits jetzt, jeder in seinen Gedanken vertieft, Angst vor der Zukunft hatten, welche die Elbin vorhergesehen hatte.
Viele Fragen gingen dem Wächter in diesen Stunden durch den Kopf, vieles, was er gerne wissen wollte und manches mehr, das er nicht wissen wollte, aber musste.
Bei jeder seiner geistigen Fragen bangte der Elb um das Leben seiner Freundin und suchte gedanklich nach einem Ausweg, den es nicht gab.

Schließlich sprach Valimaro weiter:
„Ich habe lange darüber nachgedacht, welche meiner vielen Fragen ich dir zuletzt stellen soll, Cunivieth.“
Die Elbin löste sich von ihm und blickte ihn von der Seite an, als der Wächter bereits weitersprach:
„Wie kann ich deinen Mörder finden?“
Cunivieths Miene wurde sehr ernst und nun war sie es, welche die Hand Valimaros ergriff und vorsichtig streichelte, während sie ihm antwortete:
„Von all den vielen Fragen, die in dir aufkamen, hast du diese ausgewählt?“
„Du hast einst gesagt, ich kann das Schicksal nicht verhindern, was du vorhergesehen hast. Auch wenn ich alles versuchen werde, dich vor Schaden zu bewahren, Cunivieth, ich kann den Ausgang nicht verändern. Aber ich kann den Feind finden, der dir etwas antun wird und ich kann sein Schicksal besiegeln.“

Bei seinen Worten schreckte die Elbin kurz auf und entgegnete ihm:
„Du sollst meinen Tod nicht rächen Vali. Rache stürzt ganze Königreiche in großes Unglück. Was hat das Schicksal wohl mit einem Elben im Sinn, der aus Rache blind und unüberlegt handelt? Auch deine Rache wird mich nicht zurück ins Leben bringen können.“
Nach ihren Worten küsste sie den Wächter sanft auf seine Stirn und stand auf.

Valimaro fühlte sich erneut von ihr vor den Kopf gestoßen und in seinem Stolz verletzt, doch diesmal verbarg er seine Emotionen und blieb gelassen, als er freundlich an Cunivieth gerichtet sprach:
„Das ist meine letzte Frage an dich. Ganz gleich, was ich mit deiner Antwort für mich selbst auch anfangen werde, ich möchte eine Antwort von dir auf meine dritte Frage erhalten.“

Cunivieth blickte nachdenklich über die Wipfel der Eiche, ihr Blick war ziellos und leer in die Ferne gerichtet, als sie Valimaro schließlich antwortete:
„Ich kann meine Sorge um dich nicht verbergen, dass du meinen Tod in falschem Eifer einst versuchen wirst, zu rächen und um meinen Mörder finden zu wollen. Doch lass mich dich warnen, Valimaro, Wächter vom Großen Grünwald. Ich sah in den Flammen ein Wesen von solcher Boshaftigkeit, dass ich es mit der Angst zutun bekam und dieses vielleicht mit meiner Einsichtnahme und meinen Gefühlen erst zu mir lockte. Die Augen sind pechschwarz wie die mondlose Nacht, die Stimme ist düster und grausam. Es wandelt stets im Schatten, um sich zu verstecken und hüllt seinen Geist in die körperliche Hülle eines Elben, doch ist es keiner unseres Volkes, da bin ich mir sicher. Ich kann dir nicht mit Sicherheit sagen, wer oder was dieser Feind genau ist, nur, dass er sehr viel mächtiger ist als du oder ich.
Um auf deine Frage zu antworten, du wirst diesen Feind in der ersten mondlosen Nacht, nahe der nördlichsten Ausläufer der Grünwaldberge finden, dort wo der verzauberte Waldfluss aus seiner Quelle entspringt.“

Valimaro nickte ihr zu und wirkte sehr nachdenklich bei ihren Ausführungen.
Dann legte Cunivieth einen Arm auf seine Schulter und beugte sich zu ihm herunter:
„Ich möchte dich bitten, nicht dorthin zu gehen, es wäre vielleicht dein Ende in dieser Welt und ich will, dass du noch viele Zeitalter bei deinem Volk verlebst, bis wir uns wiedersehen.“
Der Wächter blickte sie entschlossen an und sagte:
„Dies werde ich dir nicht versprechen können Cunivieth, aber ich werde versuchen, stets richtig zu handeln und mein Volk zu beschützen.“
Jetzt sprach die Elbin energischer zu ihm:
„Du wirst dich in diesem Kampf verlieren und wirst nie mehr nach Hause zurückkehren können.“
„Das weißt du nicht sicher Cunivieth. Ich werde mir nicht ewig verworfen, es nicht versucht zu haben.“
„Am Ende wird alles so kommen, wie es kommen soll, Valimaro.“

Der Elb nickte ihr zu und stand dann auf.
Cunivieth verzog ihren Mund zu einem schmalen Strich und sagte dann:
„Du hast mir deine drei Fragen gestellt, du kannst noch ein paar Stunden bei mir verweilen, dann muss ich dich bitten, den Schattenhain zu verlassen.“
Ein innerlicher Schmerz durchzog Valimaro bei ihren Worten, doch hatte er dies bereits befürchtet und so erwiderte er auch nichts auf ihre Aussage.

Beide Elben verbrachten nun den halben Tag miteinander, lachten und scherzten viel miteinander und wollten beide nicht auseinandergehen.
Doch als schließlich auch alle Kräuter eingeräumt, viele Mixturen zusammen hergestellt und Valimaro seiner Freundin bei der Vorbereitung des späten Mittags geholfen hatte, kam der Moment, an dem es aus Cunivieths Sicht allmählich Zeit wurde, sich voneinander zu verabschieden.

Es kam ganz unerwartet für Valimaro, als dieser gerade dabei war, die Phiolen mit dem Düsterwasser auf dem kleinen Abstelltisch in der Küche zu sortieren und zu beschriften:
„Vali, ich möchte die restliche Zeit am Nachmittag dafür nutzen, ein wenig alleine hier zu meditieren.“
Ihre Worte trafen den Elben wie ein unerwarteter Schlag in sein Gesicht.
Der Wächter schluckte langsam und drehte die letzten Phiolen mit Düsterwasser so herum, dass man die Schrift von vorne gut erkennen konnte.
Dann nickte er Cunivieth zu und folgte ihr zur Haustür.

Als beide an der Türschwelle angekommen waren, wollte niemand den Anfang ihres Abschieds begehen.
Schließlich war es Valimaro, der zu Cunivieth sagte:
„Ich möchte dir für alles danken, was ich hier von dir gelernt habe und bin dankbar für die kostbare Zeit, die wir miteinander verbracht haben.“
Der Wächter wollte sich gerade vor der Elbin verbeugen, als diese die wenigen Schritte auf ihn zulief und ihn umarmte.

Valimaro ließ diese innige Umarmung zu, beide schmiegten sich fest aneinander und legten ihre Köpfe zusammen.
In den Augen beider Elben sammelten sich stille Tränen des Abschieds.
Eng umschlungen standen die Zwei lange dort an der Tür und sprachen kein Wort zueinander.
Dann war es Cunivieth, die nach einiger Zeit in der Umarmung zu Valimaro flüsterte:
„Versprich mir, dass du immer ein Auge auf mich hast und mich niemals vergessen wirst, so wie ich dich nie vergessen werde, Valimaro, ganz gleich, was auch immer geschehen mag.“
„Das verspreche ich dir ganz fest Cunivieth. Ich werde immer in deiner Nähe sein.“
Mit einem leichten Zittern in ihrer Stimme erwiderte die Elbin darauf:
„Im Sternenlicht deines Volkes werde ich über dich wachen und immer bei dir sein.“

Leise liefen dem Wächter die Tränen bei diesen Worten über seine Wangen und er begann fürchterlich zu schluchzen.
Daraufhin löste sich Cunivieth aus seiner Umarmung und öffnete schnell ihre Haustür.
Nach zwei tiefen Atemzügen wandte sich der Elb in Richtung dieser und trat aus dem Haus hinaus ins Freie.
Ein letzter Blick zwischen beiden.
Dann schloss Cunivieth ihre Haustür zu und von innen ab.
Valimaro stand noch lange auf der Türschwelle, unfähig sich zu rühren.
Nach einiger Zeit wischte er sich seine Tränen aus dem Gesicht und verließ den Schattenhain.
Die ganze Zeit hatte Cunivieth auf der anderen Seite ihrer Haustür auf dem Boden gesessen und ihre tiefe Trauer unterdrückt, solange Valimaro auf der anderen Seite anwesend war.
Als sie nun hörte, wie er sich entfernte, begann sie furchtbar zu weinen und ein tiefer, innerlicher Schmerz erfüllte ihr Herz und ihre Seele.
Leise für sich sprach sie schließlich:
"Le hannon, i galad en elenath nadh râd gîn."

Spät am Nachmittag des gleichen Tages, als Cunivieth bereits etwas gefasster war und sich erneut ihre Alltagsschürze angezogen hatte, klopfte es dreimal laut an ihrer Haustür.
Glücklich, dass Valimaro vielleicht doch bei ihr im Schattenhain bleiben wolle, trotz ihrer deutlichen Worte, lief sie schnell zur Haustür.
Als sie diese vorsichtig einen Spalt breit öffnete, stand jedoch jemand gänzlich anderes vor ihr und sollte ihr Schicksal besiegeln.

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Valimaro
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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 17

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Montag 6. November 2017, 23:36

Die Wahrheit, die lebt

„Dein Letzter!“, brüllte er über den Schild des Elben hinweg und ließ das Flammenmeer, in dem er selbst badete, ohne dabei ernsthaften Schaden zu nehmen, noch höher auflodern und stärker brennen, um einerseits seine Wut über das unerwartete Eingreifen dieses Elben noch stärker zum Ausdruck zu bringen und andererseits, um den beiden Feinden Angst zu machen.
Gleichzeitig versuchte er, weitere Türen des Geistes der sterbenden Elbin für sich aufzustoßen, um sich so ihrer Geheimnisse, allen voran der, der übrigen Verstecke und Orte der Sternensteine, zu bemächtigen.

In einem unerwarteten Moment war der Elb vor ihm abgelenkt und der in Flammen Gehüllte riss ihm seinen Schild aus der Hand und schleuderte denselben in hohem Bogen durch den Raum.
Im gleichen Augenblick wehrte sich Cunivieth erneut gegen das Eindringen des Fremden und schloss seinen Geist wieder etwas mehr aus ihrem Verstand aus.
Türen, die er gerade noch für sich öffnen konnte, waren nun wieder durch sie verschlossen worden, auch dies ärgerte ihn sehr, denn offenbar war die Elbin selbst im Todeskampf fest dazu entschlossen, absolut nichts über die Steine preisgeben zu wollen.
'Sei es drum', dachte sich der Namenlose, denn die Zeit arbeitete für ihn und bald würde Cunivieth im Angesicht ihres sicheren Todes zu schwach dafür sein, um sich weiterhin gegen ihn zu erwehren.
Dann, so hoffte er, würde er sich ohne Gegenwehr in ihren Verstand fressen können und alles erfahren, was sie wusste.

Plötzlich riss ein tiefer Schmerz den falschen Gast aus diesen Gedanken und gab Cunivieth dadurch etwas mehr Kraft und Freiraum, den Geist des Fremden zurückzudrängen.
Der Elb, der ihn nun fast mit seiner Rüstung berührte und sein Gesicht von den Flammen wegdrehte, hatte sein Schwert tief in den Leib des Namenlosen gebohrt und stieß ihn nun von sich nach vorne weg, indem er sich vom Schwertgriff nach hinten abdrückte.
Die Klinge riss eine tiefe Wunde in seinen Körper und verletzte den falschen Gast sehr, er taumelte mit dem Schwert in seinem Körper nach hinten und wusste zunächst nicht, was hier gerade geschah.

Seine Schmerzen waren zu stark, er ließ ab vom Geiste Cunivieths und versuchte, sich selbst etwas zu sammeln und so konzentrieren zu können, um die innerlichen Schmerzen zu ertragen.
Langsam drehte er sich seitlich zur Rückwand des Holzhauses und blickte diese hinauf bis zum Dach.
Hastig tastete er sich nach hinten und fühlte mit seinen flammenden Händen die nahe Holzwand, hinter welcher der Garten der Elbin lag.
Sein Atem rasselte merklich und er spürte, wie seine Kräfte zu schwinden begannen.
Hinzu kam die benebelnde Wirkung des Düsterwassers, das Cunivieth zuvor auf ihn geschleudert hatte. Dies tat nun sein Übriges und blockierte zunehmend seinen Verstand und sein Handeln.

Seine Wunden mussten augenblicklich von ihm versorgt werden, das wusste er, sonst wäre dieser Ort vielleicht sein Untergang und dadurch würde der Plan seines Meisters letztlich durch sein Versagen scheitern.
Bei diesem Gedanken wirkte der Namenlose plötzlich wieder hellwach und zu allem bereit.
Er ignorierte seine Schmerzen und tiefer Hass auf die beiden Elben stieg in ihm auf, als er mit der Berührung seiner Hand die hintere Rückwand des Hauses entflammte und anschließend die umherliegenden Stühle ebenfalls entzündete.
Wütend wanderte sein Blick nach hinten zurück durch die Küche, als er sich erneut zu den Elben umdrehte, die er in seinem Rücken vermutete.
Doch er schaute nur in einen verlassenen Raum, auch weiter vorne im Haus, in dem kleinen Vorraum mit der vorderen Haustür, konnte er niemanden im Halbdunkel des anbrechenden Abends ausmachen.

Der unbekannte Elb hatte Cunivieth offensichtlich schnell hinaus gebracht und versuchte dort, sie am Leben zu erhalten. ‚Was für ein Narr‘, dachte sich der Namenlose und machte sich bereit, in schnellen Schritten aus dem Haus zu stürmen, während er gleichzeitig ansetzte, um erneut in Cunivieths Verstand eindringen zu können, die bereits im Sterben lag und mit jedem ihrer Herzschläge schwächer wurde, das spürte er.
Als der Namenlose gerade den hinteren Bereich, in dem er selbst stand, vollends in Brand gesteckt und sich dazu entschlossen hatte, auf welche grausame Art und Weise er den Störenfried, der ihn und sein Handeln durch sein Eingreifen unterbrochen hatte, zu Tode bringen wollte, lauschte der Namenlose plötzlich einem Stimmengewirr, welches neben den Feuergeräuschen von außen an seine Ohren drangen.

Es mussten die verhassten Waldelben sein, die bereits ganz nahe waren, das ahnte er.
Ganz offensichtlich hatte er die Geräusche zu spät bemerkt, es blieb ihm nun kaum Zeit mehr.
Dort stand er also, ratlos in Flammen getaucht, während das Haus bereits fast vollständig in Flammen aufging und wägte seine Möglichkeiten ab
– rausstürmen, kämpfen und beide Elben töten, doch möglicherweise dabei von den herannahenden Waldelben entdeckt werden, sodass sie ihn womöglich verfolgten und die Pläne seines Meisters gefährdeten?
Vielleicht würde er auch zu schwach sein, um einer Verfolgung durch sie zu entgehen und sie würden ihn schließlich stellen und zusammen vernichten.
Oder könnte er rausstürmen, kämpfen und vielleicht sogar von dem Elben getötet werden, der einen entscheidenden Vorteil besaß, nämlich, dass der Namenlose schwer verletzt und vom Düsterwasser betäubt war?
Oder sollte er lieber Abwarten, fliehen und die Elben dort draußen ignorieren? So könnte er sich einerseits unbemerkt in Sicherheit bringen, denn beide Elben würden denken, er sei tot und andererseits, könnte er die aus dem Waldlandreich gestohlenen Sternensteine, die er in seinem Mantel verbarg, in Sicherheit bringen und in ein paar Jahren hierher zurückkehren, um die versteckten Steine der Elbin erneut zu suchen.

Um seiner Aufgabe willen entschied sich die namenlose Flamme für die letzte Variante und drehte sich zur Rückwand des Hauses, die bereits schon vom Feuer stark zerfressen war und den Blick in den dahinterliegenden Garten freigab.
Unter Schmerzen schleppte sich der falsche Gast die wenigen Meter zurück zu dieser Wand und hielt dann inne – die Elbin, so dachte er sich.
Wenigstens ihre Gedanken wollte er noch mit sich nehmen, bevor sie verstarb.
Mit großen Anstrengungen konzentrierte sich der Fremde auf die Elbin, die draußen mit dem Tode rang und sich nicht mehr gegen ihn erwehren konnte.

Eine Tür nach der anderen konnte er im Geiste Cunivieths einschlagen und die dahinter liegenden Zimmer ihrer Seele nun endlich betreten, die sie vergeblich versucht hatte, vor ihm abzuschließen.
Dort angekommen sah er, woher Cunivieth einst gekommen war, wie sie früher einmal geheißen hatte, wie lange sie schon in Mittelerde existierte und wie sie vor etlichen Jahrhunderten in den Großen Grünwald gekommen war.
Er lächelte, als er die Elbin in seinen Gedanken Tanzen sah.
Der falsche Gast las in ihrem langen Leben, wie in einem offenen Buch und geiferte bereits nach ihren innersten Gedanken, die sie in den hinteren Zimmern verbarg.

Und dann weiteten sich seine Pupillen, als er die tiefer liegenden Zimmer ihrer Seele betrat und dort nach den Geheimnissen gierte, die sie hier versuchte, vor ihm zu bewahren.
Aber die Elbin hatte den Kampf gegen ihn noch nicht völlig aufgegeben, mit dem letzten Aufgebot ihrer Kräfte zeigte sie dem Eindringling, was sie ihn sehen lassen wollte: einen Elben in blutroter Rüstung.
Überall öffnete dieser die Türen der tiefer liegenden Zimmer und schritt dem Namenlosen entschlossen entgegen.
Dieser zischte laut beim Anblick des Elben und erkannte das verhasste Gesicht des Wächters, der ihm gerade eben eine tiefe Wunde zugefügt hatte.
Es war Valimaro, jener Elb, dessen Schicksal er von Cunivieth erfahren wollte, um diesem ein gewaltsames Ende bereiten zu können.
Sollte es also tatsächlich stimmen?
War es dieser Wächter, der im Stande war, die Pläne von Narake, seinem Meister, zu durchkreuzen?

Ein Gefühl von Abscheu überkam den Namenlosen und in blindem Hass zerschmetterte er das geistige Abbild des Elben dutzende und aber dutzende Male im Verstand Cunivieths und riss jedes Zimmer mit großer Gewalt ein, aus denen Valimaro auf ihn zu trat.
Doch mit jedem Zimmer, das er auf diese Weise zerstörte und anschließend verließ, stand er vor zwei neuen Türen, aus denen Valimaro in blutroter Rüstung hervortrat und sich ihm in Kampfhaltung entgegen stellte.
Und jeden dieser Wächter vernichtete er in weiteren, tobenden Wutausbrüchen.

Laut brüllte er durch den Geist der Elbin, deren Seele schon auf der Schwelle von Mandos Hallen stand:
„Wo hast du die Steine versteckt? Verrate mir die übrigen Orte! Zeige mir nicht weiterhin die Trugbilder deines sterbenden Verstandes!“
Doch die Zimmer, die er betrat, begannen schon in sich zusammenzufallen und mit seiner Stimme zu verschmelzen.
Einen letzten Versuch unternahm der falsche Gast und rannte an den zahlreichen Türen vorbei in das innerste Zentrum des Verstandes von Cunivieth.
Aber der Weg dorthin löste sich bereits auf, genauso wie die umliegenden Türen und Abbilder Valimaros und der Namenlose stürzte schließlich in die endlose, schwarze Leere darunter, als das Leben aus der Elbin wich.
So wurde er letztlich aus dem Verstand Cunivieths ausgesperrt, weil dieser mit ihrem Tod aufhörte, in dieser, für seinen Geist zugänglichen Welt, zu existieren.
Und er wusste, dass sie verschieden und seine Aussicht, ihre Geheimnisse endlich erfahren zu können, damit verflüchtigt waren.

Schritte kamen näher und der Namenlose hastete eilig durch die Holzwand des Hauses hindurch, die weit heruntergebrannt war, hinaus in den Garten der Elbin und rannte in Panik auf den Spiegelteich zu.
Das alles hatte zu lange gedauert.
Die Erkenntnis, dass der Elb, den er aufspüren sollte, gerade zusammen mit ihm im Haus gestanden hatte, ließ ihn in dieser gefährlichen Situation nachsichtig und unaufmerksam werden.
Ohne weiter nachzudenken, sprang er in das schwarze Gewässer des Spiegelteiches und tauchte dann tief zum Grund hinab, sodass ein paar Meter Wasser über ihm waren.
Die Flammen, die ihn noch vor wenigen Augenblicken umgaben, waren sofort erloschen und lediglich der dichte Rauch und die Wellenbewegungen verrieten, dass er hier in den Spiegelteich gesprungen war.
Doch die Elben, die nun angekommen waren, würden seine Anwesenheit nicht bemerken, weil sie zunächst mit anderen Problemen kämpften und sich dann lautstarke Diskussionen bis tief in die Nacht vor dem Haus lieferten.

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 18

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Dienstag 14. November 2017, 20:15

I lómë

Die Nacht war bereits über den Großen Grünwald hereingebrochen, als Valimaro die Grenze des Waldlandreiches schließlich passierte und seine Heimat schweigsam hinter sich ließ.
Den Blick noch immer resignierend zu Boden gesenkt, kreisten seine Gedanken immer wieder um die Ereignisse der letzten Stunden, während er sich allmählich zu Fuß in Bewegung setzte, noch etwas unschlüssig darüber, wohin er nun eigentlich gehen sollte. Viele Fragen beschäftigten den Wächter, der langsam einen Fuß vor den anderen hinaus in die einsame Nacht setzte.

Was hatte er nicht alles an diesem Tag verloren? Seine Freundin Cunivieth, seinen Schildbruder Baradan, seine Mutter Maneth und schließlich auch das Heimatrecht, hier bei seinem Volk weiter leben zu dürfen. War sein Leben damit verwirkt?
Wie sollte es jetzt für ihn weitergehen? Was konnte er noch erwarten?
Valimaro blickte noch einmal zurück zum Waldlandreich und hielt stumm inne.

Einsam und verlassen stand der Elb dort auf dem schmalen Waldweg am Rande seiner Heimat und war innerlich von Gefühlen der Trauer, der Furcht sowie des Zorns zerrissen.
Der stumme Abschied von seiner Mutter hatte ihn zusätzlich sehr aufgewühlt und großen Kummer auf beiden Seiten verursacht.
Der Wächter wusste, dass er für alles, was sie nun erdulden musste, verantwortlich war.
Welches Los war einer Elbin wohl beschieden, deren Sohn als Mörder und Verräter von einem Großteil der Elben angesehen wurde?
Valimaro kannte die Antwort darauf sehr genau und die Tatsache zu wissen, dass er im Moment absolut nichts an der Situation Maneths ändern konnte, machte ihn zusätzlich sehr wütend und stimmte ihn betrübt.

In diesen Gedanken versunken schloss der Elb seine Augen und erinnerte sich an den Abschied im Haus seiner Mutter vor wenigen Augenblicken.
Maneth hatte ihren einzigen Sohn in den langen, aschgrauen Mantel ihres Mannes eingehüllt, den sie seit seinem spurlosen Verschwinden aufbewahrt und stets unberührt in seiner Kommode gelassen hatte.
Geistesabwesend und stumm hatte Valimaro dabei neben ihr gestanden und sich von ihr still in den Mantel hüllen lassen.
Maneth hatte sich äußerlich nichts anmerken lassen und wirke bis zuletzt sehr gefasst und ruhig.
Sie steckte ihrem Sohn noch eilig etwas von ihrem kostbaren Silberschmuck sowie einiges an Proviant in seine Manteltaschen und legte ihm anschließend seinen Schwertgürtel um die Hüften.

Etwas irritiert blickte sie ihren Sohn anschließend an und fragte diesen:
„Wo hast du dein Schwert gelassen? Hast du es etwa im Schattenhain verloren?“
Valimaro, immer noch unfähig, etwas zu sagen, nickte stumm darauf und versuchte, seine Gefühle von tiefer Traurigkeit im Beisein seiner Mutter zu beherrschen und nicht ausbrechen zu lassen, um es ihr und sich nicht noch schwerer machen zu müssen.
Maneth verschwand für einen kurzen Moment aus der Küche und holte einen silberfarbigen Dolch aus einem der Nebenräume.

Valimaro blickte erschrocken auf diesen und erkannte die Klinge seines Vaters, die er wohl nicht bei sich getragen hatte, als er damals verschwand.
Der Elb schüttelte energisch den Kopf und streckte seiner Mutter in ablehnender Geste die Hände entgegen.
Maneth seufzte leicht und umschloss dann den Dolch mit ihren Händen etwas fester, als sie zu ihrem Sohn sprach:
„Du bist unser Sohn, Valimaro und ich werde dich heute Nacht nicht auch noch an die Ewigkeit verlieren, in dem Wissen, du könntest dich gegen äußere Feinde ohne eine Klinge nicht angemessen verteidigen.
Deshalb möchte ich, dass du den Dolch deines Vaters stets bei dir trägst und dich somit daran erinnerst, wer du bist und woher du kommst, ganz gleich, wo auch immer dich dein Weg hinführen mag. Wir lieben dich. “

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, stürmte Valimaro entschlossen auf sie zu und umarmte seine Mutter voller Stolz und Liebe.
Diese erwiderte die zärtliche Geste seiner Dankbarkeit und schmiegte ihren Kopf sanft an die linke Schulter ihres Sohnes, während sie ihre Hände dabei um ihn legte.
Mit klarer Stimme flüsterte Maneth ihrem Kind in sein Ohr:
„Ich glaube nicht ein Wort von dem, was sie über dich erzählen und weiß, dass du einst zu mir zurückkehren wirst. Indem du versucht hast, diese Elbin, deine Freundin, mit deinem Leben zu beschützen, hast du viel Mut bewiesen. Ich bin sehr stolz auf dich, dein Vater wäre es genauso gewesen. Calavel hatte mich sofort darüber benachrichtigt.“

Valimaro kämpfte gegen seine Gefühle an und schluckte diese kurz herunter, um nicht von ihnen vor seiner Mutter überwältigt zu werden, als die Elbin weitersprach:
„Gib stets Acht auf dich und verzeihe anderen Wesen ihre Fehler, denen du begegnen wirst. Vor allem den Menschen, denn sie haben einen Elben wie dich nicht verdient und werden dir mit Argwohn und Missgunst begegnen.“
Nach einer kurzen Pause sprach Maneth weiter:
„Auch wenn du gerade nichts erwidern kannst, mein Sohn, sage ich dir, wir beide gehen in Liebe auseinander und diese Liebe bringt dich auch wieder zurück zu mir und Zeit habe ich mehr als genug.“

Ein kalter Windhauch streifte sein Gesicht und holte den Elben zurück in die Gegenwart.
Dieses Bild von seiner Mutter, wie sie dort mit ihm gemeinsam seinen Abschied beging, wollte er sich für seine weitere Zukunft im Geiste bewahren, bis sie sich vielleicht eines Tages wiedersehen würden, worauf er sehr hoffte.
Unbewusst fasste er bei diesem Gedanken an den Griff des Dolches, welchen er rechts am Gürtel trug und der nun seine einzige Waffe nach dem Verlassen seiner Heimat war.
Vorsichtig glitt er die kalte Klinge entlang und erinnerte sich an seinen Vater, den er, auch wenn er ihn nur flüchtig als Kind gekannt hatte, nicht enttäuschen wollte.

Dann öffnete der Elb seine Augen und war wieder ganz bei sich, zumindest für diesen einsamen Moment, als alleine er im Wald stand.
Für ihn gab es nur einen richtigen Ort, an den er jetzt gehen wollte, um sich ganz sicher zu sein, das wusste er.

Und wie er dort stand, begann es langsam zu regnen, zunächst ganz leicht mit wenigen kleinen Tropfen, die den Wächter gelegentlich hier und da trafen, doch bald schon setzte ein so heftiger Wolkenbruch ein, dass der Elb sich eng in seinen Mantel einwickeln musste, um nicht völlig vom herab prasselnden Regen durchnässt zu werden.
Er blickte den schmalen Waldweg hinunter, fest davon überzeugt, für sich die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Dann trat er bis auf wenige Meter vor den Waldrand zu seiner Rechten heran und schaute noch ein letztes Mal in Richtung seiner Heimat.

Dort kam ihm plötzlich ein furchtbarer Zweifel, der ihn bis in sein Mark erschütterte.
Was wäre, wenn der namenlose Feind bereits im Waldlandreich war? War es vielleicht möglich, dass der Mörder Cunivieths mit den gestohlenen Steinen unbemerkt dort eingedrungen war? Er hatte es ja offensichtlich schon einmal erfolgreich riskiert und niemand der wachsamen Waldelben hatte seine Anwesenheit bemerkt. Wenn es tatsächlich so sein sollte, dachte Valimaro bei sich, dann wären die Steine des Königs und damit die Aussicht auf baldige Rückkehr für ihn in unerreichbare Ferne gerückt.

Der Regenschauer wurde nun deutlich intensiver und Valimaro stellte sich unter die nahen Bäume, um etwas Schutz vor dem heftigen Niederschlag finden zu können.
Aber warum sollte der Mörder in das Waldlandreich zurückkehren?
Denn der Wächter wusste, dass er seinen Feind im Schattenhain schwer verletzt, wenn nicht sogar getötet hatte. J
edoch hatte Cunivieth diese Vermutung mit ihren Worten verneint, auch wenn das Feuer keinen anderen Schluss für ihn zu ließ.
Er musste deshalb auf Nummer sichergehen.
Der Elb atmete bei dieser Überlegung tief aus und blickte hinauf zum Mond, der mit blassem Lichtschein durch die wenigen Stellen der Blätter hindurchbrach. Valimaro erkannte die schmale Mondsichel hinter dichten Regenwolken am Firmament und wusste, dass heute Altlicht war, wie die alten Sinda die letzte Mondphase vor der mondlosen Nacht nannten.
Es war also noch nicht zu spät für ihn und es blieben ihm noch ein paar Tage Zeit, um zur Quelle des verzauberten Waldflusses zu gelangen, bevor der Neumond anbrach.
Wenn Cunivieth Recht hatte, würde er dort in jedem Fall auf ihren Mörder treffen, da war er sich absolut sicher.
Doch für heute Nacht hatte Valimaro ein anderes Ziel.
Der Elb blickte noch einmal zu Boden, schluckte seine Gefühle herunter und verschwand dann in den ersten Baumreihen, als er den schmalen Waldweg in Richtung Schattenhain verließ.
Und niemals fiel ihm dieser Gang schwerer als in diesem Moment, denn er wusste, dass Cunivieth und damit der Zauber, der diesem Ort für ihn einst innegewohnt hatte, fort waren und nicht mehr zurückkommen würden.

Die Nacht war bereits über den Großen Grünwald hereingebrochen, als Faelon Schwarzdorn seinen Vater in dessen Gemächern nahe des Thronsaals aufsuchte.
Nervös und sichtlich zögernd klopfte er laut und deutlich an die Zimmertür.
Es dauerte nur wenige Augenblicke bis Faeldir Schwarzdorn öffnete und seinem Sohn etwas Platz machte, damit dieser eintreten konnte.
Faelon senkte den Blick zu Boden, als er am Familienoberhaupt vorbeiging und ein brüchiges „Vater“ brummte.
Faeldir nickte kommentarlos, als sich sein Sohn langsam an ihm vorbei in das Zimmer stahl und dabei große Angst verspürte, seinen Vater vorhin bei der Verhandlung schwer enttäuscht zu haben.
Ohne eine weitere Begrüßung zwischen ihnen platzte es aus Faelon heraus:
„Es tut mir leid, wenn ich dich vorhin im Thronsaal enttäuscht habe, Vater, aber ich hatte keine Ahnung, dass es nicht die Steine waren, die dem König gestohlen wurden. Aber…“
Faeldir unterbrach seinen Sohn abrupt mit dem bloßen Anheben seines rechten Zeigefingers.
Der Elb verstummte augenblicklich und senkte den Blick erneut zu Boden.

Mit der ihm ausmachenden Arroganz und Gleichgültigkeit umkreiste Faeldir seinen Sohn langsam und starrte ihn dabei von der Seite an.
Nach einer weiteren Umkreisung sprach er schließlich zu diesem:
„Dein Verhalten heute im Thronsaal war inakzeptabel Faelon, du hast dich vor deinem Prinzen, den Meistern und aller anderen Elben dort mit deinen Aussagen und Fragen lächerlich gemacht und zu meiner größten Enttäuschung hast du mich und unsere Familie dadurch dumm und unwissend aussehen lassen.“

Faelon setzte an, um eine Erwiderung seinerseits vorzubringen, die sein Vater allerdings mit einer schnellen Ohrfeige abschmetterte, noch bevor er ein Wort sagen konnte.
Wütend herrschte ihn Faeldir anschließend von der Seite an:
„Unterbrich mich jetzt nicht, Faelon, ich war noch nicht fertig mit dir. Du hast deiner Familie heute große Schande bereitet und den Namen deiner Familie beleidigt.“
Faeldir stockte und beruhigte sich wieder, sodass seine Stimmfarbe im Folgenden im scharfen Kontrast zum vorherigen Tonfall ganz ruhig und entspannt wirkte:
„Aber zum Glück konnte ich diesen Eindruck mit meinem Auftreten etwas revidieren und habe deine Ehre wiederherstellen können.“

Faelon horchte auf, traute sich aber nicht, irgendetwas darauf zu entgegnen.
Schweigend blieb er stehen, als sein Vater diesen Punkt weiterausführte:
„Weißt du, warum ich Valimaro so schnell wie möglich verurteilt wissen wollte?“
„Weil du ihn und seinen Vater verabscheust und dir seine Erfolge als Wächter stets missfallen haben?“
„Blödsinn, derlei Zwistigkeiten sind mir gleich, Faelon. Es geht dabei um viel mehr.“
Faeldirs Sohn überlegte etwas und fragte schließlich interessiert:
„Aber warum war es dir dann so wichtig, ihn heute Nacht verurteilen zu lassen? Er hätte doch genauso gut morgen oder in 1000 Jahren verurteilt werden können, wie du auch selbst vorgeschlagen hast. Wir hätten auch auf die Rückkehr des Königs warten können.“

Faelons Vater schüttelte daraufhin energisch den Kopf und nahm dann auf einem der nahen Stühle im Zimmer Platz.
Nach einem lauten Seufzer sagte er schließlich:
„Wir beide wissen, dass die Geschichte, die Calavel Weißhaupt vorhin schilderte und die von Valimaro höchstselbst stammt, wahr ist.
Ich habe Legolas direkt nach der Verhandlung vorgeschlagen, sofort nach diesem Feind suchen zu lassen, der vielleicht die Steine stahl und das Leben der Elbin gewaltsam beendete. Alles natürlich nur auf einen möglichen Verdacht hin.“
„Dann glaubst du also auch diesem Elben? Ich hatte dir doch….“
„Halte mich nicht für so naiv, mein Sohn, ich kenne dich und deine Ambitionen sehr gut. Deshalb wirst du auch alles daran setzen, deiner Aufgabe gerecht zu werden, die dir anvertraut wurde.“

Faelon wirkte sehr verwundert:
„Meiner Aufgabe gerecht werden?“
Faeldir setzte ein ehrliches Lächeln auf:
„Wen, glaubst du, habe ich wohl für die sofortige Suche im Schattenhain beim Prinzen vorgeschlagen? Du wirst dich nach unserem Gespräch noch in dieser Nacht dorthin begeben und die Spur dieses Feindes aufnehmen.
Komm nicht eher zu mir oder in das Waldlandreich zurück, bevor du ihn oder die Steine nicht ausfindig gemacht hast.“

Faelon nickte zustimmend.
„Ja, Vater. Damit stelle ich deine Ehre und die unserer Familie wieder her.“
Faeldir lehnte sich entspannt nach vorne und legte die Hände ineinander, dann sprach er:
„Mehr noch, du wirst von Thranduil höchstselbst reich belohnt werden. Aber nicht mit Silber und dergleichen, sondern mit Einfluss und Ansehen unter den Familien am Hofe. Wir können unseren Namen damit für eine lange Zeit an höchster Stelle im Gedächtnis unseres Königs platzieren. Niemand vergisst den Elben und seine Familie, die dem Königshaus diesen hohen Dienst erwiesen hat.“

Dann wurde Faelon doch etwas ernster und blickte seinen Vater an:
„Aber Valimaro hat erzählt, dass dieser Feind anders sei, er wisse nicht, gegen wen oder was er dort im Schattenhain kämpfte.“
Faeldir erhob sich von seinem Stuhl und schritt langsam auf seinen Sohn zu.
In Armeslänge legte er ihm eine Hand auf die rechte Schulter, während er mit der anderen Hand den Nacken des Elben packte und diesen fest umklammerte:
„Mein Junge, du bist ein Schwarzdorn. Du gehörst zu einen der besten Wächtern unseres Volkes und bist reichlich kampferprobt. Du hast vor niemanden Angst.
Nimm dir aber zur Sicherheit drei unserer besten Wächter mit und mach mir diesmal keine Schande, sondern erfüllte mich mit Stolz. Aber Baradan lasse hier.“

Die pure Entschlossen war in Faelons Augen zu lesen, als er seinem Vater zunickte und sich anschließend tief vor ihm verbeugte.
Faeldir schritt auf eine nahe Kommode zu und füllte sich aus einer darauf stehenden Karaffe etwas klares Wasser in ein Trinkglas, setzte dieses an den Mund an und beobachtete seinen Sohn, gleichzeitig legte dieser eine blutrote Wächterrüstung an und schnallte sich seinen Schwergurt samt Elbenklinge um die Hüften.
Danach setzte er sich den Helm auf und nickte seinem Vater erneut zu.

Er schickte sich an, aus dem Zimmer gehen zu wollen.
Auf der Türschwelle angekommen, drehte sich Faelon noch einmal zu seinem Vater nach hinten um und sprach zu ihm:
„Was passiert, wenn ich Valimaro dort antreffen sollte? Vielleicht begibt sich der Elb auch in den Schattenhain zu der Stelle, wo der Mord an Cunivieth geschah? Eventuell ist er auch auf der Suche nach diesem Feind.“
Faeldir schmunzelte bei diesen Worten, setzte sein Trinkglas ab und antwortete schnell:
„Nun, das will ich nicht hoffen für ihn, aber falls du ihm dort begegnen solltest, stelle um jeden Preis sicher, dass du es bist, der diesen unbekannten Feind bezwingt und die Steine anschließend sicher zum König zurückbringst.
Lass dir deinen Ruhm nicht von Valimaro nehmen, Faelon, sondern erfülle mich und unsere Familie mit Stolz.“

„Das tue ich. Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater.“
Ein letzter Blick zwischen ihnen, dann machte Faelon auf der Türschwelle kehrt und verschwand auf dem Gang vor den Gemächern seines Vaters.

Einige Zeit später verließen vier, schwer bewaffnete Elben in voller Rüstungsmontur die Hallen Thranduils und liefen eilig in Richtung des Schattenhains.
Ein jeder von ihnen mit Bogen, mehreren Schwertern und einem riesigen Schild ausgestattet.
Und wie sie dort auf der kleinen Elbenbrücke hastig über den schnell darunter rauschenden Nachtwaldfluss liefen, angeführt von Faelon Schwarzdorn, begann es allmählich zu regnen.
Zunächst lediglich ganz leicht, sodass nur wenige Tropfen die Wächter sanft auf ihren Helmen und Schilden berührten.
Aber schon nach wenigen Augenblicken setzte ein heftiger Starkregen ein und dieser würde den Elben womöglich ihren baldigen Marsch durch den dichter werdenden Wald zusätzlich erschweren, wenn sie die nahen Grenzen des Waldlandreiches verließen.
Faelon blickte hinauf zur wolkenverhangenen Sichel des Mondes und spürte die vielen Regentropfen, die ihm dabei heftig auf sein Gesicht prasselten.
Heute Nacht, so wusste der Elb, würde er sich den Ruhm am Hofe des Königs verdienen und als gefeierter Wächter und mit den verschollenen Steinen in seinem Besitz zu den Hallen Thranduils zurückkehren.
Bei diesen Gedanken beschleunigte Faeldirs Sohn seine Schritte und die drei übrigen Elben, die ihm dicht auf der Brücke folgten, taten es ihm gleich.

Die Nacht war bereits über den Großen Grünwald hereingebrochen, als der Namenlose aus dem Spiegelteich Cunivieths vorsichtig und zunächst nur mit seinem Kopf auftauchte, um seine Sinne schärfen zu können, auf dass er seine nähere Umgebung genaustens untersuchen konnte.
Lange hatte er sich dort verstecken müssen, verborgen vor den Augen und Ohren der Elben.
Etliche Stunden hatte er dort im kühlen Nass ausharren müssen, bis die verhassten Waldelben, nachdem sie das Feuer endlich gelöscht und den Leichnam der Elbin fortschafften, diesen Teil des Waldes verlassen hatten.
Doch er musste sich ganz sicher sein, dass er nun alleine hier war.
Zwar hatte das Feuer, in dem er sich schützend eingehüllt hatte, die tiefe Wunde ausgebrannt und dafür gesorgt, dass er einigermaßen bei Kräften blieb.
Aber die inneren Verletzungen und die zunehmende Benommenheit, hervorgerufen vom Düsterwasser, konnte er auf diese Weise nicht behandeln. A

Als er keine weitere Präsenz anderer Lebewesen um ihn herum mehr spürte, richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und zog sich, von inneren Schmerzen gequält, Stück für Stück aus dem Wasser auf den Boden.
Das wenige Mondlicht offenbarte die Gestalt des Namenlosen, der nun keine Kleidung mehr trug, denn diese war gänzlich im Feuer zerschmolzen und sein schwarzer Mantel war verbrannt.

Was sich dort langsam und stetig aus dem Spiegelteich an Land zog war äußerlich betrachtet der verkohlte Leichnam eines Elben oder Menschen, wenn man es hätten erraten müssen, doch dem war ganz und gar nicht so.
Das Atmen fiel dem verkohlten Fremden zunehmend schwerer und als er endlich unter großen Anstrengungen aus dem Gewässer gekrochen war und einsam im Gras lag, wälzte er sich mit Mühe auf den Rücken und starrte anschließend hinauf zur wolkenverhangenen Sichel des Mondes, dabei atmete er tief ein und wieder aus.
Nur knapp war er eben dem sicheren Tod durch die Waldelben entronnen, das wusste er.
Doch was nun?
Das schwache Mondlicht fiel auf das Gesicht des Unbekannten und machte sein Antlitz deutlich sichtbar, doch es war niemand im Garten Cunivieths, um ihn erkennen zu können.

Sein scharfkantiger Kopf war vom Feuer völlig verbrannt und zerfressen sowie von unzähligen Furchen, Narben und tiefen Einschnitten übersät.
Die pechschwarzen Pupillen, ohne jegliche Iris oder die typische Weißfärbung um diese, wie es bei anderen Wesen Mittelerdes normalerweise üblich war, starrten ziellos zum Nachthimmel empor.
Er atmete sehr schwer und langsam.
Schwach aufleuchtende und zugleich rötlich glühende Linien durchzogen überall seinen Körper und verliehen dem Aussehen des Namenloses etwas fremdes und sonderbares.

Seine rechte Hand, die im Mondschein eher an die Klaue eines Orks erinnerte, umklammerte fest einen rosafarbenen Gegenstand und drückte diesen.
Seine Finger waren große, zerklüftete Krallen, die spitz und lang aussahen und wie tödliche Werkzeuge im Nahkampf eingesetzt wurden.
Bei jedem weiteren seiner Atemzüge glühte sein Oberkörper von innen heraus und erwärmte die nähere Umgebung, das Leben wich aus ihm, das spürte er deutlich.
Was nun? Sollte er es vagen?
Mit seiner rechten Klaue umklammerte er den hell aufleuchtenden Sternenstein stärker und fragte sich, was seinem Meister lieber war? Dass er hier im Wald verstarb oder mit wenigstens zwei der erforderlichen Sternensteine zu ihm zurückkehrte?

Sein Atem wurde flacher, gleich würde ihm die Entscheidung abgenommen werden, er musste schnell handeln.
In dem Wissen, dass er vielleicht die falsche Wahl traf, zog der Namenlose seinen rechten Arm an seinen Körper heran und legte die Klaue mit dem Sternenstein flach und mittig auf seinen Bauch.
Dann spannte er seine Kiefer an und drückte sich den Sternenstein mit großer Gewalt durch den Bauch in seinen Körper hinein.
Unter einem lauten Schmerzensschrei sowie dem plötzlich aufleuchtenden Lichtschein, als der Sternenstein zerstört wurde und seine Energie entfachte, durchströmte den Fremden eine ungeheure Kraft, die alle inneren Verletzungen sofort ausheilte, die der Elb ihm vorhin zugefügt hatte.
Das Leben kehrte zurück in seinen Körper und er spürte, wie seine Schmerzen allmählich verschwanden und er wieder Gefühl und völlige Kontrolle über sich und seinen Körper bekam.
Dann war der grelle Lichtschein erloschen und vom Sternenstein waren außer porösen, schwarzen Steinbröckchen nichts mehr übrig geblieben.

Das rote Glühen seines Körpers kehrte stärker wieder und verlieh seiner äußeren Erscheinung etwas gefährlich Unnatürliches.
Er wischte sich die Steinbröckchen vom Bauch und aus seiner Klaue, dann stand er auf und blickte nach hinten in Richtung der Überreste des Hauses, das er selbst entzündet hatte.
Erst jetzt öffnete er die linke Klaue und hielt dort die übrigen zwei, rosaschimmernden Sternensteine, die er aus den Silberkammern des Waldlandreiches gestohlen hatte.

Und als er dort alleine im Garten Cunivieths stand, begann es langsam zu regnen.
Erst ganz leicht, sodass nur wenige Tropfen auf den nackten Körper des Namenlosen fielen und sofort verdampften, als sie mit der Oberfläche seines Körpers in Berührung kamen.
Aber schon nach wenigen Augenblicken setzte ein heftiger Wolkenbruch ein und hüllte den Fremden in eine kleine Rauchsäule, als das Wasser an ihm zischend verpuffte.
Der Namenlose blickte auf zur Mondsichel und erkannte, dass dort ein gewaltiger Sturm im Anmarsch war. Das stimmte ihn sehr zufrieden.
Er lächelte bei dieser Feststellung, denn nichts war ihm jetzt lieber als das Donnergrollen eines Sturmes, der die Tiere des Waldes verschreckte und ihm seinen Weg aus dem Schattenhain spürbar erleichtern würde.

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Valimaro
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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 19

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Mittwoch 3. Januar 2018, 18:17

Die Flamme in der Dunkelheit

Helle Blitze erleuchteten den Nachthimmel über dem Großen Grünwald und tauchten den Schattenhain für kurze Momente der Ruhe in grelles Licht, bevor der Donner diese Stille unmittelbar danach wieder lautstark zerriss.
Zusammen mit dem starken Regen, der unentwegt in regelrechten Sturzbächen von oben herunterfiel, erzeugte das heftige Grollen des Sturmes eine beklemmende und unheimliche Atmosphäre an diesem Ort, wo Cunivieth einst lebte.

Hoch oben strahlte das fahle Mondlicht vom Firmament und verlieh dieser Nacht tief im nördlichen Düsterwald zumindest etwas Normalität, jedoch war es keine Nacht wie die übrigen zuvor im Nachtwald, denn jemand störte mit seiner Anwesenheit diesen friedlichen Ort und hegte dunkle Absichten für ihn und seine Bewohner.
Der Namenlose war wieder bei vollen Kräften und stand aufrecht im Regen.
Langsam bekam er es selbst aber mit der Angst zu tun, als er sich allmählich darüber klar wurde, was er gerade mit dem Sternenstein seines Meistes getan hatte.
Narake würde toben vor Wut, weil er einen seiner Sternensteine für sich selbst vergeudet hatte und nichts Genaues über den Verbleib anderer, kostbarer Steine erfahren hatte.
Nervös spürte der Fremde in seinem Verstand den Ruf seines Meisters aufkommen, der ihn zu sich zurück beorderte, weit fern vom Großen Grünwald und den verhassten Elben.

Er fokussierte sich im Garten Cunivieths auf seine weitere Suche und bemühte sich, die ihn zu sich rufende Stimme seines Meisters im Kopf zu überhören.
Dabei schritt er langsam durch den Regen auf die niedergebrannte Ruine zu.
Lüstern schmeckte er den schwarzen Rußgeruch des erloschenen Feuers, der noch immer ringsherum in der Luft lag und grinste zufrieden beim Anblick des zerstörten Hauses.

Als er dort angekommen war, zog er genüsslich den vom verkohlten Holz ausgehenden Rauch in seine Nase, bückte sich zu einem gehäuften Berg Asche hinunter und durchwühlte diesen anschließend an verschiedenen Stellen, um vielleicht doch noch einen Hinweis auf den Verbleib weiterer Steine finden zu können.
Lange durchsuchte er etliche unterschiedliche Stellen der verkohlten Überreste, zerbrach große, ausgeglühte und nach Qualm stinkende Holzbalken und wirbelte ohne große Sorgfalt Aschehaufen und halbverbranntes Papier auf dem Boden auf.
Doch auch nach einigen Stunden konnte er dort keine weitere Spur entdecken und seufzte bei dem Gedanken, dass der Elb vielleicht alle übrigen Sternensteine, die hier versteckt sein mochten, mit sich in das Waldlandreich genommen hatte.
Sollte er noch einmal das Risiko eingehen und versuchen, tief in die Silberkammern der Waldelben einzudringen?
Diesmal wären sie gewarnt und besser vorbereitet, denn mit Sicherheit würden sie sein erneutes Eindringen bemerken.

Aber das hatte auch noch Zeit. Sein Meister war geduldig mit dem Einsammeln der letzten Sternensteine Mittelerdes, sodass er einfach warten würde, ein Zeitalter mehr oder ein weiteres, das spielte keine Rolle für Narake und seine Gefolgschaft hoch im Norden.
Vollständigkeit und die Gewissheit, dass keine übrigen Sternensteine mehr existierten, das war der entscheidende Punkt bei ihrer langwierigen Suche.
Etwas verärgert über den Ausgang der heutigen Nacht verwischte der Namenlose die Aschereste vor ihm auf den Boden und schritt dann durch die Ruine hindurch in Richtung der Eingangstür, die nicht mehr vorhanden war.
An diesem vorderen Ende des steinernen Hausfundaments angekommen, kniete er sich nieder und durchsuchte eilig die qualmenden Ecken der Türseite, fühlte aber nichts weiter außer der abgekühlten Asche in seinen Klauen, die auf dem kalten und nassen Stein kratzten.
Enttäuscht blickte der Namenlose vorbei an den heruntergebrannten Holzresten der Tür in die dahinterliegende, schwarze Nacht, die in kurzen Abständen von hellen Lichtblitzen durchzogen wurde.
Neugierig lauschte er dem Treiben des Sturms in der Nacht und hegte einen Verdacht.

War da draußen etwa jemand? Ein Hauch von Geräuschen, der nichts mit dem Gewitter zu tun hatte, drang an seine schmalen, verbrannten Ohren, doch das Donnergrollen sowie das lautstarke Prasseln des Regens übertönten diesen Anflug letztlich und ließen den Namenlosen wieder etwas unaufmerksamer für seine nähere Umgebung werden.
Er schaute zur Asche auf den Boden und begann, in seinen Gedanken ein paar Worte in einer düsteren Sprache zu murmeln, während er gleichzeitig mit der mittleren Kralle seiner rechten Klaue feine Linien in den Steinboden des Hausfundaments einritzte und diese miteinander verband.
Nur wenigen Wesen Mittelerdes ist diese alte Sprache der Flammensymbole bekannt und ein solches Flammenzeichen ritzte der Fremde in strömenden Regen dort in den Boden.
Als die filigran gezeichneten Linien sich miteinander verbanden, glühte das Zeichen, das aus vier unterschiedlichen Linien zusammengesetzt war, kurz dunkelrot auf und verblasste anschließend in völliger Dunkelheit, so, als wäre dort nichts weiter unter der dünnen Ascheschicht als nackter Stein.
Dann erhob sich der Namenlose wieder, richtete sich zur Gänze auf, um dann plötzlich ganz ruhig zu stehen.

In einer stillen Phase zwischen zwei Blitzen knackten unerwartet mehrere Äste im Unterholz vor ihm im Wald.
Aufmerksam blickte er in die Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren.
Entschlossen trat er ein wenig aus der Ruine heraus auf die kleine Lichtung vor dem Haus.
Der starke Wind, der hier ungebremst umherfegte, tobte um seinen Körper, heulte laut auf und peitschte ihm den Regen mitten in sein Gesicht.
Seine pechschwarzen, lidlosen Augen suchten in den dichten Baumreihen vor ihm nach etwas, das eigentlich nicht da sein sollte.
Wie hatten sie es nur geschafft, sich so nah und unbemerkt an ihn heranzuschleichen? Seine Sinne ließen ihn wohl heute sehr im Stich, höchst bedauerlich.
Es waren mehrere von ihnen, das spürte er hier deutlich.
Das Spannen von Bogensehnen war zu hören.

„Wollen wir uns nicht zu erkennen geben, bevor wir uns bekämpfen?“, brüllte der Namenlose in Sindarin mit tiefer Stimme in Richtung der vielen Baumreihen, die ihm gegenüberlagen.
Er suchte die Waldgrenze vor ihm nach den Elben ab, die sich dort in den Bäumen offensichtlich gut vor ihm versteckten.
Sein Körper spannte sich an, bereit, den Pfeilgeschossen, wenn möglich, ausweichen zu können, falls die Schützen ihre Waffen doch benutzen würden.

Eine kurze Stille herrschte zwischen einem Lichtblitz und dem anschließenden Donner.
Dann raschelte es vor ihm und drei groß gewachsene Elben, in Abständen von mehreren Metern zueinander, traten aus dem Unterholz der Bäume, ein jeder von ihnen in blutrote Wächterausrüstung gekleidet und mit einem gespannten Bogen in beiden Händen.
Der Fremde drehte seinen Kopf jeweils abwechselnd zwischen den Dreien hin und her und musterte sie aufmerksam der Reihe nach.
Waldelben, dachte er sich, vermutlich einige der Wächter der Grünwaldgarde Garadals.
Sie würden ihn nicht einfach davon kommen lassen, egal was er ihn erzählen und vortäuschen würde.
Ein Kampf wäre unvermeidlich.

Vor allem die schwere Bewaffnung mit Schwertern, Dolchen und Schilden fiel ihm beim Sichten der Elben sofort in seine Augen.
Als die Drei ihn langsam mit angelegten Pfeilen umringten, lachte er laut auf und ein furchteinflößendes, tiefes Lachen hallte durch die Lichtung und versetzte die Elben, auch wenn sie es sich äußerlich nicht anmerken ließen, in große Angst vor dem Wesen, das sie nicht erkannten.
Die Waldelben schritten etwas näher auf den Namenlosen vor ihnen zu und flankierten ihn jeweils von den Seiten, sodass ihm nur noch der Ausweg nach hinten durch die ausgebrannte Ruine blieb.
Dabei senkten die Schützen nicht für einen Herzschlag ihre Bögen, deren Pfeilspitzen auf den Feind vor ihnen gerichtet blieben.
Der Elb, der mittig und nur wenige Meter vor dem Fremden stand, sprach diesen als Erster direkt an:
„Wer oder was bist du und warum wühlst du in den verkohlten Trümmern des Hauses einer Elbin, die am heutigen Abend hier ermordet wurde?“

Der Namenlose legte den Kopf etwas schräg auf die linke Seite und funkelte den wortführenden Elben mit seinen kalten, schwarzen Augen durchdringend an, als er ihm gelassen auf seine Fragen antwortete:
„Ich bin ein Lügner, in einer Welt der Lügen. Ein Schatten aus der Vergangenheit, der den Kreis deines Geistes schließt, deinen Körper durchfließt und aus deinem Mund spricht. Eingehüllt in die Finsternis durchschreite ich diese Welt, wo euch die Zukunft offenbart, was die Vergangen-heit verschwieg.“

Dann machte er seinerseits wenige Schritte auf den Elben zu, als dieser bestimmt zu ihm sagte:
„Noch einen Schritt weiter und wir werden dein Lügenleben beenden, Fremder.“
Sein Gegenüber blieb abrupt stehen.

Der Wind drehte und der Regen peitschte nun den Elben in ihre Gesichter, während ihre Bögen im starken Luftzug wackelten und sie sich sehr bemühen mussten, diese nicht von ihrem Ziel abzusetzen.
Ein Blitz durchflutete die Lichtung mit seinem grellen Lichtschein und erleuchtete kurz das Antlitz sowie die gesamte Gestalt des Namenlosen, eine widernatürliche Erscheinung, wie sie dort sichtbar wurde.
Rot glühende Linien überzogen den gesamten Körper des Fremden und das Licht des Blitzes spiegelte sich in seinen schwarzen Pupillen wieder.

Die Waldelben schreckten kurz vor seinem Anblick zurück, hatten sich jedoch sofort wieder im Griff, als der Donner krachend einsetzte, um sogleich ihre ursprüngliche Kampfhaltung wieder einzunehmen.
Der fremde Feind spürte, wie sich jemand ihm von hinten anschlich, nahezu geräuschlos und sehr langsam, der Fremde würde darauf vorbereitet sein.

In eigenen Gedanken verloren rief der Namenlose um Unterstützung in dieser stürmischen Nacht und versprach seinen Helfern lohnenswerte Beute, wenn sie sich beeilten.
Die Elben, das wusste er, konnte er nicht lebendig zurück in das Waldlandreich zurückkehren lassen.
Entweder wäre dieser Ort hier ihr Untergang oder der seinige.
Es würde kein Entrinnen geben, weder für sie noch für ihn.

Der Elb zu seiner Linken holte die fremde Kreatur mit seinen Worten wieder zurück in die vom Regen und Sturm geplagte Nacht im Schattenhain:
„Ergib dich uns und lass deine Waffen fallen, wenn du welche an dir trägst. Wir nehmen dich im Namen König Thranduils gefangen und bringen dich in das Waldlandreich unseres Volkes.“

Der Fremde wirkte amüsiert von dieser Ansage und lächelte den Elben freundlich an, dann sprach er völlig ruhig mit lauter Stimme, um gegen den tosenden Sturm anzukämpfen:
„Ganz gleich, was auch immer hier jeden Moment passieren wird, wir alle wissen doch eines mit Sicherheit sehr genau, niemand von uns wird irgendwo hingehen. Ich werde jeden einzelnen von euch dreckigen Waldelben töten, so wie ich diese Noldor hier ermordet habe.“

Kaum hatte er das ausgesprochen, durchschaute er die List der Elben und blickte schnell genug über seine Schulter nach hinten in Richtung der nahen Ruine.
Faelon war bereits aus dieser herausgetreten und mit einem langen Zweihänder hoch über seinem Kopf erhoben nach zwei raschen Sätzen auf ihn zugesprungen.
Es wäre das tödliche Ende des Fremden gewesen, so schnell, wie der Elb sich dort auf ihn zubewegte und das riesige Schwert dabei hoch über seinem Kopf beidhändig mit sich führte.

Der Namenlose wirbelte jedoch rechtzeitig herum und versuchte, den heftigen Schwerthieb mit beiden Klauen abzufangen, indem er die Handgelenke Faelons im entscheidenden Moment zu fassen bekam und sich mit aller Kraft gegen dessen Schwung stemmte, noch ehe der Elb das Schwert auf ihn einschlagen lassen konnte.
Faelon krachte mit vollster Wucht auf den fremden Feind, denn er hatte sein ganzes Gewicht in diesen Schwerschlag gelegt und war völlig davon irritiert, dass der Namenlose den Angriff hatte kommen gesehen und seine Handgelenke nun fest mit den scharfkantigen Klauen umklammerte.
Doch die Wucht des Aufpralls ließ beide Kontrahenten laut zusammenkrachen.

Der unbekannte Feind fiel auf den Rücken, der Elb stemmte sich mit aller Kraft über ihn und drückte die lange Schwertklinge auf ihn nieder, sodass die scharfe Schwerkante diesen fast am verbrannten Körper berührte.
Ein Blitz erleuchtete das Schauspiel vor den Stufen des ehemaligen Hauses, wo die beiden miteinander rangen und keiner nachgeben wollte.
Angestrengt kämpften die Zwei auf dem Boden weiter, während die übrigen drei Wächter nicht mit ihren Bögen schießen wollten, um Faeldirs Sohn nicht unnötigerweise zu treffen und dadurch möglicherweise schwer zu verletzen.
Nach zwei weiteren Herzschlägen senkten sie schließlich ihre Bögen, legten diese hastig ab und zogen ihrerseits die mitgeführten Elbenschwerter, um Faelon nun im Nahkampf unterstützen zu können.
Eilig schritten sie mit ihren Klingen auf die beiden Kontrahenten am Boden zu.

Unten liegend drehte der Fremde seinen Kopf zur Seite, den anstürmenden Wächtern entgegen und ahnte in diesem Moment, dass er den Kampf verlieren würde, wenn ihm nicht sofort eine zündende Idee kam.
Augenblicklich begannen die roten Linien, die seinen Körper durchzogen, feurig zu glühen und schließlich taten dies auch die beiden schwarzen Klauen, mit denen der Fremde die Handgelenke Faelons festhielt.
Heißer Dampf stieg von den Klauen in die regendurchtränkte Nacht empor und Faelons Hände begannen vor Hitze zu verbrennen.
Der Elb schrie laut auf, ließ die Klinge sofort aus seinen Händen auf den Fremden niederfallen und hielt sich seine Hände vor das Gesicht.

Im gleichen Moment ließ der Namenlose seine Klauen von ihm los und trat den Elben mit seinen Füßen von sich herunter.
Faeldirs Sohn wurde auf diese Weise etliche Meter nach hinten geschmettert und stöhnte vor Schmerzen, als er brutal in Teilen der ausgebrannten Trümmer des Hauses landete.

Einer der drei Wächter war bereits am Hauseingang zur Stelle und holte zum Schwertstreich auf den am Boden liegenden Feind aus, doch jener ergriff das Schwert Faelons, das nun auf ihm ruhte und blockte den Schlag mit diesem gekonnt ab.
In derselben Abwehrbewegung streckte er seinen rechten Arm nach dem linken Unterschenkel des Elben und packte diesen mit seiner Klaue.
Mit einem gewaltigen Ruck riss der Namenlose den Elben zu sich nach vorne heran.
Dieser verlor dadurch das Gleichgewicht und stürzte nach hinten.

Halb im Sturz durchbohrte der Namenlose mit Faelons Langschwert mittig den Bauch des fallenden Wächters und stieß die Klinge fast vollständig bis zum Anschlag des Griffs hindurch, sodass der Elb praktisch aufgespießt wurde.
Im Todeskampf zappelte dieser mit seinen Armen und versuchte, den Namenlosen mit der Waffe zu erwischen, aber der fremde Feind kniete deutlich außer Reichweite des nach ihm ausschlagenden Schwertes und beugte seinen Oberkörper zusätzlich nach hinten, um den Schwertschlägen des sterbenden Wächters auch tatsächlich ausweichen zu können.

Die übrigen zwei Wächter, die wenige Meter hinter dem sterbenden Elben standen, waren von der Schnelligkeit des Fremden überrumpelt gewesen und bekamen es beim Anblick dieser Szene mit großer Panik zu tun, denn sie hatten ihren Feind deutlich unterschätzt.
Eilig liefen sie zu ihren Bögen zurück und spannten diese, die angelegten Pfeile waren auf den Namenlosen gerichtet, der sich hinter dem sich nur noch leicht bewegenden Elbenwächter versteckte, den er gerade gepfählt hatte.

Ein Blitz erhellte die Lichtung und tauchte sie in grelles Weiß.
Unmittelbar nachdem das Licht erloschen war, dröhnte der Donner durch das Waldgebiet und verlieh der bedrohlichen Atmosphäre dort eine zusätzliche Brisanz.
Ohne Gnade prasselte der Regen vom Nachthimmel herunter.
Ein lautes, furchteinflößendes Lachen war von der Ruine her zu hören und tief drang das Gelächter des Namenlosen in die Köpfe der Wächter, die mit gespannten Bögen auf der Lichtung standen und abwarteten, dass der Feind aus seiner Deckung, dem mittlerweile schlaff am Schwert herab hängenden Elben, hervortrat.
Doch der fremde Feind wusste, dass die Elben nur darauf warteten, dass er sich ihnen zeigte.
Deshalb stemmte er den toten Elben auf dem Schwert weiter in die Höhe und richtete sich langsam auf.
Er musste noch etwas Zeit für sich gewinnen.

Mit dem toten Elben als Schutzschild, der leblos auf der Klinge hing, trat der Namenlose etwas weiter aus der Ruine heraus und sprach dabei zu den Wächtern vor ihm:
„Ein Sturm zieht auf am Horizont, der Wald brennt schon lichterloh, das Elbenreich verkommt und kein Bündnis wacht mehr nirgendwo. Die Zeit läuft ab und ein Heulen erfüllt die Nacht, der Schattenhain wird euer Grab, denn Hilfe hat sich aufgemacht.“
Wieder ertönte ein tiefes, unheimliches Lachen aus dem Mund des Fremden.
Die Elben erschauderten, ob der grausamen Worte oder der entsetzlichen Furcht vor dem Namenlosen, das wussten nur sie.

Plötzlich vernahmen sie zu ihrer Rechten Seite ein kurzes Jaulen, erst ganz leise, doch dann kam es in wenigen Abständen deutlich näher an sie heran.
Trampeln dröhnte an ihre Ohren und der Namenlose lächelte voller Vorfreude.
„Sie kommen.“, lachte er vor ihnen.

Die Wächter tauschten nervöse Blicke zwischen sich aus und wussten nur zu gut, was dort im Anmarsch war, denn dieses Heulen kannten sie aus vielen Kämpfen mit dem wilden Getier im Grünwald, es waren Warge.
Es dauerte nicht lange, dann traten drei mächtige Warge hinter der Ruine aus den vorderen Baumreihen hervor und fletschten beim Anblick der Elben ihre Zähne.
Widerlicher Geifer tropfte ihnen dabei aus dem Maul auf den Boden und sie begannen, laut zu knurren.
Ihr Nackenfell sträubte sich in Angriffsstellung nach oben und sie spannten ihre großen Körper an, bereit, sofort zuschlagen zu können, wenn der Namenlose den Befehl dazu erteilen würde.

Die Elben stellten sich nun dicht nebeneinander und nahmen ihrerseits Kampfhaltung ein, visierten zunächst mit ihren Bögen die Warge an und achteten für einen kurzen Moment nicht mehr auf den Namenlosen vor der Ruine.
In einem großen Kraftakt und mit einem lauten Gebrüll schmetterte dieser den leblosen Körper des Elben von der Klinge Faelons herunter und schmiss ihn in derselben Bewegung den Wargen zu ihren Pfoten.
Der Leichnam landete dumpf auf dem durchnässten Waldboden vor ihnen und der Größte der Warge begann, sich sofort am toten Elben gütlich zu tun.
Es knackte laut, als der Kopf des Elben aufgebissen wurde.

Fassungslos und voller Ekel starrten die Waldelben wieder zum Namenlosen, der jetzt mit dem blutigen Zweihänder, den er elegant in seiner rechten Klaue hielt, mächtiger auf sie wirkte, als noch vor wenigen Augenblicken.
Einer der Wächter zielte nun wieder auf den Namenlosen, während der andere die Warge weiterhin im Visier hatte.

Langsam berührte der unbekannte Eindringling die lange, blutverschmierte Klinge mit seiner Zunge und leckte die blutige Innen- und Außenseite des Schwertes entlang, fast wie in Trance.
An der Spitze des Zweihänders angekommen nahm er die Zunge vom Schwert und senkte die Klinge leicht zu Boden.
In all diesen kurzen Momenten hatte der Namenlose die beiden Elben vor sich nicht aus den Augen verloren und starrte sie amüsiert an.
Sofort, als er die Zunge von der Klinge absetzte, entzündete sich der Zweihänder vor den Augen aller Anwesenden wie von selbst, eine leuchtende Flamme in der Dunkelheit.
Die Elben schreckten etwas zurück, ließen ihre Pfeile allerdings noch nicht los.

Der fremde Feind grinste nur und sah die Furcht, die deutlich in den Gesichtern der Elben für ihn herauszulesen war.
Ein Blitz erleuchtete die Lichtung und verlieh dem Namenlosen zwischenzeitlich eine grauenhafte Gestalt, als das Licht ihn zusammen mit seinem entflammten Schwert von allen Seiten umrahmte.
Als der anschließende Donner wieder abgeklungen war, sprach der fremde Feind mit einer grauenvollen und tiefen Stimme, die sich tief in den Verstand der Elben einbrannte:

„Ich bin Arael, Überlebender des Zorns, Diener Narakes und Todfeind aller Wesen Mittelerdes, die seinen Plänen zuwiderhandeln. Ich werde keinen von euch lebend entkommen lassen und euch einen qualvollen Tod bereiten. Lasst uns nun beginnen.“

In diesem Moment trat Valimaro aus den angrenzenden Baumreihen auf die Lichtung.

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Re: Charaktervorstellung - Valimaro Teil 20

Ungelesener Beitragvon Valimaro » Donnerstag 4. Januar 2018, 13:43

Nachts gemeinsam einsam im Wald

Vorsichtig durchstreifte Muriell den dichten Wald in dieser Nacht und setzte vorrausschauend einen Fuß vor den anderen.
Ihren Bogen hatte sie auf dem Rücken geschultert und ihr langes, blondes Haar nach oben hochgesteckt.
Mit ihren klaren, hellgrünen Augen versuchte sie sich, in dem für sie unbekannten Terrain, zu orientieren und die Pfade der nahen Verwandten, die hier im Großen Grünwald lebten, in der Dunkelheit ausfindig zu machen.
Der Wald roch sehr stark nach altem Laub und nassem Holz, denn ein heftiger Sturm hatte bis vor wenigen Augenblicken an diesem Ort gewütet und den Untergrund durch seinen starken Regen somit völlig aufgeweicht.
Die Elbin musste aufpassen, dass sie nicht völlig in den breiten Pfützen über den Waldboden lief und möglichst unbemerkt vor wachsamen Augen blieb, die hier in der Dunkelheit zu lauern schienen.
Anders als der Goldene Wald war der Große Grünwald von einer seltsamen Krankheit befallen, so erzählten es sich die Elben in Caras Galadhon, dem Herzstück Lothlóriens, ihrer weit entlegenen Heimat im Südwesten, die sie verlassen hatte, um Galadriel und Celeborn einen Beweis für den Mord an ihrem Vater liefern zu können.

Sie war bereits tief in den Großen Grünwald vorgedrungen, hatte es bisher allerdings vermieden, von den Waldelben hier entdeckt zu werden, um möglichst keine Frage für ihr Erscheinen in dieser Regionen Mittelerdes beantworten zu müssen.
Auch waren die Elbenvölker, die hier siedelten, ihren Verwandten aus den anderen Regionen Mittelerdes gegenüber sehr misstrauisch, wenn man sich ihnen nicht unterordnete und ihre Anweisungen missachtete.
Das alles wollte die junge Elbin möglichst ohne unerwartete Probleme umgehen und lediglich den Mörder ihres Vaters finden, den sie bis hierher verfolgt hatte. Zuletzt hatte sie ihn fast in der Nähe der Grünwaldberge stellen können, doch war er ihr stets einen Schritt voraus und ahnte wohl, dass er von jemanden verfolgt wurde.
Plötzlich hielt Muriell inne und lauschte gespannt dem Wind. Was war das?
In der Ferne konnte sie ein furchtbares Jaulen hören. Vielleicht waren es Wölfe oder gar Warge?
Unbewusst zog sie einen Pfeil aus ihrem Köcher und spannte leicht ihren Bogen an, während sie sich gleichzeitig hinhockte und die nassen Farngewächse um sie herum ihren Körper überdecken ließ.
Versteckt zwischen den Pflanzen wartete sie dort, zunächst einen Herzschlag lang, dann drei weitere und konzentrierte sich auf die abgeschwächte Geräuschkulisse vor ihr.
Gespannt drehte sie ihr rechtes Ohr in die Richtung, aus der sie das Jaulen vermutete.
Nichts war dort mehr zu hören.
Es drang kein einziger Ton zu ihr.

Die Elbin wartete noch einige Augenblicke länger, um sich wirklich ganz sicher zu sein, dass dort niemand überraschend aus der Dunkelheit auf sie zukommen würde.
Aber sie war hier allein.
Muriell richtete sich wieder auf und steckte den Pfeil zurück in ihren Köcher, schulterte ihren Bogen erneut auf dem Rücken und machte sich daran, tiefer in den Wald vorzudringen und die Spur ihres Ziels wieder aufzunehmen.
Nach einiger Zeit des Suchens roch sie an der Baumrinde einer großen Eiche, die den Geruch längst vergangener Zeitalter für sie versprühte.
Die Elbin berührte mit ihren zarten Händen vorsichtig den Stamm des Baumes.
Dann legte sie auch ihren Kopf an die Rinde und schloss dabei die Augen.
Für einen kurzen Moment der Ruhe war Muriell in Gedanken wieder in ihrer Heimat, dem Goldenen Wald, einem der ältesten Wälder Mittelerdes mit seinen hohen Bäumen und Ge-schichten, Liedern und Harmonie.
Dann wachte sie auf und löste sich vom Eichenstamm.
Etwas hatte ihre Aufmerksamkeit erregt.
Jemand kam auf sie zu und bewegte sich dabei sehr schnell.
Die Elbin verharrte ruhig hinter dem Baumstamm, zog geräuschlos einen Pfeil aus ihrem Köcher und spannte dann ihren Bogen.
Das Rascheln von Blättern, die beim Vorbeigehen gestreift wurden, kam dichter.
Muriell atmete langsam aus und beruhigte sich, dann trat sie mit gespannten Bogen im Anschlag aus dem Versteck des Baumstammes in Sichtweite desjenigen, der dort auf sie zu kam.
Entschlossen, ihren Pfeil sofort treffsicher abzuschießen, stand sie vor dem Fremden und hielt ihm die Pfeilspitze direkt vor seine Nase.

Vor ihrem angelegten Pfeil stand ein völlig verängstigter Elb, der sie resignierend anblickte und keine Anstalten machte, sich gegen die Pfeilspitze vor seinem Gesicht wehren zu wollen.
Seine nassen, schwarzen Haare waren zu drei Zöpfen nach hinten gebunden und seine dunkle, lederne Kleidung war an vielen Stellen an der Hüfte und am Bauch mit rotem und schwarzen Blut beschmiert, doch es schien nicht so, als wenn es seine eigenen Wunden wären, von denen das Blut stammte.
Sein Gesicht war zu einer erschrockenen Miene erstarrt und sein leerer Blick aus den grünen Augen folgte ziellos in Muriells Gesicht, als wenn er sie still um Hilfe anflehte.
In der Ferne war wildes Jaulen zu hören.
Der Elb vor ihr begann daraufhin, zu Zittern und hockte sich auf seine Knie, sodass die umliegenden Farngewächse ihn halbwegs bedeckten.
Dort hielt er sich beide Hände seitlich an den Kopf, so, als wenn er von einer inneren Stimme gerufen würde, auf die er nicht hören wollte und schüttelte seinen Kopf.
Muriell senkte ihren Bogen ab und entspannte die Sehne vorsichtig, ohne ihren Pfeil dabei abzuschießen.
Was war diesem Elb nur geschehen? Fragte sie sich und schaute nachdenklich auf ihn hernieder.

Er sah nicht aus wie ein Angehöriger ihres Volkes und auch nicht wie einer der Nandor, vielleicht ein Sindar hier aus dem Nachtwald?
Mit ihren feinen Sinnen spürte Muriell plötzlich, wie wildes, böses Getier aus der Richtung näher zu kommen schien, aus welcher der Elb bereits zu ihr gekommen war.
Etwas hatte sich dort in Bewegung gesetzt.
Das Jaulen war verstummt.
In Gedanken versunken schaute sie in das vor Schmerzen verzerrte Gesicht des hockenden Elben.
Langsam begriff Muriell, was hier vor sich ging.
Der Elb war offensichtlich auf der Flucht vor etwas und außer Stande, weiter dagegen anzukämpfen.
Irgendetwas blockierte ihn, das war ihr bewusst.
Nun hörte sie das Getrampel von Pfoten, die eilig durch das Unterholz preschten.
Sie schloss ihre Augen und lauschte dem Wind. Da war noch etwas anderes, das sie vernahm.

„Du bist es.“, sprach Muriell schnell zu dem Elben, „Sie sind auf der Jagd nach dir. Sind es Wölfe?“ Die Elbin blickte ihren Verwandten fragend an, doch dieser schüttelte nur leicht den Kopf.
„Etwa Warge?“, fragte Muriell erneut.
Der Elb schaute ihr in die Augen und flüsterte leise:
„Ja, sie werden uns beide kriegen. Es ist aussichtslos.“
Entschlossenheit blitzte bei seinen Worten auf, dann entgegnete die Elbin ermutigt:
„Du magst den Kampf aufgegeben haben, aber ich habe nicht den weiten Weg auf mich genommen, um jetzt an ein paar Wargen zu scheitern.“
Nach ihren Worten holte sie schon drei Pfeile aus ihrem Köcher und wollte gerade anlegen, als der Elb sie am Fuß berührte und ihre Aufmerksamkeit einforderte:
„Es reist etwas Schlimmeres mit ihnen, gegen das wir zwei nichts ausrichten können. Es hat schon Besitz von meinem Verstand ergriffen und weiß, wo ich mich aufhalte. Wir werden diesem Wesen nicht entkommen, du musst mich jetzt alleine hier zurücklassen. Noch kannst du vor ihnen fliehen.“
Resignierend ließ der Elb den Fuß Muriells wieder los und hielt sich beide Hände wieder seitlich an den Kopf, so, als wenn er innerliche Schmerzen verspürte.

Muriell stellte sich dicht vor den Elben und beugte sich zu ihm herunter:
„Zeig es mir.“, sagte sie bestimmend.
Der Elb streckte ihr seinen offenen Hals entgegen und Muriell konnte die roten Flecken sehen, wo Arael seine Hände vor nicht all zu langer Zeit aufgelegt hatte.
Bei diesem Anblick nickte Sie dem Elben stumm zu und sprach dann ganz sachlich und freundlich zu ihm:
„Wir müssen uns verstecken vor ihm und seinen Wargen, alleine werde ich ihn nicht besiegen können. Allerdings kann ich dich nicht bei Bewusstsein lassen, du bist ein zu großes Risiko und führst sie direkt zu uns.“
Während sie dies sagte, riss sie ein Stück Lederfetzen von ihrer Kleidung und hockte sich nahe hinter den Elben.

Verwundert fragte dieser Muriell über die Schulter: „Was hast du jetzt vor?“
Muriell beträufelte das Stück Lederstoff mit einer klaren, geruchslosen Flüssigkeit und drückte dem Elben den Stoff anschließend von hinten an seinen Mund und seine Nase, sodass dieser nicht mehr atmen konnte.
Panisch ergriff der Elb die beiden Hände Muriells, die sich fest um ihn legten und den Stoff fester an ihn pressten.
Leise flüsterte die Elbin ihrem Verwandten die Antwort dabei in sein Ohr:
„Habe keine Angst, wir sind ein Volk. Du hast nichts von mir zu befürchten. Ich versetze dich lediglich in einen Schlaf, damit das Gift seines Geistes aus deinem Verstand entweichen kann. Du wirst dich danach ausgeruht und besser fühlen. Ich kenne die Kräfte von Arael und bin schon eine Weile auf der Suche nach ihm.“
Die Verkrampfung des Elben sowie sein Widerstand gegen Muriells unerwartete Umklammerung ließen deutlich nach und der Elb begann, den schönen Geruch des Stoffes stärker einzuatmen, der ihn schon bald benebelte und schnell in einen erholsamen Schlaf versetzen sollte.
Nach wenigen Augenblicken ließ sich der Elb vollends fallen und fiel in einen tiefen Schlaf, sodass sich sein Körper entspannte und erschlaffte.
Die Geräusche herankommender Pranken kam zwar näher, doch stockte auf einmal, das spürte die Elbin.

Muriell stand auf und begann, den bewusstlosen Elben eilig zum nächstgelegenen Eichenstamm zu schleppen, sodass sein Körper dabei durch das feuchte Unterholz geschliffen wurde.
Nachdem sie den Elben vorsichtig an den Baumstamm gelehnt hatte, machte sich Muriell daran, die Spuren zu verwischen und achtete darauf, dass alles natürlich aussah und niemand vermuten würde, dass hier gerade zwei Elben gehockt hätten oder einer von ihnen über den Boden geschliffen worden wäre.
Dann lauschte sie wieder dem Wind, die Geräusche von anstürmenden Vierbeinern kam näher, sie musste sich nun beeilen.
Wenn Arael tatsächlich bei ihnen war, dann hätte sie alleine keine Chance gegen ihn.
Sie musste rasch ein sicheres Versteck für sich und den Elben finden.
Eilig holte sie ein stabiles Seil aus ihrer Gürteltasche hervor, das aus Anduin-Hanf geknüpft und deshalb besonders stabil und strapazierfähig war und legte eine enge Schlaufe um die Taille des bewusstlosen Elben.
Aber was war mit dem Geruch? Die Warge würden ihre Fährte und die seine höchstwahrscheinlich wittern und auch trotz seiner Bewusstlosigkeit das Versteck dadurch schnell ausfindig machen.

Schweren Herzens griff Muriell in ihre linke Seitentasche am Gurt und umschloss mit ihrer Hand ein kleines, bauchiges Lederfläschchen.
Dann machte sie die Augen zu und dachte kurz darüber nach, was sie nicht alles auf sich genommen hatte, um das Gift eines Rotbauches im südlichen Düsterwald zu bekommen und ob es die richtige Situation war, diese wertvolle Waffe jetzt einzusetzen.
Viele Momente hatte sie alleine mit der Spinne gerungen und ihr nach zähem Kampf den Todesstoß verpasst, sodass sie ihr anschließend das Gift abfüllen konnte.
Doch was war ihre Alternative in ihrer aktuellen Lage? Vielleicht würde sie einige der Warge mit ihren Pfeilen auf Distanz halten und niederstrecken können, aber alle von ihnen?
Was wäre mit Arael? Er würde sicherlich nicht einfach zusehen und abwarten, bis Muriell auch ihn in das Visier nahm.
Er war ihr schon einmal vor kurzem entkommen, diesmal wollte sie keinen Fehler machen.
Sie öffnete mit ihren Fingern den Verschluss des Fläschchens und träufelte dann überall um sie herum, aber vor allem auf den bewusstlosen Elben und auf alle Stellen, wo dieser und sie gewesen waren, das tödliche Spinnengift, das für alle übrigen Waldbewohner ein klares Warnzeichen und besonders für Wölfe und Warge sehr geruchsintensiv war.
Muriell wollte nun lieber auf Nummer sichergehen und nutzte fast das gesamte Gift, um die Umgebung damit zu benetzen und deutlich zu markieren.
Einen kleinen Rest sparte sie dennoch auf, ließ diesen in dem Fläschchen zurück und steckte es zurück in ihre Tasche.

Die Geräusche waren wieder zu hören und sie kamen deutlich näher.
Etwas nervöser wickelte die Elbin das andere Ende des Seils um einen Pfeil, den sie gleich daraufhin in die Sehne einspannte und mit ihrem Bogen dann nach oben in Richtung der dunklen, weit entfernten Blätterkrone der nahen Eiche zielte.
Als sie in der hohen Baumkrone einen dicken, robusten Ast ausgespäht hatte, ließ sie die Bogensehne losschnellen, sodass der Pfeil samt Seil nach oben flog und durch die Luft sauste.
Leise schlug er in den großen Ast ein und das Seil baumelte von der Eiche zum Boden herunter.
Die Geräusche kamen erschreckend schnell näher.

Muriell blickte sich um, konnte aber noch niemanden mit ihren Elbenaugen in der Dunkelheit wahrnehmen.
Als sie sich gerade wieder zum bewusstlosen Elben umdrehte, schlug ihr Herz plötzlich schneller, denn hinter dem Rücken desselben, der immer noch am Baumstamm lehnte, hatte sich ein kleiner, frischer Blutfleck gebildet.
Muriell senkte kurz ihren Bogen und untersuchte den Rücken des Elben, was sie dann sah, versetzte sie in leichte Panik.
Der Elb war doch verwundet gewesen und hatte ihr nichts gesagt.
Die dünne Lederrüstung war seitlich und hinten am Rücken zerrissen und Blut quoll hervor, als die Elbin mit ihren Fingern mit etwas Druck darüber glitt.

Die Warge würden ihn sofort wittern, egal wieviel Gift der Spinne sie hier verteilen würde.
Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr, es war zu spät, um noch etwas daran ändern zu wollen.
Entweder würden sie darauf anspringen oder nicht.
Muriell hastete eilig am straffen Seil entlang in die Höhe der Eiche.
Die Geräusche waren nur noch ein paar hundert Meter entfernt von ihrem Standort.

Als sie oben auf dem hohen Ast angekommen war, von dem man fast kaum noch auf den Boden schauen konnte, stemmte sie sich mit aller Gewalt in eine Verästelung und zog am Seil.
Mit großer Kraft hievte sie den am anderen Ende des Seils festgebunden Elben in die Höhe und zog ihn langsam zu sich.
In naher Umgebung konnte Muriell das Rascheln im Unterholz hören, als Sträucher von den Wargen weg geschoben wurden und Äste unter ihrem Ansturm zerbarsten.
Mit großen Anstrengungen riss sie eilig am Seil und packte den bewusstlosen Elben an den Schultern, um ihn mit viel Mühe das letzte Stück auf den Ast ziehen zu können.
Mit ihrem leichten Ruck ließ Muriell den Elben und sich nach hinten fallen und riss den Pfeil aus dem Ast.

In diesem Moment erschienen unterhalb des Baumes zwei riesige Warge, die angewidert am Stamm der Eiche schnüffelten und dann ein paar Meter zurücktraten.
Muriell schleifte den Elben derweil vorsichtig und leise zum Stamm, sodass sie beide nicht mehr von unten zu sehen waren und in der Dunkelheit des Baumes verschwanden.
Die Warge umkreisten knurrend den Baumstamm und blickten voller Abscheu immer wieder nach oben zu den beiden Elben, doch es war ausgeschlossen, dass sie diese dort mit ihren Augen entdeckten, denn die zwei waren aus ihrem Sichtfeld verschwunden.
Dann trat ein weiterer, riesiger Warg in die unmittelbare Nähe des mächtigen Eichenstammes und ein Reiter schwang sich elegant von seinem Rücken.
Arael blutete stark am rechten Arm, wo noch vor einiger Zeit seine Klaue gewesen war.
Das schwarze Blut tropfte ätzend und zischend auf den feuchten Waldboden und grimmig war der Blick des fremden Wesens, als er den Geruch des Giftes wütend durch seine zerklüftete Nase einsog.
Der größte Warg, dessen Reiter seitlich neben ihm stand, fletschte die Zähne und knurrte in Richtung der Baumkrone, dann stellte er sich auf die Hinterbeine und schnüffelte aufgeregt am Stamm und in der Luft, wo vor wenigen Augenblicken noch das Seil von oben gebaumelt hatte.
Arael versuchte, ihn etwas zu beruhigen und sprach mit tiefer, düsterer Stimme zu ihm und den anderen Rudeltieren:
„Er ist hier vorbeigekommen und wohl auch verletzt gewesen, wie das frische Blut an der Rinde eindeutig beweist.“
Bei seinen Worten berührte Arael mit seiner übrigen, linken Klaue die blutverschmierte Stelle am Baum und kostete das Blut des Elben, dann sprach er weiter:
„Ich kann seine Gedanken nicht mehr erfassen und wie der Geruch der Spinne hier vermuten lässt, ist der Elbenwächter wohl auf eine unerwartete Überraschung gestoßen, die ihm hier auflauerte und offensichtlich nach oben in den Baum schleppte.“

Arael schaute hinauf in die Dunkelheit der Baumkrone und seine Augen verengten sich dabei zu schmalen schlitzen.
Muriells Herz klopfte aufgeregt bei seinen Worten und unwillkürlich zog sie lautlos drei Pfeile aus ihrem Köcher, die sie gebündelt anlegte und sich etwas vom Elben löste, um ein freies Sichtfeld auf ihren Feind zu erhaschen.
Unten auf dem Boden schloss Arael seine Augen und versuchte, sich zu konzentrieren, um die Spur des Elben wieder aufnehmen zu können.
Doch nach wenigen Augenblicken schüttelte er den Kopf und seufzte enttäuscht.
„Ich kann ihn nicht mehr hören, seine Gedanken sind nicht mehr zugänglich für mich. Die Spinne wird ihr Opfer schon in einen Schlaf versetzt haben und ihn jetzt oder demnächst verspeisen. Schade. Ich hätte ihm gerne einen qualvolleren Tod bereitet, aber vier tote Elben sind für heute Nacht wohl genug. Man kann nicht alles haben.“

Arael drehte sich mit dem Rücken zum Baumstamm und Muriell hatte von oben ein freies Sichtfeld auf ihren Feind, bereit, ihre Pfeile auf ihn abzuschießen.
Der fremde Feind spürte, dass jemand in seiner Nähe war und ihn beobachtet, doch zog er daraus voreilige Schlüsse und sprach, den Kopf etwas nach hinten gedreht, über seine Schulter:
„Höre mich Spinnenwesen, heute hast du mir einen guten Dienst erwiesen, doch wenn du es vagen solltest, mir oder den Wargen hier mit deinem Gift zu schaden, dann werde ich dich vernichten. Also zieh dich zurück. Du hast für diese Nacht eine geeignete Mahlzeit erhalten.
Muriell erschrak bei seinen Worten und überlegte kurz, was sie machen sollte. Dann löste sie die Spannung ihrer Bogensehne und schlich sich zurück zum bewusstlosen Elben, sodass Arael aus ihrem Sichtfeld verschwand.
Dieser sprach leise zu dem großen Warg, auf dessen Rücken er hierher gekommen war:
„Bringe mich schnell zur Quelle des verzauberten Waldflusses tief im Süden von hier. Ich muss meine Wunde versorgen und brauche dafür eine geeignete Machtgrundlage. Deine übrigen Warge sollen diesen Baum bewachen und die Spinne töten, sobald sie es vagen sollte, ein Bein hinunter auf den Boden zu setzen. Lasst sie nicht entkommen und überzeugt euch vom Tod des Elbenwächters, ich will einen Beweis für seinen Tod haben. Wenn es sein muss, schlitzt den Bauch der Spinne auf und seht dort nach.“

Der Warg heulte einmal laut auf und knurrte seine Begleittiere an, als er ihnen den Befehl Araels mitteilte.
Anschließend beugte sich der größte Warg mit seinen Pfoten nach vorne und ließ Arael wieder auf seinen Rücken aufsteigen.
Ohne ein weiteres Kommentar oder einen weiteren Blick nach oben preschten der Warg und sein Reiter in die Dunkelheit davon und ließen die übrigen zwei Warge zurück.

Diese pirschten fortwährend um den Stamm der Eiche und würden sich nicht ohne Gewalt von dieser entfernen, das ahne die Elbin.
Muriell lehnte sich an den bewusstlosen Elben und überlegte, was sie nun am besten tun solle, schließlich wollte sie Araels Spur weiterverfolgen und ihn an der Quelle des verzauberten Waldflusses stellen, doch dies würde sie nur gemeinsam mit einem fähigen Krieger an ihrer Seite schaffen.
Hoch oben, versteckt in der Nähe der Baumkrone, hockten die zwei und waren in dieser stürmischen Nacht gemeinsam einsam im Wald.


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